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Am Haken der Konzerne? (BioHandel, 03/2013)

Bio wächst. Das macht die Unternehmen der Branche für Konzerne und Finanzinvestoren interessant - und stellt eine alte Frage neu: Wie passen Bio und Profit zusammen? Im August 2012 gab es bei der Deutsches Milchkontor GmbH Bio zum Frühstück: 'Molkerei-Riese schluckt Biobabynahrungshersteller' lauteten die Meldungen.
28.02.2013
Bio wächst. Das macht die Unternehmen der Branche für Konzerne und Finanzinvestoren interessant - und stellt eine alte Frage neu: Wie passen Bio und Profit zusammen? Im August 2012 gab es bei der Deutsches Milchkontor GmbH Bio zum Frühstück: 'Molkerei-Riese schluckt Biobabynahrungshersteller' lauteten die Meldungen.

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Bio am Haken der Konzerne?

Bio wächst. Das macht die Unternehmen der Branche für Konzerne und Finanzinvestoren interessant - und stellt eine alte Frage neu: Wie passen Bio und Profit zusammen?

Im August 2012 gab es bei der Deutsches Milchkontor GmbH Bio zum Frühstück: 'Molkerei-Riese schluckt Biobabynahrungshersteller' lauteten die Meldungen. Deutschlands größter Molkereikonzern mit 4,6 Milliarden Euro Umsatz hatte das badische Unternehmen Sunval, Umsatz 36 Millionen Euro, gekauft. Sunval ist mit seiner eigenen Marke im Biofachhandel vertreten, stellt Produkte für die Marken Alnatura und pro-biJo her. Ein Demeter- und Bioland-Partner in den Händen der größten deutschen Molkerei - sieht so die Bio-Zukunft aus?

Noch sind es überwiegend bäuerliche Familienbetriebe und kleine bis mittelständische Unternehmen, die in Deutschland Bio-Lebensmittel herstellen und handeln. Das könnte sich ändern. 'Wir rechnen mit wachsenden M&A-Aktivitäten, denn die großen Unternehmen engagieren sich zunehmend auf diesem Markt', sagt Marie-Theres Wimmer vom britischen Beratungsunternehmen Organic Monitor. M&A steht für Mergers and Acquisitions, Fusionen und Übernahmen. Am aktivsten waren bis jetzt die großen Molkereien. Marie-Theres Wimmer erwähnt neben der Sunval-Übernahme den Einstieg der größten Schweizer Molkerei Emmi bei der Gläsernen Molkerei. 2010 habe der französische Molkerei-Konzerns Lactalis die britische Bio-Molkerei Rachel's übernommen. Die größte US-Molkerei, Dean Foods, habe sich den europäischen Sojamilch-Marktführer Alpro (Marke Provamel) geschnappt.

Weitere Übernahmen werden folgen

Auch Otto Stricker, Vorstand der AFC Consulting Group in Bonn, sieht weitere Übernahmen auf die deutsche Bio-Branche zukommen. 'Die Lebensmittelwirtschaft ist zunehmend ins Blickfeld des privaten Beteiligungskapitals geraten, weil hier stabile Erträge erwartet werden.' Bio-Hersteller seien dabei besonders interessant, weil deren Markt überproportional wächst. Hinzu komme, dass es in der Lebensmittelwirtschaft selbst einen großen Konsolidierungsbedarf gebe. 'Viele Unternehmen suchen nach Möglichkeiten, die Wertschöpfung zu erh hen und richten ihr Augenmerk dabei auch auf erfolgreiche Hersteller von Bio-Lebensmitteln.' Auch auf den Bio-Einzelhandel sieht der auf die Lebensmittelwirtschaft spezialisierte Unternehmensberater Veränderungen zukommen. 'Auf Dauer werden die kleinen regionalen Filialisten zu einem weiteren bundesweiten Player verschmelzen', lautet seine Prognose.

Im Fall Sunval war es ein Finanzinvestor, die BWK Unternehmensbeteiligung, der das Familienunternehmen 2008 übernahm und die rasche Expansion finanzierte. 'Das zeigt, dass ein Finanzinvestor durchaus eine gute Option für ein Bio-Unternehmen sein kann, das wachsen will', sagt AFC-Vorstand Stricker dazu. Allerdings erreichte Sunval durch dieses Wachstum auch eine Marktstellung, die den Hersteller für die Übernahme durch einen strategischen Investor wie die DMK interessant machte. Denn der Molkereikonzern ist mit seiner Marke Humana selbst einer der großen Hersteller von Biobabynahrung. Ob ein solcher Investor einem Bio-Unternehmen gut tut, hängt von seinen strategischen Zielen ab. Sollen mit der erwirtschafteten Rendite Anleger befriedigt werden, oder bleibt das Geld im Unternehmen, um Produktion und Marke zu stärken? Kann das Unternehmen unverändert weiterarbeiten oder wird es in den Konzern eingepasst?

Beispiel USA: Big Bio Business

1995 zählte Philip H. Howard, Professor an der Michigan State University, 81 bekannte Bio-Marken in den USA. 2007 waren bis auf 15 alle von multinationalen Lebensmittelherstellern aufgekauft worden. Auch brachten große Konzerne wie Coca-Cola, Kraft oder Kellogs eigene Bio-Produkte auf den Markt. Die Einzelheiten hat Howard auf seiner Webseite dargestellt: www.msu.edu/~howardp/organicindustry.html. Die Wirtschaftsberater von Capstone Partners haben 2010 und 2011 31 Firmenkäufe auf dem US-Markt für biologische und natürliche Lebensmittel gezählt und gehen davon aus, dass dieser Trend anhält. Neben Lebensmittelherstellern seien auch Finanzinvestoren in diesem Bereich aktiv. Für den europäischen oder deutschen Biomarkt sind nur wenige der großen amerikanischen Biofirmen von Bedeutung, insbesondere Hain Celestial (Lima, Natumi) und Dean (Alpro/Provamel).

Alte Übernahmen:
Die Qualität blieb unverändert

'Bis jetzt hat sich nichts verändert', sagt Sunval-Vertriebsleiter Steffen Donath, schränkt allerdings ein, dass erst wenige Monate seit der Übernahme vergangen seien. Von den Kunden habe es positive Reaktionen gegeben, 'weil der Käufer ein Unternehmen ist, das selbst Lebensmittel produziert'.

Allos und Natumi sind zwei Fachhandelsmarken, die schon länger zu größeren Unternehmen gehören. Frank von Glan für Allos und Bruno Fischer für Natumi haben schon mehrfach Bilanz gezogen: Qualität der Produkte und Markenphilosophie blieben unverändert. Vorteile und Synergie gab es bei Kapazitätsauslastungen, Marketing oder Rohstoffbeschaffung. Auch blieben die Verantwortlichen - zumindest in den ersten Jahren nach der Übernahme - an Bord. Gewechselt hatten nur die Besitzverhältnisse.

Bisher sind Finanzinvestoren in der deutschen Bio-Branche eher selten. Ein bekanntes Beispiel ist der Schweizer Verm gensverwalter ASI Nature mit seiner Mehrheit beim Filialisten Basic. Die Hamburger Sparkasse war über ihre Beteiligungsgesellschaft lange beim Filialisten Erdkorn engagiert. Häufiger sind es konventionelle Lebensmittelhersteller, die sich passende Bio-Unternehmen einverleibt haben. Oft handelt es sich bei den Übernommenen um konventionelle Hersteller mit einer Bio-Marke, etwa bei Nestl © / Wagner Pizza oder Dean Foods / Alpro (siehe Tabelle S. 14). Im Handelsbereich kaufte der führende Schweizer Einzelhändler Migros den hessischen Regionalfilialisten Tegut. Auch sind die Übernommenen meist Firmen, die in ihrem Bereich führend sind und entsprechende Umsätze sowie Marktchancen aufweisen. Der regionale Bio-Verarbeiter mit drei Millionen Euro Jahresumsatz ist für einen Konzern nicht interessant. Eher ein großes Unternehmen wie die BZ Biozentrale. Sie stellt Bio-Lebensmittel für den LEHöher und setzt damit 50 Millionen Euro im Jahr um. Verkauft hat sie der bisherige Eigentümer Pfeifer & Langen, drittgrößter Zuckerproduzent Deutschlands, nicht an einen Konzern, sondern an die KTG Agrar AG).

Problem: Der Käufer ist nicht bio-kompatibel

Firmenverkäufe oder Beteiligungen können zum Problem werden, wenn der neue Besitzer nicht bio-kompatibel ist. Bestes Beispiel dafür war der misslungene Einstieg der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) bei Basic. Aus Sicht der Basic-Kunden wurden die hehren Bio-Ideale an einen Discounter verkauft. Es kam zu Protesten, Boykotten und endete mit dem Rückzug der Schwarz-Gruppe und einer Beinahe-Pleite von Basic. Ähnliches passierte, als das Ökomodelabel Hess Natur als Folge der Arcandor-Pleite Ende 2010 an den Investor Carlyle verkauft werden sollte. Dessen Rüstungsgeschäfte erbosten die Hess-Kunden derart, dass die Übernahme abgeblasen wurde. Den Verkauf im Sommer 2012 an die Schweizer Beteiligungsgesellschaft Capvis konnte der Protest nicht verhindern. Verklungen war er Ende 2012 noch immer nicht.

Im Kern ging es bei diesen Protesten darum, dass der neue Eigentümer jenseits seiner Bio-Beteiligung in Geschäfte verstrickt war, die den Idealen und Werten der Bio-Branche widersprechen. Das findet sich auch bei anderen Beteiligungen. Der Lebensmittel-Multi Nestl © zum Beispiel gilt als Verfechter der Agro-Gentechnik, wirbt in Entwicklungsländern immer noch aggressiv für Milchersatzprodukte, bezieht Kakao von Plantagen mit Kinderarbeit und produziert Bio-Pizza. Diese erfreut sich im Biofachhandel großer Beliebtheit, was wiederum die Erlöse von Nestl © steigert. Anderes Beispiel: Der Provamel-Besitzer Dean Foods hat, an der Seite Monsantos, gegen das kalifornische Volksbegehren zur Kennzeichnung von Genfood gekämpft und dafür über 250.000 Dollar investiert.

Es geht nicht darum, Wagners Unsere Natur-Pizzen oder Provamels Sojadrinks schlecht zu reden. Es gibt in der Bio-Branche reichlich Investoren und Unternehmen, die Bio-Lebensmittel nicht aus Überzeugung produzieren, sondern weil es Geld bringt. Das muss nicht zu Problemen führen, aber das Risiko ist erhöht. Und oft ist der Widerspruch zwischen Bio-Idealen und Alltagshandeln mit Händen zu greifen. Die Hälfte aller Bio-Eier und des Bio-Geflügelfleisches würden von Unternehmen der konventionellen Agrarindustrie produziert, warnt die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Als Beispiel nennt sie den größten deutschen Eier-Konzern, die Deutsche Frühstücks-Ei mit ihrer Tochterfirma Wiesengold, oder den Futtermittelkonzern GS Agri mit der Geflügelmarke Biofino. Dass solche Strukturen bevorzugt den LEH beliefern, ist für Fachhändler wenig tr stlich. Deren Eier sind auch dort eine Konkurrenz zu den bäuerlich und regional erzeugten Eiern der meisten Bioläden. Und Skandalbilder wie zuletzt aus zwei Ställen des Wiesengold-Geschäftsführers Heinrich Tiemann fallen auf die gesamte Branche zurück.

Agrarindustrielle Strukturen auch in der Landwirtschaft

Agrarindustrielle Bio-Strukturen gibt es auch in der pflanzlichen Erzeugung. Das fängt beim Saatgut an. Das Klostergut Wiebrechtshausen verkauft Mais, Getreide, Raps, Erbsen, Zuckerrüben und Pflanzkartoffeln an Biobauern in ganz Europa. Das Klostergut gehört dem Saatgutkonzern KWS, der auch gentechnisch manipulierten Mais verkauft und seit Jahren genmanipulierte Zuckerrüben auf Versuchsfeldern anbaut.

Gentechnikfrei aber keineswegs bäuerlich ist die KTG Agrar, Deutschlands größter Bio-Getreideerzeuger. Das von Siegfried Hofreiter im Jahr 2000 gegründete Unternehmen ging 2007 an die B rse und expandiert seither mit dem eingenommenen Kapital und zusätzlich ausgegebenen Anleihen. Derzeit bewirtschaftet KTG Agrar rund 16.000 Hektar Bioflächen in Ostdeutschland, Litauen und Rumänien. Vertrieben werden die Erzeugnisse über die Firma BioFarmers. Zum Unternehmen gehören auch 15.500 Hektar konventionelle 'cker, die Ölmühle Anklam, Frenzel, der drittgrößte deutsche Anbieter von Tiefkühlkost und seit kurzem die Bio-Zentrale. Die Tochter KTG Energie AG betreibt ein Dutzend große Biogasanlagen.

Auf einen Blick

  • Finanzinvestoren können - je nach deren strategischen Zielen - eine gute Option für Bio-Unternehmen sein.
  • Ist der neue Besitzer nicht biokompatibel, können Firmenverkäufe oder Beteiligungen zum Problem werden.
  • Mit der Finanzkrise und ihren Folgen strahlen alte Bio-Werte wie soziales und ökologisches Engagement neu aus.

Was hat das alles mit dem Fachhandel zu tun?

Wie sich die Bio-Branche in fünf, zehn oder zwanzig Jahren tatsächlich präsentiert, hängt nicht von dunklen Mächten oder kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten ab - sondern von vielen Einzelentscheidungen.
Nicht nur in den Hersteller-Unternehmen, sondern auch auf der Ebene des Fachhandels: Welche Produkte liste ich? Welche stelle ich nach vorne? Wen suche ich mir als Partner? Wem soll mein Unternehmen einmal gehören? Wer soll es führen? Und wohin?

Alte Bio-Werte strahlen neu

Die Skepsis gegenüber undurchschaubaren Konzernstrukturen und anonymen Kapitalgebern hat ihre Wurzeln in den Anfängen der Bio- und Ökologiebewegung. Landkommunen, Basisläden und selbstverwaltete Betriebe bestimmten das Bild der Bio-Szene. Mit der Zeit wurden aus Grünen Minister und viele Bio-Pioniere regieren heute mittelgroße Firmen mit Millionenumsätzen. Sie zeichnen sich meist durch soziales und ökologisches Engagement aus und fühlen sich den Werten der Bio-Branche verpflichtet. Mit der Finanzkrise und ihren Folgen haben diese alten Werte neue Strahlkraft erlangt. Der Zweck des Wirtschaftens, die Pflichten und die Verantwortung, die Eigentum mit sich bringt: All das steht wieder auf der Tagesordnung. Die Bio-Branche kann dabei aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen - und sie tut dies auch, wie viele Beispiele zeigen.

Wer gehört zu wem?

Konzern

Bekannte Marken

Eigentümer

Umsatz 2011

Continental Bakeries

Grabower mit Linea Natura

Niederländische GmbH, gehört dem niederländischen Finanzinvestor NPM Capital

345 Millionen Euro

Dean Foods

Alpro, Provamel

US Aktiengesellschaft, gehört mehrheitlich institutionellen Anlegern, der wichtigste ist mit 12 % Fidelity Investment, einer der größten Vermögensverwalter weltweit.

10 Milliarden Euro

Hain Celestial Group

Natumi, Lima, Danival, Celestial Seasonings, Avalon Naturkosmetik

US Aktiengesellschaft, Anteilseigner sind u.a. der Milliardär Carl Icahn (14,9 %) und mehrere Investmentgesellschaften mit 6,5 bis 5 %.

1 Milliarde Euro

Hügli

NaturCompagnie, Erntesegen, Heirler, Cenovis, Neuco.

Schweizer Aktiengesellschaft, Stimmrechte mehrheitlich in Familienbesitz

275 Millionen Euro

Nestlé

Wagner Pizza mit Unsere Natur

Schweizer Aktiengesellschaft, kein Anteilseigner über 5 %.

68 Milliarden Euro

Oetker-Gruppe

Bionade

Familienkonzern

Über 10 Milliarden Euro

Wessanen

Allos, Tartex, De Rit, Sesamstraße, Dr. Ritter, Bjorg, Whole Earth. Großhändler Distriborg (F), Natudis (NL)

Niederländische Aktiengesellschaft, gehört mehrheitlich institutionellen Anlegern, darunter der US-Fonds Delta Partners LLC mit 25 bis 30 %

700 Millionen Euro

Nicht aufgeführt sind Minderheitsbeteiligungen wie die des französischen Käse-Konzerns Bongrain an den Biomolkereien Scheitz und Söbbeke oder der Anteil der Schweizer Molkerei Emmi an der Gläsernen Meierei.

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