„Der Supermarkt ist systemrelevant für uns“, sagt Rebecca Lefèvre vom Verein Gemeinsam Zusammen. Sie weiß, wovon sie spricht. Die 49-Jährige ist Autistin, lebt mit ADHS und betreut das Projekt „Stille Stunde“. Die „Stille Stunde“ steht für reizarme Momente in Wirtschaft und Handel. In einem festgelegten Zeitraum schaffen Ladeninhaber eine besondere Einkaufsatmosphäre, in der Reize bewusst reduziert werden.
Das Angebot richtet sich an eine bestimmte Kundengruppe: Menschen, die unter einer so genannten „Reizoffenheit“ leiden – aufgrund von Krankheiten, Beeinträchtigungen oder nicht sichtbaren Behinderungen. Um diese Kunden zu halten und neue zu gewinnen, helfen schon einzelne Maßnahmen (siehe Kasten).
Die Idee zur „Quiet Hour“ stammt von Theo Hogg, einem Angestellten in einem neuseeländischen Supermarkt der Kette Countdown, der als Vater eines autistischen Kindes den Bedarf erkannt hat. In Neuseeland wird die „Stille Stunde“ in den Countdown-Märkten inzwischen flächendeckend praktiziert. International haben unter anderem auch Walmart (USA) und Tesco (Großbritannien) das Konzept etabliert. In Deutschland setzt bislang CAP das Modell flächendeckend in seinen Märkten um.
Der Verein Gemeinsam Zusammen hat es sich zum Ziel gesetzt, auch in Deutschland Barrieren für chronisch belastete Menschen abzubauen. Neurodivergente Personen reagieren – anders als neurotypische – stark auf helles Licht, Bewegungen auf Werbebildschirmen, Hintergrundmusik oder Duft-Marketing und Temperaturunterschiede. Während neurotypische Kundinnen und Kunden die meisten der Reize um sich herum ausblenden können, gelingt es neurodivergenten nicht, was zur Überforderung und zu starken körperlichen Reaktionen führen kann.
„Die Wirtschaft ist der Motor für die Veränderung.“
Die Kassen in Supermärkten bezeichnet Rebecca Lefèvre als Betroffene etwa als „gelebte Hölle“, weil dort so viel auf einmal passiert – sensorisch und in der Kommunikation. Um Menschen wie ihr ein besseres Einkaufsklima zu schaffen, bieten immer mehr Geschäfte eine „Stille Stunde“ an, etwa der Denns Biomarkt in Siegen, der für dieses Angebot ausgezeichnet wurde. Auch große Unternehmen wie Ikea oder Decathlon haben laut Lefèvre den Bedarf erkannt und widmen sich dem Thema.
„Die Wirtschaft ist der Motor für die Veränderung“, sagt Rebecca Lefèvre. Dabei gehe es nicht nur darum, einen besonderen Teil der Kundschaft zu integrieren. Fachkräfte fehlen, und neurodivergente Menschen stehen dem Arbeitsmarkt laut Lefèvre nicht als Mitarbeitende zur Verfügung, wenn keine geeigneten Bedingungen für sie geschaffen werden. Der Verein Gemeinsam Zusammen steht nach eigenen Angaben auch im Austausch mit 300 deutschen Kommunen.
„Inklusion durch Reizarmut“ nennt Lefèvre das große Ziel des Vereins. Inklusion würde allerdings bedeuten, dass Betroffene zu jeder Zeit einkaufen gehen könnten – im leisen Supermarkt, ohne Musik. Die „Stille Stunde“ sei ein erster wichtiger Schritt zur Integration.
Tipps für reizarmes Einkaufsklima in der „Stillen Stunde“
Mit Plakaten, Flyern und Aufklebern bewerben teilnehmende Läden die „Stille Stunde“.
- Helle Beleuchtung dimmen.
- Geräusche reduzieren: Musik abschalten, Durchsagen und laute Telefonate vermeiden. Für leiseres Piepen der Kassen sorgen.
- Verräumen der Ware auf der Fläche vermeiden.
- Personal stattdessen an der Kasse einsetzen, um lange Wartezeiten zu verringern.
- Ruhezone schaffen: Sitzgelegenheiten anbieten.
- Auf Duft-Marketing verzichten („No Perfume Day“).
- Informationen über die Ladenfläche und Parkplätze online bereitstellen, damit Betroffene wissen, wo es „Gefahrenzonen“ gibt, in denen sie beispielsweise Reizen durch Düfte ausgesetzt sind.
- Fotos vom Team online bereitstellen, Ansprechpartner kenntlich machen.
- Auf Raucherecken vor dem Eingang verzichten.
Marketing-Material für Geschäfte, die die „Stille Stunde“ anbieten, steht auf der Website des Vereins Gemeinsam Zusammen zum Download bereit.
Dort können Läden ihre Standorte auch in einer Deutschlandkarte eintragen – bisher haben sich rund 280 Unternehmen registriert.
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