Biohandel

Wissen. Was die Bio-Branche bewegt

Wahre Preise

Das doppelte Preisschild

Trotz gestiegener Preise zeigen die Verkaufsschilder bei Lebensmitteln nach wie vor nur die halbe Wahrheit. Warum Bio-Produkte viel näher am „wahren Preis“ sind, aber eben noch nicht ganz, wie Kunden darauf reagieren und wie die Forschungslage zum Thema ist.

Berlin-Spandau ist nicht gerade bekannt für neue, frische Impulse. Aber was dort im Herbst 2020 für kurze Zeit stattfand, darf man getrost als kleine Revolution bezeichnen.

In der Vorzeige-Filiale des Discounters Penny wurde ein Heiligtum des Handels angetastet. Das Preisschild. Grelles Rot – kennt man. Signalgelb – ein alter Hut. Aber zwei Preise? Auf einem Preisschild? Für ein Produkt? Das war neu.

„Wir müssen dazu kommen, die Folgekosten unseres Konsums sichtbar zu machen“, hieß es damals in der Pressemitteilung von Penny. Acht Produkte – vom Apfel, über Kartoffeln und Milchprodukte bis zum Hackfleisch (jeweils konventionell und bio) – wurden doppelt ausgepreist.

Zum ersten Mal war der „wahre Preis“ in einem Supermarkt sichtbar. Also der Preis, den ein Produkt eigentlich kosten müsste, wenn einkalkuliert wäre, was die Produktion für Kosten in der Umwelt und der Gesellschaft verursacht hat. Zynischerweise fand diese kleine Revolution bei einem Discounter statt, dessen Sortiment zu großen Teilen aus konventionell hergestellten Lebensmitteln besteht. Die nachweislich deutlich höhere Folgekosten verursachen, als Bio-Ware.

Der Abschlussbericht der Zukunftskommission Landwirtschaft beziffert diese ökologischen Schäden auf satte 90 Milliarden Euro pro Jahr und stützt sich auf Zahlen der Unternehmensberatung Boston Consulting. Demnach belaufen sich „die externen Kosten der deutschen Landwirtschaft, die sich zum Beispiel durch Luftschadstoffemissionen, Wasserbelastungen sowie Bodendegradation ergeben, auf mindestens 40 Milliarden Euro pro Jahr.

Berücksichtigt man darüber hinaus den Verlust von Biodiversität – insbesondere der Vielfalt von Arten, Genen und Lebensräumen – und den damit einhergehenden Verlust von Ökosystemleistungen, dann erhöhen sich die geschätzten externen Kosten der Landwirtschaft um weitere 50 Millionen.“ Heißt: Die Preise im LEH sind eigentlich viel zu günstig. „Das ist zwar unbequem, aber die Realität“, bringt es Prof. Dr. Tobias Gaugler von der Technischen Hochschule Nürnberg auf den Punkt.

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Die wahren Kosten der Lebensmittel liegen teilweise bei über 200 Prozent des Verkaufspreises.

Umweltschäden beziffern

Wie die Bio-Branche aus Pennys „Wahre Verkaufspreise“-Studie lernen kann

Die versteckten Kosten von Lebensmitteln treiben die Branche schon lange um. Seit September werden sie auch von Penny thematisiert. Warum Bio dabei nicht nur positiv wegkommt, erklärt Studienleiter Tobias Gaugler.

Gaugler ist so was wie eine Koryphäe im Forschungsbereich „True Cost Accounting“, also der Forschung zu „wahren Preisen“. Er hat eine Methode entwickelt, um Umweltschäden bei der Herstellung in den Preis von Tomaten, Hackfleisch, Milch und Co. einzupreisen. Und zwar beim konventionellen Anbau und beim ökologischen.

Gaugler war es auch, der Penny bei dem Modell-Versuch in Spandau wissenschaftlich zur Seite stand. Weil er die mediale Öffentlichkeit und Sichtbarkeit für das Thema enorm wichtig findet. „Die vier Treiber bei diesen externen Kosten sind der CO2-Aussstoß, die Nitrat-Belastung, der Energieverbrauch und die Landnutzungs-Änderung“, erklärt der Wissenschaftler. „Die haben wir mit Daten unter anderem vom IPCC oder dem Umweltbundesamt monetarisiert und auf den Kilo-Preis runtergerechnet.“

Herausgekommen sind Preise, die ein klares Bild schaffen. Und so faire Markt-Bedingungen herstellen würden. Konventionelles Fleisch müsste demnach dreimal so teuer sein, bei konventioneller Milch liegt der wahre Preis 30 Prozent höher. Bei Obst und Gemüse sind es „nur“ um die 20 Cent mehr pro Kilo. Vor allem der Energieaufwand für die Herstellung von Futtermitteln, die Treibhausgase und der Stickstoff-Dünger treiben den echten Preis bei tierischen Produkten nach oben.

Diese Schäden werden aktuell nicht abgebildet, sondern durch die Gesellschaft aufgefangen. Zum Beispiel wenn in Folge des Klimawandels Flut-Katastrophen ganze Dörfer wegspülen, wie im Ahrtal. Oder das Trinkwasser von Düngemittel- oder Pestizid-Rückständen gereinigt werden muss und die Wasserwerke deshalb die Preise erhöhen.

„Der verantwortungsvolle Konsument zahlt die Rechnung.“

Prof. Dr. Tobias Gaugler, Technische Hochschule Nürnberg

Laut dem Pestizid-Experten der Grünen Liga, Tomas Brückmann, ist das „schon längst kein Geheimnis mehr. Ein Forschungsprojekt des Umweltbundesamtes und des Umweltforschungszentrum Leipzig hat innerhalb eines kürzlich abgeschlossenen Projektes bundesweit Cocktails von Pestiziden in Kleingewässern gefunden, häufig in Konzentrationen über dem RAK-Grenz­wert. In vielen der großen deutschen Fließgewässern sind pestizidempfindliche Organismengruppen sehr selten geworden.“ Auch durch die Luft würden die Pestizide weitergetragen, die Biodiversität erleide „gigantische Verluste“.

„Der verantwortungsvolle Konsument zahlt die Rechnung“, so Gaugler. Also auch die Familie, die sich komplett ökologisch ernährt. Und ja: Auch Bio-Lebensmittel wären nach diesen Berechnungen teurer. Aber dank ihrer deutlich nachhaltigeren Erzeugung viel weniger stark als konventionelle. Bio-Milch zum Beispiel nur um zehn Prozent.

„Die Preis-Lücke würde sich weiter schließen“, so Gaugler. Die Preise würden sich noch mehr annähern, wenn weitere Faktoren wie das Tierwohl, Biodiversität, Pflanzenschutz oder eine faire Entlohnung für Bäuerinnen und Bauern mit in die Berechnungen einfließen würden. Und wenn der Maßstab beim Vergleich nicht nur das EU-Biosiegel wäre, sondern auch „strengere“ Bio-Label wie Naturland, Bioland oder Demeter. Denn hier wird noch umweltschonender gewirtschaftet.

„Nur mit wahren Preisen kann ein Wirtschaften innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen und somit eine wahrhaft enkeltaugliche Lebensmittel- und Landwirtschaft gelingen.“

Tina Andres, BÖLW-Vorsitzende

Tina Andres vom Bio-Spitzenverband BÖLW will die „wahren Preise“ stärker auf die Agenda setzen. „Das Marktversagen muss endlich beendet werden. Denn nur mit wahren Preisen kann ein Wirtschaften innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen und somit eine wahrhaft enkeltaugliche Lebensmittel- und Landwirtschaft gelingen.“ Bizarrerweise sorgte die globale Krisenlage zuletzt für mehr Transparenz. Denn: Die starken Preis-Anstiege durch Inflation und die Energie-Krise spülten das Thema plötzlich aufs Kassenband. Und sie trafen vor allem konventionelle Ware.

Faktor Dünger: Die konventionelle Landwirtschaft setzt beim Anbau auf Düngemittel, die in der Herstellung extrem viel Energie verbrauchen, vor allem Gas. Das ist aufgrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine deutlich teurer geworden. Diese Mehr-Kosten wurden auf die Lebensmittelpreise umgelegt. Bio-Produkte betrifft das kaum, denn im Ökolandbau sind diese Dünger verboten. Also stiegen die Preise hier weniger stark.

Inflation

  • Wenn die Preise flächen­deckend steigen, befindet sich die Wirtschaft in der Inflation. 
  • Laut Statistischem Bundesamt lag die Inflationsrate 2022 mit 7,9 Prozent so hoch wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. In den 70er Jahren war sie schon mal ähnlich hoch, damals in Folge von teuren Ölpreisen. Auch diesmal sind die Energiepreise der Hauptauslöser, weil sie die Produktion verteuern.
  • Als Folge der Inflation und den gestiegenen Lebenshaltungskosten wird weniger konsumiert. Die Europäische Zentralbank versucht deshalb, mit einem höheren Leitzins einzugreifen. Die Idee dahinter: Kredite werden teurer, die Kauflaune sinkt. Um wieder Menschen in den Laden zu bewegen, müssen Geschäfte die Preise senken. Die Inflation geht langsam zurück.

Faktor Transport: Die Rohstoffe müssen vom Feld zur Verarbeitung und dann in den Handel kommen. Oft mit dieselbetriebenen Lastwagen. Die Diesel-Preise sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 30 Prozent gestiegen. Im Biohandel wird oft auf regionale Strukturen gesetzt. Kurze Wege vom Acker bis in den Markt. Auch das sorgt für weniger stark gestiegene Preise. Beispielsweise erntet Voelkel Möhren und Rhabarber in der unmittelbaren Nachbarschaft und Zwergenwiese aus Schleswig-Holstein baut zahlreiche Zutaten für seine Bio-Aufstriche in Norddeutschland an. Insgesamt 60 Prozent der deutschen Bio-Firmen beziehen ihre Rohwaren aus einem Umkreis von durchschnittlich 228 Kilometern.

Deshalb haben sich die Preise von Bio und konventionell hergestellten Produkten zuletzt stark angeglichen. Bio-Butter kostete weniger als das irische Markenprodukt, Pasta-Produkte lagen fast gleichauf. Bio als Inflationsbremse. Die Ehrlichkeits-Lücke beim Preis wurde kleiner. Aber: Sie ist immer noch verzerrt.

Was helfen könnte? Eine Mehrwertsteuer-Entlastung oder sogar Streichung auf Bio-Produkte. Das fordert Johanna Kriegel vom Verein True Cost Economy, der sich dafür einsetzt, dass Verkaufspreise die wahren Preise von Produkten widerspiegeln. Sie sammelte mit ihrem Team zuletzt fast 25.000 Unterschriften für eine Streichung der Mehrwertsteuer auf alle Bio-Produkte.

„Bio-zertifizierte Produkte, die weniger Kosten in ihrer Herstellung für Mensch, Umwelt und Tier verursachen, sollten geringer besteuert werden, als Produkte, die im Hinblick auf ihre externen Kosten teurer sind. Einen null Prozent Mehrwertsteuersatz für langfristig günstigere Produkte einzuführen ist gerade jetzt die richtige Maßnahme, um den nachhaltigen Konsum auch in Krisenzeiten aufrechtzuerhalten“, argumentiert True Cost Economy.

Auch der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) ist für so einen Schritt: „Als Bürger und Bio-Konsument zahlt man derzeit doppelt für Umwelt- und Klimaschutz. Daher sollte die Besteuerung von nachhaltig und ökologisch erzeugten Lebensmitteln und Naturwaren reduziert werden. Seitens der Bundesregierung wäre das ein wichtiges Signal, dass mehr Bio auch im Absatz gewollt ist.“

Aus der Politik kommen, zumindest was die Besteuerung von Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten angeht, positive Signale. Bundes-Ernährungsminister Cem Özdemir fordert, die Mehrwertsteuer für diese Produkte auf Null zu setzen. Vorbild ist Spanien, wo Grundnahrungsmittel seit dem Jahreswechsel komplett von der Mehrwertsteuer befreit sind, um die Bevölkerung zu entlasten. Allerdings würde so ein Schritt auch konventionelle Lebensmittel einschließen.

Tina Andres vom BÖLW pocht auf den Unterschied: „Bis heute lassen sich mit einer konventionellen Wirtschaftsweise Gewinne verbuchen – obwohl gleichzeitig die Lebensgrundlagen für kommende Generationen zerstört werden. Das große Marktversagen bei Lebensmitteln muss durch neue Bilanzierungs-, Steuer- und Fördersysteme aufgelöst werden.“

Allerdings sitzt im Bundesfinanzministerium mit FDP-Chef Christian Lindner jemand, der Steuersenkungen auf Lebensmittel eine Absage erteilt hat. Obwohl renommierte Wirtschafts-Forschungsinstitute wie das DIW die Ausfälle für die Staatskasse als verkraftbar einschätzen, weil nur rund fünf Prozent der Mehrwertsteuer-Einnahmen durch Lebensmittel generiert werden. Zudem spült die Inflation gerade viel Geld in die Steuersäcke. Und die Vorstöße stehen ja eigentlich für eine ur-liberale Politik: faire Marktbedingungen.

Unternehmen und Organisationen ergreifen Initiative

Andere haben deshalb schon länger selbst die Initiative ergriffen. Zum Beispiel der holländische Bio-Obst- und Gemüse-Händler Eosta, der auf seiner Homepage per Ticker auflistet, wie viel Wasser, CO2 und Bodennutzung seine Produkte im Vergleich zu konventionellen Produkten eingespart haben.

Oder die Initiative „Du bist hier der Chef“, bei der sich Verbraucherinnen und Verbraucher zusammenschließen und Produkte nach ihren ökologischen und sozial verträglichen Idealvorstellungen per Voting demokratisch kreieren. Und sie durch Kooperationen mit Landwirtschaft und Handel dann auch wirklich real kaufen können.

Und die Preisschild-Revolution in Spandau? Zur Erinnerung: Bei den ausgelabelten, wahren Preisen waren immer konventionelle und Bio-Artikel gegenübergestellt. „Die Kunden waren überrascht, dass Bio-Artikel auch teurer wären. Das war die eine Reaktion. Und viele haben sich auch gefragt, wie sie das bezahlen sollen. Mit einer kleinen Rente zum Beispiel“, fasst Penny-Pressesprecher Andreas Krämer das erste Kunden-Feedback zusammen. „Die Tendenz ging dann etwas mehr hin zu den Bio-Artikeln. Aber es war sehr schwierig während der Pandemie, eine umfassende Befragung zu machen.“

Die Forschung wird ausgebaut

Die „wahren Preise“ bezahlen konnten die Kunden nicht, weil das im Kassensystem schwer abzubilden gewesen wäre. Außerdem: Wohin mit den Mehreinnahmen? In einen Fonds, um Wälder wieder aufzuforsten? „Dafür gab es erstmal keine Antwort.“ Also blieb es bei der reinen Information. Und nur bei einem kurzen Intermezzo. Weil die Corona-Pandemie das Einkaufsverhalten stark veränderte, entschied sich Penny, den Versuch abzubrechen.

„Die Kunden haben das aber wahrgenommen und wir finden nach wie vor, dass es wichtig ist, darüber zu informieren. Ohne mit dem Zeigefinger auf andere zu zeigen. Denn uns ist auch klar: Wir sind Teil des Problems“, so Krämer. Stimmt, denn mit acht Milliarden Euro Umsatz hat Penny die Power, ökologisch-nachhaltige Landwirtschaft viel stärker zu fördern. Noch in diesem Jahr soll das Projekt in größerem Rahmen mit mehr Konsequenz wiederbelebt werden.

Auch die Forschung zu den wahren Preisen wird ausgebaut. Denn: Mit sieben Millionen Euro fördert die EU ein neues Projekt mit Forschenden um das Team von Prof. Gaugler, an der TH Nürnberg, der dänischen Uni Aarhus oder der Uni Oxford, um die externen Kosten künftig noch besser berechnen zu können. Und um auch Faktoren wie Pestizide oder das Tierwohl mit einzubeziehen. „Damit werden wir die Zukunft der nachhaltigen Ernährung entscheidend mitgestalten“, freut sich Prof. Gaugler. Es bewegt sich also etwas.

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