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Ladenportrait

Zwei Eichen: Bio-Hofladen mit Allround-Konzept

Der Gesamt-Gold-Gewinner bei der Schrot&Korn-Leserwahl „Beste Bio-Läden 2020“ ist weit mehr als ein gewöhnlicher Bio-Laden. Jürgen und Natalia Leutnant haben aus einer verfallenen Hofstelle in Niedersachsen eine wahre Bio-Oase mit Erlebnischarakter geschaffen.

03.09.2020

Jürgen und Natalia Leutnant in ihrem Bio-Hofladen in der Lüneburger Heide.

Der Gesamt-Gold-Gewinner bei der Schrot&Korn-Leserwahl „Beste Bio-Läden 2020“ ist weit mehr als ein gewöhnlicher Bio-Laden. Jürgen und Natalia Leutnant haben aus einer verfallenen Hofstelle in Niedersachsen eine wahre Bio-Oase mit Erlebnischarakter geschaffen.

Alles fing an mit einer verfallenen Hofstelle. Vor gut 30 Jahren übernahm Jürgen Leutnant den Hof am Rande des kleinen Dorfes Hünzingen, einem Ortsteil von Bomlitz im niedersächsischen Heidekreis. „Außer den zwei Eichen und einer alten Scheune gab es hier nichts“, sagt er. „Der Rest war einige Jahre vorher abgebrannt. Das Land hat mich kaum etwas gekostet, heute würden die Leute ein Vermögen dafür ausgeben“, so Leutnant.

Ab 1988 baute der gelernte Gärtner hier seine eigene Bio-Gärtnerei auf. Und nicht nur das. Er baute ein großes Haus im Fachwerkstil, später kam noch ein Anbau mit zwei Ferienwohnungen dazu. Nach und nach entstanden immer mehr Gewächshäuser und auch der Hofladen wuchs zu einer stattlichen Größe heran.

„Am Anfang hab ich jedes Jahr rund 50.000 Stiefmütterchen verkauft. Das war gut, denn so bekam ich Kontakt zu den Dorfbewohnern“, erinnert sich der heute 64-Jährige. „Dann haben wir immer mehr Gemüsesorten, vor allem die unterschiedlichsten Tomaten und Kräuter angebaut. Beet- und Balkonpflanzen spielten schon bald keine Rolle mehr.“

Von der Gärtnerei zum Biotop

Leutnant schloss sich dem Bioland-Verband an, und es entstand nach und nach eine wahre Bio-Oase. Denn um die Gärtnerei herum wird großflächig konventionelle Landwirtschaft betrieben. Die Landschaft ist in weiten Teilen ausgeräumt – und die konventionellen Betriebe rücken jetzt gefährlich nah an die Gärtnerei heran.

Schon in Kürze soll in nur 250 Meter Entfernung ein 3.000 Kubikmeter großes Güllelager errichtet werden. „Wir wurden in keiner Weise beteiligt“, beklagt Leutnant. „Die Emissionen aus dem Güllefass können für unseren Betrieb existenzbedrohend sein. Und man weiß nicht, wie man sich wehren soll.“ Auch als Schutz vor den Pestiziden seiner Berufskollegen legte der Gärtnermeister eine vierreihige Hecke um den Hof herum an.

So wurde die Gärtnerei zunehmend zum Biotop, ein Refugium für viele Vogel- und Insektenarten. Längst gehört auch eine große Streuobstwiese zum Betrieb. Weithin sichtbar ist die Hünzinger Einkaufsoase auch im Dunkeln: „B I O“ leuchtet dort in grünen, ein Meter hohen Buchstaben am großen Gewächshaus mit dem Zeltdach und weist Kunden den Weg.

Die Familie arbeitet mit

Einige Jahre nach Gründung der Gärtnerei lernte Leutnant in Moskau seine Frau Natalia (54) kennen und nahm sie mit in die norddeutsche Tiefebene. Seit 20 Jahren sind sie nun verheiratet, haben insgesamt fünf Kinder. Zwei Söhne arbeiten fest in der Gärtnerei und im Hofladen mit: Friedemann erledigt regelmäßig den Einkauf beim Bremer Gemüsegroßhändler und bringt immer mal wieder neue Sorten mit. Der älteste Sohn Teja kümmert sich um den Anbau in der Gärtnerei.

Familie Leutnant und die restlichen Mitarbeiter des Bio-Hofladens Zwei Eichen sind ein eingespieltes Team.

Schlichtes Laden-Design mit Liebe zum Detail

Der Laden unter den zwei alten Eichen wirkt von außen zunächst unscheinbar. Und im Innern erschließt sich erst allmählich durch mehrere hintereinander liegende Räume das ganze Angebot. Das spiegelt auch die Entwicklung des Hofladens wider. Nach und nach kamen neue Räume dazu, oft wurde um- und angebaut. So ist eine Einkaufsstätte mit ganz eigener Atmosphäre entstanden.

Es dominiert Holz, ländlich-schlicht, kein Hochglanz. Es gibt keine großen Werbeschilder, dafür viel Liebe zum Detail, etwa durch russische Samoware oder die bunt bemalten Matroschka-Holzpuppen aus Natalias Heimat. Der Laden ist vor allem eines: nicht von der Stange.

In der Saison bieten wir bis zu 40 Apfelsorten an.

Jürgen Leutnant

Aus zunächst zwei Räumen mit zusammen rund 25 Quadratmetern wurde bis heute eine Verkaufsfläche von etwa 300 Quadratmetern. Angeboten werden Waren aus dem gesamten Bio-Sortiment, aber auch Naturkosmetik, Weine, Backwaren und vor allem jede Menge frisches Obst, Gemüse und Kräuter aus der eigenen Gärtnerei. „In der Saison bieten wir bis zu 40 Apfelsorten an“, sagt Jürgen Leutnant.

Zwischen Markt, Laden und Frischelieferant

Auch in der Saison hat der Bio-Hofladen Zwei Eichen nur dienstags und freitags geöffnet. Denn etwa die Hälfte des Umsatzes erzielen die Leutnants durch einen Stand auf dem Wochenmarkt in Soltau, dort, wo viele Kunden wohnen. Und vor kurzem kam noch ein weiterer Markttag in Walsrode hinzu. „Die Kunden im Laden sind zu 90 Prozent Stammkunden“, schätzt Leutnant, „wir wissen, was sie wollen“.

Der Bio-Hofladen Zwei Eichen ist an zwei Tagen in der Woche geöffnet.

Nur in den Sommermonaten kämen manchmal auch Heide-Touristen vorbei. Die Kundschaft stamme aus einem Umkreis von etwa 20 Kilometern, vor allem aus den umliegenden Kleinstädten. Im Rahmen des niedersächsischen Schulobst- und Schulgemüseprogramms beliefern die Leutnants 20 Schulen wöchentlich mit Gemüse. Auch viele Eltern von Kindern der Bomlitzer Waldorfschule schätzen den Bio-Laden als Einkaufsstätte. Zudem gehören einige Restaurants zu den Kunden des Hofladens.

Veganer Gemüseanbau mit samenfesten Sorten

Heute umfasst die Hoffläche der Gärtnerei etwa zwei Hektar, rund 1.000 Quadratmeter sind geschützt durch Glasdach oder Folie. Gegärtnert wird hier rein vegan, das heißt ohne tierische Dünger. Neben dem gängigen Gemüsesortiment werden manchmal auch seltene Sorten angebaut, wie Bittergurken oder Guter Heinrich.

Ein besonderes Anliegen von Jürgen Leutnant ist die Förderung und der Anbau von alten und samenfesten Gemüsesorten. „Viele alte Sorten, die robust aber weniger ertragreich sind, sterben allmählich aus, weil auch im ökologischen Landbau zunehmend nicht vermehrungsfähige Hybridsorten genutzt werden“, sagt er.

Heilkräutergarten mit eigener Manufaktur und Seminarangebot

Eine Besonderheit ist der große Kräutergarten mit Kräutern und Gewürzen aller Art, Küchen- wie Heilkräutern oder auch Wildgemüse. So gibt es einen mittelalterlichen Heilpflanzengarten nach Hildegard von Bingen und eine eigene Abteilung mit Kräuterpflanzen aus Asien und Fernost.

Eine weitere Spezialität ist der Anbau von Zistrosen. Auch deren Blüten verarbeitet Natalia Leutnant in ihrer Kräutermanufaktur Weidenröschen, in diesem Fall zu einer Salbe. Aus den Kräutern und Früchten entstehen dort Sirups und Pestos, Cremes und Essenzen, Seifen und Tees. Zukünftig will Natalia auch Pflanzendestillate herstellen.

In der hauseigenen Kräutermanufaktur Weidenröschen stellt Natalia Leutnant verschiedene Produkte her, wie zum Beispiel Apfelessig.

Die besondere Atmosphäre des 1.500 Quadratmeter großen Heilpflanzen- und Apothekergartens animiert manchen Stammkunden dazu, mehrere Stunden zu verweilen: „Einer ist Theologe. Er sitzt dann da und schreibt bei uns seine Bücher“, freut sich Natalia Leutnant.

Regelmäßig bietet die Diplom-Biologin Kräuterführungen an, aber auch Seminare und Workshops – zur Verwendung von Kräutern oder über die Verarbeitung in der Naturkosmetik. Zudem lädt sie zu Verkostungen ein, nimmt an Pflanzenmärkten oder dem „Tag des Offenen Gartens“ teil, bietet Aktionen zu Themen wie „essbare Wildkräuter“ oder „Blüten und Wildgemüse“ und organisiert Heilpflanzen- und Kulturreisen nach Russland.

Natalia Leutnant bei der Arbeit in der Manufaktur.

Stammkunden kommen aus Überzeugung

Besondere Werbung müssen die Leutnants für ihren Hofladen nicht mehr machen, „das meiste läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt Natalia. Und das Thema Social Media sei schon deshalb schwer umzusetzen, weil durch die schlechte Netzverbindung oft nicht mal die Homepage aufzurufen ist. „Da geht dann auch kein bargeldloses Bezahlen“, sagt sie.

Die Kunden (...) kaufen hier auch deshalb ein, weil sie das ganze Projekt unterstützen und wollen, dass es auch in der nächsten Generation weitergeht.

Jürgen Leutnant

Neben den eingeführten Bioläden in den umliegenden Kleinstädten bietet natürlich auch in der Lüneburger Heide der LEH immer mehr Bioprodukte an. „Doch die zunehmende Nachfrage nach Bio macht das wieder wett“, resümiert Jürgen.

„Auch wenn manches im Supermarkt günstiger ist: Bisher konnten wir mit vergrößerter Angebotsfläche auch immer den Umsatz steigern. Entscheidend ist das Vertrauen der Stammkundschaft, die wir in vielen Jahren aufgebaut haben.“ Die Leutnants sehen denn auch ihre Gärtnerei als „Solidarische Landwirtschaft“: „Die Kunden halten dem Laden die Treue, weil sie vom Konzept überzeugt sind. Sie kaufen hier auch deshalb ein, weil sie das ganze Projekt unterstützen und wollen, dass es auch in der nächsten Generation weitergeht.“

Zahlen – Daten – Fakten

  • Inhaber: Jürgen und Natalia Leutnant
  • Adresse: Grenzweg 32, 29699 Bomlitz, OT Hünzingen
  • Öffnungszeiten: Dienstag und Freitag 9:30 bis 18 Uhr
  • Verkaufsfläche: 300 Quadratmeter
  • Anzahl Mitarbeiter: Sechs Vollzeitstellen, inkl. Betriebsleiterpaar; regelmäßig drei Personen im Laden, vier Verkäufer am Marktstand (Verkaufsfläche 17 Meter; mittwochs, freitags und samstags). Die Gärtnerei ist ein Ausbildungsbetrieb und derzeit einen Lehrling.
  • Großhändler: Grell, Kornkraft, Pural, Naturkostkontor Bremen
  • Webseite: www.biohofladen2eichen.de

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