Biohandel

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Naturwarenzentrum Dreieich

Vom Bioladen zur Denns-Filiale

Peter Kossytorz, Bio-Pionier der ersten Stunde, gewann mit seinem Naturwarenzentrum in Dreieich mehrfach die Leserwahl Beste Bio-Läden. Eigentlich wollte er seine Fläche vergrößern und die Tochter zur Nachfolgerin machen. Dann kam alles anders.

Wie? Das Naturwarenzentrum Dreieich schließt? Als das letzten Herbst bekannt wurde, mochte es die Kundschaft kaum glauben. Auch beim Ortstermin im November ist es noch unvorstellbar: Der Bio-Platzhirsch seit 35 Jahren, 2,7 Millionen Jahresumsatz, die Regale gepflegt befüllt... Gut, hier und da könnte man was verbessern. Die Regale selbst etwa. Oder den Boden. Der stammt noch aus den 1960ern. Hätte man hier nicht etwas aufpeppen können? Der Geschäftsführer Peter Kossytorz nickt. Ein spitzbübisches Grinsen blitzt über sein Gesicht und er sagt: „Ja klar. Genau das war der Plan.“ Aber dann kam alles anders.

Der eigentliche Plan

2019 erfuhr der 63-Jährige, dass an der Hauptstraße seines Standorts ein Neubau geplant war – und dass Denns im Spiel war. Energiesprühend erzählt er, wie er sich bewarb – und einen Korb bekam: „Der Investor hatte die 880 Quadratmeter bereits Dennree angeboten und mir klipp und klar gesagt, mir würden sie die Fläche auf keinen Fall vermieten. Nur mit einem größeren Partner würden sie auch dann Geld sehen, wenn der Laden nicht läuft." Doch dann kamen Vertreter von Dennree auf ihn zu, ob er für sie den Laden führen würde – und gleichzeitig eröffnete seine Tochter, sie würde den Laden gern übernehmen.

Zwei zukunftsträchtige Ansagen. Bei der Erinnerung leuchten seine Augen: „Meine Tochter hätte in einem komplett neuen Laden angefangen. Wir hatten gut überlegt, ob wir für ihren Neustart andere Räume suchen, denn diese Fläche war mit 15 Euro pro Quadratmeter ziemlich teuer – allerdings wäre auf jeden Fall der neue Denns als Konkurrenz dagewesen. Dagegen anzustänkern hätte ich mir zugetraut, aber so richtig glücklich wäre keiner geworden. Also – haben wir Dennree zugesagt."

Hallo Zukunft

Mit seiner Tochter und dem Ladenbauer Aichinger tüftelte Kossytorz an Entwürfen. Stolz zeigt er die Ergebnisse mit Schwerpunkt bei Frische und Bedienung: „Aktuell habe ich drei Meter Käsetheke, der neue Laden hätte fünf gehabt. Die Wursttheke hat bei mir jetzt zwei Meter, die neue hätte mindestens drei gehabt. Dazu hätte ich zwei Meter Antipasti und noch zwei bis zweieinhalb Meter Greiffläche geplant – insgesamt also zwölfeinhalb Meter Bedientheke. So stelle ich mir den Bio-Fachhandel der Zukunft vor.“

Der Laden wäre nach dem Kaufmannsmodell unabhängig gewesen und hätte sogar den alten Namen beibehalten, das war seine Grundbedingung. Außer beim Category Management hätte sich nichts verändert, betont er. Denn auch wenn Dennree ein einheitliches Aussehen für die Verbundläden wünscht, hätte es genügend Spielraum für seine ladentypische Vielfalt an Lieferanten gegeben. Alles also bestens eingetütet.

Dennree bezahlt besser, als ich dachte.

Peter Kossytorz, Naturwarenzentrum Dreieich

Doch währenddessen zeigte sich, dass die Chefin in spe mit Laden- oder Mitarbeiter-Führung nicht glücklich wurde, erinnert Kossytorz: „Als ich das erkannt habe, sagte ich ihr, ‚Es wäre schön gewesen, aber du musst das nicht machen.‘" In ihrem eigentlichen Beruf als Therapeutin gehe es eher ruhig und achtsam zu, in seinem Laden dagegen nicht selten robust, laut und hektisch. „Dann aber ergab das für mich keinen Sinn mehr.Nächstes Jahr werde ich 64." Mit einem weinenden Auge sicherlich, doch der Plan war vom Tisch. Kossytorz lobt das Dennree-Team, das die Gründe nachvollzog und den Vertrag ohne Weiteres auflöste. Allerdings hätten sie ihm nahegelegt, „es wäre sinnvoll, wenn du dann zumachst."

Zurück auf Los

Zumachen? „Okay, wenn der Preis stimmt", fand Kossytorz, der ursprünglich vom Bodensee stammt und durch eine Verkettung von Umständen zum Ladner wurde, anstatt weiter als Sozialpädagoge zu arbeiten. Er bezifferte den Wert des Ladens – und erhielt ein niedrigeres Gegenangebot. Das Verhandeln begann. Um wie viel? Darüber habe man Stillschweigen vereinbart, aber seine Trümpfe zählt er gerne auf: „Erstens: Hätte ich den neuen Laden nicht übernehmen wollen, hätte ich drei Jahre mindestens weitergemacht – und wäre dann natürlich kein Kunde mehr bei Dennree gewesen."

Für den Großhändler wären das pro Jahr eine Million Euro weniger Umsatz gewesen. Zudem waren in der Summe auch seine Jahresgehälter enthalten. „Hätte ich locker eingespielt plus Gewinn." Und nicht zuletzt sei auch sein Ruf Geld wert. Der Laden ist 35 Jahre in Dreieich, bekannt bis ins nahe Frankfurt, und hat "solvente Kundschaft, also hohen Bonwert". Das hat überzeugt, er bekam seinen Preis.

Auch das Personal wurde übernommen und Kossytorz zeigt sich wieder angenehm überrascht: „Dennree bezahlt besser, als ich dachte." Außerdem steht nun Weihnachts- und Urlaubsgeld in deren Verträgen – gab es bei ihm nicht. Trotzdem sind nicht alle mitgegangen. Seine Marktleiterin Sabine Kemmerer etwa hört auf. Warum? Sie sagt: „Ich bin seit 20 Jahren hier, das war mein Markt – bei einer Kette anfangen? Nein. Ich habe hier selbstständig gearbeitet. Und die Atmosphäre hier... So einen Job bekomme ich nie wieder."

Und wie ist es für ihn selbst? „Ich habe schwer mit mir gerungen. Ich bin ein Oldtimer, wie der Boden hier. Ich war dabei, als die BioFach mit Hagen Sunder und Hubert Rottner Defet gegründet wurde. Damals saßen wir zusammen und haben überlegt: Was können wir machen, um die Idee voranzutreiben? So gab es 1986 in Neu-Isenburg zum ersten Mal eine kleine Verbrauchermesse. Danach ging sie nach Mannheim, nach Wiesbaden, Frankfurt und schließlich nach Nürnberg. Ich war bei jeder BioFach dabei. Ich hab ja nicht angefangen, weil das eine Super-Geschäftsidee war. Es ging um Überzeugungen, ums Prinzip."

Ich war dabei, als die BioFach gegründet wurde.

Peter Kossytorz, Naturwarenzentrum Dreieich

Im Februar war also Schluss. Eigentlich sollte der neue Laden erst im Juli eröffnen, deswegen ist der alte bis Mai gemietet. Doch der Bauherr war schneller. Der neue Denns hat seit Anfang März geöffnet. Zwar hat sich Dennree auch hier großzügig gezeigt und einen Teil der Miete übernommen, doch Kossy, wie sie ihn hier alle nennen, wäre nicht Kossy, wenn ihm dazu nicht noch was einfiele. In der Zwischenzeit machte er im ehemaligen Laden eine Kneipe auf. Donnerstag bis Samstag ab 17 Uhr. Motto: „Wir essen und trinken alles raus." Kossy stellte Tische und Stühle rein, machte eine kleine Karte, Dips, Snacks und Co. Ist ja alles da! Kühlung, Vorbereitungsräume, Toiletten. Und an einigen samstagen machte er Abendveranstaltungen und erzählte aus 35 Jahren Naturwarenzentrum.

Abschied mal anders

Man kann ihn sich gut vorstellen, wie er auf der improvisierten Bühne Hof hält und Abschied nimmt, „Damit es nicht so knallhart wird für meine langjährigen Kunden – und für mich." Kostprobe gefällig? „11. September, Nine-Eleven. Jeder kennt das Datum. Jeder verbindet was damit. Und ich. Ich sehe noch genau vor mir, wie am 11. September 1986 das Naturwarenzentrum in der Hauptstraße seine Pforten aufgemacht hat." Auf 80 Quadratmetern. Er besitzt sogar noch den ersten Abschlusszettel mit 786 D-Mark Tagesumsatz.

1996 zog er um, zunächst auf 200 Quadratmeter. Vier Jahre später kamen benachbarte Räume hinzu. Nach dem Wanddurchbruch hatte der Laden 500 Quadratmeter. Des Vollblut-Ladners Augen leuchten: „Damals hatten wir den drittgrößten Laden in Deutschland. Der größte war Tausendkörner, dann kam Basic und dann kamen schon wir." Fröhliches Grinsen – Kossys Way to leave his Kundschaft.

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