Biohandel

Wissen. Was die Branche bewegt

Strategie

Steigende Kosten – jetzt agieren und der Krise trotzen

Energie, Logistik, Verpackungen – alles teuer und knapp wie nie. Mit welchen Strategien und Plänen sich Bio-Unternehmen auf die kommenden Herausforderungen vorbereiten.

Gute Ideen gibt es immer, auch wenn vor lauter Krise kein Horizont mehr in Sicht scheint. Fragt man derzeit Energieberater nach ihren Eindrücken, erfährt man, dass einige Betriebe in einer Art Schockstarre verharren. Verständlich, hilfreich aber nicht. Dann lieber, wie in Ur-Biozeiten, in Aktion gehen: Längst geplante Energiesparmaßnahmen anleiern, in die Zukunft investieren oder gute Lösungen mit anderen teilen.

Die im Folgenden zitierten Unternehmenssprecherinnen, Berater, Ladnerinnen und Hersteller gehen voraus. Der Bioladen Kornhaus Naturkost etwa zeigt, was mitten in einer Stadt und ohne eigenes Dach möglich ist. Schon seit 2010 setzen die Inhaber auf ein Ökonetzwerk mit Partnern und auf Solarenergie.

Strom vom Schuldach

Geschäftsführerin Esther Brohl erzählt, wie das funktioniert: „Auf den Dächern von ein paar Schulen in Dortmund produzieren wir Strom. Damit können wir 30 Prozent unseres Bedarfs selbst decken, der Rest ist Ökostrom. Wir lassen uns jährlich prüfen und waren der erste klimaneutrale Laden in Dortmund. Das restliche, unvermeidlich entstehende CO2 kompensieren wir durch ein Aufforstungsprojekt.“

Das Einzige, an dem die Dortmunder noch arbeiten könnten, ist die Kühlung, doch da überlegen sie noch. Ein Best Practice-Beispiel für die optimale Nutzung von Kühlungs-Abwärme ist der Bio Markt Hauser in Lauchringen. Auch dieses Geschäft lässt sich auf Klimaneutralität prüfen und wirbt mit seinem Zertifikat, der Emissionsfreiheit am PoS und dem Engagement bei der Kompensierung des unvermeidbaren Ausstoßes von CO2.

Gerade jetzt investieren

Für die Stromversorgung sind Solaranlagen oft eine gute Energiequelle. Leider ist die Umsetzung derzeit durch Lieferschwierigkeiten von Solar-Paneelen und Handwerkermangel ausgebremst. Trotzdem sollte man diese Investition nicht auf die lange Bank schieben. Daniel Kükenhöhner, Inhaber der Ladenplanung und -beratung Petzinger rät sogar, sie umgehend in Angriff zu nehmen: „Die Kosten werden sicher nicht sinken, aber Klimaneutralität und Energiesparen werden weiter zentrale Themen bleiben.“ Im Interview gibt der Unternehmensberater dazu weitere Tipps.

In einem bereits durchgecheckten und klimaneutralen Unternehmen wird es nur noch wenige Stellschrauben für Energieeffizienz geben, doch nicht alle sind schon so weit. Nach den Beobachtungen von Kükenhöhner wird die Ladenausstattung im konventionellen LEH alle fünf bis sieben Jahre auf den neuesten Stand gebracht – im Bio-Lebensmittelhandel dagegen „nur alle sieben bis 15 Jahre“.

Ein großer Teil der Läden habe noch alte Beleuchtungs-Systeme. Durch Umstellung auf LEDs ließen sich schnell und einfach Einsparungen erzielen. Wer schrittweise umstellen will, dem rät er, bei Obst und Gemüse sowie Kosmetik anzufangen. „Man wird sofort den Unterschied merken und: Bessere Beleuchtung bedeutet mehr Verkauf!“ Ein alter Marketing-Tipp.

Auch moderne Kühlung ist längst kein Standard. Wer noch Kühlregale ohne Türen nutzt, sollte zumindest ein Nachtrollo montieren oder sich auf dem Gebrauchtmarkt umsehen. Kükenhöhners Tipp: „Derzeit gibt es viele Betriebsschließungen, auch in der Gastronomie. Manche Händler übernehmen die Geräte, arbeiten sie auf und verkaufen sie mit Garantie weiter.“

Basics sind Trumpf

Zwar sind die Energiepreise derzeit noch gar nicht gestiegen, trotzdem schlagen höhere Kosten durch Hitze, Lieferprobleme und für die Logistik zu Buche. Hersteller und Erzeuger haben daher schon die Produktpreise erhöht. Und leider gibt es einige Läden, die die Umsatzrückgänge nicht mehr auffangen können und schließen. Dabei sind Bio-Markenprodukte im konventionellen LEH oft teurer als im Bio-Fachhandel.

Einen besonderen Blick auf die Lage hat Klaus Lorenzen, Geschäftsführer von Landwege. Die Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft agiert sowohl als Verarbeiter als auch als Einzelhändler, außerdem gehören mehr als 30 regionale Erzeugerbetriebe und Hersteller zu ihren Mitgliedern. Lorenzen sagt zur aktuellen Entwicklung: „Wir hatten im ersten Halbjahr einen Umsatzrückgang von 12 Prozent. Zwar kommen wir von einem hohen Niveau, aber so habe ich das in 30 Jahren nicht erlebt.“

Gasumlage belastet

Die Genossenschaft nutzt seit Jahren Ökostrom. Lediglich die Bäckerei arbeitet mit Gas. Durch langjährige Verträge hat sie aktuell günstige Konditionen. Dennoch ist sie wie alle anderen von der Gasumlage betroffen. Die Zusatzkosten von 2,4 Cent pro kWh erscheinen zunächst niedrig. Aber je nach Verbrauch kann das eine nicht unerhebliche Belastung bedeuten. Für Landwege werden das grob geschätzt pro Jahr 10.000 Euro Mehrkosten sein.

Die meiste Energie brauchen sie für den Bereich Kühlung und Raumklimatisierung. Um gegenzusteuern planen sie mit ihrem Ökostromversorger Solaranlagen auf den Dächern zweier Ladenmärkte. Eine pfiffige Lösung: Die Investition liegt beim Energieversorger, der außerdem die Dächer mietet. So hat die Genossenschaft eine lange Laufzeit für einen günstigen Stromtarif – und Mieteinnahmen. Etwa 90 Prozent des Stroms, den sie produzieren, werden sie selbst nutzen können.

Lorenzen unterstreicht das Positive: „Durch Kühlung und Beleuchtung haben wir eine recht gleichbleibende Energieabnahme dann, wenn die meiste Sonne da ist. Das ist im Privatbereich anders. Da braucht man die Energie immer dann, wenn wenig Sonne da ist.“ Einen Haken gibt es jedoch, denn eines der vorgesehenen Dächer liegt in der Altstadt von Lübeck, gehört also zum Bereich Weltkulturerbe. Hier dürfen viele mitentscheiden, entsprechend lange dauert die Genehmigung.

Prozesse optimieren

Zum Thema Energie befragte Hersteller sehen der Zukunft mit einem Mix aus Bio-Pioniergeist und Sorge entgegen. Eike Mehlhop von der Allos Hofmanufaktur etwa bereitet sich auf verschiedene Szenarien vor und betont: „Gemeinsam werden wir es meistern. Wir setzen über alle Standorte hinweg auf 100 Prozent Ökostrom aus der Region. In unserem Freiburger Werk decken wir bereits über 30 Prozent unseres Energiebedarfs durch eigene Strom-Produktion ab.“

Derzeit prüft das Unternehmen, wie Prozessoptimierungen zusätzlich Energie einsparen können. So habe man etwa durch größere Chargen bei Fruchtprodukten „eine Einsparung von 20 Prozent Energie pro Kochung erzielt.“ Außerdem wurden in Freiburg noch bestehende Öltanks reaktiviert. „Dadurch können wir notfalls Produktionsprozesse von Gas auf Öl umstellen“, sagt Mehlhop. Ein solcher Wechsel läuft unter „Fuel Switch“.

Auch der Umstieg von Gas auf Hackschnitzel oder Kohle wird so bezeichnet. Wer eine solche Lösung anstrebt, muss zuvor eine Genehmigung bei der zuständigen Behörde einholen. Der Käse-Hersteller ÖMA (Ökologische Molkereien Allgäu) sieht seine Versorgung ebenfalls nicht gefährdet, da er 90 Prozent des Stroms aus österreichischer Wasserkraft bezieht.

Die Öko-Branche beschäftigt sich nicht erst seit diesem Jahr mit Nachhaltigkeit und Energieeffizienz. Ökostrom ist Standard, und viele lassen sich prüfen und als klimaneutral zertifizieren. Vor allem in energieintensiven Produktionsbereichen wie Brauereien, Molkereien oder Bäckereien dreht man schon lange an der Schraube der Energie-Effizienz. Gerade sie brauchen vielfach Gas, um hohe Temperaturen zu erzeugen, etwa beim Rösten, Backen oder für Prozesse mit Dampf.

Lesen Sie dazu auch:

Daniel Kükenhöhner

Daniel Kükenhöhner im Interview

Wie Läden effektiv Energie sparen können

Die Rohstoffproblematik wird bleiben. Davon ist Unternehmensberater Daniel Kükenhöhner überzeugt. Im Kurzinterview gibt er Tipps, wie Läden ihre Kosten für Energie und Wasser senken können.

Eigene Leitung

Auch Flockenmühlen gehören zu dieser Kategorie. Die Bauck GmbH etwa braucht neben Strom für die übrige Produktion auch Gas für die Flockenherstellung, doch hier blickt man gelassen in die Zukunft. Zum Glück war eine Erweiterung der bereits seit 2016 bestehenden Photovoltaikanlage schon geplant und konnte dieses Jahr durchgezogen werden. Jetzt ist die Anlage doppelt so groß. Sie versorgt das Bürogebäude komplett, die Produktion zu 12 Prozent und speist zu Sonnenspitzenzeiten den Überhang ins Netz.

Sogar beim Gas war eine Alternative zum Erdgas bereits in der Pipeline, dazu Geschäftsführer Jan-Peter Bauck: „Es gibt etwa einen Kilometer entfernt von unserem Betrieb eine Biogasanlage. Mit dem Betreiber arbeiten wir schon länger zusammen.“ Bisher wurde Fernwärme geliefert. Gerade wird eine Direktleitung für das Biogas gelegt. Für die Flockenherstellung wird bis zu 130 Grad heißer Dampf über einen Brenner erzeugt. Da Erdgas eine andere Zusammensetzung hat als Biogas, muss nun noch der Gasbrenner ausgetauscht werden. Ab Oktober soll alles startklar sein. Bauck betont: „Damit entkoppeln wir uns von den Gaslieferungen aus Russland und sind autark. Die Idee hatten wir schon länger, der Kriegsausbruch hat dann die Umsetzung beschleunigt.“

Hersteller Rapunzel setzt auch auf Photovoltaik und ist zu einem großen Anteil autark durch Anlagen auf seinen Dächern. Damit wurden 2020 bereits 64 Prozent des Bedarfs abgedeckt. Dieses Jahr steht die Erneuerung des Biomasseheizkraftwerks an. Das neue System arbeitet mit Holzabfällen, ist laut Unternehmen sehr energieeffizient und erfüllt die aktuellen, strengeren Abgasregelungen. Eine ebenfalls neue Energiemanagement-Software erfasst und prüft laufend alle Energieverbräuche. So können, wenn nötig, direkt Maßnahmen eingeleitet werden, um den Verbrauch effizienter zu gestalten.

Mut und Pioniergeist

In handwerklich geprägten Brauereien mit eigener Mälzerei schlägt auch diese energietechnisch zu Buche. Johannes Ehrnsperger, Inhaber und Geschäftsführer von Neumarkter Lammsbräu ist daher stolz auf die Klimastrategie des Unternehmens: „Durch die Modernisierung unserer Mälzerei ist es uns gelungen, dort 20 Prozent Wärmeeinsparungen zu realisieren. Unser klares Ziel ist, in der Zeitspanne von 2020 bis 2030 mit weiteren Maßnahmen die klimarelevanten Emissionen in unserem gesamten Unternehmen um weitere 42 Prozent zu reduzieren.“

Es zeigt sich: Der Ideenreichtum ist groß und es gibt immer Möglichkeiten, selbst in kleinen Läden Einsparungen zu erzielen. Insgesamt könnte das Werkzeug Marketing mehr genutzt werden. Denn: Klimabewusste Kunden geben ihr Geld viel lieber dort aus, wo man wirklich auf Umwelt und Klima achtet.

Kommentare

Registrieren oder anmelden, um zu kommentieren.

Auch interessant: