Biohandel

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Gastkommentar

Demeter bei Kaufland und Rewe ist kein Pakt mit dem Teufel – im Gegenteil

Immer mehr Marken wollen vom Bio-Boom profitieren. Deren Beweggründe sind egal, solange die Richtung stimmt. Auch aus marktstrategischer Intension kann eine ökologische Mission werden.

Veränderung tut weh. Sie katapultiert uns aus der Komfort-Zone. Doch Wandel ist gesund und notwendig. Vor allem in einer Zeit, in der die Umstände unsere Zukunft gefährden. Wir stehen mitten in einem gesellschaftlichen Wandel, in dem Menschen den Zusammenhang zwischen Konsum und Krise immer mehr verstehen. Dass billige Lebensmittel auf Kosten sozialer und ökologischer Standards produziert werden und wir mit unserer Kaufentscheidung etwas verändern können, wird nachvollziehbarer.

Für Konzerne ist es eine Herausforderung, denn sie müssen sich den neuen Konsumentenwünschen beugen. Kaufland und Rewe sind neue Mitglieder bei Demeter. Manche sagen, das ist ein Pakt mit dem Teufel. Ich denke, das ist eine Chance. Demeter eröffnet den ‚Konventionellen‘ einen Weg, für den diese sich verpflichten müssen. Es ist ein Weg, mit den höchsten ökologischen Standards.

Über den Autor

Hassaan Hakim

Hassaan Hakim berät Unternehmen aus dem ökologisch nachhaltigen Sektor bei der Marken- und Positionierungsstrategie. Seine Agentur YOOL ist seit Anfang letztes Jahr Lead-Agentur von Demeter Deutschland und Demeter International.

Ich bezweifle, dass diese Lebensmittelriesen moralische Gründe haben, hier mit einzusteigen. Doch finanzieller Gewinn oder Verlust sind die stärksten Motoren für Veränderung, die schnell etwas in Bewegung bringen. Offen gestanden, der Beweggrund ist mir egal, solange die Richtung stimmt. Das Gute: Manche Konzerne entwickeln beim Voranschreiten eine neue Gesinnung. Sie identifizieren sich mit der Richtung und aus marktstrategischer Intension wird plötzlich eine ökologische Mission. Konsumenten sind inzwischen bereit, mehr für bessere Nahrungsmittel zu bezahlen.

Immer mehr Bio-Marken drängen auf den Markt und versuchen, ein Stück des Bio-Booms abzugreifen. Gerade jetzt braucht es Marken wie Demeter, die hohe Werte-Standards setzen. Demeter hebt im LEH das kollektive ökologische Bewusstsein an, setzt die Messlatte hoch auch für andere Bio-Marken und gibt durch Vertriebsgrundsätze dem Handel Spielregeln vor. Unabhängig von markenstrategischen Gesichtspunkten, verletzten Gemütern und Fachhansdelstreue trägt Demeter eine gesellschaftliche Verantwortung, die auch eine gewisse Verfügbarkeit bedingt.

Wir wollten den ökologischen Wandel. Jetzt steht er vor der Tür. Wir sollten ihn hereinlassen! Und ja, Feindbilder schwinden und die eigene, Jahrzehnte lange persönliche Mission wird professionell vom ‚Feind‘ gekapert. Was solls, Veränderung tut eben ein bisschen weh. Ich persönlich entscheide mich im Zweifel für „Öko statt Ego“ und werde auch weiterhin bei meinem Bioladen einkaufen.

Kommentare

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Malte Reupert

Der Weg der Bio-Verbände mit ihren Marken in den LEH ist markt- und Wachstumsstrategisch schlüssig. Da handeln LEH, Demeter, Bioland - und übrigens auch wir Fachhändler - nach dem so kapitalistischen wie allgemein menschlichen Prinzip des Eigennutzes. Der Ruf der Verbände "(Verbands-)Bio für alle" versus das Verlangen, dass der andere nur mit "moralisch einwandfreien" Unternehmen zu handeln habe sind nur die jeweilige Beschönigungsformel für das Verfolgen des eigenen Nutzens. Und befremdlich ist ja ehrlicherweise nicht, wenn einer tut, was durchweg alle tun (nämlich den eigenen Nutzen zu maximieren). Befremdlich ist eher das heuchlerische Verstecken des Eigeninteresses hinter (behaupteten) moralischen Motiven.

Und noch eins, lieber Herr Hakim: Nicht nur aus Ihrem Text spricht sehr deutlich: Ihr Demeters haltet Euch für die "Krone der Bio-Schöpfung", als das non plus Ultra von Qualität und Ökologie. Und es ist auch gelungen, das in den Köpfen vieler Menschen zu verankern. Die Faktenlage ist eine andere: Das Demeter Richtlinien-Niveau sind teilweise (Deutschland) oder komplett (Demeter International) schlechter als das von Bioland oder Biokreis. Und das Verhältnis einer Reihe von Demeter-Leuten (zum Glück nicht aller) zum wichtigsten Problem der Menscheit, dem Klimawandel, ist gefährliche Ignoranz oder schlicht Leugnen von Fakten. Und das was Euch besonders macht (Der Glaube an die Hörner, die Sterne, die Präparate und den Steiner-Koran) ist eben ein Glaube. Auch wenn Gläubige Menschen Gläubige Menschen - also sich selbst - (das zeigen soziologische Erhebungen) für die moralisch besseren Menschen halten - Es gilt auch hier für Nichtgläubige wie mich nur die Faktenlage, (und die steht dem Glauben entgegen) - alles andere als die Faktenlage (und die ist oft einfach: wir wissen es nicht) ist eben Glauben. Oder mit anderen Worten: Einbildung.
Keine Einbildung aber ist die Tatsache, dass das, was wir als Bios bisher an Nachhaltigkeit (einschließlich Klimaschutz) leisten, durch die Bank weg viel zu wenig ist und noch sehr weit weg von dem, was eine enkeltaugliche Lebensmittelwirtschaft ausmachen müsste.
"Unite behind the sience!" Machen wir uns endlich auf in eine Klimaneutrale Produktion über die gesamte Wertschopfungskette (Klimaneutral VOR Kompensation)! Es ist vollkommen gleichgültig ob die Kuh Hörner hat: Die Erzeugung von einem Liter Milch emittiert aktuell 1kg CO2e - Bio wie konventionell. Und wenn Kaufland bei der echten Klimaneutralität (auch der gehandleten Produkte) schneller und besser sein sollte als wir "echten Bio" (was ich nicht glaube...), dann ist es gut und richtig, wenn wir dann konsequenterweise vom Markt verschwinden.

Georg Rieck

Werter Hassaan Hakim,

sicher ist ein gewisser Opportunismus im Handel oftmals unumgänglich und tatsächlich sind es ganz sicher keine moralischen Gründe, die den LEH bewegen.

Doch daran zu glauben, dass der LEH zu einer „neuen Gesinnung“, zu einer „ökologischen Mission“ geführt wird halte ich für hochgradig naiv! Und ausgerechnet der kleine demeter-Verein vollbringt dieses Wunder … na herzlichen Glückwunsch - !

Dass billige Lebensmittel auf Kosten sozialer und ökologischer Standards produziert werden, ist ja kein Naturgesetz, sondern die Folge des Preisdrucks, den der LEH systematisch auf seine Vorstufen ausübt, nachdem der Discount dieses Schweine - System in den 1970igern hier eingeführt hat.
Seitdem sind Generationen von Einkäufern darauf getrimmt worden, Jahr für Jahr einen Preisvorteil herauszuschinden. Das ist die DNA des LEH und die Ursache für das Desaster.
Was glauben Sie, warum der LEH sich mit allen Künsten des Lobbyismus gegen das Lieferkettengesetz stemmt und die Umsetzung der „Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken (UTP)“ fürchtet, wie der Teufel das Weihwasser? Weil diese Initiativen wie die Genschere an ihrer DNA wirken würde.
Jetzt verpassen die Marketing-Abteilungen unseren Oligopolisten grüne Mäntelchen mit opportunistischen Stickereien – sehr hübsch – aber ein Hohn im Angesicht des „Genozids“ an unserer „indigenen Bevölkerung“, dem Kleinbäuerlichen System bis 1968…

Das Problem, das sich mir dabei schwarz entgegenstellt sind nicht die Schmerzen, verursacht durch Veränderung, sondern vielmehr die Zwangsläufigkeit des Qualitätsverlustes unter dem Preisdruck – denn der Preisdruck ist der natürliche Fressfeind jeglichen Qualitätsanspruchs.

Ja – vielleicht (Geheimverträge) haben sie unterschrieben, keinen Preisdruck auf demeter-Produzenten auszuüben – Wölfe fressen schon mal Kreide, wenn es opportun ist - aber sie üben ihn dennoch aus, nur viel subtiler, indem sie die demeter-Produkte dem Preis-Marketing unterwerfen. Das bedeutet, dass die Preiswahrnehmung für Bio-Produkte allgemein nach unten geschoben wird, der Konkurrent sich nicht lumpen lässt, ebenfalls die Preise senkt und weil er ja nicht unterschrieben hat, eben wieder die Vorstufe drückt… usf.

Es ist umgekehrt: Demeter eröffnet den „Ökos“ den Weg ins Haifischbecken – !

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