Wissen. Was die Branche bewegt
Ein Tag im Leben von ...

Saskia Kluge: „Ich wollte immer einen Männerberuf!“

Saskia Kluge ist 19 und lernt beim „dienstältesten Krunchy-Bäcker der Republik“, wie bei Barnhouse Knuspermüsli gebacken wird. In einem Jahr will sie Fachkraft für Lebensmitteltechnik sein.

11.08.2016 vonGudrun Ambros

Stimmen Gewicht und Schüttvolumen überein? Saskia Kluge am Kontrollplatz.

Saskia Kluge ist 19 und lernt beim „dienstältesten Krunchy-Bäcker der Republik“, wie bei Barnhouse Knuspermüsli gebacken wird. In einem Jahr will sie Fachkraft für Lebensmitteltechnik sein.

13.55 Uhr. In der Bio-Knuspermüslifabrik in Mühldorf am Inn steht Saskia Kluge am Checkpoint neben der ihr zugeteilten Backstraße. Die zierliche junge Frau hat heute Spätschicht. Konzentriert lässt sie sich von Matthias Seiffert, der schon seit 17 Jahren bei Barnhouse arbeitet, die wichtigsten Ereignisse des Vormittags berichten. Beim Apfel-Zimt-Krunchy stimmten heute anfangs die Werte für die Feuchtigkeit nicht. Matthias hatte daraufhin die Temperatur leicht erhöht. Sonst lief alles normal. „Wir backen bei manchen Rezepten bis zu 700 kg pro Stunde“, sagt Saskia. „Nur wenn wir uns exakt an die festgelegten Vorgaben wie etwa Produkttemperatur oder Feuchtigkeit halten, erhalten wir die Knuspermüslis immer in derselben Qualität.“

Schnell ist die Übergabe erledigt und die junge Frau übernimmt. Erst einmal läuft sie an der 40 Meter langen Backstraße entlang. Ganz vorne werden die Zutaten automatisch gemischt. Die wichtigste Zutat bei Krunchy sind die Vollkornhaferflocken. Dazu kommen – je nach Sorte – Knusperreis, Palmfett oder Sonnenblumenöl und dann noch etwas für die Süße: Vollrohrzucker, Rohrohrzucker, Reissirup, Honig oder Agavensirup. Saskia muss die aktuelle Rezeptur nur am Schaltpaneel aufrufen.

Auch zum Verteilen der Masse auf dem Backband ist keine Handarbeit nötig. Dann führt das Band seinen süßen Teppich in den Durchlaufofen. Je weiter Saskia zum Ofenausgang geht, umso intensiver duftet es. Alle paar Meter lassen sich Klappen öffnen – falls einmal kurzfristige Kühlung nötig ist und um den Backvorgang zu kontrollieren. Es ist heiß hier am Ofen, aber Saskia macht das nichts aus.

Der Verantwortung gewachsen

Die 19-jährige lernt Fachkraft für Lebensmitteltechnik. Seit Februar ist sie Auszubildende bei Barnhouse in Mühldorf. Schon mit 15 hatte sie angefangen zu arbeiten, direkt nach der Hauptschule. Bei ihrer ersten Ausbildungsstelle machte sie keine guten Erfahrungen. Sie brach im zweiten Lehrjahr ab. Hier bei Barnhouse wurde sie gerne aufgenommen. Eine Woche lang lief sie mit, beobachtete, fragte. Und freute sich riesig, dass sie bald selbst anpacken durfte. Sicherlich war es auch ein Vorteil, dass die 19jährige schon Arbeitserfahrung mitbrachte. Ihr aktueller Einsatzort ist die zweite Backlinie. Mit Matthias als Unterstützung fühlt sie sich der Verantwortung gewachsen.

Schon wenige Meter hinter dem Ofenausgang wird die Knuspermasse abgekühlt; wie ein riesiger Krunchy-Riegel schiebt sie sich durch zwei Kühlkanäle. Saskia greift zum Schaber und nimmt vorsichtig eine Portion vom Band. An der Art wie sich das Knuspermüsli vom Backband lösen lässt, erkennt sie, ob alle Zutaten in der richtigen Menge dosiert wurden. Die kleine Probe darf sich nicht zu leicht lösen, aber auch nicht zu sehr am Ofenband kleben.

Saskia Kluge startet ohne Frühstück in die Arbeit. Kein Problem. Denn im Produktionsbereich ist zwar Essen und Trinken nicht gestattet, aber Krunchys probieren ist Pflicht.

Vergleich mit Referenzmuster

Weiter hinten verschwindet jetzt der scheinbar unendliche Riegel in einem Kasten; dahinter purzeln die für Barnhouse typischen, keksigen Cluster zum Weitertransport auf ein Förderband. Jetzt fehlen nur noch die Apfelstückchen, Zimt und Weinbeeren, dann ist das Krunchy Apfel-Zimt fertig. Diese Aufgabe übernimmt eine andere Abteilung.

Wieder zurück am Checkpoint begutachtet Saskia die Probe und testet Geruch, Geschmack und Knusprigkeit. Sie vergleicht das aktuelle Produkt mit dem sogenannten Referenzmuster, denn „hier zählt ja nicht, ob es mir gut schmeckt und gefällt, sondern, ob es genau so schmeckt und aussieht, wie es soll!“ Eine weitere Portion Krunchy landet in einer kleinen Mühle und anschließend in einem Gerät, dass die Feuchtigkeit misst.

Kontrollieren, überwachen, überprüfen

Am Kontrollplatz sind zwei Monitore angebracht, die per Kameraüberwachung jeweils den Anfang und das Ende des Ofens zeigen. So hat Saskia die wichtigsten Kontrollstellen des Backvorganges im Blick, wenn sie in der Mitte der Backstraße ihre Tests durchführt. Überhaupt wird viel kontrolliert, überwacht, überprüft. „Die Produktsicherheit ist bei Barnhouse enorm wichtig“, sagt Saskia. „Jede Back- und Packlinie hat beispielsweise sogenannte Metallchecks, das sind Brücken mit einer Magnetspule, die sofort anschlagen, selbst wenn nur winzige Metallspuren im Produkt wären.“

Wenn Saskia ihre Kontrollen protokolliert, schreibt sie auf einem Edelstahl-Klemmbrett, auf dem Kontrollbögen befestigt sind, mit einem Kuli aus metallcheckfähigem Material, der mit einer kleinen Kette am Brett befestigt ist. Nur so etwas darf bei Barnhouse zum Schreiben verwendet werden. Auch die Borstenhaare der Spezialhandfeger, mit denen alle Oberflächen gereinigt werden, sind metalldetektierbar. Damit es nicht zu Verwechslungen kommt, gibt es rote Kehr-Sets für den Boden und blaue für die Backstraßen.

Hygiene als oberste Pflicht

Im gesamten Produktionsbereich ist Essen und Trinken verboten (außer Krunchy natürlich, Krunchy essen ist Pflicht). In den Sozialräumen sind – ebenfalls aus Sicherheitsgründen – alle Arten von Glas oder Keramik nicht erlaubt. Denn unter allen Umständen muss vermieden werden, dass irgendwelche Fremdkörper ins Produkt gelangen. Deshalb geht es sehr streng zu: Der Zugang in die Hallen der Krunchy-Produktion ist nur über eine sogenannte Hygieneschleuse möglich. Hier werden Hände gewaschen, getrocknet und desinfiziert. Erst nach korrekter Prozedur öffnet sich die Schranke und man wird eingelassen.

Zur Zeit ist alles ein bisschen aufregend. Denn nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Bauarbeiter, die im selben Gebäude an der Verkabelung und an den Leitungen für die zwei neuen Backstraßen arbeiten, müssen die sehr speziellen Sicherheits-Regeln einhalten. Sicherlich, die neuen Anlagen werden in gebührendem Abstand zur Produktion eingebaut und sind hinter einer Abtrennung verborgen. Die Bauarbeiter kommen eigentlich gar nicht in die Nähe der Back- und Abfüllstraßen. Aber es ist mehr Bewegung als sonst im hufeisenförmigen Gebäude, das jetzt auch ein neues Lager umschließt und das demnächst eine weitere Krunchy- und eine Riegelbackstraße beherbergen soll.

Stimmen Gewicht und Schüttvolumen überein? Saskia Kluge am Kontrollplatz. (© Andrea Leiber)

Noch ein gutes Jahr dauert Saskia Kluges Ausbildung zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik. Bis zur Abschlussprüfung im nächsten Sommer muss sie alle Schritte der Produktion kennengelernt haben: Wareneingang, Mischen, Backen, Abpacken, einige Bereiche der Qualitätssicherung und den Warenausgang. Zwischendurch besucht sie die Berufsschule in Starnberg. Dort genießt sie zwei- bis dreiwöchigen Blockunterricht. „In der Schule kommen Azubis aus halb Bayern zusammen. Es ist interessant, zu hören, wie die anderen lernen und arbeiten.“ Das Lernen macht ihr keine Schwierigkeiten. Sie gibt sogar einer türkischen Kollegin im ersten Ausbildungsjahr Nachhilfe und ihr Notendurchschnitt von 1,9 kann sich sehen lassen.

„Mein Beruf ist cool“, findet Saskia Kluge. Sie hat sich immer einen Männerberuf gewünscht. Und tatsächlich hat ihre Ausbildung auch viel mit Technik zu tun. Der Frauenanteil liegt allerdings schon bei 35 Prozent. Im Backbereich, wo sie derzeit eingesetzt ist, arbeiten nur Männer an den Anlagen. Das liegt daran, dass vor der Automatisierung die Arbeit körperlich recht schwer war. „Da herrscht manchmal ein rauerer Umgangston“, berichtet die Auszubildende. „Aber das passt. Ich bin mit Jungs aufgewachsen. Und meine Kollegen sind einfach klasse!“

Barnhouse

1979 Gründung; Firmensitz seit 1998 ist Mühldorf am Inn; 2003 Anbau: Verdoppelung der Kapazität auf 2 Backstraßen; 2008 Verdoppelung der Betriebsfläche; seit 2015 Erweiterungsarbeiten: Ziel ist die Modernisierung der Anlage und Erweiterung von 2 auf 4 Backstraßen.

Mitarbeiter: knapp 90, vor 1 ½ Jahren noch 60

Betriebsfläche: bislang 5.300 m², demnächst 7.200 m²

Sortiment: Krunchy, Müsli, Cerealien, Müsliriegel insgesamt 28 Sorten, 100% Bio

Kunden: Marke ausschließlich im Fachhandel

Geschäftsführung: Rosina Nagl, Neil S. Reen, Bettina Rolle

www.barnhouse.de

Kommentare

Das könnte interessant sein ...

Ähnliche Beiträge