Biohandel

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Personalmanagement

Die richtigen Anreize schaffen: So gewinnen und halten Sie Mitarbeitende

Seit 1. Juli gilt ein gesetzlicher Mindestlohn von 10,45 Euro pro Stunde. Im Oktober steigt er auf zwölf Euro. Discounter wie Aldi und Lidl zahlen ihren Mitarbeitenden schon heute deutlich mehr. Kann der Fachhandel da mithalten? Er kann zumindest eigene Akzente setzen, um Personal an sich zu binden.

Es ist ein Satz, den man in Gesprächen mit Bio-Ladnerinnen und -Ladnern immer wieder zu hören bekommt: „Gutes Personal ist schwer zu finden“, heißt es fast unisono, wenn die Frage nach der Mitarbeitersuche gestellt wird. Wie schwierig die Situation ist, zeigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit: Seit Jahren verschiebt sich das Verhältnis von Stellenangeboten im Lebensmittelhandel und Arbeitssuchenden in diesem Bereich. 2013 kamen auf 100 Ausschreibungen fast 400 potenzielle Kandidaten, 2021 waren es noch 160.

Deutlich dramatischer ist die Situation am Ausbildungsmarkt: „Im Berufsberatungsjahr 2021/22 waren bis April 2022 rund 12.000 Ausbildungsstellen für Berufe im Lebensmittelverkauf gemeldet, aber nur rund 1.000 Bewerber, die diesen Beruf als ersten Berufswunsch anstrebten“, teilt die Arbeitsagentur auf BioHandel-Anfrage mit. „Personalmangel sehen wir durch die Bank gerade überall“, sagt die Steuerberaterin Prisca Wende.

„Geld spielt weniger eine Rolle als Freizeit.“

Prisca Wende, Steuerberaterin

Der Arbeitsmarkt im Lebensmittelhandel entwickelt sich mehr und mehr zu einem Bewerbermarkt. Und der Kampf um die besten Köpfe bekommt in diesem Jahr eine zusätzliche Dynamik: Ab dem 1. Juli beträgt der gesetzliche Mindestlohn 10,45 Euro, im Oktober wird er noch einmal steigen – auf 12 Euro pro Stunde.

Aldi und Lidl haben ihre firmeneigenen Mindestlöhne bereits im Juni angehoben – auf 14 Euro pro Stunde. Die beiden großen Discounter begründeten das vor allem mit der aktuellen Preisentwicklung und Inflation. Gleichzeitig ist es aber auch ein starkes Argument, um angesichts der steigenden Mindestlöhne bei der Mitarbeitersuche zu punkten. Und es macht es für kleine Firmen und Läden, die da nicht mithalten können, noch schwerer, Personal zu finden.

Deutliches Lohngefälle

Der Verdienst von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im inhabergeführten Naturkostfachhandel ist je nach Standort des Ladens höchst unterschiedlich. „In strukturschwächeren Regionen verdienen festangestellte Mitarbeiter nicht selten gerade mal den Mindestlohn“, sagt Unternehmensberater Klaus Braun. In Gegenden mit einem hohen Pro-Kopf-Einkommen, wie beispielsweise in und um München, sei es teilweise das Doppelte.

Im Schnitt, schätzt Braun, kämen Festangestellte, die den Löwenanteil der Beschäftigten im Naturkostfachhandel ausmachen, bundesweit so bereits auf einen Stundenlohn von 12 Euro. Bei Aushilfen geht er davon aus, dass der Lohn im Schnitt noch deutlich darunter liege. Braun rechnet damit, dass es vor allem hier bis Oktober flächendeckend zu deutlichen Lohn-Erhöhungen und damit Mehrkosten für die Naturkostfachhändler kommen werde.

„12 Euro Mindestlohn für Aushilfen, für die der Arbeitgeber pauschal bis zu 31,28 Prozent Abgaben aufwenden muss, kosten diesen dann rund 16 Euro brutto“, sagt Braun. Und dabei wird es wohl nicht bleiben: Denn wenn ab Oktober die Aushilfen genauso viel verdienen, wie qualifiziertes Fachpersonal, dürfte der Unmut bei den Letzteren groß sein und die Rufe nach (noch) mehr Geld ebenfalls.

Löhne hoch, Umsatz runter

Die Mindestlohnerhöhung kommt vor allem für die kleinen Bioläden zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Während die Preise für Energie, Papier und Lebensmittel dramatisch gestiegen sind, schrumpften die Umsätze im Naturkostfachhandel im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 13,4 Prozent.

Allein im März betrug das Minus mehr als 18 Prozent. Das Marktforschungsunternehmen GfK hat über seine kontinuierlich stattfindende Verbraucherbefragung für die ersten drei Monate des Jahres vor allem ein Minus bei Bio-Herstellermarken ermittelt, während sich die günstigeren Handelsmarken den Daten zufolge weiter positiv entwickelten.

Die Verbraucherinnen und Verbraucher wollten demnach mit günstigeren Alternativen zumindest den Mindeststandard ihrer sozialökologischen Ansprüche befriedigen, so die GfK. „Daher lässt sich durchaus behaupten, dass Bio weiter relativ im Trend ist“, schlussfolgern die Marktforscher.

„Relativ im Trend“ wird nicht reichen, um die Umsatzdelle bei den Fachhändlern zu glätten. Berater Klaus Braun jedenfalls sieht keine kurzfristige Erholung. Noch deutlicher wird Steuerberaterin Prisca Wende: „Das Jahr 2022 werden die wenigsten Läden mit Gewinn abschließen“.

Nur ein schlechter Trost ist da, dass es den Mitarbeitenden gar nicht mehr vorrangig um die Höhe des Gehaltes geht. Wie Prisca Wende beobachtet hat, sind ihnen Faktoren wie Homeoffice und flexible Arbeitszeiten mindestens genauso wichtig: „Geld spielt weniger eine Rolle als Freizeit.“ Das ist zwar für den Einzelhandel eigentlich positiv, denn viele Mitarbeitende in der Branche verdienen „ohnehin kein Gehalt, von dem sie gut leben können“, so Wende. Doch die Erwartungen an Homeoffice und flexible Arbeitszeiten lassen sich hier nur schwer erfüllen.

„Menschen, die im Lebensmittelhandel arbeiten wollen, denken oft erstmal an die LEH-Ketten.“

Bernd Schüßler, Berater

Andere Anreize schaffen

Was also tun? Andere Anreize schaffen, rät Prisca Wende. Zum Beispiel über einen Rabatt für Mitarbeitende von 90 Euro im Monat. Der lässt sich Brutto für Netto gestalten und kann auch über eine Kundenkarte laufen. Wichtig ist nur, dass alles für das Finanzamt nachweisbar ist – dann können die Rabatte von der Steuer abgesetzt werden. Ein weiteres Bonbon können Jobräder sein. Sie passen zum einen zum Umwelt- und Klimaschutzgedanken und ermöglichen zum anderen dem Personal eine Anschaffung, die es sich sonst nicht leisten könnte.

Ganz wichtig findet Prisca Wende, dass Arbeitgeber nahe an ihren Mitarbeitenden sind und für ein gutes Arbeitsklima sorgen. In Wendes Steuerkanzlei beispielsweise wird zwei Mal im Monat allen eine Massage angeboten. Wer das in den Räumlichkeiten seines Ladens nicht umsetzen kann, hat vielleicht die Möglichkeit, mit einer Praxis in der Nähe zu kooperieren. Auch die Kosten hierfür kann man bei der Steuer geltend machen, ebenso wie Benzingutscheine in Höhe von 50 Euro pro Monat – für diejenigen, die einen weiteren Weg zur Arbeit haben.

Auch vermeintliche Kleinigkeiten können eine große Rolle dabei spielen, wie wohl sich das Personal an seiner Arbeitsstelle fühlt. Zum Beispiel freie Getränke und Obst in der Pausenküche zur Verfügung zu stellen. Oder ein kostenloses Mittagessen. Für Läden mit eigenem Bistro lässt sich das ohne große Probleme umsetzen und ist „für die Mitarbeiter ein echter Gewinn, gerade wenn Lebensmittel teuer sind“, bekräftigt Prisca Wende. Die Mahlzeiten müssten jedoch über den Laden dokumentiert und versteuert werden.

Wertschätzung zeigen, Firmenkultur pflegen

Auch ein schön gestalteter Pausenraum, „in den man eine gescheite Kaffeemaschine stellt“, spiegelt in Prisca Wendes Augen die Wertschätzung für die Mitarbeitenden wider, ebenso wie Firmen-Events, etwa eine Weihnachtsfeier oder ein gemeinsamer Ausflug. Die Wirkung kleiner Aufmerksamkeiten etwa zu Ostern und Nikolaus sollte man ebenfalls nicht unterschätzen – vielleicht ist es auch ein regelmäßiger Brezel-Tag.

Daneben gibt es weitere Dinge, mit denen Arbeitgeber ihr Personal an sich binden können. Etwa ein Entgegenkommen an flexiblere Arbeitszeiten – so weit das eben möglich ist –, als Chef oder Chefin erreichbar und ansprechbar zu sein, eine Firmenkultur, in der Lob und Dank selbstverständlich sind und auch mal Fehler gemacht werden dürfen. All das trägt nach Prisca Wendes Überzeugung zu einer guten Stimmung innerhalb der Belegschaft bei.

„Je besser Unternehmen die Bedürfnisse der Generationen kennen, desto klarer können sie Angebote formulieren und desto attraktiver werden sie als Arbeitgeber.“

Carolin Burkardt, Leiterin Recruiting bei Tegut.

Dahin gehen, wo potenzielle Mitarbeiter sind

Auch eine gewisse Modernität hält Wende für wichtig, vor allem wenn es darum geht, neue Mitarbeitende zu finden. Dafür sei beispielsweise eine gute Homepage inzwischen unerlässlich. „Das ist ein Aushängeschild, wie fortschrittlich man ist“, so Wende, und das nicht nur für die Kundschaft, sondern eben auch für das Personal in spe. Denn das informiert sich im Netz über potenzielle Arbeitgeber. Deshalb sollte man auch die sozialen Netzwerke wie Instagram nicht vernachlässigen. Hier tummeln sich nämlich genau die jungen Menschen, die man gerne ansprechen und begeistern möchte.

Alnatura zum Beispiel hat seit Anfang 2021 einen eigenen Instagram-Kanal für die Mitarbeitersuche, auf dem das Unternehmen nicht nur über Job- und Ausbildungsangebote bei sich informiert, sondern auch Auszubildende und Mitarbeiter vorstellt und Einblicke in das Arbeiten bei Alnatura gewährt. Auch Edeka geht dorthin, wo die Mitarbeitenden von morgen schon heute sind: Ende des vergangenen Jahres suchte der Einzelhändler Lehrlinge mit Hilfe von zwei Influencern, die mit ihren Tiktok-Kanälen jeweils ein junges Millionenpublikum erreichen.

„Bioläden sind nicht genügend präsent“

Bernd Schüßler unterstützt mit seiner Gesellschaft für Bio-Marktentwicklung Bioläden unter anderem bei der Personalsuche. Dabei hat er beobachtet: „Viele Bioläden sind nicht genügend präsent bei potenziellen Mitarbeitenden.“ Menschen, die sich dafür interessieren, im Lebensmittelhandel zu arbeiten, denken oft erstmal an Edeka, Rewe und andere größere Ketten, sagt Schüßler. Der lokale Bioladen komme Jobsuchenden eher selten in den Sinn.

„Entsprechend erhalten LEH und Bio-Supermärkte viele Bewerbungen, der inhabergeführte Bioladen eher wenige.“ Woran das liegt? „Edeka, Alnatura oder Denns sind bekannte Marken, der lokale Bioladen oft noch nicht“, sagt Schüßler. Denn die Unternehmen kommunizieren deutlich, wofür sie angeblich stehen.

Als Beispiele nennt Schüßler die Slogans von Lebensmittelhändler Edeka („Wir lieben Lebensmittel“) und der Drogeriemarktkette dm („Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“). Bei vielen Bioläden sieht Schüßler dagegen noch Potenzial, „denn die Läden stehen ja durchaus für etwas, doch manche zeigen ihre eigenen Werte und Stärken noch zu wenig nach außen“.

Wie das aussehen kann, zeigt aktuell auch Tegut: Mit einem neuen Markenauftritt unter dem Motto „Umfeldbewusstsein“ will der Lebensmitteleinzelhändler noch deutlicher darstellen, für welche Werte er steht und was ihn gegenüber seinen Wettbewerbern auszeichnet. Das Ziel ist, so mehr Aufmerksamkeit von geeigneten Bewerbern zu bekommen.

Tegut zufolge gehe es bei dem neuen Auftritt „vor allem darum, zu vermitteln, dass man nicht einfach nur einen Job bei irgendeinem Arbeitgeber macht, wenn man beim BioPionier anheuert“, sondern dass sich die Tätigkeit dem Umfeld des Mitarbeitenden anpasse. „Je besser Sie die Bedürfnisse der Generationen kennen, desto klarer können Sie als Unternehmen Ihre Angebote formulieren und desto attraktiver werden Sie als Arbeitgeber für alle, die auf der Suche sind“, so Carolin Burkardt, Leiterin Recruiting bei Tegut.

LEH lässt sich die Mitarbeitersuche Geld kosten

Ein weiteres Problem des inhabergeführten Fachhandels: „Der Aushang im Laden oder der einzelne Facebook-Post reichen für eine erfolgreiche Mitarbeitergewinnung nicht mehr aus. Größere Ketten suchen ihr Personal mit modernen Methoden über Google Ads, Google for Jobs, Kampagnen auf Ebay Kleinanzeigen und Social Recruiting auf Facebook und Instagram“, so Schüßler.

Während Bioläden die Personalsuche häufig nach dem Motto angingen „das hat bislang auch ohne viel Kosten funktioniert“, nehmen konventionelle Lebensmittelhändler und Bio-Filialisten einen Batzen Geld in die Hand, um die richtigen Mitarbeitenden zu finden. „Nach meiner Beobachtung sind das ein bis drei Monatsgehälter pro zu besetzende Position“, sagt Schüßler.

Die Summe scheint auch nötig: Gute Social Recruiting Kampagnen kosten ihm zufolge zwischen 1.000 bis 5.000 Euro. Social Media Recruiting meint – zusammengefasst – eine spezielle Art der Personalsuche in sozialen Netzwerken. Dabei werden Kandidaten über bezahlte Job-Postings auf die Stellenausschreibung aufmerksam gemacht.

Wer die Anzeigen sieht, bestimmt ein Algorithmus, der die Plattformen nach passenden Bewerberinnen und Bewerbern durchsucht. Ausgespielt werden die Anzeigen so auch Arbeitskräften, die nicht aktiv auf der Suche nach einem Job aber potenziell wechselbereit sind. Doch: „Es braucht dafür fundiertes Fachwissen. Damit die Anzeigen richtig ausgespielt werden, sollte man einen Dienstleister beauftragen, sich coachen lassen oder einen Online-Lehrgang besuchen“, empfiehlt Schüßler.

Verschiedene Recruiting-Maßnahmen kombinieren

Ob sich der Aufwand lohnt? „In zahlreichen Fällen haben Bioläden, die ich betreut habe, durch Social Recruiting neue Mitarbeitende gewonnen, die vorher nicht auf die Idee kamen, in einem lokalen Biomarkt zu arbeiten.“ Allerdings ist die Methode kein Allheilmittel. „Am erfolgversprechendsten ist ein Mix aus verschiedenen Maßnahmen“, so Schüßler. Er schlägt vor, Social Recruiting zu kombinieren – etwa mit Einträgen bei Google for Jobs, bezahlten Google Ads, eventuell einer Anzeige in der lokalen Presse sowie Flyern, die im Laden zum Mitnehmen ausliegen.

Wie wichtig ein zeitgemäßes Auftreten nach innen und außen für ein Unternehmen auf der Suche nach geeigneten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist, hat Prisca Wende selbst erfahren: Als sie eine Bewerberin im Vorstellunggespräch fragte, was ihr bei ihrem vorherigen Arbeitgeber nicht gefiel, sagte diese: Dass die Chefs nicht offen für mehr Digitalisierung waren.

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