Biohandel

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Interview

„Discounter? Nein, danke.“

Während Bioland eng mit Lidl kooperiert, hat sich Biokreis in diesem Jahr zum Naturkostfachhandel bekannt und der Zusammenarbeit mit Discountern endgültig eine klare Abfuhr erteilt. Ein Gespräch mit Biokreis-Geschäftsführer Josef Brunnbauer über den Handelsstreit um knappe Bio-Ware, warum er in Aldi, Lidl & Co. keine geeigneten Partner sieht, und wie sein Verband das Zweinutzungshuhn aus der Nische holen möchte.

Herr Brunnbauer, die Corona-Pandemie brachte im vergangenen Jahr eine stark erhöhte Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln mit sich. Der Umsatz wuchs deutschlandweit um 22 Prozent und kletterte auf 14,99 Milliarden Euro. Nun mit etwas Abstand betrachtet: Wie hat sich das auf Biokreis ausgewirkt und welche Herausforderungen für den Verband aber auch seine Mitglieder ergeben sich dadurch?

Generell sind nicht so viele Neukunden hinzugekommen, sondern die bestehenden haben mehr eingekauft. Der Rohstoffmarkt ist angespannt, gerade Bio-Milch und -Fleisch sind derzeit knapp. Verschärft wird die Situation auch dadurch, dass der bestehende Kuchen durch den Einstieg des konventionellen Lebensmitteleinzelhandels und der Discounter in den Bio-Markt auf weitere Akteure aufzuteilen ist. Das Angebot wächst deutlich langsamer als die Nachfrage. Weiterhin die Versorgungssicherheit mit heimischen Produkten zu gewährleisten wird herausfordernd, denn die Produktion lässt sich nicht von heute auf morgen in dem nötigen Maße steigern.

So können konventionelle Schweinemäster nicht ohne Weiteres auf bio umstellen. Oftmals sind die bestehenden Ställe ungeeignet und lassen sich nicht entsprechend umrüsten. In der Regel muss neu gebaut werden. Aufgrund extrem niedriger Schweinepreise sind die konventionellen Landwirtinnen und Landwirte allerdings seit Jahren finanziell gebeutelt und operieren bereits an der Grenze ihrer wirtschaftlichen Existenz. Eine sechsstellige Summe für einen Neubau aufzubringen ist dann unmöglich. Aber auch bürokratische Hürden hemmen den Ausbau.

Als einziger Anbauverband hat Biokreis laut Branchenreport des Bunds ökologische Lebensmittelwirtschaft Mitglieder verloren. Am 1. Januar 2020 waren es 1.326, ein Jahr später nur noch 1.303. Dafür ist im gleichen Zeitraum die bewirtschaftete Fläche von 71.427 auf 73.559 Hektar gestiegen. Zeichnet sich also auch bei Biokreis der Trend ab, weniger, aber dafür größere landwirtschaftliche Betriebe?

Auch in der ökologischen Landwirtschaft findet eine gewisse Konzentration statt: Die Betriebe spezialisieren und vergrößern sich. Bio-Höfe, so wie Verbraucherinnen und Verbraucher sich das mitunter vorstellen, mit einigen Hühnern, fünf Schweinen und zehn Kühen trifft man heutzutage selten an.

Unseren Mitgliederverlust erklärt sich aber auch durch unsere Neuausrichtung. So haben wir in diesem Jahr in unseren Richtlinien die strategische Zusammenarbeit mit Discountern ausgeschlossen. Sie können weder Mitglied bei Biokreis werden noch eigene Handelsmarken mit unserem Logo anbieten. Wir bekennen uns zum Naturkostfachhandel. Etwa 60 Prozent der mit unserem Markenzeichen versehenen Produkte setzen unsere Mitglieder derzeit über den Fachhandel ab.

Nun benötigen aber größere und spezialisierte Betriebe in der Regel großangelegte Strukturen, wie den konventionellen Lebensmitteinzelhandel und die Discounter, die große Menge abnehmen. Die Mitglieder wechseln daher mitunter zu den Verbänden, die mit diesen Strukturen zusammenarbeiten.

2019 hat Bioland seine Kooperation mit dem Discounter Lidl begonnen und zeigt sich zufrieden in Sachen Umsatzentwicklung und nach eigener Aussage fairen Preisen und ebensolchen Umgang mit den Lieferanten. Im vergangenen Jahr wurde Kaufland, welches wie Lidl zur Schwarzgruppe gehört, Mitglied im Anbauverband Demeter. Ziel ist es, neue Käuferschichten für offen ausgelobte Bio-Verbandsware zu gewinnen. Zudem freuen sich die Anbauverbände sicherlich über die großangelegten Werbekampagnen, die sie alleine niemals hätten stemmen können. Nun hat Biokreis in diesem Jahr beschlossen, dass Discounter nicht Mitglied werden können, zudem dürfen diese keine eigenen Handelsmarken mit dem Biokreis-Logo inverkehrbringen. Warum dieser Schritt?

Als wir uns vor etwas mehr als zwei Jahren dazu entschlossen hatten, die strategische Kooperation mit Discountern auszuschließen, waren wir als Anbauverband wie auch als Marke im Naturkostfachhandel noch weitgehend unbekannt. Die Händler hatten uns teilweise gar nicht auf dem Schirm. Nach intensiven Gesprächen wurden zahlreiche Akteure aus dem Naturkostfachhandel Mitglied bei Biokreis. Mit diesen Partnern möchten wir gemeinsam arbeiten. Schließlich stammen wir aus einer Bewegung, die das System der Discounter aus bekannten Gründen abgelehnt hat. Deren desaströse Preispolitik hat Druck auf die Landwirtinnen und Landwirte ausgeübt, mit allen Methoden die Intensität ihrer Produktion zu steigern. Der Preiskampf wurde auf dem Rücken der Bauern und Bäuerinnen ausgetragen, sie waren die Verlierer, ebenso die Umwelt und das Klima.

Natürlich sperren wir uns nicht dagegen, dass es Bio-Produkte auch beim Discounter und im Lebensmitteleinzelhandel gibt, im Gegenteil. Auch dort müssen sie zu finden sein. Problematisch wird es allerdings, wenn Bio nur dazu dient, sich ein grünes Image zu erkaufen – das geht zu Lasten derer, die es mit den Grundwerten ökologischer Landwirtschaft ernst meinen.

Dafür bieten Discounter und Lebensmitteleinzelhandel größere Abnahmemengen – und die ökologische Landwirtschaft soll ja weiter wachsen.

Wir sehen ja gerade beim Bio-Fleisch, dass es nicht einfach ist, schlagartig größere Mengen zu produzieren. In der Konsequenz streiten sich Discounter, Lebensmitteleinzelhandel und Naturkostfachhandel um knappe Rohstoffe. Discounter können höhere Erzeugerpreise bieten, weil der Bio-Anteil am Gesamtsortiment sehr gering ist. Bio-Produkte werden dann zum Lockmittel. In der Gesamtkalkulation geht das für den Händler auf. Der Fachhandel kann da allerdings nicht mithalten, er ist nicht in der Lage, Preise im Gesamtsortiment zu kompensieren. Preissteigerungen beim Rohstoff bedeuten hier eine Steigerung des Endverkaufspreises.

Es ist doch eine gute Nachricht, wenn der Discounter den Bio-Lieferanten höhere und damit auskömmliche Preise bietet.

Auf kurze Sicht ist das erfreulich. Trotzdem bleibt die Frage: Wie nachhaltig ist das Ganze? Und welche Auswirkungen hat dieses Preisfeuerwerk langfristig auf den Rest der Branche und den Fachhandel?

Zur Wahrheit gehört auch, dass bereits vor der offiziellen Kooperation von Bioland und Lidl Bio-Verbandsware bei den Discountern zu finden waren – nur ohne das entsprechende jeweilige Verbandslogo. Heute sind es teilweise die gleichen Lebensmittel, nur offen ausgelobt. Sind bei den Discountern auch Biokreis-Produkte gelistet?

Ja, das ist grundsätzlich möglich. Auch deshalb, weil wir in die Handelsfreiheit unserer Mitglieder nicht eingreifen können und wollen.

Biokreis hat in diesem Jahr wie alle anderen Anbauverbände – mit Ausnahme von Biopark – die Geschlechtsbestimmung im Ei verboten und damit die Aufzucht der Bruderhähne der Hochleistungs-Legehennen ab 2022 zur Pflicht erhoben. Ebenso im Einklang mit dem breiten Konsens in der Branche ist auch bei Biokreis das Zweinutzungshuhn wieder so flächendeckend wie möglich zu etablieren ein langfristiges Ziel. Mit welchen konkreten Maßnahmen fördern Sie das?

Im kommenden Jahr wollen wir einen Katalog an Maßnahmen zum Fördern der Biodiversität auf den Bauernhöfen in unseren Richtlinien verankern. Es gibt dann beispielsweise Punkte für das Schaffen von Lebensräumen für Insekten und Vögel – Stichworte Hecken pflanzen und Totholz – aber auch für das Halten von alten und vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen und eben Zweinutzungshühnern. Mindestens 100 Punkte müssen unsere Mitglieder erreichen, ab nächstem Jahr fragen wir im Zuge der Kontrollen die Maßnahmen erstmals ab und entwickeln mit den Landwirtinnen und Landwirten individuelle Strategien. Ab 2025 ist die volle Punktzahl verpflichtend. Wir denken auch darüber nach, wie wir den Mehraufwand für diese Maßnahmen kompensieren können.

Wenn wir hier als Verband allein Dinge entwickeln wollen, ist es mitunter zäh und langwierig. Schneller geht es, wenn der Handel Dinge fordert, wie man am Beispiel des Verbots des Kükentötens direkt nach dem Schlupf erleben konnte. Aber: Der Weg vom Bruderhahn hin zum Zweinutzungshuhn ist ein weiter und bisher auch in der Bio-Geflügelhaltung die absolute Ausnahme. Würde auch hier der Handel signalisieren, das Fleisch listen zu wollen, ginge alles wesentlich schneller.

Welche weiteren Themen stehen besonders auf der Agenda?

Etwa die Hälfte unserer Mitglieder in der landwirtschaftlichen Erzeugung betreiben in den Bereichen Geflügel, Rinder und Schweine Mast und ungefähr ein Viertel der verarbeitenden Betriebe sind in der Fleischverarbeitung inklusive Heimtiernahrung aktiv. Unsere Partner im Fachhandel wünschen sich Produkte, die man in Sachen tierwohlgerechten und ökologischen Schlachtprozessen besonders ausloben und dadurch das Profil schärfen kann. Dazu möchten wir die Erfahrungen aller Akteure einholen, bewerten und gemeinsam mit Experten Lösungen erarbeiten. Am Ende möchten wir in unseren Richtlinien noch detaillierter definieren, wie zu betäuben und zu töten ist, um den Tieren Leiden und Angst zu ersparen – und wie man das kontrollieren kann. Dieser Prozess wird uns die nächsten Jahre begleiten.

Es ist höchste Zeit, dass wir uns noch genauer Gedanken machen. Gerade beim Betäuben gibt es unterschiedliche Verfahren mit Vor- und Nachteilen und letzten Endes hängt es von den Menschen ab, dass sie ordnungsgemäß angewandt werden. Dabei ist festzuhalten, dass Großschlachthöfe nicht automatisch schlecht sind und kleine regionale Betriebe alles richtig machen

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