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Coronakrise

Bio-Großhändler am Limit

Wenn Bioläden und Lieferdienste ihre Kapazitäten voll ausschöpfen, dann hat auch die Vorstufe alle Hände voll zu tun. Wir fragten drei Bio-Großhändler, wie die Corona-Krise ihren Arbeitsalltag verändert hat, ob zusätzliche Fahrten und Arbeitskräfte erforderlich sind und ob es zu Engpässen kommen kann.

30.03.2020 vonHorst Fiedler

Wenn Bioläden und Lieferdienste ihre Kapazitäten voll ausschöpfen, dann hat auch die Vorstufe alle Hände voll zu tun. Wir fragten drei Bio-Großhändler, wie die Corona-Krise ihren Arbeitsalltag verändert hat, ob zusätzliche Fahrten und Arbeitskräfte erforderlich sind und ob es zu Engpässen kommen kann.

Weiling: 300 zusätzliche Arbeitsstunden pro Tag

Der Bio-Großhändler Weiling GmbH beschäftigt an den Standorten Coesfeld und Lonsee 700 Mitarbeiter und liefertbundesweit. Umsatz 2019: rund 260 Millionen Euro. Artikel: 12.000. Die Antworten von Weiling:

BioHandel: Wie hat sich die Arbeitssituation bei Weiling verändert?

Weiling: Eine solche Situation haben wir uns bislang nicht vorstellen können. Durch das gestiegene Arbeitsvolumen haben wir intensiv zu tun. Dabei setzen die anwesenden MitarbeiterInnen die notwendigen Hygienemaßnahmen um. Bei allem Ernst der Lage wird auch jetzt ein tolles WEILING-WIR-GEFÜHL tagtäglich mit Leben gefüllt.

Welche Maßnahmen wurden zum Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter getroffen?

Jeder Mitarbeiter kennt die gültigen Hygieneanweisungen des RKI und ist zur Einhaltung verpflichtet. An allen Zugängen und Knotenpunkten im Unternehmen ist Händedesinfektion Pflicht. Alle Fahrer sind mit Desinfektionsmitteln ausgestattet. Jegliche Arbeitsmittel im Lager und neuralgische Punkte wie Türen, Handläufe usw. werden permanent desinfiziert.

Weitere Maßnahmen zielen darauf ab, möglichst wenig Mitarbeiter zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu haben, beispielsweise gibt es im Bistro keine Selbstbedienung mehr, die Stuhlanzahl je Tisch wurde um den notwendigen Abstand vergrößert, die möglichen Pausenzeiten verlängert, Teams neu organisiert und separiert. Mitarbeiter mit einer Vorerkrankungen oder sonstigen Sondersituationen arbeiten von zu Hause ….um einige Beispiele zu nennen.

Haben Sie zusätzliche Mitarbeiter/innen für die Mehrarbeit eingestellt? Wie viele?

Den ersten Schub haben wir mit allen abkömmlichen MitarbeiterInnen aus dem Bürobereich bewältigt. Jetzt schaffen wir gerade zusätzliche Personalkapazitäten, um das in dieser Woche nochmals gestiegene Mengenvolumen besser zu bedienen. Die Zahl schwankt je nach Bedarf bzw. eingegangenen Bestellungen. Wir haben ein tagesaktuelles Einsatz-System entwickelt, um die Versorgung der Weiling-Kunden so umfänglich wie möglich sicher zu stellen. Dazu sind aktuell rund 300 zusätzliche Arbeitsstunden je Tag notwendig.

Kann die Auslieferung mit der bestehenden Flotte bewerkstelligt werden?

Das ist natürlich, wie bei allen anderen Lebensmittel-Großhändlern in Deutschland, neben dem Personal derzeit der limitierende Faktor und je nach Ausliefertag müssen Produkte, die nicht zwingend gebraucht werden wie z.B. Wasser in Glasflaschen, dann leider auf die Auslieferung warten. Auch ein TK-Container konkurriert mit 200 kg weniger auszuliefernder Trockenware je Stellplatz. Hier entscheiden wir solidarisch und fair im Sinne aller längjährigen Weiling-KundenInnen. Es gibt keine Selektion oder Bevorteilung einzelner Kunden oder Systeme.

Lässt sich die Umsatzsteigerung bereits beziffern? Wie hoch ist das Plus?

Im Schnitt konnten wir mit allen getroffenen Maßnahmen und dem Einsatz aller Weilinger diese Woche die Versorgunsquote um 62 Prozent erhöhen. In Volumina heißt das beispielsweise, dass wir seit dem 1. März rund 7.500 zusätzliche Rollwagen ausgeliefert haben, das entspricht 250 zusätzlichen Lkw-Touren.

Gibt es bereits Rückgänge bei der Belieferung der Gastronomie / AHV?

Dieser Bereich macht bei uns einen eher kleineren Anteil aus und fällt somit derzeit nicht ins Gewicht.

Kann es bis Ostern zu Engpässen bei einzelnen Waren(-segmenten) kommen?

Hier können wir zum jetzigen Zeitpunkt keine definitiven Aussagen treffen. Wir sind aber in intensiven Vorbereitungen und Gesprächen mit allen Lieferanten. Auch dort spüren wir, dass alles Mögliche getan wird.

Wo gibt es bereits Engpässe?

Wirkliche Waren-Engpässe haben wir keine. Natürlich gibt es durch begrenzte Produktionskapazitäten z.B. im Trockenbereich auf Seiten der Hersteller ein paar Verzögerungen. Hier wird der Fokus richtigerweise auf die Mengenträger (Schnelldreher) gelegt. Im Obst- und Gemüsebereich ist die Verfügbarkeit ähnlich gut. Die limitierenden Faktoren sind dabei die unkalkulierbaren Verzögerungen an den Ländergrenzen und die verfügbare Personalstärke auf den Feldern sowie den Betrieben (kaum verfügbare Saisonkräfte). Wir stimmen uns intensiv mit den Erzeugern ab und finden derzeit sehr gute Lösungen.

Wie steht es um Waren aus Italien, gibt es Lieferschwierigkeiten?

Grundsätzlich haben Speditionen derzeit wenig bis keine Rückfrachten aus anderen Bereichen, was z.T. Leerfahrten in die Länder unserer Lieferanten verursacht. Um hier unsere Warenversorgung weiter zu gewährleisten und um die Speditionen sowie unsere Lieferanten bei dieser besonderen Herausforderung zu unterstützen, überprüfen wir jede einzelne Kostensituation und korrigieren diese überall dort, wo es zur Aufrechterhaltung der Warenversorgung notwendig ist.

Was sind weitere Vorkehrungen und Pläne im Zusammenhang mit der Corona-Krise bei Weiling?

Wir stehen eng mit unseren Kunden sowie Lieferanten in Verbindung und halten uns topaktuell informiert. Da eine solche Situation einzigartig ist und damit auch der weitere Verlauf nicht vorher zu sehen ist, besprechen wir tagtäglich mit Bernd Weiling, Peter Meyer und den Führungskräften in kleineren, kurzen Runden die Situation und treffen entsprechende Maßnahmen. Zum Teil natürlich auch vorbereitend wie z.B. für eine mögliche Ausgangssperre.

Volle Rollwagen bei Weiling in Coesfeld.

Bodan: Kommissionierer laufen bis 33 Kilometer am Tag

Die Bodan Großhandel für Naturkost GmbH versorgt rund 550 Bio-Verkaufsstellen in ganz Süddeutschland und darüber hinaus. Umsatz 2018: 75,7 Millionen Euro, 12.000 Artikel, 220 Mitarbeitende. Die Antworten von Bodan:

BioHandel: Wie hat sich die Arbeitssituation bei Bodan verändert?

Bodan: Die erhöhte Nachfrage sorgt dafür, dass alle an der Belastungsgrenze arbeiten.
In unserem Lager am Firmensitz in Überlingen ist der enorme Warenfluss nur dank des außerordentlichen Einsatzes der Mitarbeitenden zu stemmen. Aktuell läuft ein Kommissionierer bis zu 33 Kilometer am Tag. Um Ausfälle zu kompensieren, haben wir zusätzliche Leute engagiert. Auch die Transportlogistik rollt an der Belastungsgrenze. Es ist toll zu erleben, dass wir so ein starkes Team haben, in dem jeder beherzt mit anpackt und alle einander helfen. Dafür sind wir sehr dankbar.

Welche Maßnahmen wurden zum Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter getroffen?


Wir haben strikte Hygienemaßnahmen eingeführt, Prozesse verändert, um Kontakte zu vermeiden, Gruppen separiert, Mitarbeitende wo möglich ins Homeoffice geschickt. Eine Corona Task-Force beobachtet die Lage und bespricht sich regelmäßig, um nötige Maßnahmen zu ergreifen.

Für uns gilt es Balance zu halten: Wir wollen die Versorgung mit Bio-Lebensmitteln so gut wie möglich sicherstellen und gleichzeitig dafür Sorge tragen, dass unsere Mitarbeitenden sich optimal schützen und sich nicht überarbeiten. Weniger kann da bisweilen mehr sein.

Haben Sie zusätzliche Mitarbeiter/innen für die Mehrarbeit eingestellt? Wie viele?

Ja. Außerdem helfen Mitarbeitende, die eigentlich in anderen Abteilungen tätig sind, im Lager mit.

Kann die Auslieferung mit der bestehenden Flotte bewerkstelligt werden?

Auch die Fahrer und Ladekapazitäten sind voll ausgelastet. Es kann daher vorkommen, dass die Fahrer erst zu späteren Uhrzeiten als üblich anliefern.

Lässt sich die Umsatzsteigerung bereits beziffern? Wie hoch ist das Plus?

In der ersten Märzhälfte lagen die Umsätze insgesamt etwa 50 Prozent über dem entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Gibt es bereits Rückgänge bei der Belieferung der Gastronomie / AHV?

Dazu befragen Sie besser unseren Partner EPOS.

Anmerkung der Redaktion: Laut Hermann Oswald, Geschäftsführer der EPOS BioPartner Süd, gibt es zurzeit keine Umsätze mehr, nachdem alle Restaurants schließen mussten. Das werde auch mindestens 14 Tage so bleiben. Die weitere Entwicklung müsse abgewartet werden.

Kann es bis Ostern zu Engpässen bei einzelnen Waren(-segmenten) kommen?

Aufgrund der Gesamtsituation in Europa und der Grenzschließungen kann es bei einzelnen Produkten Lieferverzögerungen oder Nachschubschwierigkeiten geben. Wir sollten uns darauf einstellen, dass nicht in allen Produktgruppen immer die ganze Palette verfügbar sein wird.
Eine Stärke unserer Region ist, dass wir hier überdurchschnittlich viele Bio-Höfe haben, die eine große Vielfalt von Obst und Gemüse anbauen. Zu den Höfen pflegen wir enge Beziehungen und die Transportwege sind kurz.

Wo gibt es bereits Engpässe?

Desinfektionsmittel ist kaum verfügbar. Besonders überdurchschnittlich ist die Nachfrage nach Getreideprodukten und Drogerie-Artikeln. Hier kommt es vor, dass manche Produkte tageweise nicht lieferbar sind. Es gibt aber i.d.R. dann rasch wieder Nachschub.

Wie steht es um Waren aus Italien, gibt es Lieferschwierigkeiten?

Aufgrund erhöhter Nachfrage, erschwerter Transportbedingungen infolge von Grenzschließungen und personeller Engpässe haben uns einige Lieferanten aus Italien, Spanien und Frankreich mögliche Einschränkungen in der Lieferfähigkeit mancher Produkte angekündigt. Wir bemühen uns, möglichst vergleichbare Alternativen anzubieten.

Was sind weitere Vorkehrungen und Pläne im Zusammenhang mit der Corona-Krise bei Bodan?

Um auf verschiedene Fälle vorbereitet zu sein und konzertiert zu agieren, haben wir eine „Task-Force Corona“ mit Führungskräften aus allen Abteilungen eingerichtet. Sie hat die Entwicklung im Blick und erarbeitet Szenarien, die es uns auch bei Einschränkungen ermöglicht, die Warenversorgung so gut wie möglich zu gewährleisten - in der Hoffnung, dass die angedachten Notlösungen nicht zum Tragen kommen müssen.
Wir sind dankbar für die große Solidarität und das starke Miteinander in unserem Unternehmen genauso wie in der Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten und Kunden. Ein Handeln mit Bedacht und gegenseitigem Verständnis, in dem jeder tut was er kann, um zu einer bestmöglichen Versorgung beizutragen.
Wir haben die Kommunikation mit unseren Partnern und Läden intensiviert. Wir wollen Wissen und Erfahrungen miteinander teilen, um uns gegenseitig zu unterstützen und für verschiedene Krisenfälle bestmöglich gerüstet zu sein.

Rollwagen-Flut und eilender Mitarbeiter bei Bodan.

Dennree: Absatzplus drückt nicht die höhere Arbeitsbelastung aus

Die Dennree-Gruppe versorgt rund 1.400 Bio-Verkaufsstellen, darunter die eigenen Denn's-Märkte. Umsatz 2019: 1,12 Milliarden Euro, 6.600 Beschäftigte. Dennree hat die Fragen nicht der Reihe nach beantwortet, sondern ist in einem Statement auf die Fragestellungen eingegangen:

„Wir bei dennree tun alles, um eine bestmögliche Versorgung unserer Märkte und damit unserer Kundinnen und Kunden sicherzustellen. Ein generelles Versorgungsproblem sehen wir aktuell nicht.

Die größte Herausforderung besteht in der Spitzenbelastung der Intralogistik, die aus der bundesweit sehr hohen Nachfrage nach Produkten des täglichen Bedarfs in den Naturkostfachmärkten resultiert. Daher haben wir die Lieferungen aufgestockt, unser Sortiment bedarfsgerecht angepasst und eine gerechte Verteilung der Ware an die Märkte sichergestellt.

Bei Bedarf arbeiten wir auch mit externen Dienstleistern und Speditionen zusammen. Zwar können wir aufgrund der hohen Nachfrage eine Umsatzsteigerung verzeichnen, der momentan erzielte Absatz drückt allerdings nicht die zusätzliche Arbeitsbelastung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Geschäftspartner aus, die in dieser besonderen Situation unermüdlichen Einsatz zeigen.

Zur Entspannung der Personalsituation stellen wir kurzfristig zusätzliche Fachkräfte, Aushilfen, Studierende und auch gerne Beschäftigte aus akut geschlossenen Betrieben ein.

In enger Abstimmung mit den zuständigen Behörden und Gesundheitsämtern treffen wir in all unseren Unternehmensstandorten, Lagern und Märkten verschiedene Maßnahmen, um die Gesundheit aller Beteiligten zu schützen. Unter anderem wurden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umfänglich über Übertragungswege, Symptome und wirksame Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus informiert. Für die Öffentlichkeit sichtbar sind die Schutzmaßnahmen vor allem in den Biomärkten. Hier installieren denn’s Biomärkte sowie viele Fachhändler im Kassenbereich aktuell Plexiglasscheiben, die das Infektionsrisiko weiter reduzieren sollen.

Durch Anpassungen in der Ladengestaltung und Markierungen am Boden versuchen wir die Einhaltung der Abstandsregelungen zu erleichtern. In einigen Märkten ist es zusätzlich notwendig, die erlaubte Personenanzahl zu beschränken. Unsere Kundinnen und Kunden bitten wir über Aushänge, verstärkt auf Hygiene- und Abstandsregeln zu achten sowie mit Besonnenheit und Verständnis auf die besondere Situation zu reagieren.

Durch die Dynamik der aktuellen Situation bewerten wir unsere Vorgehensweise täglich neu und nehmen bei Bedarf Anpassungen vor bzw. entscheiden zum gegeben Zeitpunkt situativ. Nur so können wir uns bestmöglich und schnell auf die jeweilige Situation einstellen.“

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