Biohandel

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Bester Bio-Laden 2022

Vitamin b – viel Bioladen auf wenig Raum

Keine Webseite, nur Bargeld: Vitamin b ist in vielen Punkten „Old Style“. Doch bei den Produkten und beim Service ist der kleine Bioladen im Schönbuch zwischen Tübingen und Stuttgart auf Höhe der Zeit. Dafür gab es Gesamtgold bei der Schrot&Korn-Wahl Beste Bio-Läden.

Beim gemeinsamen Abendspaziergang fiel Ursula Wagner das leerstehende Lädchen an der Ecke zwischen Bahnhofs- und Hölderlinstraße ins Auge. „Das fand ich nett – mit seinen versetzten Ebenen“, erinnert sie sich. „Mach doch einen Bioladen draus“, schlug die Freundin im Spaß vor. Ursula Wagner fand die Idee gut. Ihr Mann zunächst weniger. „Ein Laden ohne Einkaufswagen läuft nicht“, glaubte er. Dennoch stürzte er sich ins Renovieren.

Heute versteckt sich im Vitamin b hinter einem Regal ein einziger blaugelb-roter Einkaufswagen; für die kleinen Gäste. Die großen Kunden finden im Fünfeinhalbtausend-Seelen-Flecken Dettenhausen zwischen Stuttgart und Tübingen ein kleines Biolädchen mit dezentem Wohnzimmer-Flair. Dafür sorgen Bilder an der Wand, warme Beleuchtung und grünweißgestreifte Lampenschirme über dem Ladentisch. Zwei Gartenklappstühle und ein Tischchen sind etwas zusammengerückt. Vor Corona standen da immer Tee und eine Flasche Wasser bereit.

Stets Platz für Neues

Die Idee mit dem Bioladen war nicht ganz aus der Luft gegriffen. Wie viele junge Mütter hatte Ursula Wagner zum ersten Mal Bio gekauft, als sie für den Babybrei unbelastete Karotten haben wollte. Doch dann gefiel ihr der Naturkostladen so gut, dass sie anfing, dort stundenweise zu arbeiten. 2007 eröffnete sie ihr eigenes Lädchen. Es läuft gut. Nur die Wirtschaftskrise 2009 habe sie etwas gebeutelt. Auf die Idee, zu vergrößern, kam die Ladnerin aber nie. „Wir haben immer wieder umgeräumt, um doch noch Platz für mehr Waren zu schaffen.“

Gestartet war Ursula Wagner mit zwei Kühlschränken, heute sind es fünf plus eine Kühltruhe. Vor zwei Jahren war sie überzeugt, dass mehr nicht reinpasst in die knapp bemessenen Räumlichkeiten. Bis ein Außendienstmitarbeiter von Voelkel sagte: „Sie brauchen eine Käsetheke.“ Seitdem gibt es einen fahrbaren Holztisch mit Kühltheken-Aufsatz, in dem 16 Käsesorten bereitliegen. Wie viele Artikel sie führt, weiß die 51-jährige Ladeninhaberin nicht genau. Wenn etwas nicht läuft, wird ausgelistet, wenn Kunden Wünsche anmelden, kommen Produkte dazu.

Im Vitamin b gibt es zwei Sorten Spaghetti und vier Sorten Senf. Bei Pflanzendrinks ist die Auswahl größer. Für Kiwi, Tomaten, Birnen oder Mangos müssen kleine Holzschalen oder Körbchen reichen. Manchmal liegen darin gerade mal zwei Stück von einer Frucht. Gleichzeitig sind aber frische Kräuter und verschiedene Pilze zu finden. Vom Schwarzkohl zupft die Händlerin schnell ein paar herunterhängende Blätter weg. Für unverpackte Kaffeebohnen, Linsen und Getreide schaffte Ursula Wagner sieben Spender an und ins Brotregal passen gerade mal zehn Brote. Gleichzeitig ist Platz genug für Kerzen und Kerzenständer und für eine kleine Auswahl an buntem Geschirr in dänischem Design.

Was macht Ursula Wagner in ihrem kleinen Laden mit Resten? „Die gibt es nicht“, ist ihre Antwort. Ihr Angebot ist bewusst knapp kalkuliert, um Lebensmittelverschwendung zu verhindern. Überlagertes Obst und Gemüse kommt in den „Schrumpelkorb“ und wird zum halben Preis verkauft, am Wochenende den Kunden auch mal so mitgegeben. „Und was es bei uns daheim am Wochenende zu essen gibt, bestimmt das MHD“, sagt Ursula Wagner.

Vieles aus der Region

Dass hier Produkte aus der Region zählen, macht schon eine Schiefertafel im Schaufenster klar. Sie benennt die Orte im Umkreis von maximal 40 Kilometern, aus denen Ursula Wagner Waren bezieht: Rindfleisch etwa von Uria im 40 Kilometer entfernten Balingen – der Hof ist bekannt für seine kompromisslos tierfreundliche Haltung. In 20 Kilometer Luftlinie liegt das Hofgut Martinsberg bei Rottenburg, das Eier, Getreide und Nudeln liefert; den Salat holt die Ladnerin selbst ab – aus der Biolandgärtnerei im Nachbardorf.

Dass der Hofladen, von dem sie eine Zeitlang Käse bezog, seine Ware inzwischen lieber an den lokalen Edeka-Supermarkt liefert, kostet Ursula Wagner ein Achselzucken. Es gibt Wichtigeres. Zu ihr kommen genügend Kunden, denen an Bio und an der speziellen Ladenatmosphäre liegt. In den Anfangszeiten der Corona-Pandemie waren es sogar Edeka- und Penny-Kunden, die bei ihr im Laden einkauften. Ungewohnt für eine Ladnerin, die sonst praktisch jede Kundin und jeden Kunden mit Namen kennt.

Auch die neue Distanz machte ihr zu schaffen. Den Ladentisch vergrößerte sie mit Hilfe einer Bierbank, um einen 1,50-Meter-Abstand zu erreichen und sie stellte zusätzlich eine Plexiglasscheibe auf. „Das hat mich von meinen Kunden weggerückt.“ Andererseits: Mit Maskenverweigerern diskutierte die Ladnerin so lange, bis diese sagten: „Also ich mach’s – aber nur dir zuliebe.“ Klopapier wurde unterm Ladentisch verkauft: „nur an Stammkunden“, notfalls teilte Ursula Wagner die Pakete auf.

„Old Style“-Bioladen

Gleich zu Beginn der Pandemie erkrankte eine Mitarbeiterin heftig und lange an dem Virus. Gleichzeitig musste die Biohändlerin deutlich mehr Zeit für Bestellungen investieren, weil ihre Lieferanten manche Produkte nicht mehr liefern konnten. Die Konsequenz: Seither ist der halbtags geöffnete Laden am Mittwoch ganz geschlossen. Was aber nicht zu Lasten der Stammkunden gehen soll. Typische Szene: Eine Kundin kommt rein, Ursula Wagner fragt: „Wie geht’s?“ Und statt floskelhaft mit „Danke, gut“ zu antworten, berichtet die Kundin von einer stressigen Zeit. Das Ende des Gesprächs: Die beiden vereinbaren, dass die Kundin in der nächsten Zeit ihre Einkäufe bestellt und geliefert bekommt. „Lieferservice bekommt jeder auf Anfrage“, sagt Ursula Wagner.

Eine gute Leistung für einen Halbtags-Laden mit zwei Mitarbeiterinnen, die sich einen Minijob teilen. Eine eigene Website hat Vitamin b nicht. Zu viel Aufwand. Der Google-Eintrag muss reichen. Und trotz Corona gibt es immer noch keine Möglichkeit, mit Karte zu bezahlen. Dafür eine Kladde, in der Ursula Wagner nicht nur Bestellungen notiert, sondern auch anschreibt: „Old Style eben“, sagt sie.

15 Jahre Vitamin b

Seit einigen Tagen bekommen alle Kunden zusätzlich zu ihren Einkäufen eine Stofftasche über den Ladentisch gereicht mit Produktproben. Seit Januar hatte Ursula Wagner deswegen Hersteller angeschrieben. Denn sie möchte mit ihren Kunden das 15-jährige Jubiläum von Vitamin b feiern. Bei den vorherigen Jubiläen gab’s immer ein Buffet zum Durchprobieren.

Diesmal muss die Ladnerin sogar darauf verzichten, mit Sekt anzustoßen. Stattdessen eben Geschenke. Und gleich nochmal der Hinweis, dass Vitamin b nur mit Hilfe aller Kunden zum Besten Bio-Laden 2022 gekürt wurde. „Life is good“ – das Leben ist gut, hat Ursula Wagner auf ein kleines Schild geschrieben, das sie an ein Tischchen im Schaufenster gehängt hat. Dieser Optimismus kommt rüber.

Zahlen – Daten – Fakten

Inhaberin: Ursula Wagner
Adresse: Hölderlinstr. 12, 72135 Dettenhausen
Öffnungszeiten: Mo-Sa außer Mi 9:00-13:00 Uhr, Di und Do 15:30–18:30 Uhr
Eröffnung: März 2007
Verkaufsfläche: 60 qm, Anzahl Mitarbeiterinnen: 2 Teilzeit
Großhändler: Dennree, Biogarten, Pural

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