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Biokuma Babenhausen: „Wir wollen unseren Arbeitsplatz selbst gestalten“

Sie sind jung und leben ihren Traum: Merit Kraft und Kevin Beutekamp haben im bayrischen Örtchen Babenhausen ihren eigenen Bioladen gegründet. Auch, weil sie Dinge anders machen wollen.

Ausgerechnet Babenhausen: Ein kleiner Flecken im bayrischen Schwaben, mit fünfeinhalbtausend Einwohnern, Fuggerschloss, aber leerstehenden Läden, Zeichen der Landflucht. Dorthin zogen Merit Kraft und Kevin Beutekamp vor vier Jahren, um einen Bioladen aufzubauen, sie war damals 25, er 27 Jahre alt. Das grüne Haus an der Durchgangsstraße ist nicht zu übersehen. An den Wänden drei große, aktuell beschriftete Schiefertafeln, vor den Schaufenstern Körbe und Paletten gefüllt mit Kürbissen, Ingwer, Apfelsaft, Wein, Teepäckchen. Auf einem Stopper können Passanten nicht nur die Angebote lesen, sondern auch, wie der Laden auf Corona reagiert.

Es ist nicht zu übersehen: Die Neuen laden ein und wollen kommunizieren. Beide hatten schon Erfahrungen im Lebensmittelhandel gesammelt: Kevin Beutekamp startete seine kaufmännische Ausbildung im konventionellen LEH, beendete sie in einem kleinen Bioladen und stieg dann als Filialleiter im Biohandel ein. Merit Kraft absolvierte ein duales BWL-Studium inklusive (Bio-)Ladenpraxis, und kam dann als Außendienstlerin für Sortimentsfragen zum Biogroßhändler Bodan.

Gute Planung und Unterstützung

Kevin Beutekamp machte die Erfahrung von 60-Stunden- und 6-Tage-Wochen, Überstunden, hohen Krankenständen und fühlte sich verheizt. Merit Kraft erlebte bei Bodan zwar das Gegenteil, doch beide sagten: „Es geht auch anders.“ Mit einem eigenen Laden, in dem nicht Sachzwänge vorherrschen, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht, nicht nur die Kunden, sondern auch die Mitarbeiter und nicht zuletzt die beiden Überlinger selbst. Beutekamp: „Wir wollen unseren Arbeitsplatz selbst gestalten – so, wie wir ihn uns wünschen.“

Direkt am Bodensee ist der Bedarf an Bioläden ausgereizt. Babenhausen bot sich an. Die beiden sind keine Traumtänzer. Mit Unterstützung von Bodan analysierten sie die Lage und kamen zum Ergebnis: Das passt. Die B300 zwischen Memmingen und Krumbach führt Berufsverkehr direkt am Laden vorbei, Parkplätze vor dem Haus, Miete akzeptabel, die nächsten größeren Bioläden mit Frischeangebot in 30 Minuten Entfernung. Mit einem Warenerstausstattungs-Darlehen von Bodan und mit Geld, das sie sich von ihren Familien zusammengeliehen hatten, legten sie im November 2017 los. Schon nach wenigen Monaten mussten sie in ein neues, größeres Kühlhaus investieren.

Chancen und Investitionen

Anfang 2019 bot ein Bioladner aus der Umgebung den beiden an, seinen Lieferdienst und ihn als Fahrer zu übernehmen. Sie kauften dafür ein Auto. Die nächste Chance: Das Reisebüro nebenan gab auf. Durchbruch der Trennwand, Umbau – im Herbst 2019 wuchs Biokuma von 200 auf 280 Quadratmeter. Ein großer Schritt. Denn von da an ging es nicht mehr ohne Mitarbeiter.

Dann fragte der örtliche Kindergarten, ob sie am EU-Schulprogramm Schulobst teilnehmen wollten. Sie wollten. Seither liefern sie mit einem weiteren Fahrzeug Obst, Gemüse und Milch auf EU-Kosten, anfangs für 10, inzwischen für 4.000 Kinder in Schulen und Kitas der Umgebung. „Eine gute Sache“, finden beide. Aber auch aufwendig, denn sie müssen in Vorleistung gehen und immer wieder Anträge an Behörden stellen. Inzwischen ist sommers an Freitagen noch ein Marktstand dazugekommen. Ein anspruchsvolles Projekt und schwer zu kalkulieren. „Denn vieles lässt sich im Sommer nach sechs Stunden im Stand nicht mehr verkaufen“, sagt Kevin Beutekamp.

Vier Jahre nach der Neugründung – die erste Jahresbilanz belief sich auf minus 40.000 Euro – hoffen die beiden Gründer auf eine schwarze Null 2021. „Wir haben pro Jahr 20 Prozent an Umsatz zugelegt“, berichtet Merit Kraft – „und wir haben im Vergleich zum ersten Jahr den Umsatz verdoppelt“. Gleichzeitig haben die beiden aber immer wieder in zukunftsträchtige Projekte investiert.

„Es macht Spaß“, sagt Kraft. „Wir begegnen immer wieder neuen Anreizen, uns in neue Themen einzuarbeiten.“ Die Kehrseite: Seit sie Ladner sind, hatten die beiden keinen Urlaub mehr. In den Anfangszeiten übernahmen die beiden Inhaber alle Urlaubs- und Krankheitsvertretungen, denn keine Mitarbeiterin soll Überstunden machen. Inzwischen haben sie Vertretungen und lernen, Verantwortung abzugeben.

Rückschläge und Bestätigung

Die Corona-Pandemie stellte sie vor zusätzliche Aufgaben, brachte Rückschläge, aber auch Bestätigung. Das Bistro im Laden musste schließen. Anstelle des Mittagstischs, geliefert von der Kölner Bio Feinkost Manufaktur Pur, gibt es das Essen nun zum Abholen. Zum Glück war der Lieferdienst schon eingerichtet. Den nutzen nun auch Menschen, die wegen Covid-19 Kontakte meiden.

Damit die Mitarbeiterinnen nicht länger als zwei Stunden am Stück eine Maske tragen müssen, klügelten die Chefs einen Plan inklusive reduzierter Ladezeiten aus, der möglichst wenig Umsatzverluste bringen soll. Die Kundschaft wurde – auch über den Brief auf dem Stopper vor dem Laden – aufgeklärt und trägt das mit, sagen die Ladner.

Am Sortiment hat Corona nichts verändert. Nach wie vor ist Frische der Schwerpunkt. Wenige Schritte entfernt von Obst, Gemüse und Kräutern präsentiert die Käsetheke eine Auswahl an 60 bis 80 Käsesorten. „Dafür kommen die Leute gezielt zu uns“, sagt Merit Kraft. Manch einer kommt bestimmt auch gezielt wegen der Superfood Eistörtchen, die die Manufaktur Nasch Natur aus dem Nachbarort liefert. Vielleicht auch mal wegen der Mineralien, ebenfalls aus einem Nachbarort. Oder wegen des Unverpackt-Angebots.

Biokuma hat Reinigungsmittel von Sonett zum Abfüllen im Programm. Darüber hinaus relativ neu: Trockensortimentprodukte des Berliner Start-ups Unverpackt Umgedacht. „Die Lösungen sind noch nicht perfekt, aber wir bleiben dran,“ versichert Merit Kraft. Und den Kunden scheint es zu gefallen: Bei manchen von ihnen haben die beiden den Eindruck, sie kommen auf ein Gespräch in ihren Laden und kaufen nebenher ein. Merit Kraft und Kevin Beutekamp sind offenbar angekommen in Babenhausen.

Zahlen – Daten – Fakten

Inhaber: Merit Kraft, Kevin Beutekamp

Adresse: Auf der Wies 21, 87727 Babenhausen

Öffnungszeiten: Mo bis Sa 9 – 13 Uhr und 15 – 19 Uhr

Eröffnung: November 2017

Verkaufsfläche: 280 Quadratmeter

Mitarbeiter: 12 (10 Frauen, 2 Männer / 1 Vollzeit-, 11 Teilzeit-Kräfte)

Produktzahl: ca. 3.500

Großhändler/Lieferanten: Bodan, Rapunzel

Webseite: www.biokuma.de

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