Wissen. Was die Branche bewegt
Alternative Wirtschaftsformen

Es ist an der Zeit, dass sich die Branche an ihre Wurzeln erinnert

Klimawandel und Corona-Pandemie zeigen deutlich: Wir müssen anders wirtschaften. Die Naturkost-Branche kann das – wenn sie umsetzt, wofür sie vor 40 Jahren antrat.

04.08.2020 vonLeo Frühschütz

Wer sich an einer Solawi beteiligt, bekommt das, was wächst: saisonal, regional und wetterabhängig.

Klimawandel und Corona-Pandemie zeigen deutlich: Wir müssen anders wirtschaften. Die Naturkost-Branche kann das – wenn sie umsetzt, wofür sie vor 40 Jahren antrat.

Der Neustart nach dem Corona-Lockdown ist eine einmalige Chance, unsere Wirtschaft solidarisch und ökologisch zu transformieren. So sehen das rund 1.000 Unternehmen, die auf nachhaltig-zusammen.de einen entsprechenden Aufruf unterschrieben haben. Darunter finden sich zahlreiche Bio-Hersteller und Händler.

Schließlich wollten die Bio-Pioniere in den 70er und 80er Jahren nicht nur Ernährung und Landwirtschaft ändern, sondern auch unsere Wirtschaftsordnung. Sozial, gerecht, fair und ökologisch sollte sie sein, selbstbestimmtes und hierarchiefreies Arbeiten ermöglichen. Damals entstanden zahlreiche Bäckerkollektive, Landkommunen, Basisläden und andere selbstverwaltete Bio-Unternehmen.

„Die Branche ist konventionell geworden“

Doch auf dem Marsch durch die real existierende Marktwirtschaft haben sich so manche Ideale abgeschliffen, Visionen verändert, Denkweisen angepasst. Bio ist – ebenso wie die damals entstandenen Grünen – Mainstream geworden. Zwar genießt die ökologische Nachhaltigkeit weiterhin einen hohen Stellenwert. Doch grundlegende soziale Reformen und Änderungen des Wirtschaftssystems stehen längst nicht mehr auf der Agenda der Bio-Marktteilnehmer.

„Die Bio-Branche ist in ihrer Art des Handelns sehr konventionell geworden, weit weg von alternativen Wirtschaftsweisen“, sagt der Unternehmensberater Christoph Spahn. Dabei zeigen Klimawandel und Corona-Pandemie klar, dass sich etwas Grundlegendes ändern muss und es mit kleinen Kurskorrekturen nicht getan ist.

„Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt?“ müsste deshalb beim Thema alternatives Wirtschaften das Motto zumindest für die Naturkost-Branche lauten. Schließlich blickt sie auf einen reichen Schatz an Erfahrungen zurück. Darüber hinaus gibt es aktuelle Beispiele und Entwicklungen, die neue Wege aufzeigen.

Andere Formen des Eigentums

Altgediente Bio-Betriebe, die bis heute selbstverwaltet arbeiten, gibt es nur noch wenige, etwa das Café Ruffini in München oder den von einem Frauenkollektiv geführten Kiezladen "Kraut&Rüben" in Berlin. Bei anderen, wie dem Berliner Tee- und Kaffeegroßhändler Ökotopia, hat sich das Kollektiv irgendwann selbst abgeschafft. „Doch die Werte, die bei der Gründung aktuell waren, kommen gerade wieder mehr in Mode“, stellt Ökotopia-Geschäftsführerin Franziska Geyer fest.

Die meisten Bio-Unternehmen gehören ihren Gründern oder sind, oft schon in der zweiten Generation, Familienunternehmen. Andere wurden an Konzerne oder Beteiligungsgesellschaften verkauft, wie zuletzt Lebensbaum. Der Bio-Pionier gehört jetzt Adiuva Capital, einer Gesellschaft, über die sich der Heinrich Bauer Verlag an mittelständischen Unternehmen beteiligt.

Doch es gibt auch Bio-Unternehmen, die andere Formen des Eigentums gefunden haben. So gehört etwa der bio verlag, der BioHandel und Schrot&Korn herausgibt, seit 2011 den Mitarbeitern und einer Stiftung. Zahlreiche Bio-Betriebe sind als Genossenschaft organisiert. Zu den bekanntesten zählen die Molkerei Berchtesgadener Land, der Regionalgroßhändler Tagwerk bei München, Kräutergarten Pommerland oder die Landwege- Biomärkte in Lübeck. Das Besondere an einer Genossenschaft ist, dass jeder Genosse eine Stimme hat, unabhängig von der Höhe des Anteils.

Wir trennen etwas, das in zwei Jahrhunderten immer fest zusammengehörte: Macht und Geld.

Armin Steuernagel, Purpose-Stiftung

Andere Bio-Unternehmen gehören einer Stiftung und sind damit unverkäuflich. Erzielte Gewinne bleiben im Unternehmen oder werden für gemeinnützige Ziele ausgegeben. Die Hersteller Wala (Dr. Hauschka), Taifun und Voelkel sowie der Großhändler Grell Naturkost sind Beispiele dafür.

Armin Steuernagel, Mitbegründer des Demeter-Herstellers Mogli, hat vor einigen Jahren das Purpose-Netzwerk ins Leben gerufen, ein Verbund aus Stiftung und Beteiligungsgesellschaft. Purpose-Unternehmen funktionieren so: Der Eigentümer hält 99 Prozent der Stimmrechte und hat damit die unternehmerische Kontrolle. Er verpflichtet sich, keine Gewinne aus dem Unternehmen zu ziehen, sondern sie zu reinvestieren oder für gesellschaftlich sinnvolle Zwecke zu spenden.

Die Purpose-Stiftung hält einen einprozentigen Veto-Anteil und stellt damit sicher, dass das Unternehmen „sich selbst gehört“. Hört der Unternehmer auf, gehen die von ihm treuhänderisch gehaltenen Anteile an einen neuen Verantwortungseigentümer über. Der Versender Waschbär, der Japan-Spezialist Arche Naturprodukte und der US-Biogroßhändler Organically Grown Company sind nach diesem Modell organisiert.

Im bio verlag, bei dem BioHandel und Schrot&Korn erscheinen, entscheiden seit 2011 die Mitarbeiter.

Wem gehört der Boden?

Bei einem landwirtschaftlichen Betrieb dreht sich die Eigentumsfrage vor allem um den Boden. Rudolf Steiner, Begründer der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, wollte Produktionsmittel und Boden in gesellschaftliche Formen überführen, in denen sie sinnvoll genutzt werden konnten. Seine Argumente führten dazu, dass es heute mehr als 100 Bio-Höfe gibt, darunter viele Demeter-Betriebe, deren Eigentümer Vereine und andere gemeinnützige Organisationen sind. Sie verpachten den Hof an einen Landwirt oder an ganze Hofgemeinschaften, die ihn zusammen bewirtschaften – manchmal auch gemeinsam mit behinderten Menschen.

Die meisten Landwirte wirtschaften auch auf gepachteten Flächen. Diese werden immer wieder neu und mit steigenden Pachtpreisen vergeben – die sich Bio-Betriebe oft nicht leisten können. Um Pachtland für Bio-Betriebe zu sichern, kauft die von GLS Bank und GLS Treuhand gegründete Bio Boden Genossenschaft (BBG) Flächen auf, die sie langfristig an Bio-Betriebe verpachtet. Bisher haben 4.750 Genossen über 30 Millionen Euro Kapital zur Verfügung gestellt und damit 3.700 Hektar Boden dauerhaft für den Ökolandbau gesichert. Zahlreiche Bio-Händler und Hersteller sind Mitglied der BBG.

Auch die Kulturland Genossenschaft sichert mit den Einlagen ihrer Genossen Flächen für Bio-Höfe. Bisher haben 700 Genossen 200 Hektar Land für 17 Höfe gekauft. Der Unterschied zur BBG: Bei Kulturland kommen die jeweiligen Genossen aus dem Umfeld des Hofes und setzen ihr Geld gezielt für diesen Betrieb ein. „Dadurch fühlen sich die Menschen verantwortlich für den Betrieb, das stärkt die Verbindungen“, erklärt Kulturland-Geschäftsführer Stephan Illi. Dividende bekommen die Genossen nicht. „Jede Rendite würde dazu führen, dass der Landwirt mehr Pacht bezahlen und damit intensiver wirtschaften muss“, sagt Illi. „Wir wollen aber eine extensivere Landwirtschaft mit mehr Naturschutz möglich machen.“

Auch ganze Höfe will Kulturland nach diesem Muster übernehmen, erste Projekte sind in der Umsetzung. Kulturland arbeitet auch daran, das Purpose-Modell auf Höfe zu übertragen. „Sie kommen in das Eigentum einer GmbH, an der Kulturland eine Sperrminorität hält. Das notwendige Kapital kommt auch aus dem Umfeld des Hofes und macht Menschen zu Miteigentümern und Hütern des Hofes“.

Arbeiten fürs Gemeinwohl

Zahlreiche Bio-Betriebe unterstützen das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie, das der österreichische Wirtschaftspublizist Christian Felber entwickelt hat. Sie stellen ihre Leistungen für die Gesellschaft dar. Dazu wird das Engagement in Bereichen wie Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, Mitbestimmung und Transparenz durch Gemeinwohl-Indikatoren abgebildet und die Ergebnisse in einer Gemeinwohlbilanz dargestellt.

Mehr Informationen

Unter den Partnerhöfen von Kulturland finden sich zahlreiche solidarische Landwirtschaften (Solawi). Sie stellen durch gelebte Solidarität die herrschende Agrarwirtschaft auf den Kopf. Die Solawi-Idee: Eine Gruppe von Verbrauchern und ein Landwirt oder Gärtner tun sich zusammen. Der Landwirt liefert den Verbrauchern seine Ernte und sagt, wie viel Geld er übers Jahr gesehen dafür braucht. Die Verbraucher überweisen es dem Landwirt in monatlichen Raten, nehmen die Ernte ab und verteilen sie unter sich. Im Herbst treffen sich alle Beteiligten und verabschieden die Planung für das nächste Jahr.

Dadurch kann der Landwirt so wirtschaften, wie es ihm, seinem Betrieb und dem Boden gut tut. Er muss nicht mehr auf Höchsterträge hinarbeiten und auf Marktpreise schielen. Der Zwang, sich zu spezialisieren und den Anbau zu intensivieren entfällt. Gefragt sind gesunde und vielfältige Lebensmittel. Die Verbraucher bekommen das, was wächst: regional, saisonal und wetterabhängig. Sie tragen einen Teil des Risikos mit. Ist es den Kartoffeln zu trocken, dann gibt es eben weniger. Dafür kennen die Abnehmer „ihren“ Betrieb. Sie wissen nicht nur, wo ihr Essen wächst, sondern auch wie und warum.

Solawis sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft listet inzwischen 285 auf, dazu 65 Gründungsinitiativen. Und längst nicht alle Solawis sind Mitglied im Netzwerk. Die meisten Solawis sind zertifizierte Bio-Betriebe, manche arbeiten biologisch, verzichten aber auf das Zertifikat. Viele gehen über die Biostandards hinaus, bauen nur samenfeste Sorten an, bauen gezielt Humus auf und arbeiten nach Kriterien der Permakultur.

Neue We-economy

Das Prizip der solidarischen Landwirtschaft hat den Unternehmensberater Christoph Spahn fasziniert – und ihn zu der Frage geführt, ob sich dieses Modell nicht auch auf andere Betriebe, etwa Bäckereien, übertragen lässt. Inzwischen gibt es ein Netzwerk an Menschen, Initiativen und solidarischen Beispielbetrieben. Einer davon ist das Backhaus der Vielfalt in Freiburg. „Ein Verein mit 120 Haushalten besitzt und finanziert ein kleines Backhäuschen, in dem ein Bäcker einmal die Woche 180 Brote für alle Haushalte backt. Das Getreide stammt von zwei Hektar Land, die im Rahmen einer solidarischen Landwirtschaft bewirtschaftet werden“, beschreibt Christoph Spahn das Konzept. Räumliche Nähe und persönliche Kontakte sind wichtig für eine solche „We-economy“, aber nicht zwingend. Das zeigt Teikei Kaffee. Hunderte Kaffeeliebhaber aus Deutschland und der Schweiz finanzieren als Gemeinschaft vorab die Ernte mexikanischer Partnerfarmen, lassen sie mit dem Segelschiff nach Hamburg bringen und dort rösten.

Eine andere Spielart solidarischer Wirtschaft sind FoodCoops und Mitgliedsläden. Verbraucher schließen sich zusammen, kaufen gemeinsam Bio-Lebensmittel im Großhandel und direkt beim Erzeuger und verteilen sie untereinander. Die Palette reicht von der Garage als Verteilstelle bis zu gut sortierten Bio-Märkten, in denen die Mitglieder verbilligt und alle anderen zu üblichen Preisen einkaufen können. Beispiele dafür sind die LPG in Berlin oder die VG Dresden. Reine, nur von den Mitgliedern getragene Gemeinschaftsläden sind eher selten; etwa der neue Öko-Esel in München oder der Kernbeißer in Braunschweig, der dieses Jahr dreißig wird. Grundsätzlich bieten – entsprechend kalkuliert – solche Modelle Einzelhändlern ein festes Einkommen, mit dem sie planen und ihre Existenz sichern können.

Bioläden auf dem Land

Zunehmender Beliebtheit erfreuen sich Mitgliederläden jenseits von Bio auf dem flachen Land. In zahlreichen Dörfern betreiben Genossenschaften Dorfläden, damit es vor Ort wenigstens eine Einkaufsmöglichkeit gibt. Etwa 300 Dorfladen-Bürgergesellschaften gibt es in Deutschland, davon über die Hälfte in Bayern, schätzt das bundesweite Dorfladen-Netzwerk. Dazu kommen einige Dorfgasthäuser, die von Genossen­schaften gerettet oder neu gegründet wurden. All diese Beispiele zeigen, was machbar ist. Entscheidend ist, damit anzufangen. Aufrufe zu unterzeichen alleine reicht dafür nicht aus.

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