Dieser Artikel ist erstmals am 22.01.2025 veröffentlicht worden und wurde am 21.01.2026 aktualisiert.
Der 22. Januar ist Tag des Zweinutzungshuhns. Der Alleskönner unter den Hühnern unterscheidet sich von den heute gängigen Hühnerrassen, die speziell fürs Eierlegen gezüchtet werden und kaum Fleisch ansetzen. Zweitnutzungshennen dagegen legen genügend Eier und die Hähne setzen genügend Fleisch an. Dadurch können sowohl die männlichen als auch die weiblichen Tiere genutzt werden. Die Frage, was mit den männlichen Küken passiert – Stichwort „Kükentöten“ –, entfällt.
Der Nachteil: Die Rassen sind nicht so produktiv wie die konventionellen Hybrid-Hühner, die auch in der Bio-Landwirtschaft häufig zum Einsatz kommen. Hochleistungs-Legehennen legen bis zu 330 Eier im Jahr und Hochleistungs-Masthähne bringen in 7 Wochen 2,5 Kilogramm auf die Waage. Dagegen schaffen es Zweinutzungshühner auf 230 Eier im Jahr und 2,7 Kilogramm Lebendgewicht in 17 Wochen. Allerdings haben Zweinutzungstiere zahlreiche ökologische und ethische Vorteile.
Das Ziel der Züchtung ökologischer Zweinutzungsrassen ist es, robuste Rassen für den Biolandbau anzubieten, die von vornherein an ökologische Fütterungssysteme angepasst sind. Daran arbeiten beispielsweise die von Bioland und Demeter getragene Ökologische Tierzucht (ÖTZ) und das Naturlandprojekt „RegioHuhn“. „Coffee“ und „Cream“ oder „Bresse Gauloise“ sind nur einige der vielfältigen Zweinutzungsrassen.
ÖTZ-Geschäftsführerin Inga Günther-Bender sieht im Zweinutzungshuhn einen Stellvertreter für ein viel größeres Thema: Wie soll die ökologische Tierzucht von morgen aussehen? „Eigenständige ökologische Zuchtstrukturen sind dringend notwendig, damit wir in zehn, fünfzehn Jahren überhaupt noch ökologische Nutztierhaltung betreiben können”, sagt Inga Günther-Bender.
Siegel für Tiere aus ökologischer Züchtung
Für die Produkte von Zweinutzungstieren aus ökologischer Züchtung gibt es ein Siegel von der ÖTZ. Das Produkt-Siegel „Aus ökologischer Züchtung“ kennzeichnet Eier, Fleisch und Verarbeitungsprodukte, welche direkt von Tieren aus ökologischer Züchtung stammen. Es soll den Verbrauchern die besondere Qualität dieser Produkte im Vergleich zu Produkten von konventionell gezüchteten Tieren vermitteln.
Das Siegel dürfen ausschließlich Partner mit gültigem ÖTZ-Markennutzungsvertrag nutzen. Bislang ist das Siegel in den Großhandelsstrukturen allerdings noch nicht deutlich sichtbar. Allgegenwärtig in Bioläden sind die Zweinutzungshuhn-Produkte noch nicht, denn: „Der Absatz über mehrere Handelsstufen ist aufgrund der Aufschläge oft ein Hemmnis“, so Inga Günther.
Dennoch kommt dem Bio-Fachhandel laut ÖTZ und dem Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) seit Jahren eine Schlüsselrolle beim Aufbau dieser Strukturen zu. Mit der Kampagne „1 Cent für die Zucht“ konnten trotz schwieriger Zeiten auf dem Eiermarkt bis Anfang 2026 schon deutlich über zwei Millionen Euro für die ökologische Tierzucht mobilisiert werden, teilten ÖTZ und BNN im Januar 2026 mit.
Laut BNN-Geschäftsführerin Kathrin Jäckel brauche es „langfristige Unterstützung für diesen strukturell noch kleinen Bereich, sowohl in der Forschung als auch beim Ausbau der dafür notwendigen Strukturen“. „Was in der Zucht mühsam aufgebaut und in der Vermarktung langfristig vor allem privatwirtschaftlich gefördert wurde, darf am Ende nicht an den politischen Rahmenbedingungen scheitern", sagt sie.
Fleisch von Zweinutzungshühnern muss Kunden erklärt werden
Thomas Pilgram ist Inhaber von „Sonnenblume Dein Bioladen“ in Waren-Müritz, Mecklenburg-Vorpommern. In seinen Regalen findet sich neben den klassischen Bio-Hähnchen auch Fleisch von Zweinutzungshühnern. Letzteres ist aufgrund der geringeren Fleischausbeute teurer. Thomas Pilgram hat allerdings die Erfahrung gemacht, dass Kundinnen und Kunden bereit sind, mehr für ein Produkt auszugeben, wenn sie den Mehrwert dahinter verstehen. „Wichtig ist für uns die Aufklärung. Doch dafür braucht es die Kompetenz sowie die Zeit und Ruhe, um mit den Kundinnen und Kunden ins Gespräch zu kommen.”
Dennoch greifen die Kunden im Bioladen Sonnenblume eher zum Fleisch von klassischen Masthähnchen als zum Zweinutzungshühnerfleisch, „denn im Kochtopf verhält es sich anders, als die Menschen das klassischerweise kennen”, so Thomas Pilgram: „Das Fleisch fällt nicht so leicht vom Knochen und benötigt deutlich mehr Kochzeit. Zudem hat das Zweinutzungshuhn deutlich weniger Fleisch und eine etwas dunklere Farbe.“
Der Geschmack überzeugt
Geschmacklich allerdings überzeugen sowohl Fleisch als auch Eier von Zweinutzungshühnern. Im Rahmen eines Forschungsprojektes der Universität Hohenheim und des Naturland-Verbandes Baden-Württemberg waren Studierende der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn aufgerufen, die sensorischen Eigenschaften von Bio-Fleisch und -Eiern von Zweinutzungshühnern beurteilen.
Dafür haben sie im Sommer 2023 Aussehen, Geschmack und Geruch mehrerer Hühnerrassen analysiert, verkostet und systematisch bewertet. Auch wenn die Testenden Unterschiede – sowohl zwischen den verschiedenen Linien, als auch zwischen den einzelnen Teilen Brust, Schlegel, Flügel oder Sud – feststellten, lautete ihr Gesamturteil „Zweinutzungshühner schmecken besser“.
Zweinutzungshühner haben aber einen Nachteil: „Sie können zwar sowohl Eier als auch Fleisch liefern, bleiben in ihrer Leistung aber rund zwanzig Prozent unter den etablierten Lege- und Mastlinien“, sagt Lukas Kiefer, Professor für Landwirtschaft und Landnutzung im Dialog an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. „Das schlägt sich natürlich auch im Preis nieder.“
Inga Günther-Bender erläutert: „Produkte aus ökologischer Zucht wie Eier und Fleisch vom Zweinutzungshuhn passen wunderbar in den Themenkomplex der wahren Preise rein. Denn die Eier und das Fleisch wirken ja deswegen so teuer, weil daneben die Bio-Masthähnchen und Bio-Eier von Hühnern aus konventioneller Tierzucht liegen.“
Kurze Handelsketten sind wichtig
Umso wichtiger seien deswegen möglichst kurze Handelsketten und kostensparende Strukturen: „Wir haben in den letzten Jahren festgestellt, dass die Vermarktung besonders gut auf Betrieben läuft, die möglichst nah an den Kundinnen und Kunden dran ist“, so Inga Günther-Bender.
Vorreiter in diesem Bereich ist etwa die Bio Company, welche nur noch Eier von Höfen mit Zweinutzungshühnern oder Bruderhahn-Aufzucht verkaufen will. „Wir verzeichnen für diese Eier eine kontinuierliche Nachfrage und unterstützen den Abverkauf durch unterschiedliche Marketingmaßnahmen“, teilte das Unternehmen mit.
Und die Biohennen AG vertreibt ihre eigenen Eier und Gockel-Produkte mit Geflügelfleisch – sowohl online als auch über die kooperierenden Bio-Bauernhöfe.
Aber auch Handelskonzerne wie Rewe haben erste Versuche mit Eiern von Zweinutzungshühnern unternommen. Im Oktober 2024 startete in 111 Rewe-Märkten in der Region Südwest einen Test, der Erkenntnisse zur Kundenakzeptanz liefern soll. „Nach einer Feinjustierung, die die Belieferung der Märkte betrifft, ist der Test gut angelaufen. Aktuell arbeiten wir intensiv daran, einen Weg für die eigene Vermarktung des Junghahnfleischs zu finden”, sagte eine Mediensprecherin der Rewe Group vor rund einem Jahr.
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