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Nachhaltigkeit

Wo der Bio-Fachhandel hinterherhinkt

Lange dachten die Bio-Pioniere, dass ihnen beim ökologischen Wirtschaften niemand etwas vormachen kann. Doch inzwischen werden sie bei einem ihrer ureigenen Themen immer öfter vom LEH überholt.

14.07.2021 vonLeo Frühschütz

Laut einer Umfrage wünschen sich drei viertel der Verbraucher eine Klimaneutral-Kennzeichnung.

Lange dachten die Bio-Pioniere, dass ihnen beim ökologischen Wirtschaften niemand etwas vormachen kann. Doch inzwischen werden sie bei einem ihrer ureigenen Themen immer öfter vom LEH überholt.

Welcher Bio-Händler schreibt das: „Wir sind der erste Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland, der klimaneutral handelt.“ Zwar streitet die Wettbewerbszentrale derzeit mit einigen Unternehmen – unter anderem auch Aldi Süd – über die Verwendung des Begriffs „klimaneutral“. Doch der Satz steht auf der Nachhaltigkeitswebseite von Aldi Süd, laut Selbsteinschätzung „der größte Biohändler Deutschlands“.

Der Discounter berichtet über neue Kühlanlagen in den Filialen. Demnach sind bereits 86 Prozent mit neuester Technik und natürlichen Kältemitteln ausgestattet. Auf den Dächern von 1.320 Filialen erzeugen PV-Anlagen Strom, den Rest deckt grüner Strom aus Wasserkraft. Den ganzen restlichen CO2-Ausstoß neutralisiert der Discounter über Climate Partner – und das bereits seit 2019. Rund 330.000 Tonnen CO2 zeigt Climate Partner für die drei Jahre als kompensiert an. Die Zeitschrift Capital nannte 2020 für die bekannten Kompensationsanbieter Kosten von 15 bis 25 Euro je Tonne CO2. Das wären, auf Aldi bezogen, 1,65 bis 2,75 Millionen Euro im Jahr. Kostet also nicht die Welt.

Klimaneutrale Bios?

Doch welcher Bio-Fachhändler ist klimaneutral? Beim Googeln tauchten auf: Biomarkt Hauser in Lauchringen, Pur Natur in Kempten, Kornhaus Naturkost in Dortmund und die Naturkost Oase in Zell. Bei den Großhändlern gleicht Weiling zusammen mit Klimaktiv seit Anfang 2020 seine Emissionen aus. Bei den Herstellern findet die Suchmaschine Holle, Byodo, Salus, Followfood und Märkisches Landbrot sowie Lavera und I+M bei der Naturkosmetik. Doch die allermeisten Bio-Betriebe sind entweder keine klimaneutralen Unternehmen oder haben die Information darüber so gut versteckt, dass Google sie nicht findet.

Von den 17 Nachhaltigkeitsaspekten der UN bekommt der Klimawandel besonders viel Aufmerksamkeit. In einer aktuellen Umfrage von Climate Partner achtete die Hälfte der Befragten beim Kauf auf klimafreundliche Lebensmittel. Drei Viertel wünschten sich eine klare Klimaneutral-Kennzeichnung. Das war nicht immer so. 2008 brachte der Importeur Biotropic eine klimaneutrale Banane auf den Markt und das Unternehmen Ökoland ließ Bratwurst und Bratwürstchen klimaneutral zertifizieren und machte die „Superwurst“ daraus.

Beide Lebensmittel waren nach dem damals neuen Stop-Climate-Change-Standard zertifiziert, der eigens für Bio-Betriebe entwickelt worden war. „Wir mussten uns damals vorhalten lassen, das sei Greenwashing und ein Werbegag“, erinnert sich Ökoland-Geschäftsführer Patrik Müller. Im Fachhandel stieß die Wurst auf wenig Resonanz und nur wenige andere Unternehmen wie der bio verlag (BioHandel, Schrot&Korn) ließen sich ebenfalls zertifizieren. Ökoland und bio verlag sind seither klimaneutrale Unternehmen, doch der Standard selbst schlief ein. „Die Branche hat es nicht verstanden und verpennt“, lautet Müllers Fazit.

Bereits 2008 brachte Biotropic klimaneutrale Bananen auf den Markt.

Wenig klimaneutrale Produkte im Fachhandel

Und heute? Heute bewirbt Lidl die ersten klimaneutralen Produkte, bei denen der Händler die Emissionen bei Herstellung und Transport ausgleicht. Übrigens auch ausgewählte Bioland-Artikel, die so durch Lidl noch besser werden. In Österreich gleicht der Discounter schon für seine gesamte Bio-Eigenmarke die CO2-Emissionen aus. Nur mal kurz vorgestellt: Was würde passieren, wenn Lidl oder Aldi das in Deutschland machen? „Nur bei uns ist Bio tatsächlich klimaneutral!“ Auch andere konventionelle Händler und Hersteller setzen zunehmend auf klimaneutrale Lebensmittel.

Suchen Kunden auf den Portalen Ecoinform und 123 Bio nach klimaneutralen Bio-Produkten, finden sie wenig mehr als das Eis von Kissyo, die Nudeln von Just Taste und das neue Rapsöl Bio Purea der Teutoburger Ölmühle. Zwar sind auch Schokis von Naturata, Produkte von Holle und Followfood klimaneutral, doch sie ploppen nicht als solche auf. Weiling hat seit 2019 das Obst und Gemüse seiner Eigenmarke Bioladen CO2-kompensiert. Gepa liefert seit April ein faires und klimaneutrales Honigsortiment.

Kompensieren mit regenerativer Landwirtschaft

Eine Möglichkeit, mehr CO2 im Boden zu binden, ist die regenerative Landwirtschaft. Entwickelt haben diese Ideen vor allem Bio-Landwirte, denen der normale Bio-Anbau nicht konsequent genug war. Doch macht regenerative Landwirtschaft mehr Arbeit. Diese lässt sich finanzieren, wenn das gebundene CO2 anderswo Treibhausgase kompensiert.

Beispielhaft vorgemacht haben das die regionalen Biomessen zusammen mit Soil and More. Deren Berater ermittelten 2014 für sieben große Bio-Höfe das Kohlenstoffbindungspotenzial jedes Hofes. Die Betriebe verkauften das gebundene CO2-Potenzial in Form von Emissionszertifikaten an die Biomessen und setzten die besprochenen Maßnahmen um. Probenahmen in 2019 bestätigten den Humusaufbau. Nachahmer gab es wenige.

Mit Followfood hat sich ein Bio-Hersteller strategisch der regenerativen Landwirtschaft verpflichtet und die Andechser Molkerei bringt gerade einen Joghurt vom Klima-Bauer auf den Markt. Das Unternehmen Carbocert arbeitet nach eigenen Angaben mit 340 Landwirten zusammen, die auf 14.000 Hektar Humusaufbau betreiben, bio und konventionell. Herbaria und Neumarkter Lammsbräu gehören zu den Zertifikatekäufern von Carbocert.

Mithilfe von regenerativer Landwirtschaft und Humusaufbau kann mehr CO2 im Boden gebunden werden.

Greta-Effekt und Fördergelder bewegen Konzerne

Die EU-Kommission will im Rahmen ihres Green Deal Betriebe unterstützen, die Kohlenstoff im Boden binden, ein Gutachten dazu legte sie im April vor. Dazu passt, dass der Lebensmittelkonzern Nestlé erklärte, in den nächsten fünf Jahren rund eine Milliarde Euro zu investieren, um Rohstofflieferanten auf eine regenerative Landwirtschaft umzustellen.

„Nestlé erhöht die Abnahmemengen, zahlt einen Aufpreis für die Produkte und beteiligt sich an den erforderlichen Investitionen“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Bis 2030 will es mehr als 14 Millionen Tonnen seiner Zutaten aus regenerativer Landwirtschaft beziehen – und vermutlich auch als solche vermarkten.

Die Konzerne bewegen sich. Und die Bio-Branche? Muss man nicht ernst nehmen, sind ja bloß die Greenwashing-Sprüche eines bösen Konzerns, könnte man meinen. Tatsächlich aber ist es ein Greta-Effekt. Die Klimaproteste verbunden mit immer kritischeren Nachfragen großer institutioneller Investoren bringen auch große Konzerne in Bewegung. Diese geben Ziele vor und setzen sie um. „Solche Strategiepläne mit klaren Vorgaben würde ich mir von Bio-Unternehmen wünschen, vor allem von den Großen“, sagt Martina Merz, die mit Merzpunkt die Bio-Branche seit 30 Jahren zu Nachhaltigkeitsthemen berät (siehe Interview unten).

Soziales nicht vergessen

In Bio-Unternehmen liegt der Nachhaltigkeitsschwerpunkt oft auf Öko-Themen, das Soziale steht weniger im Mittelpunkt. Da werden Betriebsräte und Tariflöhne abgelehnt und die Männerquote in den Führungsetagen unterscheidet sich kaum von DAX-Unternehmen. Die größte Baustelle der Branche sind – gemessen an ihren Ansprüchen – faire und existenzsichernde Preise und Löhne entlang der gesamten Wertschöpfungskette im In- und im Ausland.

„Der Markt gibt es nicht her“, bedauern sinngemäß viele Unternehmen, anstatt das Problem mit einer Strategie und bezifferbaren Zielen anzugehen – so wie das die Fairtrade-Bewegung macht. Weil sie erkannt hat, dass ihre Glaubwürdigkeit in Gefahr ist. Auch der LEH (außer Edeka) engagiert sich bei seinen Eigenmarken stark für das Thema.

Verschiedene Tools und Zertifizierer

Natürlich engagieren sich Bio-Unternehmen für mehr Nachhaltigkeit, das zeigen die erwähnten Beispiele sowie viele andere. Etwa die Bohlsener Mühle, die mit ihren Dinkelspelzen inzwischen das halbe Dorf heizt. Mehrere Bio-Pioniere nutzen das Öko-Audit der EU (EMAS), einige waren Pilotprojekte für Nachhaltigkeitsstandards wie ZNU (Söbbeke, Lavera) oder CSE (Sodasan), andere implementieren die Gemeinwohlbilanz.

„Es werden aktuell eine Vielzahl unterschiedlicher Nachhaltigkeitstools genutzt und hier ist kein Favorit erkennbar“, beschreibt Hans Kaufmann, Pressesprecher des Branchenverbandes BNN, die Ergebnisse einer Umfrage unter den Mitgliedern. Der BNN hatte 2009 einen Nachhaltigkeitsmonitor eingeführt, um das Engagement seiner Mitglieder zu messen und als Branchenleistung zu kommunizieren. Damals begann der LEH, seine Nachhaltigkeitsleistungen herauszustellen und die Naturkostbranche wollte etwas dagegensetzen. Das Projekt schlief 2017 ein, nachdem die Fördermittel für die Kampagne Nachhaltig Bio ausgelaufen waren. Im letzten Jahr musste der BNN das Projekt beenden, da der Kooperationspartner pleite ging.

Mit den diversen Standards war die Hoffnung verbunden, mit einem Logo auf dem Produkt die Leistungen kommunizieren zu können. Das jedoch setzt eine Bekanntheit voraus, die keiner der Standards aufweisen kann. Dieses Schicksal dürfte auch das auf der Biofach vorgestellte und von Lebensbaum und Alnatura genutzte We Care-Zertifikat ereilen. All diese Standards können nur eine interne Wirkung entfalten – wenn sie als ständiger Anreiz genutzt werden, sich zu verbessern.

Werbung mit Engagement

Für die Außenwirkung gehen immer mehr Hersteller einen anderen Weg und stellen in Anzeigen statt der Produkte einzelne Aspekte ihres Nachhaltigkeitsengagements in den Vordergrund. Barnhouse wirbt mit regionalem Hafer, Natumi hilft der Ackerhummel und Allos den Bienen. Bei Rapunzel wird das faire Handeln thematisiert und bei Heuschrecke steht groß „Lieferkette“ auf der Anzeige. Biovegan macht sich in den sozialen Medien plastikfrei und Voelkel lässt einen DJ Vogelstimmen auflegen.

Damit liefern die Hersteller, was Kunden erwarten. Den Menschen in Deutschland sind beim Lebensmitteleinkauf hohe Arbeits- und Tierschutzstandards, ein saisonales und regionales Angebot sowie hohe Umweltstandards mehrheitlich (sehr und eher) wichtig. Das ergab eine Umfrage der Verbraucherzentralen. Gleichzeitig erkannten die meisten Befragten kaum, ob Lebensmittel bestimmte Anforderungen erfüllen. Entsprechend groß war ihr Wunsch nach einer verlässlichen und einfachen Kennzeichnung durch den Staat.

Der Bioladen ist stärker als Einkaufsstätte für nachhaltige Produkte ins Bewusstsein gerückt.

Marion Morgner, Projektmanagerin beim bio verlag

81 Prozent der Befragten denken, dass Landwirte in Deutschland für die von ihnen produzierten Lebensmittel keine fairen Preise erhalten. Zwei Drittel befürworteten es, die Folgekosten der Landwirtschaft in die Preisbildung von Lebensmitteln einzubeziehen. Kunden, die viel in Bioläden einkaufen, liegt Nachhaltigkeit besonders am Herzen. 80 Prozent der Teilnehmer der Schrot&Korn-Leserumfrage 2020 schätzten an ihrem Bioladen das sehr gute Angebot an nachhaltigen Produkten. „Der Bioladen ist stärker als Einkaufsstätte für nachhaltige Produkte ins Bewusstsein gerückt“, erklärt Projektmanagerin Marion Morgner vom bio verlag. „Die Kunden gehen in den Bioladen, weil sie Vertrauen in das Commitment und die Auswahl des Ladners haben.“

Eine Erkenntnis, die auch die großen Handelsketten haben und mit der sie seit Jahren gezielt um diese Nachhaltigkeits-affinen Kunden werben. Sie haben – auf Druck der Zivilgesellschaft – gelernt, dass sie für dieses Vertrauen auch etwas tun müssen. Zum Beispiel klimaneutral werden und bestes Bio anbieten. Noch hat die Naturkostbranche das Alleinstellungsmerkmal 100 Prozent Bio. Doch sich darauf auszuruhen, wird nicht reichen. Es braucht eine Strategie und klare Ziele – fürs einzelne Unternehmen wie für die Branche.

Deshalb beschäftigte sich das 11. Marktgespräch der BioHandel-Akademie mit der Frage, wie der Fachhandel zur nachhaltigen Transformation der Lebensmittelwirtschaft beitragen kann. BioHandel berichtete über die Ergebnisse: Lesen Sie, weshalb Unternehmen ein „Warum“ brauchen und hören Sie im Marktegspräch-Podcast mit Julius Palm von Followfood und Kommunikationsexperte Tobias Reitz wie man Mitarbeiter für den tieferen Unternehmenssinn („Purpose“) begeistert.

„Klare Ziele formulieren“

Martina Merz, Geschäftsführerin und Gründerin von Mërz Punkt, im Gespräch über die Defizite in der Branche beim Thema Nachhaltigkeit.

Der LEH profiliert sich immer stärker über Nachhaltigkeitsthemen. Wie kann die Branche zeigen, dass sie auf diesem Gebiet mehr tut?

Ich habe ein anderes Bild der Bio-Branche. Sie klopft sich sehr gerne auf die Schulter, definiert sich als die Guten und grenzt sich damit gegen den „schlechten“ konventionellen Handel ab. Gleichzeitig ist sie blind gegenüber den eigenen Schwächen. Die Pionierbetriebe sind so schnell gewachsen, dass viel liegengeblieben ist.

Ist das nicht zu negativ gesehen?

Natürlich drehen die Unternehmen an verschiedenen Schrauben und versuchen, besser zu werden. Ich erlebe aber auch viele Unternehmen als wenig innovativ. Durch meine Mitarbeit im Bundesverband Nachhaltiger Unternehmen sehe ich, wie Pioniere anderer Branchen wie Elobau oder Vaude und Start-Ups wie Einhorn das Thema Nachhaltigkeit angehen. Die sind da viel agiler.

Was würdest Du einem Unternehmen empfehlen, das Ernst machen will?

Selbstkritisch analysieren, was meine Schwächen sind und die Hebel, etwas zu verändern. Klare Ziele formulieren, den Weg festlegen, ihn beschreiten und transparent darüber berichten. Mit gemessenen Zahlen, nicht nur mit schönen Worten. Es hilft, sich dabei an den SDGs zu orientieren und mit passenden zu arbeiten. Kurz: eine klassische Nachhaltigkeitsstrategie erarbeiten und umsetzen.

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