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Community-Läden: Was gemeinschaftlich organisierte Bio-Märkte anders machen

Hochwertige Lebensmittel für Mitglieder, finanzielle Sicherheit für die Ladner – das sind die wichtigsten Vorteile von Community-Läden. In Deutschland entstehen immer mehr gemeinschaftsbasierte Supermärkte mit nachhaltigem Sortiment.

Evi Demmler hat einen Plan: Sie möchte ihren Bio-Supermarkt im Ostallgäu zu einem Community-Laden umwandeln. Ihrem Geschäft geht es wie vielen im Fachhandel: „Nicht soo schlecht – aber es läuft nicht mehr rund“, sagt Demmler. Umsätze, die automatisch wachsen, das war einmal. „Mit den üblichen Werkzeugen kommen wir da nicht mehr weiter“, so die Geschäftsführerin von bio – Ihr Biomarkt im Ostallgäu.

Der Großhändler Bodan informierte über alternative Wirtschaftskonzepte. So entstand bei Evi Demmler die Idee, ihren Laden auf die Füße möglichst vieler Unterstützenden zu stellen. Hilfe erhält sie dabei von dem Beratungsunternehmen Myzelium. Mit ihrer Stammkundschaft im Boot möchte die Ladnerin auch ihren Supermarkt gegen den Bio-Filial-Trend krisenfest machen.

Drei Prinzipien: Miteigentum, Mitarbeit und Preistransparenz

Das Konzept der gemeinschaftlich organisierten Bio-Märkte ist nicht neu, aber trotzdem ein Hype.

Evi Demmlers Vorbild ist gar nicht so neu und trotzdem ein Hype: Die Park Slope Food Coop im New Yorker Stadtteil Brooklyn existiert seit 1973. Lebensmittel von hoher Qualität zu niedrigen Preisen ist das Hauptziel dieser Genossenschaft – zum Sortiment gehört ein großzügiger Anteil an Bio-Lebensmitteln. Wer dort einkaufen will, muss Mitglied sein, zahlt eine einmalige Beitritts- und eine monatliche Mitgliedsgebühr und muss einmal alle sechs Wochen knapp drei Stunden mitarbeiten. Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl.

Die Mitglieder stemmen 75 Prozent der anfallenden Arbeit und können auch über Ladenstrategien mitbestimmen. So zumindest ist es auf der Webseite nachzulesen. Das Modell übersprang den Atlantik und landete in Paris, wo 2017 La Louve eröffnete. Es folgten Food Coop-Supermärkte in französischen Großstädten, in Brüssel, Lissabon.

In Deutschland entstand 2020 Super Coop Berlin, 2021 kam Food Hub in München dazu; in Köln ist Köllektiv am Start, in Hamburg und Bremen haben sich weitere Initiativen für Super Coops auf dem Weg gemacht.

Es sind nicht immer reine Bioläden, aber die Initiatorinnen und Initiatoren haben sich auf ein nachhaltiges, umweltfreundliches, möglichst ökologisches, regionales und saisonales Sortiment geeinigt, das kleinen Produzenten und Lieferanten das Überleben sichern soll und gleichzeitig den Mitgliedern niedrige Preise. Es geht um mehr als einen Einkaufsort, es geht um gemeinsames Tun.

Food Hub beansprucht für sich die drei Prinzipien Miteigentum, Mitarbeit und Preistransparenz. Die Münchner schlagen einheitlich 30 Prozent auf den Einkaufspreis auf. Genossen und Genossinnen arbeiten dort einmal im Monat drei Stunden mit, zahlen einmalig eine Einlage von mindestens 180 Euro und geben zusätzlich ein Darlehen. Dafür finden sie eine Auswahl an 4.500 Produkten. Über 2.000 Genossen sind schon mit auf dem Weg, ab 2.500 erreiche man die Gewinnzone, berichtet Quentin Orain, einer der Gründer des Münchner Food Hub.

Mitgliederbeiträge geben den Läden Sicherheit

Für die Bios sind Mitgliederläden nichts Neues. Wenn der Begriff Food Coop oder Lebensmittelkooperative fällt, erinnern sich Bio-Pioniere an die Anfangszeiten in den 1970er-Jahren, als einige Landwirte und Hersteller schon begonnen hatten, ökologisch zu wirtschaften, aber Bioläden und Bio-Vertriebswege noch nicht etabliert waren.

Damals schlossen sich Verbraucher aus der alternativen Szene zu Einkaufsgemeinschaften zusammen, um Öko-Lebensmittel direkt von den Produzenten zu beziehen. Solche Einkaufsgemeinschaften gibt es immer noch. Manche organisieren nur die gemeinsame Bestellung, andere betreiben ein Gemeinschaftslager und wieder andere haben einen Mitgliederladen eingerichtet, der sich gelegentlich auch Außenstehenden öffnet. Man besorgt die Waren direkt beim Produzenten oder im Großhandel und bekommt sie dadurch preiswerter als im Bioladen. Nebenbei schafft das Tun Kontakte und verstärkt den Austausch untereinander.

„Wir haben eine richtig gute Kundenbindung!“

Doris Langfeldt, Inhaberin des Mitgliederladens Brennessel in Kiel

Ein klassischer, aus einer Einkaufsgemeinschaft gewachsener Mitgliederladen ist die Brennessel in Kiel. Mitglieder zahlen monatlich einen Beitrag: Erwachsene 17 Euro, Kinder vier Euro. Dafür kaufen sie im Laden günstiger ein. „Meine Kunden sparen damit richtig Geld, 25 bis 30 Prozent“, sagt Inhaberin Doris Langfeldt. Die monatlichen Beiträge decken die fixen Kosten des Ladens wie etwa für Personal und Miete. Nichtmitglieder kaufen zum normalen Bioladenpreis.

Die Brennessel gedeiht seit über 30 Jahren. Wie sie durch die Krise der Jahre 2022/23 gekommen sei? „Gut!“ findet die Inhaberin. Wobei es ihr prinzipiell nicht darum gehe, viel Gewinn einzustreichen. Die Mitgliederbeiträge geben ihr Sicherheit und dem Laden Stabilität, davon ist sie überzeugt. „Wir haben eine richtig gute Kundenbindung!“ In den vergangenen zwei Jahren habe sie Mitglieder dazugewonnen.

Bei Bissfest, einem anderen Kieler Mitglieder-Bioladen lief es nicht so rund. „Im letzten Jahr war’s brenzlig“, berichtet Inhaberin Susanne Maaß. Sie wusste nicht, wie weiter. „Da hab ich den Mitgliedern klar gesagt: Es ist knapp. Dann waren auf einmal alle wieder da und es gab viel Unterstützung.“

Community-Modelle im Überblick

Das Mitarbeit im Community-Laden stärkt die Gemeinschaft.

Mitgliederläden
Mitglieder zahlen ein einmaliges Darlehen und einen monatlichen Beitrag an den Laden. Dafür profitieren sie von einem Rabatt auf alle Produkte. Die Inhaber bleiben Entscheider.

Genossenschaft
Genossenschaftsläden gehören den Mitgliedern. Diese erhalten Rabatte. Sie bestimmen mit und wählen einen Aufsichtsrat, der einen geschäftsführenden Vorstand bestimmt.

Super Coops
Super Coops sind als Genossenschaft organisiert. Neben einer Einlage und einem Monatsbeitrag arbeiten die Genossen zwei bis drei Stunden pro Monat mit. Das ermöglicht günstige Preise.

Community-Läden
Kunden werden zu Mitgliedern, die einen Teil des Jahresumsatzes garantieren. Sie zahlen Beiträge im Voraus, für die sie dann im Laden einkaufen. Der Inhaber behält Entscheidungsgewalt.

Es geht um mehr als nur um den Verkauf von Bio

In Stuttgart entstand 1998 der Bio-Mitgliederladen Plattsalat. Heute stehen vier Mitgliederläden unter dem Schirm des Plattsalat-Vereins, drei Biound der Unverpacktladen, Wandel Handel. Die Läden sind ähnlich organisiert wie selbstverwaltete Betriebe, Mitglieder können ihre Vorstellungen einbringen. Es geht den Betreibenden um mehr als Handel: um solidarisches Miteinander, um die Bereicherung des Lebens im Quartier, um die Veränderung gesellschaftlichen Handelns.

Der Verein organisiert Informationsveranstaltungen, Führungen, Aktionen, ein kleines Urban Gardening-Projekt und einen Lastenradverleih. Bio-Mitgliederläden gibt es auch in Groß: Die LPG Biomarkt GmbH hat es in Berlin zu zehn Filialen gebracht, zum Teil mit Cafés oder Bistros. Die größte davon stellt im Prenzlauer Berg 18.000 Produkte auf 1.600 Quadratmetern Verkaufsfläche bereit. Die Mitgliedsgebühr von 17,90 Euro pro erwachsene Person soll sich ab einem monatlichen Einkauf von 35 Euro lohnen.

Manche Mitgliederläden gehen weiter und organisieren sich als Genossenschaft. Der Bioladen Reusten in einem 1.000-Seelen-Dorf bei Tübingen gehört schon seit 20 Jahren seinen Kunden. Sie gaben zunächst Darlehen und kauften schließlich das Geschäft, um dessen eigenständige Existenz zu retten. Einige arbeiten ehrenamtlich mit. Der Vorteil für die Genossinnen und Genossen: Einmal pro Monat genehmigen sie sich für den Großeinkauf je nach Anteil bis zu zehn Prozent Rabatt.

Ein Selbstläufer sei das trotzdem nicht, berichtet die Aufsichtsrätin Ursula Döttling-Vogt. Die Konkurrenz durch den LEH bedränge das kleine Lädle vehement: „Wir müssen werben, damit bei uns auch eingekauft wird“. Öfters sei es schon Spitz auf Knopf gestanden, zuletzt vor zwei Jahren, nach dem Coronahype. Der Vorteil der Genossenschaft: „Wenn’s klemmt, kann man schnell viele Mitstreiter mobilisieren“. Vielleicht würde es sonst den Laden nicht mehr geben, vermutet die Aufsichtsrätin.

Genossenschaftsmodell hat Vor- und Nachteile

Auch der Freiburger Quartiersladen, der vor rund 20 Jahren als Genossenschaft gegründet wurde, erlebte kritische Zeiten. Etwa als sich der Streit unter Mitgliedern über angemessene Coronamaßnahmen derart entzündete, dass Genossen austraten. Heute hat sich die Lage wieder beruhigt. Geschäftsführerin Christina Konietzny ist überzeugt, dass der genossenschaftliche Quartiersladen stabiler ist als andere Bioläden. „Wir hören oft: ,Das ist unser Laden‘. Die Genossenschaft bindet unsere Kundschaft.“

Sie sagt aber auch, eine Genossenschaft sei eine teure Rechtsform, die Mitgliederverwaltung aufwändig, Pflichtprüfungen und Mitgliedschaft im Prüfverband aufwändig und teuer. Und: „Es braucht viele Kunden und Mitglieder, die auch bei uns einkaufen und nicht nur hin und wieder einen Salat besorgen“.

Die Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft Landwege in Lübeck betreibt fünf Biomärkte und eine Bio-Bäckerei. Den Märkten gingen in den vergangenen Jahren Kunden verloren. So kam die Überzeugung auf: „Wir müssen etwas tun.“ Seit dem 29. Februar können die Genossen eine „Mitgliedschaft Plus“ beantragen. Bislang zahlten die Mitglieder eine einmalige Einlage und bekamen dafür einmal pro Monat zehn Prozent Rabatt auf einen Einkauf. Das „Plus“ steht für monatliche Beiträge, dafür gibt es einen konstanten Mitgliederrabatt.

„Die Resonanz ist stark“, freut sich Landwege-Vorstand Klaus Lorenzen. „Wir hatten schon nach zwei Monaten 150 neue Mitglieder.“ Lorenzen hofft: „Das bringt uns weg vom Hochpreisimage“. Er sieht die Neuerung als Chance, bestehende Kundschaft stärker zu binden und neue Kunden in die Läden zu holen.

Eine Bilanz nach 100 Tagen Plus-Mitgliedschaft lesen Sie hier:

Biofilialist

250 neue Mitglieder in 100 Tagen: So erfolgreich ist das neue Rabattmodell der EVG Landwege

Seit Ende Februar hat die EVG Landwege ein neues Mitgliedsmodell. Für einen Monatsbeitrag von 19 Euro gibt es auf jeden Einkauf und im Bistro 12 Prozent Rabatt. Die erste Bilanz nach 100 Tagen fällt positiv aus.

Das Community-Modell: Engagierte Kundschaft

Relativ neu ist die Organisationsform des CommunityLadens, so wie sie die von Evi Demmler beauftragte Gemeinschafts-Unternehmensberatung Myzelium vorschlägt. Das soll so funktionieren wie Solidarische Landwirtschaft: Ladner und Verbraucher schließen sich zusammen und bilden eine Wirtschaftsgemeinschaft.

Die Kundinnen zahlen einen Mitgliedsbeitrag und verpflichten sich zusätzlich, für einen bestimmten Zeitraum, beispielsweise ein Jahr, einen monatlichen Vorschuss an den Laden zu geben. Dafür bekommen sie Gutscheine, die sie im Laden gegen Waren tauschen können. Nach einem Jahr werden die monatlichen Zahlungen im Rahmen einer sogenannten Beitragsrunde neu ausgehandelt.

Das sichert einen Teil der Einnahmen in einem gewissen Rahmen ab und bindet die Kundschaft stärker ein. „Erfahrungsgemäß steigt der Umsatz um 20 Prozent“, sagt Myzelium-Mitgründer Timo Wans. Die Netzwerkerinnen von Myzelium bewerben ihren Entwurf eines gemeinschaftsbasierten Ladens als krisenresistentes Geschäftsmodell.

„Wir haben in den vergangenen zwei Jahren neun UnverpacktLäden begleitet – alle neun existieren noch“, bekräftigt Timo Wans. Seit Ende 2023 kämen zunehmend Aufträge aus dem Bioladenbereich. Doch der Weg zu einem gemeinschaftsbasierten Laden ist nicht einfach. Der Wir Markt in Hamburg etwa hatte es schon zur Gründung einer Genossenschaft gebracht. Dann ging den Initiatoren die Puste aus. Sie hatten keine passende Supermarktfläche gefunden und die personellen Ressourcen reichten nicht mehr aus.

Fehlende Flächen bremsen Mitgliedsläden aus

Genügend Mitstreiter finden, die mit durchhalten, ist eine Hürde, die gemeistert werden muss. Fehlende Flächen stellen sich gelegentlich als weiteres Hindernis in den Weg. Super Coop in Hamburg hätte in einem ehemaligen Veggieladen auf St. Pauli eröffnen können. Doch diese Gelegenheit kam zu früh – sie hatten noch nicht das nötige Kapital zusammen. Jetzt suchen sie weiter.

Maijke Mulder von Köllektiv in Köln, das ebenfalls noch in den Startlöchern steht, berichtete vor kurzem: „Es hängt an der fehlenden Location.“ Eine ernüchternde Erfahrung, die sie außerdem machen musste: Ehrenamtliches Engagement geht nicht immer mit Volldampf: „Im Sommer, zur Urlaubszeit, sinkt die Beteiligung schon deutlich“, so Mulder.

„Es braucht Kunden und Kundinnen, die sich engagieren wollen“, sagte Sabine Vorwald gegenüber der Wochenzeitung Kontext. Sabine Vorwald ist Vorständin bei Füllhorn Karlsruhe, einem Biosupermarkt, der vor wenigen Jahren von Belegschaft, Kunden und Lieferanten gekauft und zur Genossenschaft umgewandelt wurde. Ebenso müsse die Belegschaft über Grenzen gehen, Verantwortung übernehmen und mindestens in der Anfangszeit auch Mehrarbeit übernehmen, so die Bioladnerin. Die Füllhorn-Genossenschaft jedenfalls scheint ein Erfolgsmodell zu sein: Der Markt schreibt schwarze Zahlen.

„Mehr als ein Verkaufsraum“

Timo Wans, Wirtschaftssoziologe und Mitbegründer des Beratungsunternehmens Myzelium, über die Vorteile von Community-Modellen

Timo, was ist eure Rolle bei der Transformation zu einem gemeinschaftsbasierten Laden?
Wir arbeiten zunächst gemeinsam das Besondere an dem Laden heraus. Das ist die Argumentationsbasis für die Ladner:innen. Dann begleiten wir sie einige Monate, in denen es darum geht, Stammkunden und -kundinnen davon zu überzeugen, Verantwortung für den Laden mitzutragen. Und schließlich sind wir bei den Beitragsrunden dabei, bei denen die Unternehmer und Unternehmerinnen ihre Zahlen offenlegen und Teilnehmer und Teilnehmerinnen sich entscheiden, ob und wie viel sie zur Deckung der Betriebskosten beitragen wollen.

Wie ändert sich die Rolle der Ladner?
Sie bleiben Unternehmer und Unternehmerinnen, können aber punktuell Mitbestimmung zulassen. Gleichzeitig werden sie Community-Manager und -Managerinnen. Sie müssen überzeugen können und eine gute kommunikative Stimmung im Laden schaffen.

Wie profitieren Kunden?
Sie gewinnen einen Laden, der mehr ist als ein Verkaufsraum, eine Begegnungsstätte, in dem auch die Quartierspolitik besprochen werden kann. Sie kaufen nicht unbedingt preiswerter ein, aber sie wissen genau, welches Sortiment und welche Werte sie unterstützen. Und sie erleben sich als eingebunden und selbstwirksam.

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