Biohandel

Wissen. Was die Bio-Branche bewegt

Erfa-Gruppen

Zahlen analysieren, Erfahrungen teilen: So helfen sich Bioladner gegenseitig

Wenn sich Bioladner in sogenannten Erfahrungsgruppen treffen, vergleichen sie betriebswirtschaftliche Daten, um die eigene Position besser einschätzen zu können. Vor allem aber geht es um Vernetzung. BioHandel war beim Treffen junger Ladenbesitzer dabei.

Das muss sich anfühlen wie Achterbahn-Fahren. Thilo Peters sitzt im Seminarraum und Kolleginnen und Kollegen schildern ihm ihre Eindrücke, die sie vom Besuch seines Naturkostladens Holzapfel in Jockgrim mitgebracht haben. „Super schön, die Kräuter- und Salattöpfe vor deinem Laden – aber man sieht nicht, dass es ein Bioladen ist“, sagt eine Teilnehmerin. „Das Ladenschild über der Tür gefällt mir – aber man sieht es kaum. Es hebt sich nicht von der Mauer ab“, meint eine andere.

Ladenbegehung und Feedback sind ein zentraler Programmpunkt, wenn sich Erfahrungsgruppen, kurz: Erfa-Gruppen, treffen (siehe Kasten). Zumindest ist das so bei denen, die die Bioladen-Beratung Klaus Braun seit über 30 Jahren organisiert und begleitet. Zweimal im Jahr treffen sich die Gruppen von 8 bis 15 Bio-Händlerinnen und -Händlern jeweils für zwei Tage bei einem der Kollegen. Nach der Ladenschau werden im Frühjahr Zahlen analysiert, um Erfolge und Misserfolge des unternehmerischen Handelns im Vorjahr einschätzen zu können und zu vergleichen. Im Herbst geht es um Themen aus dem betrieblichen Alltag wie Personal, Marketing oder Marktentwicklung.

Die Gruppe, die sich in Jockgrim trifft, läuft als „Jung-Erfa-Gruppe“: Sie wurde vor drei Jahren ins Leben gerufen. Kaum jemand ist über 30, alle haben ihren Bioladen vor maximal fünf Jahren übernommen oder befinden sich noch in einer Übergangsphase, in der sich Vorgänger und Nachfolger zusammenraufen.

Diesmal sind sie zu neunt: Mit dabei sind unter anderem zwei von drei Schwestern, die einmal den Biomichl in Weilheim übernehmen wollen. Die Eltern bespielen 900 Quadratmeter Ladenfläche und wollen bald einen zweiten Bio-Supermarkt in Murnau eröffnen. Neu in der Gruppe ist ein Paar, das in einem Jahr Naturkost Blieskastel mit 370 Quadratmetern Ladenfläche in Biomarkt Frohnatur verwandeln möchte. Die Unternehmensberater Simon Döring und Franca Lichti moderieren das Treffen.

Was allen unter den Nägeln brennt: das Thema Personal

Los geht es am Morgen mit dem sogenannten „Wetterbericht“: Die Teilnehmenden geben kurze Einblicke, wie es ihnen mit ihrem Geschäft im vergangenen halben Jahr ergangen ist. Was fast allen unter den Nägeln brennt, ist das Thema Personal. Bei einem der großen Betriebe sind 20 Prozent der Mitarbeitenden krank, viele davon für lange Zeit. In einem der Miniläden fällt seit September eine Mitarbeiterin aus, die andere plant Klinikaufenthalt und Reha. In einem weiteren Laden möchte die wichtigste Mitarbeiterin nur bis September bleiben.

„Wie sucht ihr nach Personal?“, fragt Simon Döring in die Runde. „Wenn ich übers Jobcenter gehe, kommen nur Unmotivierte“, ist eine Antwort. „Wir suchen über Indeed im Internet. Das bringt mehr und kostet weniger als eine Zeitungsanzeige“, heißt es. Und: „Wir machen das nicht per Aushang im Laden. Sonst muss ich eventuell jemanden aus der Kundschaft ablehnen und verliere eine Stammkundin.“ Eine Ideallösung gibt es nicht, aber die Gruppe produziert jede Menge Ideen.

Apropos: Thilo Peters hat über seinen Laden Holzapfel jüngst eine Kräuterwanderung organisiert. So taucht die Frage auf, wie Nahrungsergänzungsmittel und Kräuter ein Alleinstellungsmerkmal werden können. Vielleicht über die Zusammenarbeit mit einer Heilpraktikerin?

Fragen nach dem Konzept sind angesichts der angespannten Marktsituation von hoher Relevanz: Bio-Läden stehen vor großen Herausforderungen. Im geschützten Raum werden Ideen auch kontrovers diskutiert: „Hast du schon mal an einen Mitglieder-Laden gedacht?“, schlägt jemand vor. „Kommt für mich nicht in Frage“, ist die Antwort. „Dass mir die Kunden reinreden – dafür hab‘ ich keinen Nerv.“

Erfa-Gruppen

„Erfa“-Gruppe ist die Abkürzung für Erfahrungsaustausch-Gruppe: ein Zusammenschluss ähnlicher oder vergleichbarer Unternehmen, deren Chefs oder Chefinnen sich regelmäßig treffen, um geschäftliche Erfahrungen auszutauschen. Der Vergleich betriebswirtschaftlicher Daten soll helfen, die eigene Position besser einzuschätzen. Vor allem aber geht es um Vernetzung. Empfohlen ist, Betriebe zusammenzubringen, die nicht in direkter Konkurrenz zueinanderstehen. Geraten wird weiterhin, sich eine neutrale Person zur Moderation dazuzuholen. Vermittler sind meist Unternehmensberater oder berufsständische Kammern wie die IHK. Neben der Bioladen-Beratung Klaus Braun gibt es weitere Anbieter von Erfa-Gruppen, beispielsweise auch speziell für Unverpackt-Läden.

Die Zukunft für kleine Läden ist nicht immer rosig

Zwischen Theorie und Praxis liegen 15 Minuten. So lange dauert der Fußweg vom Tagungshaus ins Örtchen zum Bioladen Holzapfel mit 130 Quadratmetern Fläche. Davor: Ein kleiner Platz mit ein paar Klapptischen und -stühlen, Pflanzentöpfen, Platanen – das Außencafé. Zwei Eingänge laden ein, sieben Fenster spenden Tageslicht. „So viel Licht!“, lautet einer der ersten Kommentare. Und weiter: „Erstaunlich, wie geräumig das ausschaut.“ Vielleicht, weil alles aufgeräumt wirkt. So bleibt – neben einem knappen Bio-Laden-Grundsortiment inklusive Käsetheke – Raum für Extras: Unweit vom Fastensaft liegen Fastenbücher, auch zur Yogamatte wurde ein passendes Buch gestellt. Es gibt Postkarten, Keramikbecher und ein Joghurtgerät, auf dem Tresen süßes Gebäck unter Glasglocken.

Diskutiert wird vor Ort und später in der Feedbackrunde. Etwa das Backwarenangebot: Es gibt Brot und Kuchen von drei Bäckern, aber auch Vorgefertigtes aus dem Hightech-Ofen. „Tolle Auswahl!“, heißt es. Aber auch: „Was sagt die Kundschaft? Ist ihnen klar, dass das Aufbackware ist?“ Insgesamt sammelt Thilo Peters viel Bestätigung und Lob. „Ich liebe diesen Laden. Er ist mein Traum!“, sagt er.

Doch der Blick in die Zukunft ist nicht immer rosig. Umsatzeinbußen, eine unerwartete Kündigung, das ständige Gefühl, allein gegen Windmühlen zu kämpfen – kleine Läden stehen schnell am Rande der Existenz.

Das betont Simon Döring in seinem Überblick zur aktuellen Situation im Fachhandel. „Fünf bis zehn Prozent Wachstum kommen nicht mehr von alleine dazu. Ihr müsst anders wirtschaften als die Pioniere. Es braucht Unternehmertum, innovative Ideen. Und unbedingt den Mut, die Preise zu erhöhen.“

Bestärkt durch die eigene Peer-Group

Christina Greff und Yannick Pfister, die 2025 Naturkost Blieskastel von den jetzigen Inhabern übernehmen wollen, stehen noch am Anfang. Christina arbeitet schon im Laden mit, Yannick treibt Planung und Umbauten voran. Die Zusammenarbeit mit den Vorbesitzern laufe gut, berichtet er. „Da spielen Erfahrung und neue Ideen gut zusammen.“

Jetzt, im Tagungsraum in Jockgrim, sammeln die beiden jede Menge Ratschläge. „Ist der Kaufpreis in Ordnung? Ich habe damals zu viel bezahlt.“ Und: „Ihr könntet, wie wir, Genussrechte ausgeben, als Alternative zur Finanzierung durch die Banken.“

Den Tipp mit den Genussrechten greift das Paar auf und lässt sich dazu beraten, berichtet Pfister einige Tage später. Spannend fand er auch, die Zahlen und Analysen der anderen kennenzulernen. „Wir haben die Ist-Zahlen der derzeitigen Inhaberinnen vorgestellt, bekamen Tipps, an welchen Punkten wir arbeiten müssen und wissen jetzt, wo wir hinwollen.“

Thilo Peters war nach eigener Aussage wochenlang mit der Vorbereitung des Ladenbesuchs beschäftigt. Im Rückblick sagt er: „Ich fühle mich bestärkt durch meine Peer-Group.“ Treffen mit Erfa-Gruppen, das sei für ihn „ein Austausch auf Augenhöhe, offen und ehrlich, mit Menschen, die die gleichen Träume, Wünsche, Sorgen und Nöte haben. Das bringt mich immer weiter“.

„Wir sind oft mit Scheuklappen unterwegs. Hier können wir unseren Horizont erweitern.“

Martina Winterhalder, Ladnerin

Die Inhaberin des Bio-Ladens Sesam in Neustadt, Marina Winterhalder, hat im Holzapfel laktosefreie H-Milch entdeckt. „Bisher gab’s bei mir keine laktosefreie Milch, weil die Nachfrage zu klein ist für ein Produkt mit kurzem MHD. Die Idee mit der H-Milch ist gut!“ Sich an Erfa-Gruppen zu beteiligen, würde sie jedem empfehlen: „Wir sind oft mit Scheuklappen unterwegs. Hier können wir unseren Horizont erweitern“. Sie schätzt es, sich jedes halbe Jahr darauf vorzubereiten, über ihr Geschäft zu berichten. „So ziehe ich regelmäßig Zwischenbilanz.“ Außerdem: Ladenzahlen nicht nur mit dem Steuerberater zu besprechen, sondern mit Gleichgestellten zu vergleichen, tue gut. „Bei den Roherträgen war ich die stärkste in der Gruppe!“

Mit jedem Treffen wachse das Vertrauen untereinander. Einige Erfa-Gruppen der Bioberatung Klaus Braun bestehen über Jahrzehnte mit einem festen Kern an Teilnehmern. Es ist ein lebendiges Netzwerk, das da entsteht.

Den künftigen froh:natur-Ladnern wurden die Erfa-Gruppen übrigens von den Biomichl-Nachfolgerinnen empfohlen, die sie bei einem Biomarkt-Verbundtreffen kennenlernten. Demnächst wird das Paar bei Biomichl hospitieren.

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Kommentare

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muehlexanten

Ich habe einige Erfahrungen in ERFA-Gruppen, mal gute, mal mäßige. Bei den mäßigen steht der Frust über zu wenig brauchbarem Inhalt dem hohen Fahrtaufwand gegenüber, denn: Nachbar sollte man nicht sein! Mangels Zeit dann auch sein gelassen. Es steht und fällt auch mit der eigenen Vorbereitung auf so ein Treffen. Zu Online-Zeiten suche ich aber andere Formate ergänzend oder als Ersatz, die finde ich nicht. Ein Forum, eine Facebook-Gruppe, eine Blog-Sammlung (siehe Blog EDEKA-Markt Harste). Simon Döring fand ich gut, auf einem Weiling Seminar. Aber danach habe ich nichts dergleichen angefangen - mangels Zeit. Also: Tips für ein Forum? Wieso nicht hier?

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