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Proteste

Bauern heizen dem Handel ein

Seit Wochen demonstrieren wütende Landwirte vor den Toren von Verarbeitern und Handelsunternehmen gegen zu niedrige Erzeugerpreise. Doch erst blockierte Zentrallager brachten Bewegung in die Debatte.

Von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft bis zu Land schafft Verbindung: Deutschlands Landwirte machen seit Wochen Verbände übergreifend Druck für bessere Preise. „Schluss mit lustig!“ heißt die Kampagne, die sich gegen Molkerei- und Schlachtkonzerne richtet. Von ihnen forderten die Bäuerinnen und Bauern in einem ersten Schritt:

  • für den Liter Milch mindestens 15 Cent mehr
  • für das kg Rindfleisch mindestens 1 Euro mehr
  • für das kg Schweinefleisch mindestens 50 Cent mehr
  • für das kg Geflügel mindestens 20 Cent mehr

Doch die Verarbeiter reichten den Schwarzen Peter an die Handelskonzerne weiter. Deren Marktmacht führe dazu, dass sie keine höheren Preise durchsetzen könnten. Auch die Molkereien „kämpfen mit Kostensteigerungen, die am Markt nicht honoriert werden“, teilte der Milchindustrieverband mit.

Bauern blockieren Zentrallager

Ende November blockierten Landwirte daraufhin mehrere Zentrallager des Handels, insbesondere von Lidl, bis schließlich Klaus Gehrig, Leiter der Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören, reagierte. Er wolle sich für eine Verbesserung der Situation der Landwirte stark machen, schrieb er laut agrarheute. Es folgte ein „Dringlichkeitsgipfel" mit den Chefs der großen Lebensmittelkonzerne, Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und Spitzenvertretern des Handels. Als Zeichen guten Willens kündigte Gehrig am 4. Dezember an, über die Initiative Tierwohl ungefähr 50 Millionen Euro an Landwirte auszuzahlen.

Das sei eine nette Geste, kommentierte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied. „Aber wegen des andauernden Preiskampfs verlieren unsere Bauern diesen Betrag fast wöchentlich“. Es brauche eine grundlegende Veränderung in der Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel. "Land schafft Verbindung" sprach laut NDR von einer reinen Marketing-Aktion. Letztlich kämen auf jeden Betrieb nur 192,31 Euro.

Aldi will fair zu den Bauern sein

Nach Lidl betonten auch Aldi Nord und Süd, dass man sich „umfassend zu fairen Handelspraktiken im Umgang mit Lieferanten, Herstellern und Landwirten“ bekenne und „Fair Trade für die heimische Landwirtschaft“ wolle. Der Discounter sicherte zu, dass man alle Vorgaben der EU-Richtlinie gegen unfaire Handelspraktiken (UTP) einhalten werde. Auch unterstütze er den Vorschlag des Bundeslandwirtschaftsministeriums für einen freiwilligen Verhaltenskodex für die gesamte Wertschöpfungskette.

Wie der Norddeutsche Rundfunk (NDR) unter Berufung auf die Bauern berichtete, waren bei einer Protest-Aktion Aldi-Lager in Niedersachsen blockiert worden, unter anderem in Lingen (Landkreis Emsland), Weyhe (Landkreis Diepholz), Seevetal (Landkreis Harburg), Rinteln (Landkreis Schaumburg) und Lehrte (Region Hannover) blockiert worden.

Die Wirtschaftswoche erinnert die protestierenden Landwirte daran, dass einige der größten Lebensmittelverarbeiter genossenschaftlich organisiert sind, also den Landwirten selber gehören. Das seien milliardenschwere Konzerne, die durchaus auf Augenhöhe mit dem Handel verhandeln könnten. Das Handelsblatt nennt den Molkereikonzern DMK, Westfleisch, Südzucker sowie den Obst- und Gemüsevermarkter Landgard.

Kommentare

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Georg Rieck

Märchenhaft!!! Die Wölfe haben Kreide gefressen! Genau diejenigen, die das Discount-Prinzip, welches bedeutet: locke den Kunden mit billigem Preis und hole die Gewinne von der Vorstufe - in Deutschland eingeführt haben, wollen jetzt die Ersten sein, die die UTP – Richtlinien akzeptieren?
Märchenhaft!!!
Ich glaube ihnen kein Wort! Die Preisdrückerei ist Teil des Systems und hat sich in den letzten 60 Jahren in die DNA eingebrannt.
Im Haifischbecken sind die vier größten Räuber übrig, sonst alles gefressen, die bäuerliche LW, die handwerkliche Verarbeitung, den lokale Handel – alle regionalen Strukturen zerstört, den ländlichen Raum als „kulturelle Wüste“ hinterlassen. Alles direkte Folgen des Preisdrucks!
Der Politik war das recht, weil satte Bürger leicht zu regieren sind. Der Gesetzgeber hat die Umstrukturierung aktiv gesteuert mit viel Geld und einem Bollwerk von Gesetzen.
Auch in der aktuellen Diskussion wird das „Kartellrecht“ schon wieder gezückt. Wenn das Kartellrecht der notwendigen Agrarwende entgegensteht, muss es weg, muss der Lebensmittelsektor anders gesteuert werden!
Denn die Re- Regionalisierung der Ernährungswirtschaft ist aus sehr vielen dringenden Gründen notwendig. Viel notwendiger, als billige Lebensmittel.
Die Politik ist unter Zugzwang geraten, muss handeln. Offensichtlich haben die schlauesten Haie den Ernst der Lage erkannt. Prompt trompetet die PR – Abteilung los – in der Hoffnung dass sich wider einmal alles zum Papiertiger degradieren und dann verbrennen lässt.
UTP und Lieferkettengesetz sind nach 60 Jahren unangefochtenem und staatstragendem Preisdrucksystem die allerersten politischen Versuche, umzusteuern.
Großartig!
Märchenhaft!?

Marc Schmitt-Weigand

Wenn ich das Gewäsch von Aldi lese (die gleichzeitig die Bananenpreise für Ihre Erzeuger nochmals weit unter jede Schmerzgrenze drücken) oder die Brosamen von Klaus Gehring sehe, dann gilt leider: Ich kann gar nicht soviel essen, wie ich kotzen muss.
Und mittendrin irrlichtert Julia Klöckner.
Aber auch wahr: Die Bäuerinnen und Bauern haben genau die Vertreter*innen, die sie verdient haben. Joachim Rukwied zum Beispiel. Spitzenvertreter des Agro-industriellen Komplexes und wichtiger Akteur im Genossenschafts-Business. Da ist Stillstand und Appeasement quasi DNA.

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