Während andere europäische Länder nach der Krise wieder auf Wachstumskurs sind, hat Frankreich noch große Schwierigkeiten, seinen Bio-Markt wieder in Schwung zu bringen. Nach einem Boom in den 2010er Jahren kippte Europas zweitgrößter Bio-Markt in eine Bio-Krise.
Getragen von einer steigenden Nachfrage, massiven Investitionen und einer besseren Organisation des Sektors, erreichte der Bio-Konsum in Frankreich ab 2018 zunächst ein hohes Niveau – wie in Deutschland lag der Pro-Kopf-Verbrauch zu dieser Zeit bei 180 Euro. Doch diese Dynamik brach 2021 abrupt ab, nach der Covid-19-Krise schrumpfte der Markt: die Verkaufszahlen sanken, Fachgeschäfte schlossen, Supermärkte listeten Bio-Produkte aus, die Preise für Bio-Agrarprodukte fielen. Gleichzeitig strich die Politik Unterstützungsmaßnahmen und sägte an Bio-Grundfesten. Anders als in Deutschland schien es so, als hätten Interessensverbände und Bio-Organisationen diese Entwicklung nicht aufhalten können.
Frankreichs Bio-Markt fehlen Stabilisierungsmechanismen
Die Krise hat zwar konjunkturelle Ursachen, zeigt aber auch strukturelle Schwächen des französischen Bio-Sektors auf, wie seine geringe Antizipationsfähigkeit, die fehlenden Bio-Strategien des konventionellen Lebensmitteleinzelhandels und die wankelmütige Politik. Außerdem fehlen in Frankreich Stabilisierungsmechanismen im Fall von Markt-Verwerfungen, wie sie in Deutschland von den Bio-Verbänden geschaffen wurden. Die Bio-Institutionen in Frankreich sind anders organisiert als hierzulande.
Durch ihre Heterogenität, was die Mitglieder, die geographische und die thematische Reichweite angeht, verfügen die französischen Bio-Organisationen über eine große Vielfalt und viele Vernetzungspunkte. Allerdings fehlt es vielen der beschriebenen Organisationen an ausreichender Schlagkraft, um in Krisenzeiten ausreichend Wirkung am Markt, in den Medien oder in der Politik entfalten zu können.
Bio in Frankreich
Die biologische Landwirtschaft kam in Frankreich schon sehr früh auf – bereits seit den 1930er Jahren gibt es dort Bio-Betriebe. Gleichzeitig zählt das Land in Anbau und Vermarktung viele Bio-Pioniere. Auch in der Agrarpolitik setzten die Franzosen früh Zeichen: das weltweit erste staatliche Bio-Zeichen „Agriculture Biologique“ kommt von ihnen, ebenso wie die nationale Bio-Gesetzgebung, die stark die europäische Bio-Richtlinie beeinflussen hat.
Für eine konkrete Marktbearbeitung wie sie etwa in Deutschland die Bio-Verbände durch ihre Zusammenarbeit mit dem Lebensmitteleinzelhandel betreiben, fehlen in Frankreich die Strukturen. Darin ist sicher eine der Ursachen dafür zu sehen, dass die Bio-Krise in Frankreich anhält. Die Entscheider in großen Unternehmen und in der Politik haben wenig marktorientiere Anknüpfungspunkte im Bio-Sektor. So ist zu erklären, dass auch die politische Unterstützung für Bio zurückgeht und kürzlich eine massive Mittelkürzung für die staatliche Agence Bio beschlossen wurde.
Seit 2024 gibt es im französischen Bio-Markt jedoch auch ermutigende Signale, insbesondere im Bio-Fachhandel, seit 2025 auch erneut im LEH. Die Bio-Organisationen haben sich zum Teil gestrafft und neu aufgestellt. Der Markt scheint in eine neue Wachstums-Phase einzutreten, in der er zukünftig langsamer, aber auch stabiler wachsen wird, womit gute Voraussetzungen für mittelfristige Projekte und Investitionen gegeben sind.
Das sind die wichtigsten Bio-Institutionen in Frankreich
Agence Bio – Agentur mit vielen Schlüsselaufgaben
Welche Strukturen und Organisationen organisieren, vertreten und begleiten den Bio-Sektor in Frankreich? Unter diesen ist zuerst die Agence Bio zu nennen. Sie ist die staatliche Referenzorganisation, die den ökologischen Landbau auf nationaler Ebene koordiniert, überwacht und fördert.
Die Agence Bio wurde 2001 gegründet und untersteht den Ministerien für Landwirtschaft, Wirtschaft und Ökologie, für die sie mehrere Schlüsselaufgaben wahrnimmt: Sammeln und Verbreiten von Daten über die Bio-Produktion und den Bio-Konsum, Steuerung von Kommunikationskampagnen für die breite Öffentlichkeit, Betreuung des Netzwerks der Bio-Akteure und Verwaltung des Zulassungssystems für Zertifizierungsstellen. Die Agence Bio ist auch für die offizielle Website zur biologischen Landwirtschaft in Frankreich verantwortlich und veröffentlicht jedes Jahr Referenzzahlen zur Entwicklung des Sektors. Über das Förderinstrument „Fond Avenir bio“ leistet sie darüber hinaus Investitionshilfe für Vermarktungsprojekte.
Synabio – Verband der Verarbeiter und Händler
Neben dieser staatlichen Struktur gibt es Branchenverbände wie Synabio. Dieser Verband der Bio-Verarbeitungs- und Handelsunternehmen hat über 230 Mitglieder, von kleinen und mittelständischen Unternehmen bis hin zu größeren Konzernen. Seine Hauptaufgaben bestehen darin, die Interessen seiner Mitglieder gegenüber den nationalen und europäischen Instanzen zu vertreten, und transversal zur Bio-Lebensmittelwirtschaft zu kommunizieren. Synabio handelt auch konkret, indem es die Unternehmen beispielsweise bei technischen, regulatorischen Fragen oder auch bei ökologischen Audits unterstützt und strategische Sektor-Studien durchführt.
FNAB – die Stimme der Bio-Landwirte
Die FNAB (Fédération Nationale d'Agriculture Biologique) ist der wichtigste Zusammenschluss von Bio-Erzeugerbetrieben in Frankreich. Sie wurde 1978 gegründet, stützt sich auf ein Netz von Regionalgruppen und vertritt heute rund ein Drittel der 60.000 französischen Bio-Landwirtinnen und Landwirte.
Die Aufgabe der FNAB ist es, eine kohärente, anspruchsvolle und dynamische biologische Landwirtschaft zu verteidigen, indem sie die Stimme der Bio-Landwirtschaft gegenüber den Behörden, den Wirtschaftsakteuren und der Zivilgesellschaft vertritt.
Der Verband beteiligt sich aktiv an der Ausarbeitung der Agrarpolitik, unterstützt territoriale Projekte, begleitet Umstellungen und bietet Schulungen an. Die FNAB hat auch den Versuch gestartet, ein Bio-Verbands-Label auf dem französischen Markt zu etablieren. Das Label „FNAB – BIO – FRANCE“ hat aber bisher nur eine begrenzte Rolle.
Regionale Verbände
Ein Beispiel der regionalen Verbände, die der FNAB angehören, ist Bio en Grand Est. Dieser in Elsass, Lothringen und Champagne-Ardenne aktive Verband begleitet Landwirte bei der Umstellung, bietet Schulungen an, unterstützt territoriale Projekte und arbeitet mit lokalen Gebietskörperschaften zusammen, um die Bio-Landwirtschaft beispielsweise im Zusammenhang des Trinkwasserschutzes zu fördern. Anders als deutsche Bio-Verbände betreiben diese französischen Organisationen keine Vermarktung, es gibt also anders als in Deutschland keine „Verbandsware“!
Eine andere regionale Organisation ist Cluster Bio, der keine landwirtschaftlichen Betriebe, sondern Unternehmen in Verarbeitung und Handel umfasst. Der Cluster Bio hat seinen Schwerpunkt in der Region Auvergne-Rhône-Alpes (Rhone-Tal und die angrenzenden Gebiete von den Alpen bis ins Zentralmassiv). Frankreich-weit anerkannt fördert dieses Kompetenz- und Kooperationszentrum Synergien zwischen Bio-Unternehmen: Verarbeitern, Händlern, Erzeugern, Projektträgern etc. Auf die prospektive Arbeit und auf Innovationen ausgerichtet, organisiert Cluster Bio die zweijährlichen „BioNDays“, ein auch international beachtetes Branchentreffen.
Über Ecozept
Ecozept ist ein deutsch-französisches Ingenieurbüro, das sich seit seiner Gründung im Jahr 2000 mit nachhaltigen Lebensmittelmärkten beschäftigt. Es leistet Marktforschung und berät Politik und Wirtschaft zur Agrarpolitik und im Marketing, hat über 400 Projekte in diesem Bereich durchgeführt und mehr als 50 Unternehmen begleitet. Das 12-köpfige Ecozept-Team betreibt zwei Geschäftsstellen, eine in Freising, in der Nähe von München (Deutschland) und eine in Montpellier (Südfrankreich).
Kommentare
Registrieren oder anmelden, um zu kommentieren.
sehr interessanter und informativer Hintergrundbericht