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Kastration

Wie Bio-Verbände ihr Verbot der Eberimpfung rechtfertigen

In der Debatte über die Eberimpfung als Alternative bei der Ferkelkastration hatten sich die meisten Bio-Anbauverbände in Schweigen gehüllt. BioHandel hat nachgefragt, wie sie aktuell zur Immunokastration stehen und erfahren, warum sie die Methode immer noch ausschließen.

19.08.2020 vonLeo Frühschütz

Bezüglich der Impfung von Ferkeln mit dem Wirkstoff Improvac gehen die Meinungen der ökologischen Anbauverbände auseinander.

In der Debatte über die Eberimpfung als Alternative bei der Ferkelkastration hatten sich die meisten Bio-Anbauverbände in Schweigen gehüllt. BioHandel hat nachgefragt, wie sie aktuell zur Immunokastration stehen und erfahren, warum sie die Methode immer noch ausschließen.

Die EU-Kommission lehnt die Impfung männlicher Mastferkel mit dem Wirkstoff Improvac im Ökolandbau ab. Tierschützer, Tierärzte und der Bio-Anbauverband Naturland loben dagegen die Methode mit Improvac als weitaus tierfreundlicher als die Kastration.

Die anderen Bio-Anbauverbände haben die sogenannte Immunokastration in ihren Richtlinien in den letzten Jahren ausgeschlossen. BioHandel hat nachgefragt, wie sie das Verbot gegenüber den Tierwohl-Argumenten rechtfertigen.

Bioland nennt drei Gründe gegen die Eberimpfung

Bioland-Sprecher Gerald Wehde schreibt, dass „Impfungen bei Bioland nur zulässig sind, wenn Krankheiten auf dem Betrieb bekannt oder zu erwarten sind und wo sich Krankheiten nicht durch andere Managementmaßnahmen verhindern lassen.“

Für die Ablehnung von Improvac führt Wehde drei Gründe an. Im Wortlaut:

  • Einsatz einer chemisch-synthetischen Medikation ohne tierärztliche Indikation. Diskussionen um leistungssteigernde Wirkung von Improvac. Geringe Akzeptanz unter Bioland-Schweinhaltern.
  • Geringe Verbraucherakzeptanz.
  • Die Auffassung der EU-Kommission, die sich sowohl aus der gültigen als auch der zukünftigen EU-Öko-VO ergibt (Verstoß EU-Ökoverordnung).

Für Demeter widerspricht die Ferkelimpfung den Öko-Prinzipien

Für Demeter antwortete Antje Kölling, die die Abteilung Politik leitet. Sie bezeichnet die Ferkelkastration als „ein noch nicht abgeschlossenes Entwicklungsthema“. Der Verband sehe die Ebermast als Königsweg, sehe wegen Problemen wie höherer Aggressivität, Penisbeißen und Ebergeruch aber noch Entwicklungsbedarf.

„Als zur Zeit besten Kompromiss in Sachen Tierschutz und Verbrauchernachfrage nach geruchlosem Fleisch sehen wir die Kastration mit Betäubung und Schmerzmitteln“, schreibt Kölling. Die Immunokastration mit Improvac widerspreche den Prinzipien des Ökologischen Landbaus. „Hierbei wird in den Hormonhaushalt der Tiere eingegriffen, sodass die Ausbildung der männlichen Geschlechtsmerkmale verzögert wird. Dazu sind zwei medikamentöse Behandlungen notwendig. Dabei handelt es sich um die Verabreichung eines chemisch-synthetischen Arzneimittels ohne tierärztliche Indikation.“

Biokreis fehlen Langzeitstudien zum Impfstoff Improvac

Für den Biokreis erklärt Ronja Zöls-Biber von der Pressestelle, die Ablehnung stütze sich in erster Linie „auf die Tatsache, dass es keine Langzeitstudien zur Wirkung auf den Menschen gibt und daher die Folgen der Improvac-Impfungen für niemanden abzusehen sind“. Zudem passe diese Art der Kastration nicht zum Ökolandbau.

„Zum einen stellt die Verabreichung auf Weide-Betrieben eine nicht unerhebliche Gefahr für die injizierenden Personen dar. Sie müssten mit Injektionsbesteck im Freilauf Tiere behandeln, so dass die Gefahr von Unfällen und Verletzungen erhöht wäre.“ Ein weiterer Grund liege „in der Verunsicherung und Skepsis der Verbraucher. Sie gehen nicht davon aus, dass chemische Eingriffe in Körperfunktionen erfolgen und lehnen dies auch ab.“

Kommentar: Stell Dir mal vor...

Über die fachlichen Argumente mögen sich Tierärzte und Tierschützer mit den drei Verbänden unterhalten. Als Journalist erscheinen mir deren ausführliche Stellungnahmen deutlich gehaltvoller. Als männlicher, bioaffiner Verbraucher, der Tiere zum Fressen gern hat, stelle ich mir einfach mal vor, ich wäre so ein Mastferkel und hätte die Wahl: Hoden abzwicken und als Eunuch heranwachsen oder zwei Piekser und die Pubertät verschiebt sich soweit nach hinten, dass ich sie nicht mehr erlebe. Also glückliche Kindheit bis zum Schluss. Ein Eingriff in den Hormonhaushalt ist beides. Allerdings ist das Abzwicken der weitaus drastischere. Also ich – als Mastferkel – möchte das lieber nicht.

Autor: Leo Frühschütz

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