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„Die alte Struktur passte nicht mehr“

Ökotopia – Wie sich das einstige Kollektiv gewandelt hat

Der Berliner Tee- und Kaffeegroßhändler startete vor 40 Jahren als Kollektiv. Inzwischen ist das anders, doch viele der alten Werte sind lebendig geblieben, erzählt Geschäftsführerin Franziska Geyer im Interview.

04.08.2020 vonLeo Frühschütz

Franziska Geyer ist seit 2004 Ökotopia-Geschäftsführerin.

Der Berliner Tee- und Kaffeegroßhändler startete vor 40 Jahren als Kollektiv. Inzwischen ist das anders, doch viele der alten Werte sind lebendig geblieben, erzählt Geschäftsführerin Franziska Geyer im Interview.

Wann kamen Sie zu Ökotopia?

Ich bin seit 16 Jahren dabei und habe die Vergangenheit erzählt bekommen. Damals war schon keiner der Gründer mehr im Unternehmen, es gab aber Menschen, die zehn Jahre und länger dabei waren. Für meine Diplomarbeit habe ich die ganzen alten Plenumsprotokolle und Archivunterlagen gelesen.

Was war das Spannendste an den alten Protokollen?

Das war das Politische. Der Versuch, auf eine ganz andere Art zu wirtschaften, ohne Hierarchien, mit rollierender Arbeit und voller Gleichberechtigung, und das alles im Alltag zu leben. Das war auch noch so, als ich eintrat. Wir leben es an vielen Stellen noch heute so, haben aber die Unternehmenskultur modernisiert.

Was trieb die Gründer an?

Ökotopia wurde von Berufsschulpädagogen im Rahmen eines Seminars entwickelt. Sie wollten hierarchiefrei ausbilden und gründeten dafür eine Übungsfirma, mit der sie ökologischen und fairen Tee und Kaffee importierten. Aber eigentlich war es ein Forschungslabor und Selbsterfahrungsprozess, um neue Formen des Wirtschaftens zu erproben.

Und es gab keinen Chef?

Die Firma hatte immer mehrere Geschäftsführer und diese Aufgabe wurde wegen der Jobrotation immer wieder von anderen übernommen. Die GmbH-Anteile hielt ab 1986 ein Verein als Alleingesellschafter. Die Mitarbeiter konnten dort Mitglied und damit Mitentscheider werden, mussten aber nicht. Gezahlt wurde ein Netto-Einheitslohn mit Zuschlag für Kinder.

Heute sind Sie Alleingesellschafterin von Ökotopia. Wie kam es dazu?

Die alte Struktur funktionierte nicht mehr und schließlich kam Ökotopia in eine finanzielle Schieflage. So hat sich der Verein vor sieben Jahren aufgelöst und ich habe die Anteile als geschäftsführende Gesellschafterin übernommen. Die anderen Vereinsmitglieder waren des Kollektivs müde.

Was haben Sie geändert?

Möglichst nichts, sondern einfach angepackt, gestrafft, die Finanzen ins Reine gebracht und den Betrieb den aktuellen Bedürfnissen entsprechend gestaltet. Abgeschafft habe ich das Plenum, das war jede Woche, Donnerstag von 14 bis 16.30 Uhr. Jetzt besprechen wir uns permanent. Denn, klar, sind die anderen mindestens genauso schlau wie ich.

Sonst blieb alles beim Alten?

Es braucht eine gewisse Spezialisierung, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Aber es packen immer noch alle in der Produktion mit an, auch ich. Einheitslohn gibt es keinen mehr, aber die Lohnspreizung ist sehr gering.

Was kann die Branche von Ökotopia lernen?

Man kann sich auch mit bescheidenen Mitteln am Markt halten, wenn man sich auf Qualität und handwerkliches Können besinnt. Anstatt die eigenen Werte hochzuhalten, findet bei manchen ein Totalausverkauf statt.

Also Nische bleiben. Wer ändert dann den Massenmarkt?

Unsere Gesellschaft braucht mehr kleine, individuelle Strukturen. Mit vielen Kleinstrukturen den großen die Kunden wegnehmen, das verändert was.

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