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Palmöl – ein Rohstoff in der Kritik

Der Universalrohstoff ist nicht nur im Essen umstritten. Auch in Naturkosmetik ist Palmöl weit verbreitet und schwer zu ersetzen. Das muss man den Kunden erklären.

15.12.2016 vonLeo Frühschütz

Der Universalrohstoff ist nicht nur im Essen umstritten. Auch in Naturkosmetik ist Palmöl weit verbreitet und schwer zu ersetzen. Das muss man den Kunden erklären.

Palmöl ist mittlerweile eine verrufene Ingredienz: Brennende Urwälder, tote Orang-Utans und überhaupt. So etwas will die Kundin nicht in ihrer Kosmetik haben. Das ist ein berechtigtes Anliegen und immer öfter lassen sich palmölfreie Produkte fínden. Doch sobald Tenside, Emulgatoren oder preisgünstige Creme-Grundlagen gebraucht werden, führt an Palmöl kaum ein Weg vorbei.

Bio-Palmöl in Seifen ist nachhaltig

Reines Palmöl wird vor allem für Stückseifen verwendet. Naturkosmetik-Hersteller setzen hier fast immer Bio-Palmöl ein. Das macht einen großen Unterschied. In Deutschland werden jedes Jahr rund 1.000 Tonnen Bio-Palmöl zu Seife verarbeitet, die sich außer in Naturkosmetik auch in Öko-Waschmitteln findet. Dieses Bio-Palmöl wird nicht wie konventionelles in Indonesien und Malaysia hergestellt. Das meiste Bio-Palmöl stammt von zwei Unternehmen in Südamerika, Daabon in Kolumbien und Agropalma in Brasilien. Beide begannen in den 90er-Jahren auf Betreiben von Bio-Herstellern mit dem Öko-Anbau von Ölpalmen ohne Kunstdünger, ohne Pestizide und ohne dafür Regenwald zu roden. Daneben gibt es in Ecuador und im westafrikanischen Ghana und Sierra Leone drei Projekte, die nur Bio-Palmöl produzieren und dabei lokale Kleinbauern einbinden. Das Projekt in Ghana betreibt der amerikanische Bio-Seifenspezialist Dr. Bronner. Er will sicher gehen, dass das von ihm verwendete Bio-Palmöl auch sozial und fair hergestellt wird. Palmölfrei sind Alepposeife aus Olivenöl sowie andere Seifen, denen Sheabutter statt Palmöl die nötige Festigkeit verleiht.

Ersetzen ist schwierig

„Palmöl und Palmkernöl weisen ein einzigartiges Fettsäurespektrum auf und sind deshalb schwer zu ersetzen“, sagt Jan Jänichen, Geschäftsführer von Dr. Straetmans, einem bekannten Anbieter von Kosmetikzutaten. Für die Verarbeitung wird der Rohstoff oft in die einzelnen Fettsäuren aufgespalten. Dabei fallen neben dem Feuchthaltemittel Glycerin, Fettsäuren wie Laurin-, Capryl-, Palmitin- sowie Stearinsäure an und werden zu einer Vielzahl von Produkten weiterverarbeitet. Mengenmäßig bedeutend sind Emulgatoren wie Glycerinstearat, Tenside wie Lauryl Glucoside, Fettalkohole wie Cetylakohol oder Triglyceride als ölige Basis für Cremes. „Als Ersatz eignet sich am ehesten noch Kokosöl, doch da fehlen die notwendigen Mengen“, erklärt Jan Jänichen. Denn Ölpalmen sind sieben mal produktiver als Kokospalmen. Um Palmöl zu ersetzen, bräuchte es also die siebenfache Fläche an Kokospalmen.

Dr. Straetmans hat zwei palmölfreie Emulgatoren auf der Basis von Rapsöl im Programm. „Die Nachfrage wächst, sie ist aber auch preisabhängig. Wenn der Ersatz zu teuer ist, wird er nicht akzeptiert“, ist Jänichens Erfahrung. Auch der Hersteller Cremer Care hat einige palmölfreie Zutaten im Programm. Als Rohstoff dienen Bio-Kokosnüsse, die zu Bio-Fettsäuren und Bio-Glycerin verarbeitet werden. Doch dieses Bio-Glycerin kostet ein Mehrfaches von konventionellem Glycerin, das womöglich aus Palmöl gewonnen wurde. Deshalb setzen es nur wenige Naturkosmetikhersteller ein, darunter Dr. Hauschka.

Verarbeitete Zutaten aus RSPO-Palmöl

Mehrere Forschungsprojekte versuchen, Tenside mit Hilfe von Mikroorganismen herzustellen. Ein Projekt, an dem der Waschmittelhersteller Ecover beteiligt war, führte inzwischen zu einer Herstellung in industriellem Maßstab. Die aus Rapsöl und Zucker hergestellten Tenside eignen sich für Reiniger, aber nicht für Kosmetik. Der Schweizer Naturkosmetik-Hersteller Farfalla arbeitete zusammen mit dem Fraunhofer-Institut daran, Tenside aus biologisch zertifizierten Abfallstoffen herzustellen, echte Bio-Tenside also. Sie sind allerdings – nach erfolgreichen ersten Praxistests – noch nicht marktreif.

Die meisten Hersteller verwenden verarbeitete Zutaten aus konventionellem Palmöl, bevorzugt mit RSPO-Zertifikat. Der Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) ist eine Vereinigung von Industrie- und Handelsunternehmen, die Kriterien für eine nachhaltige Palmölproduktion entwickelt hat. Weil Kriterien und Kontrollen lasch sind, lehnen die meisten Umweltorganisationen RSPO als Greenwashing ab. Andererseits führt die Zertifizierung zu einzelnen Verbesserungen auf den Plantagen. Besser als nichts also.

Konkrete Zahlen über den Anteil zertifizierter Palmöl-Zutaten nennen Logocos und Lavera. Bei beiden ist es jeweils die Hälfte, Tendenz steigend. Beim Einsatz von RSPO-zertifizierten Inhaltsstoffen sind die Naturkosmetik-Anbieter abhängig vom Engagement der Hersteller wie BASF oder Evonik. Diese bauen den Einsatz von RSPO-Palmöl aus, aber eher bedächtig. Bis 2020 soll nach Schätzungen der Industrie der Anteil an RSPO-Palm(kern)öl in Seifen und Kosmetik von 50 Prozent in 2015 auf 65 Prozent steigen.

INCI: Palmöl erkennen

Steht in der INCI-Deklaration Elaeis guineensis oil, ist reines Palmöl enthalten. Auch die Wortbestandteile „Palm“ und „Cetyl“ weisen darauf hin, dass sehr wahrscheinlich Palmöl verarbeitet wurde. Oft beziehen sich INCI-Bezeichnungen jedoch auf andere verarbeitete Fettsäuren wie Lauryl- oder Caprylsäure sowie deren Salze, die Laurate, Caprylate, Myristate, Stearate. Für jede Zutat, die einen dieser Namen enthält, gilt: Kann aus Palmkernöl sein, muss aber nicht, denn diese Fettsäuren lassen sich auch aus Kokosöl gewinnen, ebenso wie Glycerin. Umgekehrt garantiert der auf Kokosöl verweisende Begriff Cocoyl keine Palmölfreiheit. Das Tensid Sodium Cocoyl Glutamate gibt es mit und ohne Palmöl. Hier hilft nur Nachfragen beim Hersteller des Duschgels.

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