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GERECHTIGKEIT IM ÖKO-LANDBAU | TEIL 6

„Als Fachkraft brauche ich eine faire Entlohnung meiner Arbeit“

Landwirtin Elisa Hartung weiß, dass Arbeitskräfte auch im Ökolandbau oft schlecht bezahlt werden. Um das zu ändern, brauche es alternative Vertriebswege und mehr Aufklärung der Arbeitnehmer, so die Angestellte im Interview.

05.03.2022 vonCarla Proetzel

Elisa Hartung liebt ihre Arbeit auf dem Hof – will aber auch von ihr leben können.

Landwirtin Elisa Hartung weiß, dass Arbeitskräfte auch im Ökolandbau oft schlecht bezahlt werden. Um das zu ändern, brauche es alternative Vertriebswege und mehr Aufklärung der Arbeitnehmer, so die Angestellte im Interview.

Was verstehen Sie unter Gerechtigkeit in der Ökobranche?

Abgesehen von den Tieren sind wir die ersten in der Wertschöpfungskette. Mir fällt als erstes die Bezahlung ein – wenn man die betrachtet, dann ist es nicht besonders gerecht. Mir wurden Jobs angeboten mit 1.400 Euro Brutto bei 48 Stunden je Woche – davon kann man nicht wirklich leben und dann ohne einen Ausgleich von Überstunden, die immer anfallen. Bei der Jobsuche ist mir aufgefallen, dass die Löhne in Süddeutschland oft besonders niedrig sind – die Höfe sind klein, und sie können es oft nicht leisten mehr zu bezahlen, was ich auch voll einsehe. Dennoch muss auch ich von etwas leben.

Wo sehen Sie „Brennpunkte“ innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette?

Die Erzeugerpreise sind zu gering, sodass die Betriebsleiter nicht genug haben – dann bleibt für die Mitarbeitenden erst recht nicht genug über. Viele Betriebe halten sich mit FÖJlerinnen und Praktikanten mehr schlecht als recht über Wasser. Die für ein Jahr richtig powern, dafür ein Taschengeld bekommen, und dann wieder was anderes machen – und für diesen Zeitraum ist das auch okay und ein Abenteuer. Aber als langfristige Mitarbeiterin ist das nicht möglich, und als Fachkraft möchte und brauche ich eine entsprechende Entlohnung meiner Arbeit.

Wie können Öko-Prinzipien zu mehr Gerechtigkeit beitragen?

Das Prinzip der Gerechtigkeit wird am ehesten bei einer SoLaWi deutlich. Da sieht man, wer die Produkte bekommt, die Konsumenten wissen, wo es herkommt, und dort bekommt man hautnah mit, wofür das Geld gebraucht wird. Aber auch dort werden die Ausgaben stark hinterfragt und es wird um die Preise je Anteil gefeilscht. Das Prinzip der Gerechtigkeit beinhaltet auch die Chancengleichheit – wenn man so viel arbeitet, hat man dann wirklich Chancengleichheit? Wie soll eine 70-Stunden-Woche mit der Teilhabe in der Gesellschaft und im Privaten in Einklang gebracht werden?

Selbst wenn sie gut bezahlt ist – es gibt mehr im Leben als Arbeit.

Und selbst wenn sie gut bezahlt ist – es gibt halt mehr im Leben als Arbeit. Man will sich mit anderen Menschen treffen, Sport machen, ins Kino gehen, was oft nach der Arbeit nicht mehr möglich ist. Solange die Arbeitsspitzen im Jahr zeitlich begrenzt sind, ist das okay, aber nicht das ganze Jahr, jedes Jahr. Ich liebe meine Arbeit, sonst würde ich das auch nicht machen, aber da ist dann trotzdem der Aspekt Freizeit und Familie.

Was läuft gut, was läuft schlecht in der eigenen Wertschöpfungsketten-Stufe?

Die Selbstverständlichkeit der vielen Arbeit ist schlecht. Gut läuft bei mir: Ich habe hier nun einen Hof gefunden, der geregelte Arbeitszeiten hat – was sehr zu meiner Gesundheit beiträgt. Nicht zu viel Arbeit und viel an der frischen Luft sein, und die Bezahlung stimmt. Auch in anderen Branchen gibt es Wochenendarbeit, allerdings erfahre ich oft erst freitags, ob ich am Wochenende arbeiten soll. Da spielt natürlich das Wetter eine große Rolle – aber um sich zu verabreden, ist es nicht hilfreich. Dennoch: Es reicht eine Lammung, um alles wieder auszugleichen.

Was wären konkrete Lösungsansätze oder -vorschläge?

Es könnte wesentlich mehr Gerechtigkeit geschaffen werden durch Direktvermarktung, weil da die Wertschöpfung höher ist. Aber da müssen dann auch die Verbraucher umdenken. Ich treffe viele Leute, die nur wenig Geld für ihr Essen ausgeben wollen. Ich finde es schwierig zu verstehen, dass Menschen denken, wenn da argentinisches Weiderind draufsteht, dass das etwas besonders Gutes ist. Warum nicht aus der Region und mit wirklicher Weidehaltung? Unser Getreide geht an einen Bäcker, die Tiere werden in der Nähe geschlachtet – und wir haben die Produkte dann auch wieder bei uns im Hofladen stehen. Es ist schön zu wissen, wo es hingeht.

Wo sehen Sie Möglichkeiten selbst (privat und beruflich) zur Gerechtigkeit im Ökolandbau beizutragen?

Was ich persönlich wirklich mache, ist (vor allem junge) Menschen über ihre Arbeitsrechte aufzuklären und dass sie diese einfordern dürfen und müssen. Es kann nicht sein, dass mal eben kurz noch in der Pause dieses und jenes erledigt werden muss. Und solche Situationen ändern sich vor allem, wenn sie den Betriebsleitern immer widergespiegelt werden. Auch die Arbeitsverteilung auf dem Hof ist ein Punkt: Ich finde es wichtig, dass jeder Arbeiten machen muss, die unbeliebt sind, aber natürlich trotzdem erledigt werden müssen. Gerade bei den Azubis ist es einfacher, jedem etwas anderes beizubringen, als allen alles – aber eine umfassende Ausbildung ist das nicht.

Und dann sind da noch die Aushilfskräfte, beispielsweise für Zaunbau oder Rübenhacken. Wieviel die (meist nicht deutschsprachigen) Mitarbeitenden wirklich verdienen, ist oft ein bisschen undurchsichtig, auch wenn sie im Ökolandbau mit Mindestlohn bezahlt werden müssen. Die Situation der Erntehelfer in der Landwirtschaft ist bekannt, und im Ökolandbau ist oftmals noch viel mehr Handarbeit nötig. Dort habe ich auch ein persönliches Dilemma: Niemals würde ich wochenlang Rübenhacken – gleichzeitig möchte ich aber diese Produkte regional und öko erzeugt haben. Und dafür ist die Handarbeit nötig.

Mit dieser Haltung bin ich nicht alleine: Es gibt nur äußerst wenige Menschen in Deutschland, die diese Arbeit machen wollen und zu diesem Geld. Menschen aus Osteuropa nehmen diese Tätigkeiten an, aber ob sie gerecht behandelt werden, ist mehr als fraglich.

Hintergrund zur Interviewreihe

Im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts des 17. Traineeprogramms Ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft setzt sich ein fünfköpfiges Team (Raphael Pierro, Carla Proetzel, Cathrin Bardenheuer, Laura Kehl und Katharina Tietz) mit dem Thema Gerechtigkeit in der Biobranche auseinander. Hintergrund ist das starke und schnelle Wachstum der Biobranche in den vergangenen Jahren – von einer Nische hin zu einem beachtlichen Wirtschaftssektor. Findet sich der Ursprungsgedanke der Gerechtigkeit, wie in den IFOAM-Prinzipien verankert, trotz des Wandels in der Branche wieder? Um verschiedene Perspektiven und den nötigen Handlungsbedarf aufzuzeigen sowie konstruktive Lösungsvorschläge zu erarbeiten, hat das Trainee-Teams einige Akteure und Akteurinnen aus den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette befragt.

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