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Im Wortlaut

Offener Brief des BNN an Lebensmittelwirtschaft und Politik

Der BNN hat am Mittwochmorgen einen offenen Brief an „die entsprechenden Akteure der Politik und Lebensmittelwirtschaft“ verschickt. Es geht um die aktuelle Debatte der Bauernverbände und der Lebensmittelhändler zum Agrarmarktstrukturgesetz, Lieferkettengesetz und die UTP-Richtlinie. Der BNN will sich mit dem Schreiben im Namen der Bio-Branche in die Diskussion einschalten. BioHandel dokumentiert den offenen Brief im Wortlaut.

09.12.2020

Hochwertige Lebensmittel aus gesunden Strukturen sind für den BNN ein echtes Verbraucherbedürfnis.

Der BNN hat am Mittwochmorgen einen offenen Brief an „die entsprechenden Akteure der Politik und Lebensmittelwirtschaft“ verschickt. Es geht um die aktuelle Debatte der Bauernverbände und der Lebensmittelhändler zum Agrarmarktstrukturgesetz, Lieferkettengesetz und die UTP-Richtlinie. Der BNN will sich mit dem Schreiben im Namen der Bio-Branche in die Diskussion einschalten. BioHandel dokumentiert den offenen Brief im Wortlaut.

Offener Brief der Bio-Branche an Lebensmittelwirtschaft und Politik

Sehr geehrte Akteur*innen der Lebensmittelwirtschaft und Politik,

in den vergangenen Wochen haben wir einen regen Austausch von Stellungnahmen zwischen Politik, Bauernverband und konventionellem Lebensmittelhandel zum Agrarmarktstrukturgesetz erlebt. Wie viel vertane Chance steckt in dem, was sich die Akteur*innen gegenseitig vorwerfen!

Wir, die Unternehmen der Bio-Kernbranche, halten das für den falschen Weg. Chancen sind im Gegeneinander genug vertan. Wir sind überzeugt, dass es angesichts der zu lösenden Aufgaben nur miteinander geht.

Als echte Alternative für Verbraucher*innen zeigt der Bio-Fachhandel, dass ein anderes Miteinander und die Idee kooperativer Wertschöpfung gelingen können. Wir stellen aber immer wieder fest, dass unser alternativer Weg von den aktuellen Rahmenbedingungen begrenzt wird – das muss sich ändern.

Unser Weg ist vielversprechend und wir stützen uns seit über 40 Jahren auf die Zustimmung einer wachsenden Gruppe von Konsument*innen. Sie zeigen mit ihrer aktiven Nachfrage, dass der Bedarf nach hochwertigen Lebensmitteln aus gesunden Strukturen ein echtes Bedürfnis ist. Vielen Menschen wird zunehmend wichtig, dass Lebensmittel nicht nur sicher, sondern rundherum qualitativ hochwertig sind. Zu diesem modernen Qualitätsverständnis gehören auch die Umstände, unter denen Lebensmittel hergestellt, transportiert, verarbeitet und gehandelt werden. Deshalb sind immer mehr Menschen in Deutschland und Europa bereit, mit ihrem bewussten Konsum die dringend notwendige Ernährungswende mitzugestalten.

Nachdenklichkeit und Selbstreflektion stünde den Entrüsteten besser zu Gesicht als gegenseitige Vorwürfe. Veränderung ist angezeigt. Und hier sind alle gefordert. Der Bauernverband, der die Industrialisierung der Landwirtschaft aktiv mitgestaltet hat. Die Lebensmittel-Großindustrie, die auf Rationalisierung getrimmt, in immer größeren Einheiten immer künstlichere Lebensmittel produziert. Die Handelsriesen, die im Oligopol nurmehr Billigpreise für Verkaufsargumente halten. Die Politik, die im Glauben an einen globalisierten Welthandel nicht verstanden hat, wie viel gesellschaftliches Potenzial für die Themen Klimaschutz, Gesundheit, Ressourcenschonung und soziales Miteinander das Feld Ernährung birgt.

Die beteiligten Akteur*innen haben es in der Hand, die berechtigte gegenseitige Kritik anzunehmen und in Transformationsenergie umzusetzen. Moralische Entrüstung ist ausschließlich da angebracht, wo das Verharren in überkommenen Positionen die Veränderungen, die Bio-Fachhandel und Bio-Lebensmittelwirtschaft lange eingeläutet haben, bremst und blockiert.

Mit dem Bio-Fachhandel arbeiten wir an einem enkeltauglichen Ernährungssystem, in dem Menschen an allen Stellen Menschen sind. Menschen, die in Würde wertige und gesunde Lebensmittel herstellen und handeln und in dem Verbraucher*innen zu Beteiligten werden, die auch im Konsumieren ihre wertschätzende Haltung und Integrität behalten.

Zur weiteren Ausgestaltung dieses alternativen Weges braucht es politische Rahmenbedingungen, die weit über die des Agrarmarktstrukturgesetzes hinausgehen und die die strukturellen Gegebenheiten radikal verändern. Es braucht eine mutige Gesetzgebung, die Marktmacht und Wettbewerb begrenzt und die die Fehlsteuerung der jetzigen Lebensmittelwirtschaft korrigiert. Positivwirkung in den Feldern Klimaschutz, Tierwohl, Humusaufbau, sinnstiftende Arbeit und Konsumentensouveränität muss das Ziel einer weitsichtigen Politik sein.

In einer gemeinsamen Anstrengung sind alle Menschen und Unternehmen, die mit Lebensmitteln zu tun haben, dazu aufgerufen, ihre Verantwortung für die Natur, die Lebensbedingungen auf unserem Planeten, die eigene Lebensqualität, aber viel mehr für die der jungen Menschen und der nachfolgenden Generationen in die Hände zu nehmen und aktiv umzugestalten.

Deshalb fordern wir, die Mitglieder des Verbandes der Bio-Pioniere und Nachhaltigkeits-Vordenker in Sachen Lebensmittel, von der Politik einen radikalen, konsequenten und zügigen Systemwechsel hin zu einem deutlich extensivierten Ernährungssystem. Das bedeutet…

…für Politik und Gesellschaft:

  • Die ambitionierte Umsetzung der europäischen Lieferkettengesetzgebung und der Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken (UTP) in nationales Recht.
  • Die Einrichtung eines Jugend-Ernährungs-Rates, der jüngeren Menschen als zukünftigen Betroffenen eine Stimme und einen Sitz in der Debatte um das Ernährungssystem der nächsten Jahrzehnte gibt.
  • Die Schaffung eines ganzheitlich ausgerichteten Politikfeldes ‚Ernährungs-System‘ und dessen Verortung in einem Ministerium mit umfassendem Zuschnitt.

…für Land- und Lebensmittelwirtschaft:

  • Die weitgehende Re-Regionalisierung von Land- und Lebensmittelwirtschaft zur Stabilisierung der Versorgungssysteme und ihrer Lieferketten.
  • Die Förderung lokal und regional verankerter Nährstoffkreisläufe für Menschen und Tiere.
  • Das Ende der Massentierhaltung.
  • Das vollständige Verbot chemisch-synthetischer Dünger, Pestizide, Herbizide und Fungizide.

…für wirtschaftliche Rahmenbedingungen und ökonomische Resilienz:

  • Die Aussetzung und das Verbot von Bodenspekulation.
  • Der Abbau der Subventionen, die Fehlentwicklungen stützen und Transformation behindern.
  • Die Entwicklung und Einführung von True-Cost-Bepreisung für wahre Preise in den Märkten des Landes.
  • Die strukturelle Förderung einer mittelständischen und handwerklichen Lebensmittelwirtschaft und den Rückbau von Groß- und Konzernstrukturen.
  • Die strukturelle Neubetrachtung des Welthandels und den Rückbau preisinduzierter Warenströme.
  • Ein Steuerrecht, das Schadwirkungen bepreist und die Gemeinwohl-Systemleistungen von Lebensmittelakteur*innen honoriert.
  • Rahmenbedingungen, die Reinvestition von Unternehmensgewinnen befördern und Mittelabflüsse erschweren.
  • Einen stabilen und niedrigschwelligen Zugang zu Transformationskapital aus gesellschaftlichen, öffentlichen und Marktquellen.
  • Die Schaffung von Unternehmensformen, die sowohl Verantwortungseigentum als auch die Beteiligung von Konsument*innen ermöglichen und fördern.
  • Ein Kooperations-Gesetz, das transparente Kooperationen und Wertschöpfungsnetzwerke aktiv unterstützt.

…für Bildung und Forschung:

  • Eine vernetzte, gesellschaftlich getragene Forschung zu allen Bereichen des Ernährungssystems, zu Ernährungsstilen, Gesundheitswirkungen und zu allen Produktions- und Handelsschritten.
  • Die Neuausrichtung lebensmittelhandwerklicher Berufe mit klarem Nachhaltigkeitsfokus.
  • Eine praktische, lustvolle und umfängliche Ernährungsbildung in allen Schulformen unter Einbezug lebendiger Lernorte auf landwirtschaftlichen Betrieben.

Von allen anderen Akteur*innen des Lebensmittelsektors und uns selbst fordern wir, unabhängig von politischen Rahmenbedingungen, aus Eigenverantwortung heraus sofort im eigenen Geschäftsmodell die Leitprinzipien auf Zukunftstauglichkeit umzustellen. Zum Wohl der Gesellschaft, ihrer eigenen Überlebensfähigkeit und der Zukunftsfähigkeit einer Umwelt, in der es sich für Menschen lohnt zu leben und zu wirken. Veränderung kann gelingen, wenn wir sie gemeinsam gestalten.

Mit freundlichen Grüßen und bereits auf dem Weg…

Der Bundesverband Naturkost und Naturwaren e.V. und seine knapp 200 Mitgliedsunternehmen

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