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Füllhorn Karlsruhe: Schlaraffenland in Mitarbeiterhand

Als ihr Füllhorn-Markt im Herbst 2019 zum Verkauf steht, ergreifen die Leiterinnen die Initiative. Nach dem ersten Schock gründen sie gemeinsam mit Mitarbeitern und Kunden eine Genossenschaft und übernehmen das Geschäft.

15.01.2021 vonMichael Stahl

Seit dem 1. September 2020 gehört das Füllhorn in Karlsruhe Mitarbeitern und Kunden.

Als ihr Füllhorn-Markt im Herbst 2019 zum Verkauf steht, ergreifen die Leiterinnen die Initiative. Nach dem ersten Schock gründen sie gemeinsam mit Mitarbeitern und Kunden eine Genossenschaft und übernehmen das Geschäft.

An den Tag Ende September 2019 können sich die beiden Marktleiterinnen Tina Schäfer und Sabine Vorwald noch genau erinnern. Die Bio-Ladnerinnen wussten, dass dieser Moment irgendwann kommen würde – doch als die vier Inhaber den beiden mitteilten, dass sie das Füllhorn in Karlsruhe altersbedingt verkaufen wollen, traf es die Marktleiterinnen wie ein Schlag. „Das war ein Schock mit sämtlichen Stufen: nicht wahrhaben wollen, wütend sein, traurig sein“, sagt Schäfer knapp ein Jahr später bei einer Tasse Kaffee im Büro des Ladens.

Gründung der Genossenschaft

Das Füllhorn wurde inzwischen verkauft, dennoch sind sie und ihre Kollegin bester Dinge. Sie leiten das Geschäft nicht nur weiter, es gehört ihnen auch. Gemeinsam mit Mitarbeitern und Kunden haben sie eine Genossenschaft gegründet und den 980 Quadratmeter großen Bio-Laden in der Innenstadt gekauft. Finanzielle Unterstützung bekamen sie dabei von den Inhabern, etwa bei der Rechts- und Steuerberatung oder den Werbungskosten. Und auch Großhändler Dennree, der den Laden ursprünglich kaufen sollte, half dabei, dass es zu der jetzigen Lösung gekommen ist.

Die beiden Marktleiterinnen Sabine Vorwald (li.) und Tina Schäfer legen großen Wert auf selbstbestimmtes Arbeiten.

„Wir haben uns schon lange im Voraus Gedanken gemacht, was wir machen, wenn sich die Leitung einmal zurückzieht“, erzählt Vorwald. „Uns war dabei wichtig, dass nicht jemand von außen dazukommt und uns sagt, was wir zu tun haben.“ Mit der jetzigen Genossenschaft, in der jeder nur eine Stimme habe, sei das möglich. Die beiden Bio-Ladnerinnen legen großen Wert auf selbstbestimmtes Arbeiten. „Der Laden hier wurde immer schon stark von Mitarbeitern geführt“, sagt Schäfer, die bereits seit 23 Jahren im Füllhorn arbeitet, die meiste Zeit davon in der Geschäftsleitung. Der Vertrauensvorschuss der Inhaber sei stets sehr groß gewesen.

Karlsruher Institution mit optimaler Lage

Seit den Anfängen 1982 ist viel passiert. Der Umzug 2002 von einer wenig frequentierten Nebenlage in die Erbprinzenstraße mit ihren Cafés und inhabergeführten Geschäften in der Innenstadt sei „ein absoluter Glücksfall“ gewesen, sagt Schäfer. Nach und nach wurde die Verkaufsfläche erweitert. Zuletzt übernahm Füllhorn den angrenzenden Raum eines Herrenausstatters. Statt Mode gibt es dort jetzt unter anderem Naturkosmetik zu kaufen.

Allein der Naturkosmetik-Bereich ist so groß wie manch kleiner Bio-Laden.

Über die Jahrzehnte ist das Füllhorn zu einer Institution in Karlsruhe geworden. Bei regelmäßigen Laden-Rundgängen für Schulklassen oder Kitas können Kinder etwas über gesunde Ernährung lernen, der Laden sponsert Events wie lesbisch-schwule Filmtage, einen 24-Stundenlauf für Kinderrechte oder Ferienfreizeiten.

„Schlaraffenland“ trotzt Konkurrenz

Wer ins Füllhorn kommt, fühlt sich wie im Schlaraffenland. „Als Kunde entdeckt man hier jeden Tag etwas Neues“, sagt Vorwald, die seit 2012 an Bord ist. Besonders stolz ist man auf den Frischebereich und die Vielfalt an regionalen Produkten. 40 Prozent der Ware komme aus dem Umland, in erster Linie Obst und Gemüse sowie Molkereiprodukte (Mopro) aber auch Wein und Backwaren. „Was uns außerdem von der Konkurrenz abgrenzt, ist unsere Frischfleischtheke mit regionalen Produkten. Die gibt es so nirgendwo anders“, sagt Vorwald. Viele Kunden schätzten dieses Angebot sehr.

Mit Konkurrenz meint sie Alnatura, Müller und DM, die Filialen in der Nähe haben. Auch Aldi, Lidl und Edeka haben unweit Ableger, aber die sähe man nicht als Konkurrenz. „Da sind wir einfach zu vielfältig“, sagt Schäfer. Im Füllhorn kaufen alle ein, von ganz jung bis ganz alt, mit wenig Geld und viel Geld. 90 Prozent kommen regelmäßig, Touristen machen trotz der Lage nur einen kleinen Teil aus.

Laden wie ein Dorf mit Marktplatz

Die Stammkundschaft schätzt vor allem die persönliche Nähe, erzählen die Ladnerinnen. Die Füllhorn-Mitarbeiter kennen nicht nur die Namen, sondern auch deren Ernährungsgewohnheiten. Der Austausch führt regelmäßig dazu, dass neue Produkte ins Sortiment aufgenommen werden. An drei Tagen in der Woche liefert Füllhorn Einkäufe auf Wunsch per Fahrradkurier auch bis zur Haustüre der Kunden.

Wir sind eine Kommunikationszentrale und ein Wohlfühlort.

Tina Schäfer, Marktleitung

Die Funktion des Marktes gehe jedoch weit über die Lebensmittelnahversorgung hinaus, sagt Schäfer. „Wir sind eine Kommunikationszentrale und ein Wohlfühlort.“ Kunden seien teilweise eineinhalb Stunden im Laden, einfach auch, weil sie sich eine halbe Stunde mit anderen Leuten, „festschwätzen“, sagt Schäfer in ihrem badischen Dialekt. „Das ist wie auf dem Marktplatz. Wir bräuchten in der Mitte eigentlich nur noch eine große Linde und dann wäre das Dorf perfekt.“

An diesem Ort ist der Kunde zwar nicht König, stellt Vorwald klar, „aber er ist Gast und soll sich wohlfühlen“. Pröbchen gibt es mit Ausnahme an der Käsetheke und bei Antipasti nicht. Stattdessen finden immer mal wieder Verkostungen neuer Produkte statt. Die Philosophie im Füllhorn: Arbeit muss Spaß machen, Bio muss Spaß machen, Ernährung muss Spaß machen, und alle sind eine große Familie.

Warteliste für Genossenschaftsanteile

Mit der Genossenschaftsgründung ist die Familie noch ein Stückchen enger zusammengewachsen. Die große Mehrheit der 450 Mitglieder sind Kunden. Sie halten mindestens zwei Anteile von jeweils 500 Euro an Füllhorn. „Was gibt es Besseres zur Kundenbindung als Kunden, denen ein Teil des Ladens gehört?“, fragt Schäfer rhetorisch. Es ist ein Modell, dass Vorwald auch bei kleineren Läden für möglich hält, „wenn die Beziehung zu den Kunden gut ist.“

Auf 980 Quadratmetern bietet das Füllhorn seinen Kunden ein umfassendes Bio-Sortiment.

Fürs erste wird die Familie nicht weiterwachsen. Es gibt eine Warteliste für weitere Mitglieder. Das Füllhorn hat in der ersten Finanzierungsrunde genügend Geld eingesammelt, um neben dem Kauf des Ladens auch notwendige Investitionen zu tätigen. Ein Großprojekt: Die Modernisierung der Mopro-Kühlung für rund 200.000 Euro. Geplant ist außerdem eine „adäquatere Bezahlung“ der Mitarbeiter, so Vorwald. Und dann muss auch noch die Gründung der Genossenschaft mit allen Mitgliedern gefeiert werden. Das war wegen der Pandemie nicht möglich und soll nun im September nachgeholt werden – inklusive großer Geburtstagsparty zum einjährigen Bestehen.

Zahlen – Daten – Fakten

  • Inhaber: Das Füllhorn ist seit dem 1. September 2020 genossenschaftlich organisiert.
  • Marktleitung: Tina Schäfer, Sabine Vorwald
  • Adresse: Erbprinzenstraße 27, 76133 Karlsruhe
  • Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 9-20 Uhr; Samstag 9-18 Uhr
  • 1982: Gründung
  • 2002: Umzug in die Erbprinzenstraße und insgesamt drei Erweiterungen von 800 auf 980 Quadratmeter
  • Produkte: ca. 12.000
  • Mitarbeiter: 36 Vollzeitstellen, aufgeteilt auf 70 Mitarbeiter
  • Großhändler: Dennree, Biogarten, Pural, Rinklin-Naturkost, Handelskontor Willmann

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