Tierwohl ist in aller Munde: Viele Verbraucherinnen und Verbraucher sind bereit, für Bio-Fleisch mehr Geld zu bezahlen. So konnte die Bio-Fleisch-Produktion zwischen 2012 und 2022 um 70 Prozent gesteigert werden. Die Argumente sprechen für sich: Bio-Tiere haben mehr Platz, Verstümmelungen sind verboten, sie bekommen weniger Medikamente, mehr regionales Futter – und ihr Fleisch schmeckt oft besser als das ihrer konventionellen Artgenossen. Doch ob konventionell oder bio: Auf dem Schlachthof werden die Tiere oft gleich behandelt. Und dort verläuft es nicht immer schnell und schmerzfrei.
Schockierende Bilder aus Schlachtbetrieben
Mitte des Jahres sorgte wieder einmal ein mit versteckter Kamera gedrehtes Video für Diskussionen. Darin wird gezeigt, wie Schweine in einem niedersächsischen Schlachtbetrieb für ihre letzte Reise in enge Käfige gepfercht werden und in einer Betäubungsanlage Qualen erleiden. Die Käfige fahren mit einer Art Aufzug in eine Grube. Hier soll die hohe CO2-Konzentration die Tiere rasch bewusstlos machen, bevor sie im nächsten Schritt per Kehlschnitt getötet werden.
Doch statt sanftem Wegdämmern zeigt das Video angsterfüllte Tiere, die schreien, sich aufbäumen und dabei gegenseitig verletzen. Das Gas reizt ihre Schleimhäute; die Schmerzen beim Atmen lassen sie in Panik geraten. Im schlimmsten Fall können bis zur Bewusstlosigkeit bis zu 90 Sekunden vergehen.
Bio-Verordnung regelt Schlachtung nur rudimentär
Rund 80 Prozent der in Deutschland geschlachteten Schweine werden mit dieser Methode betäubt. Auch solche aus Bio-Haltung, denn die EU-Bio-Verordnung macht zum Thema Schlachten keine spezifischen Vorgaben. Sie verlangt lediglich eine saubere Trennung zwischen ökologischen und konventionellen Tieren.
Viele Verbraucherinnen und Verbraucher erwarten etwas anderes, wenn sie ein Schweinesteak oder Schinken im Bioladen kaufen. Aber die Realität sieht häufig anders aus, auch weil die Zahl der Schlachthöfe stetig abnimmt und die großen Betriebe noch größer werden und mehr Tiere verarbeiten. Zudem gibt es immer weniger Metzgerinnen und Metzger, die selbst schlachten. Doch es gibt auch Alternativen, die für die Tiere weniger Stress und Qualen bedeuten.
Der Tod eines Nutztieres wird in der Regel durch Blutentzug herbeigeführt. Laut Tierschutzgesetz müssen sie vorher so betäubt werden, dass sie „schnell und unter Vermeidung von Schmerzen oder Leiden in einen bis zum Tod anhaltenden Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit versetzt werden.“ Tierschützer kritisieren schon lange, dass die CO2- Betäubung dies nicht gewährleisten kann – besonders bei Schweinen.
Ist Elektrobetäubung bei Schweinen besser?
Für Karl Schweisfurth von den Herrmannsdorfer Landwerkstätten ist Elektrobetäubung die bessere Wahl: „In automatisierten Schlachtfabriken werden Tiere wie technische Güter behandelt. Wir finden, dass wir es dem Tier schuldig sind, dass ein Mensch in vollem Bewusstsein dessen, was er da tut, den Akt des Tötens übernimmt.“
Im Herrmannsdorfer Schlachthaus wird ein Schwein so spät wie möglich von seiner Gruppe getrennt. Es wird dann im Betäubungsgitter kurz fixiert. Ein Kontrollsystem prüft, ob die Kontakte richtig gesetzt wurden. „Der Auslöser betäubt das Schwein dann innerhalb weniger Sekunden. Bevor der Metzger die Hauptschlagader des Tieres öffnet, drückt er mit dem Finger auf das offene Auge des Schweins. Reagiert es nicht, war die Betäubung erfolgreich“, erläutert Schweisfurth.
Das klingt aufwändig, ist jedoch nicht zwingend teurer. Bei der Elektrobetäubung werden die Tiere zwar zunächst separiert, allerdings haben diese Schlachthöfe dafür meist mehrere Vorrichtungen. Es gibt daher auch Betriebe, die mit elektrischer Betäubung mehr Tiere schlachten als solche, die mit CO2 betäuben.
Wissen, wo das Fleisch herkommt
Erkundigen Sie sich bei Ihren Lieferanten nicht nur nach den Haltungs-, sondern auch nach den Schlachtbedingungen und wappnen Sie sich so für eventuelle Kundennachfragen. Abgepackte Fleischprodukte tragen auf der Verpackung eine Herstellernummer aus fünf Ziffern und dem Bundesland-Kürzel. Gibt man diese auf der Webseite des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ein, erhält man den Namen des Betriebes und seine Zulassungen.
Forschung sucht nach Betäubungs-Alternativen
Nach tierfreundlicheren Alternativen zur CO2- und Elektrobetäubung wird bereits gesucht – zum Beispiel am Friedrich-Löffler-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. „Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass Gasbetäubungen mit Argon, Stickstoff oder Gasmischungen im Vergleich zu CO2 den Stress für die Tiere deutlich reduzieren und damit klare Vorteile in Bezug auf den Tierschutz haben. Bei der Fleischbeschaffenheit konnten derweil keine relevanten Unterschiede festgestellt werden. Allerdings kosten diese Gase mehr Geld und die Begasung dauert bis zu 40 Prozent länger“, sagt die stellvertretende Institutsleiterin Dr. Inga Wilk.
Für die Betriebe ist das ein Wirtschaftsfaktor. „Die Mehrkosten belaufen sich auf etwa einen Cent pro Kilogramm Fleisch. Bis die neuen Gasbetäubungen für alle gängigen Anlagen genutzt werden können, sind allerdings noch weitere Untersuchungen nötig“, sagt Inga Wilk.
Geflügel: weniger Schmerzen durch Gasbetäubung?
Viele Hühner, Hähne, Puten, Enten und Gänse werden zur Betäubung kopfüber aufgehängt und im elektrischen Wasserbad betäubt. Der Tierschutzbund fordert, dass dies verboten wird. Nicht nur das Aufhängen im Haltebügel sei – insbesondere für verletzte Tiere – schmerzhaft. Bewegten sich die Tiere zu viel, komme es vor, dass sie gar nicht ins Wasser eintauchen und bei der Schlachtung bei vollem Bewusstsein seien.
In einem von der Bundesregierung geförderten Projekt wurde sogar festgestellt, dass Mastgeflügel aus Öko-Aufzucht bei dieser Methode häufiger fehlbetäubt wird. Das liegt vermutlich daran, dass die Tiere unterschiedlich groß sind und dadurch nicht gleich tief in das Wasserbad eintauchen. Möglich sei auch, dass sie ein anderes Verhältnis von Fett zu Muskeln haben als konventionelles Mastgeflügel und deswegen schwieriger zu betäuben sind. Das Projekt kam zu dem Schluss, dass Gasbetäubung für Geflügel bei korrekter Anwendung die tierfreundlichere Alternative zur Elektrobetäubung ist.
Rinder: Bauliche Details sollen Stress vermeiden
Rinder werden per Bolzenschuss betäubt. Zuvor wird ihr Kopf fixiert, damit der Schuss gezielt ausgeführt werden und die Betäubung innerhalb weniger Sekunden eintreten kann. Doch bis zu diesem Moment haben die meisten Tiere bereits viel Stress erlebt.
„Tierschutz endet für viele Tiere an der Stalltür“, weiß Christian Bühler, Vorstandsvorsitzender der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH). Ein Drittel seiner 1.500 Erzeugerinnen und Erzeuger sind biozertifiziert. Bühler sagt: „Die Transportwege bis zu unserem Schlachthof sind kurz, viele Bauern liefern die Tiere selbst an. Gut geschultes Personal und durchdachte bauliche Details sorgen für Tierschutz.“
Bühler verweist auf eine neue Rinderschlachtlinie, ohne Lichtreflexe oder Schatten. Die Tore und Rücklaufsperren bewegen sich dort lautlos, ein spezieller Bodenbelag dämpft Hufgeräusche. „So reduzieren wir viele optische und akustische Faktoren, die den Tieren Angst machen könnten. Der Weg zur Betäubungsanlage hat zudem eine definierte Linkskurve und eine einheitliche Steigung, was die Tiere natürlich zum Vorwärtsgehen motiviert“, erklärt Bühler.
Tiertransporte
Nach der EU-Bio-Verordnung soll die Dauer von Tiertransporten „möglichst kurz“ gehalten werden
Für die meisten Tiere steht am Ende ihres Lebens ein Transport zum Schlachthof an. Das verursacht Stress, unter dem nicht nur die Tiere, sondern auch die Qualität von Fleisch und Wurstwaren leiden kann. Nach der EU-Bio-Verordnung soll die Dauer von Tiertransporten „möglichst kurz“ gehalten werden, der Einsatz schmerzhafter Treibhilfen oder herkömmlicher Beruhigungsmittel ist verboten. Manche Bio-Verbände schreiben vor, dass ein Transport nicht länger als vier Stunden dauern und maximal 200 Kilometer weit sein sollte. Doch weil die Anzahl der Schlachthöfe in Deutschland stetig abnimmt, wird es für Bio-Betriebe immer schwieriger, bio-zertifizierte Schlachthöfe in ihrer Nähre zu finden, bei denen sie kurze Transportwege einhalten können.
Mobile Schlachtung: noch eine Nischenlösung
Für noch mehr Tierwohl denkt Christian Bühler bereits über die Anschaffung einer mobilen Schlachteinheit nach, mit der die Tiere auf dem Hof getötet werden können. Erst im September 2021 hatte die EU hierfür den rechtlichen Rahmen geschaffen. „Diverse Studien belegen etwa anhand von Cortisolwerten, dass mobile Schlachtung in der gewohnten Umgebung für die Tiere weniger stressbehaftet ist. Doch die Auflagen sind hoch und sowohl für den landwirtschaftlichen Betrieb als auch für den Schlachtunternehmer mit viel Papierkram verbunden“, sagt Professorin Gudrun Plesch vom Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL).
„Gut geschultes Personal und durchdachte bauliche Details sorgen für Tierschutz.“
Das EU-Recht ermögliche es, mobil zu schlachten, aber ob über die EU-Richtlininen hinaus gegebenenfalls weitere Auflagen erfüllt werden müssen, entscheide das zuständige Veterinäramt – und nicht alle seien der mobilen Schlachtung wohlgesonnen. Plesch erwartet nicht, dass sich die mobile Schlachtung zeitnah als gängige Schlachtpraxis etablieren wird – auch, weil die Zusatzkosten mit rund einem Euro pro Kilo Fleisch sehr hoch seien. Laut der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) wurde in Deutschland im Jahr 2024 nur auf 120 Geflügel- und Rinderbetrieben mobil geschlachtet. Bei Schweinen wird das Konzept bisher fast nur im privaten Bereich angewendet.
Faktor Mensch: ausschlaggebend beim Tierschutz
Ob elektrisch, mit Gas, im Schlachthof oder mobil – neben einwandfrei funktionierenden Geräten ist beim Schlachten vor allem der Faktor Mensch ausschlaggebend für Tierwohl oder -leid. „Nur Mitarbeitende mit entsprechendem Wissens- und Kenntnisstand sind in der Lage, die Tiere ruhig und stressfrei zur Betäubung zu führen. Dazu ist es auch wichtig, dass sie nicht unter Arbeitsstress und Zeitdruck stehen, wenn sie diese Tätigkeiten verrichten“, sagt Leonie Blume, Sprecherin des Arbeitskreises Tier & tierische Produkte der Assoziation ökologischer Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller (AöL).
„Die Größe des Schlachthofes entscheidet nicht über den umgesetzten Tierschutzstandard im Alltag.“
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat für verschiedene Tiergruppen Risikofaktoren ermittelt, die bei der Schlachtung vermeidbares Tierleid verursachen können – von der Ankunft und dem Entladen am Schlachthof bis zur Betäubung und zum Ausbluten und Töten. Bei Geflügel sind 83 Prozent , bei Schweinen 97 Prozent und bei Rindern sogar 98 Prozent der Risiken auf den Faktor Mensch zurückzuführen.
Und wo geht das besonders oft schief? Viele Menschen glauben, dass auf Großbetrieben mehr Tierschutzverletzungen stattfinden als auf kleinen. So pauschal lässt sich das jedoch nicht bewerten. „Die Größe des Schlachthofes entscheidet nicht über den umgesetzten Tierschutzstandard im Alltag“, sagt Leonie Blume. „Allgemeingültige Aussagen wie alle großen Schlachthöfe sind schlecht und alle kleinen gut, ist dem Tierschutz nicht dienlich. Maßnahmen wie regelmäßige Mitarbeitendenschulungen, Investitionen in moderne Technik und Videoüberwachung kosten Geld, das sich nicht alle Betriebe leisten können.“ Derweil sind nur große Schlachthöfe gesetzlich verpflichtet, Tierschutzbeauftragte zu benennen, die die Einhaltung der Tierschutzvorgaben überprüfen.
Es gibt noch viel Potenzial für mehr Tierwohl
Zwischen Stalltür und dem Tod eines Nutztieres gibt es auch bei der Bio-Fleischproduktion noch viel Verbesserungsspielraum. Die gute Nachricht: Tierfreundlichere Verfahren der Betäubung gibt es und sie werden vereinzelt auch eingesetzt. Doch ob sie irgendwann flächendeckend zum Einsatz kommen, ist mehr als fraglich.
Für Bio-Kunden bleibt letztlich die Ungewissheit, bis zu welchem Grad das Stück Fleisch oder Wurst, das sie essen wollen, mit ihrer Idee von Bio übereinstimmt. Helfen könnte ihnen, wenn Fleisch aus besserer Schlachtung entsprechend ausgelobt wird. Im besten Falle erhöht das die Nachfrage nach Bio-Fleisch aus solchen Best-Practice-Betrieben insgesamt – und sorgt dafür, dass Tierwohl nicht am Schlachthof enden muss.
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