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Gerechtigkeit im Ökolandbau | Teil 8

„Wir müssen den Menschen über das Geld stellen“

Regina Schuler und Thomas Blaich von der Bio-Gärtnerei Deckenpfronn & Direktvermarktung teilen die Ansicht, dass es ohne entsprechenden gesetzlichen Rahmen keine Veränderung hinsichtlich mehr Gerechtigkeit im Ökolandbau geben wird.

29.04.2022 vonKatharina Tietz

Regina Schuler und Thomas Blaich von der Bio-Gärtnerei Deckenpfronn & Direktvermarktung

Regina Schuler und Thomas Blaich von der Bio-Gärtnerei Deckenpfronn & Direktvermarktung teilen die Ansicht, dass es ohne entsprechenden gesetzlichen Rahmen keine Veränderung hinsichtlich mehr Gerechtigkeit im Ökolandbau geben wird.

Was verstehen Sie unter Gerechtigkeit in der Ökobranche?

Es gibt keine Gerechtigkeit in der Ökobranche! Die Großen werden immer größer, da sie das Kapital haben, um zu expandieren und den Markt zu beeinflussen. „Immer höher, schneller, billiger“ widerspricht dem biologischen Grundgedanken und ist nichts anderes als ein konventioneller Anbau mit biologischen Mitteln. Ein biologisches Mittel tötet genauso schädliche wie auch nützliche Insekten. Es wird schneller abgebaut, aber macht für uns als Biogärtner der ersten Stunde keinen Sinn.

Da große Betriebe die Preise so stark beeinflussen, können kleine Betriebe nur überleben, wenn sie sich selbst ausbeuten. Das bedeutet für den Erzeuger mehr Arbeitsstunden, viel Leidenschaft und mit wenig zufrieden sein. Unter Gerechtigkeit würde ich verstehen „Leben und leben lassen“, langjährige Beziehungen wertzuschätzen und den Menschen in den Vordergrund zu stellen.

Wo sehen Sie Brennpunkte innerhalb der Wertschöpfungskette?

Wir sehen den Brennpunkt in der Zwischenstufe Großhandel. Selbst ein kleiner eigenständig geführter Hofladen, der sein Sortiment von bestimmten Großhändlern bezieht, bekommt mindestens ein Teilsortiment, Aktionen und Preise vorgeschrieben. Er agiert nicht mehr unabhängig und erhöht den Preisdruck auf die Erzeuger.

Es kommt auch immer wieder zu erheblichen Preisunterschieden zwischen der Direktvermarktung und dem LEH durch die Lieferverpflichtungen der Lieferanten gegenüber dem LEH. Der entstehende Preisdruck wird dann durch Aktionen noch weiter erhöht.

Ist das überall so?

Nein, bisher konnten wir sehr gute Erfahrungen bei unserem Großhändler Weiling sammeln. Dort herrscht noch ein richtiger Pioniergeist. Selbstverständlich muss alles effizient sein, aber dort herrscht nicht dieses übertriebene Aktionsgebaren.

Was ist für Sie die größte Herausforderung als Erzeuger?

Ganz ehrlich, wir sind froh, dass wir nur noch gute zehn Jahre Arbeit vor uns haben. Die restlichen Jahre werden wir noch schaffen, aber ich möchte es meinen Kindern nicht antun, den Betrieb zu übernehmen. Wir haben das für uns aufgebaut, weil es unsere Leidenschaft ist, aber ich sehe keine Zukunft in diesem kleinen, ökologischen Paradies [lacht].

Gibt es dann überhaupt konkrete Lösungsansätze für mehr Gerechtigkeit in der Ökobranche?

Nein, es gibt eigentlich keine, weil einfach immer das Geld im Vordergrund steht und nicht der Mensch. Der einzige Lösungsansatz wäre demnach, den Mensch in den Vordergrund zu stellen. Es wird seit Jahrzehnten darüber diskutiert, aber nicht danach gehandelt. Es könnte sich was ändern, wenn viel mehr Leute so handeln würden, aber dafür fehlt ganz vielen einfach das Hintergrundwissen.

In Spanien sollen beispielsweise Referenzpreise eingeführt werden, welche von den Händlern nicht unterschritten werden und mindestens die Produktionskosten abdecken sollen. Wäre das eine Möglichkeit?

Das Problem ist, dass jeder Betrieb unterschiedliche Produktionskosten hat, aber es wäre sehr gut, wenn zumindest mal eine gewisse Schwelle nicht unterschritten werden würde. Das zweite Problem wird sein, dass die Marktteilnehmer mit mehr Macht und Geld auch da Schlupflöcher und Grauzonen suchen und finden werden.

Wie könnte die Ökobranche eine Vorreiterrolle für andere Wertschöpfungsketten einnehmen?

Eigentlich könnte die Ökobranche das schon sein. Man darf aber nicht aus Bequemlichkeit und Gewinnsucht die konventionellen Marktpraktiken übernehmen. Wir müssen jetzt richtige Pionierarbeit leisten. Das heißt neue, schwierige Wege beschreiten und den Menschen über das Geld stellen und das Vorhandene besser verteilen.

Was ist der wichtigste Hebel, um etwas zu verändern? Muss alles gesetzlich geregelt werden?

Man sieht es am Beispiel des Wohnungsmarktes, dass der Markt alleine die Probleme nicht lösen wird, also braucht es einen gewissen gesetzlichen Rahmen. Die Bio-Betriebe stehen vor dem Problem, dass sie sich entweder eine Nische suchen oder dem Preisdruck beugen müssen. Es ist schwierig einen guten Lösungsansatz zu finden.

Man könnte sagen, es darf keiner mehr als fünf Millionen besitzen, damit der Anreiz verloren geht immer mehr Geld zu erwirtschaften. Das sind aber so stark sozialistische Ansätze, die im Grunde genommen auch nicht mehr funktionieren, da dann keiner mehr einen Anreiz hat irgendetwas zu tun.

Es gibt keine Gerechtigkeit in der Ökobranche!

Können Prinzipien (etwa die IFOAM-Prinzipien) etwas zur Gerechtigkeit beitragen?

Wir brauchen weltweit eine ganz andere Wirtschaftsform. Es heißt, wir haben eine soziale Marktwirtschaft, es ist aber eine unsoziale. Wir bräuchten ein Grundeinkommen, sodass jeder Mensch, da wo er lebt, seinen Lebensunterhalt bestreiten und seine Grundbedürfnisse befriedigen kann.

Das Gerechtigkeits-Prinzip der IFOAM ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber es muss bekannter sein. Unser Denken müsste sich grundlegend verändern, denn momentan handeln wir weder sozial noch ökologisch. Jeder muss sich an die eigene Nase fassen.

Wo sehen Sie Möglichkeiten, selbst zur Gerechtigkeit im Ökolandbau beizutragen?

Unser Wirken zeigt sich in vielen kleinen Dingen und darin, dass wir den ökologischen Grundgedanken leben. Das bedeutet für mich: „Ohne Laus kein Marienkäfer“. Man sollte bereit sein kleine Opfer zu bringen, wie ertragsmindernde Läuse, da diese ein Teil des ökologischen Kreislaufes sind.

Wenn wir ein Jahr später 500 bis 1.000 Marienkäferlarven (Nützlinge) sehen, es wuselt und krabbelt überall, entschädigt mich das für meinen anfänglichen, geringen „Verlust“ tausendfach.

Setzen Sie sich mit konkreten Handlungen aktiv für mehr Gerechtigkeit in der Ökobranche ein?

Ja, wir fahren selbst auf den Großmarkt und kaufen dort nie nach Preis, sondern nach Qualität und Herkunft ein. Wenn die Gurke 50 Cent mehr kostet, dann zahlen wir das und unsere langjährigen Kunden gehen mit, da sie uns vertrauen und wir vertrauen wiederum auf unsere langjährigen Geschäftsbeziehungen.

Alle meine Kunden unterstützen also uns und den kleinen Gärtner von nebenan. Mit jedem Euro, den sie ausgeben, treffen sie eine Wahl und zeigen uns ihre Wertschätzung. Wir haben dieses Jahr 35-jähriges Firmenjubiläum und sind sehr stolz, dass wir uns seitdem auf die Qualität unserer Handelspartner und die Treue unserer Kunden verlassen können.

Hintergrund zur Interviewreihe

Im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts des 17. Traineeprogramms Ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft setzt sich ein fünfköpfiges Team (Raphael Pierro, Carla Proetzel, Cathrin Bardenheuer, Laura Kehl und Katharina Tietz) mit dem Thema Gerechtigkeit in der Biobranche auseinander. Hintergrund ist das starke und schnelle Wachstum der Biobranche in den vergangenen Jahren – von einer Nische hin zu einem beachtlichen Wirtschaftssektor. Findet sich der Ursprungsgedanke der Gerechtigkeit, wie in den IFOAM-Prinzipien verankert, trotz des Wandels in der Branche wieder? Um verschiedene Perspektiven und den nötigen Handlungsbedarf aufzuzeigen sowie konstruktive Lösungsvorschläge zu erarbeiten, hat das Trainee-Teams einige Akteure und Akteurinnen aus den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette befragt.

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