Biohandel

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Wege aus der Krise

Drei Lösungsansätze für den Bio-Fachhandel

Der Bio-Markt befindet sich in einem fundamentalen Umbruch – das ist die Netto-Botschaft eines neuen Whitepapers von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Die Kauflust bleibt zurückhaltend, LEH und Discounter übernehmen immer mehr Bio-Anteile. Aber: Das Paper zeigt auch Lösungen auf.

„Zeitenwende im Bio-Fachhandel". So betiteln Professor Stephan Rüschen und Julia Schumacher von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg ein Whitepaper (siehe Kasten am Ende des Artikels), in dem sie sich mit dem Status quo des Bio-Fachhandels und dessen strategischen Optionen beschäftigen. Für ihre Analyse haben die beiden Forschenden neben Wirtschaftsdaten insgesamt dreizehn Experten und Expertinnen einbezogen – fünf Bio-Hersteller, zwei Bio-Händler und sechs Expertinnen und Experten von konventionellen LEH-Unternehmen.

Was ihre Prognose für die Marktentwicklung von Bio im Allgemeinen und des Fachhandels im Speziellen angeht, zeigen sich beiden Autoren wenig euphorisch: Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, teurere Energie, die deutlich gestiegenen Preise vor allem für Lebensmittel – das alles wird als toxische Mischung benannt, die für weniger Geld im Portemonnaie der Verbrauchenden sorgt und Zukunftsängste auslöst.

Discounter boomen – Eigenmarken auch

Die Folgen dieser Entwicklung sind bereits sichtbar:

  • Die Bereitschaft der Konsumenten, einen höheren Preis für Bio-Produkte zu bezahlen, ist der GfK zufolge zwischen 2020 und 2022 um 3,9 Prozent zurückgegangen. Bei regionaler Ware ist sie im gleichen Zeitraum um 8,1 Prozent gesunken.
  • Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln war 2022 das erste Mal rückläufig – mit Ausnahme des Jahres der Finanzkrise 2009. Er sank um 3,8 Prozent auf 15,3 Milliarden Euro. Für 2023 gehen Prognosen zwar von einem leichten Umsatzanstieg (+1,3 Prozent) aus, was aber eher an den durch die Inflation gestiegenen Preisen liegen wird. Denn die abgesetzten Mengen sind dramatisch gesunken.
  • Der Anteil von Bio am gesamten Lebensmittelmarkt schrumpfte laut Zahlen des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft von 6,8 Prozent im Jahr 2021 auf 6,2 Prozent in 2022.

In Anbetracht der unsicheren Zeiten rechnen die Studienautoren damit, dass die Kauflust der Deutschen aller Voraussicht nach erstmal gering bleiben wird, das gilt auch für deren Bereitschaft, für Bio-Produkte oder regionale Ware mehr Geld auszugeben. Diese negative Grund-Atmosphäre werde sich Rüschen und Schumacher zufolge noch bis 2026 auf den Lebensmittelmarkt auswirken.

Der Bio-Markt ändert sich rasant

All das sorgt für Umwälzungen im Markt. Wo Bio gekauft wird und welche Produkte ändert sich rasant:

  • Günstigere Bio-Eigenmarken boomen. Ihr Anteil am Umsatz stieg der GfK zufolge von 53,7 Prozent im Jahr 2021 auf 60,4 Prozent 2022. Zum Vergleich: Im konventionellen Bereich machten die Herstellermarken noch mehr als die Hälfte des Umsatzes aus (53,6 Prozent) aus.
  • Beim Geschäft mit mit Bio haben die Discounter der GfK zufolge am stärksten zugelegt – von 24 Prozent Marktanteil im Jahr 2021 auf 29,7 Prozent im ersten Halbjahr 2023. Damit stehen Aldi, Lidl und Co. erstmals vor den Vollsortimentern, die auf 28,4 Prozent Bio-Marktanteil kommen.
  • Der Bio-Fachhandel hatte BÖLW-Daten zufolge 2021 noch einen Anteil von 22 Prozent und wird laut Prognosen Ende 2023 bei 18 Prozent stehen.

Fachhandel strukturiert sich neu

Zoomt man hinein in den Fachhandelsanteil am gesamten Bio-Kuchen, zeigt sich: Die acht großen Bio-Ketten konnten sich 2022 rund 1,8 Milliarden Euro Fachhandelsumsatz sichern und damit fast 60 Prozent. Auch hier gab es Verschiebungen: Während Alnatura und Denns weiter expandierten, musste Basic Insolvenz anmelden und wurde von Tegut übernommen. Superbiomarkt trennte sich im Zuge eines Insolvenzverfahrens von Standorten. Und auch die Bio Company verkaufte Filialen.

Eine weitere Entwicklung: LEH und Discounter haben ihre Bio-Aktivitäten deutlich gepusht. Dazu gehören mehr Kooperationen mit Anbauverbänden, zusätzliche Bio-Eigenmarken oder Kampagnen für Bio-Umstellungsware, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Aus dieser Gesamtlage auf der einen Seite und den Gesprächen mit den dreizehn Bio-Expertinnen- und Experten andererseits, leiten Rüschen und Schumacher drei Vorschläge ab, wie sich der Bio-Fachhandel erfolgreich reformieren und erfolgreich für die Zukunft aufstellen könnte.

Drei Vorschläge für eine Reform des Bio-Fachhandels

  1. Das Bio-Edeka-Modell
    Dem Vorbild von Edeka folgend, sollte der Fachhandel ein System aus selbständigen Einzelhändlern aufbauen, denen genossenschaftlich die Zentrale gehört. Diese Zentrale stellt das Sortiment zur Verfügung, aber auch IT-Systeme, das Branding, Marketing-Kampagnen und anderes mehr. Die Zentrale hat dabei keine eigenen Gewinne, ist nur Dienstleister. Die Gewinne fallen nur auf der Ebene der Einzelhändler an.

    Die Vorteile laut des Papers: Die Einzelhändler sind stärker motiviert. Außerdem können sie das Konzept regional anpassen. Die Expertinnen und Experten, mit denen Rüschen und Schumacher für ihre Analyse gesprochen haben, halten dieses Modell für erfolgsversprechend. Der Biomarkt-Verbund von Dennree geht bereits in diese Richtung, sei aber noch nicht konsequent genug, schreiben die Autoren.

  2. Mitglieder als starkes Fundament
    Community-Modelle gibt es schon in größerem Stil, beispielsweise in Berlin und München mit Supercoop und FoodHub. Die Idee: die Läden gehören den Mitgliedern, die sich auf Stundenbasis im Laden engagieren, die Produkte kommen aus der Region und sind (fast ausschließlich) Bio, die Preise werden transparent gemacht und liegen deutlich unter denen von „normalen“ Bio-Läden (15-30 Prozent etwa bei Supercoop). Zu nennen ist hier auch Odin aus den Niederlanden mit 18.000 Mitgliedern, 40 Märkten und einem eigenen Online-Shop. Gerade Odin zeige: so ein Community-Modell ist skalierbar und steht für Bio als Wertehaltung mit einer echten Gemeinschaft.

  3. US-Kette Whole Foods als Inspiration
    Die Kette Whole Foods aus den USA – mittlerweile auch mit Läden in Kanada und Großbritannien – verkauft ausschließlich natürliche Lebensmittel. Das heißt: ohne Konservierungs- Farb-, Aroma-, Süßstoffe und gehärtete Fette. Seit 2017 gehört das Unternehmen dem Online-Konzern Amazon. Es gibt ein großes, aber kein hunderprozentiges Bio-Sortiment. In Deutschland ähnelt Tegut dem Modell am ehesten mit einem hohen Bio-Anteil (30 Prozent) und dem Tegut-Reinheitsversprechen.

    Die Vorteile dieses Modells liegen Rüschen und Schumacher unter anderem darin, dass es sich durch das Anbieten auch von Nicht-Bio-Ware an die Bedürfnisse der Verbraucher anpasst, auch mal „zu wechseln“. Auch der Schwerpunkt „lokal und regional“ entspricht den Kunden-Bedürfnissen. Viel frische Ware und Storytelling sei wichtig beim Whole Foods-Modell, so die Experten.

Nachhaltigkeit bleibt wichtig

Zusammengenfasst: Der Bio-Fachhandel muss und kann laut Rüschen und Schumacher sein Profil schärfen und auf die Umwälzungen auf dem Bio-Markt reagieren. Die drei Optionen könnten ein Teil auf dem Weg dorthin sein.

Und es gibt eine weitere gute Nachricht: Nachhaltigkeit und damit auch Bio spielt für Verbrauchende weiterhin eine wichtige Rolle beim Lebensmitteleinkauf. Das zeigt eine gerade erst veröffentlichte Studie der Rewe Group, der GfK und der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis. Rüschen und Schumacher sind sich sicher: Durch die sich verschärfende Klimakrise dürfte dieser Trend weiter zunehmen.

Zur Studie

Stephan Rüschen, Julia Schumacher: Zeitenwende im Bio-Fachhandel (Schriftenreihe Handelsmanagement Whitepaper #27, Duale Hochschule Baden-Württemberg)

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