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Fachkraft dringend gesucht?

Im Gerangel ums Fachpersonal haben Biohändler Superchancen. Höchste Zeit sie zu nutzen.

03.02.2020 vonSylvia Meise

Im Gerangel ums Fachpersonal haben Biohändler Superchancen. Höchste Zeit sie zu nutzen.

Die junge Generation sucht genau solche Jobs, die Biohändler und -hersteller bieten können. Wenn es hier trotzdem hakt, liegt das nicht an den Bewerbern.

Beim letzten Marktgespräch des bio verlag in Fulda war das Finden und Binden guter Mitarbeiter zentrales Thema. Vertriebscoach Oliver Theisen, der zu den Referenten gehörte, sprach von einem Missverständnis: „Die Biobranche hat eine rosa Idealismusbrille auf und schreckt vor dem Thema Führung zurück. Sie glaubt, dass neue Mitarbeiter von Bio so begeistert sind, dass sie von allein ihr Bestes geben.“

Haltung gegenüber den Mitarbeitern entscheidet

Aufgabe eines Arbeitgebers sei es jedoch, gute Rahmenbedingungen zu schaffen und so zu führen, „dass die Leute sich als Persönlichkeit entwickeln und sich im besten Fall auch mit meinen Werten identifizieren können. Anders gesagt: Kundenorientierung und Freundlichkeit haben nichts mit Bio zu tun – aber das ist es, was Kunden wollen. Wegen Bio sind sie ja schon hier.“

Wie stark die Haltung gegenüber den Mitarbeitern den Erfolg des gesamten Unternehmens prägt, ist manchem nicht bewusst. Es gibt einige Beispiele von Praktikern, die das längst verstanden haben. Sie zeigen dabei auch, wie vielfältig die Palette attraktiver Bio-Arbeitgeber ist.

Beispiel: Naturkostladen Klatschmohn in Gießen, 400 Quadratmeter, 40 Mitarbeiter, Ausbildungsbetrieb. Der Laden ist gerade 40 Jahre alt geworden und hat ein gutes Standing unter Kunden und Mitarbeitenden. Im vergangenen Jahr gab es ein Umsatzplus von sechs Prozent – zum Glück hat Geschäftsführer Georg Rieck einen Pool von Kräften aufgebaut, indem er Studenten beschäftigt und Fachkräfte ausbildet. Trotzdem reicht das oft nicht.

Vorurteile gegenüber Bio

Größte Herausforderung seit Jahren ist die Besetzung der Fleischtheke. Die aktuelle Teamleiterin kam von einer Dorfmetzgerei, die schließen musste. Zu Anfang habe sie sich fremd gefühlt, erzählt Georg Rieck: „Die Bio-Szene ist vielen Leuten aus der Fleischbranche unheimlich – außerdem gibt es unter ihnen oft Vorurteile gegen das vermeintliche ‚Gutmenschentum‘.“

Fachpersonal wie sie findet der kommunikative Hesse unter anderem durch Kundentipps, Stellenanzeigen in der Zeitung oder auf Facebook. Dementsprechend besteht sein Team neben Fachkräften aus Azubis, Werkstudenten, Ex-Edekanern und -Reformhausmitarbeitern oder Quereinsteigern. Damit sie zusammenfinden investiert er in Personaltrainings. Außerdem gibt es Mitarbeiter-Essen, Ausflüge und einmal im Monat eine Vollversammlung. Allerdings merkt der Geschäftsführer gerade, dass sein intuitives Führungsprinzip bei mittlerweile 40 Mitarbeitern an eine Grenze stößt. Er wird neue Lösungen finden müssen.

Wertschätzend fördern

Umschauen könnte er sich dafür bei der Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft Landwege. Die wächst seit Jahren kontinuierlich. Mittlerweile beschäftigt sie 140 Mitarbeiter und betreibt fünf Biomärkte in und nahe Lübeck, einen Onlineshop mit Lieferservice und eine Bäckerei. Schon seit Jahren punktet die Genossenschaft als Arbeitgeber, weil sie eine institutionalisierte Form der Aufmerksamkeit gegenüber den Mitarbeitern praktiziert, die es ermöglicht jede und jeden Einzelnen wertschätzend zu fördern und im Blick zu behalten.

Auf die Frage, was Landwegetut, um für Mitarbeitende attraktiv zu sein, zählt Vorständin Tina Andres auf: „Wir haben vier Teamsitzungen und eine Betriebsversammlung pro Jahr – und eine Mitarbeitervertretung, die wie ein Betriebsrat organisiert ist. Der Vorstand arbeitet transparent und lässt so viele Mitarbeiterwünsche einfließen wie
irgend möglich. Wir führen Mitarbeiterschulungen durch und haben mit großem Erfolg das System Bio-Strukturanalyse implementiert.“ Alle
Filialleiter haben ihr zufolge den Auftrag, auch Personalleiter zu sein. Dabei gehe
es nicht um Einstellungen oder Kündigungen, sondern um Personalführung und -entwicklung.

Nachhaltig als Motivation

Bioaffinität mag nicht der erste Beweggrund sein, in der Biobranche zu arbeiten – Nachhaltigkeit aber ist eine starke Motivation, weiß Elke Röder (Bundesverband Naturkost Naturwaren, BNN)von Ladnern und durch das Bildungswerk des Verbands. Ihre Einschätzung dazu: „Menschen wollen sich selbst als wirksam erleben. Wenn man bedenkt, dass die Jungen ist deshalb nicht Kür, sondern Pflicht. Ob kleiner Laden oder großer Filialist: Wie hip, offen und ehrlich man hier rüberkommt, hat großen Einfluss auf die Motivation sich zu
bewerben.

Die Bio Company als Arbeitgeberin von 1.600 Menschen spielt diese Karte perfekt. Auf ihrer Homepage spiegelt sie das lebendige Berlin in aller Diversität mit Fotos und Videos von und über die eigenen Mitarbeiter. Das Unternehmen leistet sich neben neun Recruiting-Kräften ein kostenpflichtiges Profil auf der Arbeitgeber-Bewertungsplattform kununuund tritt dort mit ansprechenden Bildern und Zertifikaten als guter Arbeitgeber auf. Kernbotschaft: Komm zu uns, wir sind ein supernettes Team.

Geschichten erzählen

Online auftreten heißt Geschichten in Bildern erzählen. Um das zu tun, muss man übrigens gar kein großes Budget haben, wie die Strategie von Manuela Rehn und Jörg Reuter, Inhaber des Berliner Ladengeschäfts Vom Einfachen das Gute, zeigt. Sie haben weniger als zehn Mitarbeitende – offene Stellen schreiben sie ausschließlich über Facebook, Instagramund einen Berliner Newsletter aus.

Dazu Manuela Rehn: „Portale, bei denen wir viel Geld für eine Stellenanzeige zahlen müssten, kommen für uns nicht in Frage. Sie sind viel zu anonym und nicht interessenbezogen. Wir suchen Menschen, die sich für Kulinarik und gute Lebensmittel interessieren. Und welcher Platz sollte dafür besser geeignet sein, als unsere eigenen
Medien?“

Verstärkung findet das Inhaberduo innerhalb von zwei bis vier Wochen. Gesucht werden übrigens immer „Storyteller/Verkäufer“, das gibt der Sache einen eigenen Dreh.

Viel Spielraum

Was ihre Mitarbeiter besonders schätzen? „Unser Kernteam hat viel Spielraum in der Sortimentsgestaltung. Jeder kann uns neue Produkte vorschlagen. Wir verkosten dann gemeinsam und wer die Idee hatte, stellt das Produkt nach folgenden Aspekten vor: 1. Geschmacksprofil 2. Art des Anbau/Herstellung 3. Emotionale Produkt-Produzenten-Story. Das schafft eine große Identifikation mit dem Produkt und funktioniert auch super im Verkauf.“

Die Bandbreite der Beispiele eint, dass die Leitungen guten Kontakt zu ihren Mitarbeitern pflegen. Um Kunden besser zu verstehen, sollte man den eigenen Laden mit ihren Augen betrachten – um Mitarbeiter zu verstehen gilt dasselbe.

„Wir suchen Menschen, die sich für Kulinarik und gute Lebensmittel interessieren.“

Manuela Rehn, Vom Einfachen das Gute

Klare Ansage pro Bio

Nicht jede oder jeder will oder kann Storyteller sein; aber gesehen, respektiert und wertgeschätzt werden möchten
sie alle. Wenn sich viele junge Menschen einen Job mit nachhaltigem Sinn wünschen ist das doch eine klare Ansage pro Bio.

Die attraktive Stellenanzeige

Simon Döring von der Beratungsagentur Klaus Braun empfiehlt sich kurz zu fassen, denn: „Viele suchen übers Smartphone nach einem Job. Das bedeutet: Kleiner Bildschirm und gerätspezifisches, schnelles Surfverhalten. Also muss ich in Sekunden Interesse wecken.“

Vorarbeit: Drei bis fünf Stichworte

  • Wer bin ich? Welches Alleinstellungsmerkmal zeichnet mich aus?
  • Was ist bei meinen Produkten, bei meinem Job das Besondere?
  • Warum sollte jemand bei mir arbeiten?

Formulierung: Kurz, knackig, aussagekräftig

Damit die Anzeige für digitale Kanäle taugt, sollte der Titel/die Überschrift alles Wesentliche enthalten.

Beispiel: Verkäuferin (m/w/d) für die Käsetheke. Darunter in maximal drei Sätzen (siehe Stichworte), worum es geht.

Visuelles Storytelling: attraktive Bilder oder Videos

Bilder machen (lassen) und hochladen, die das Leben in ihrem Laden wiedergeben – und eine Arbeitsatmosphäre, die Lust macht, dazuzugehören.

Wer, wo, wie?

Reichweitenstärkste Jobbörsen:
www.monster.de
www.indeed.com

Nachhaltige Jobs:
www.greenjobs.de
www.goodjobs.eu

Perspektivwechsel

Arbeitgeber-Bewertungsplattform:
www.kununu.de

Blog für Bewerber und Personaler:
www.towerconsult.de/bewerberbl...

(Weiter-)Qualifizierung:

www.binako.de
www.forum-berufsbildung.de
www.n-bnn.de/aus-und-fortbildu..
www.traineeprogramm-oekolandba...
www.weiling-akademie.de

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