Manchmal wird etwas aus der Not heraus geboren, das sich als absolut passend herausstellt. Als Sidi Karim Ben Bouazza mit seinem Bioladen an einen größeren Standort wechselt und einen neuen Namen dafür sucht, nimmt er, was noch übrig ist im Internet. So viel ist klar: Bio-Insel soll sein Laden im Hamburger Stadtteil Harburg nicht mehr heißen – auch wenn es ihn unter diesem Namen schon seit 1983 gibt und er laut Sidi damit Hamburgs ältester nocht aktiver Bioladen ist. Zu viele Menschen in Deutschland hatten irgendwann einmal die gleiche Namensidee.
Seitdem er die Bio-Insel im Jahr 2021 übernommen hatte, bekam er immer wieder Bestellungen, Bewerbungen, Rechnungen oder Mahnungen, die gar nicht für ihn waren. „Da waren schon einige lustige Sachen dabei“, sagt er rückblickend.
Wie Bio Bruder Herz zu seinem Namen kam
Um nicht mehr verwechselt zu werden, googeln Sidi und sein Bruder Yasin nach einem Namen, der auch als Webseiten-Adresse noch frei ist. „Das war gar nicht so einfach“, erinnert er sich. „Viele Namen, an die wir dachten, waren schon vergeben.“ Sie suchen nach „Bio-Brüder“ – doch so nennen zwei Landwirte in Recklinghausen bereits ihren Bio-Hof und die dazugehörige Webseite. Sidi versucht es irgendwann mit „Bio Bruder Herz“ – und findet „das Einzige, was wirklich frei war und ich in allen Domänen sichern konnte“.
Dass der Name perfekt passt, liegt nicht nur daran, dass Sidi seinen Laden mit viel Unterstützung durch Bruder Yasin schmeißt. Sidi ist hier so etwas wie ein großer Bruder für alle, die zu ihm kommen. Er beantwortet Fragen zu seinen Produkten, hört sich geduldig persönliche Geschichten an, fragt interessiert nach. Mit seiner dunklen und gleichzeitig wunderbar sanften Stimme sagt er dabei immer wieder Sätze wie: „Mach ich dir“. Oder: „Setz dich erstmal, bring ich dir“.
Stammkunden als wichtigstes Kapital
Wer zu Sidi in den Laden kommt, fühlt sich gut aufgehoben, fast schon geborgen. Die meisten seiner Kunden, kennt der 47-Jährige persönlich. „Mit Vornamen und deren Geschichten und deren Leid und deren Freud“, wie er sagt. Einer ist Andreas Genest. Der 40-jährige Sustainability Manager kaufte regelmäßig in der Bio-Insel und jetzt bei Sidi ein. Kunde ist er seit Studententagen. „Damals gab es Rabatte auf bestimmte Produkte“, erzählt er, während er Tomaten, Bananen, Käse, Haferflocken und frisches Brot in eine Holzkiste und Flaschenmilch und Joghurt im Glas in einen Korb packt. So fing es an.
Am neuen Standort hat Sidi mehr Platz – und es kommen neue Kunden.
Wie Andreas sind auch alle anderen Kunden mit Sidi die rund 500 Meter in die Bremer Straße 6 umgezogen. Am alten Standort, in einem Wohngebiet, stagnierte das Geschäft. Möglichkeiten, den 60 Quadratmeter großen Laden weiterzuentwickeln, fehlten. Der Boden war schief, geheizt werden konnte nicht, im Winter war es kalt. „Das waren schon sehr rustikale Verhältnisse“, erinnert sich Sidi. Gleichzeitig fehlte die Laufkundschaft. Sidi lebte von den Einkäufen seiner Stammkunden, aber das nicht besonders gut.
Vom Corona-Boom in die Bio-Krise
Sidi ist erst wenige Jahre Bioladner, aber kennt schon Hoch- und Tiefphasen. Als er seinen Job als Apple Solutions Consultant aufgab und bei der Bio-Insel anheuerte, erlebte er noch die Ausläufer des Corona-Booms. Aus gesundheitlichen Gründen wollte der damalige Eigentümer die Verantwortung für den Laden abgeben und in ein Angestelltenverhältnis wechseln. Sidi übernahm. Kurz darauf griff Russland die Ukraine an, die Lebensmittelpreise schossen in die Höhe und viele Kunden kauften nicht mehr im Bioladen ein. „Ich habe genau den Punkt erwischt, an dem es runterging“, sagt Sidi über den Beginn seiner Inhaber-Karriere – und lacht dabei.
Ein Laden richtet sich neu ein
Die Verkaufsfläche am neuen Standort ist nun doppelt so groß wie der alte Laden insgesamt, die Miete kostet allerdings auch zweimal so viel. Dafür befindet sich der Markt nun in einer belebten Einkaufsstraße und es kommen neue Kunden. Der Bio Bruder kommt ohne Schnickschnack und eher nüchtern daher. Zuvor hatte ein Buchhändler die Immobilie gemietet, der auch Kunde in der Bio-Insel war. Man merkt, dass sich Sidi hier mit seinem Sortiment erst noch einrichten muss.
Sidis Bio-Markt war vorher eine Bücherei, Die Regale hat er vom Vorbesitzer übernommen.
Wer durch die Eingangstüre mit dem Sicherheitsglas kommt, hat einen unverstellten Blick in den Laden. In der Mitte trennt eine Säule die Obst-und Gemüseauslage von einer Kühltruhe mit Käsespezialitäten und die Verkaufsfläche in zwei Bereiche. An den beiden Außenwänden reihen sich Holzregale, in denen früher Bücher standen und jetzt Bio-Produkte verkauft werden. Auf der linken Seite befinden sich die Brottheke und die Kasse, rechts, am Ende der Regalreihe, stehen zwei Kühlschränke, die gut hörbar vor sich hin surren.
Mit Sortiment und Regionalität gegen den Wettbewerb
Viele der Produkte, die Sidi anbietet, gibt es inzwischen auch bei Edeka und Budni, die Filialen in der Nähe haben. Sidi versucht, sich mit Broten von regionalen Bio-Bäckereien, seinem Käsesortiment und mit Kaffee abzugrenzen. Von Voelkel habe er alle Sorten Kefir und Kombucha, von Vivani alle Schokoladen, sagt er. Fleisch verkauft er nicht mehr, weil es immer schlechter lief. Auch Alkohol gibt es im Bio Bruder Herz nicht.
Ansonsten versucht Sidi, möglichst als erster in Hamburg Neu-Produkte zu listen. Dafür gibt er auch kleinen, lokalen Herstellern eine Chance. Coconilla aus Hamburger zum Beispiel. „Die Gründerin kam eines Tages zu uns und hat ganz lieb gefragt, ob sie ihre Schokolade hier anbieten könne.“ Sidi fand das Produkt toll und nahm es in sein Sortiment auf. Heute verkauft Coconilla Riegel und Pralinen auch bei zahlreichen Bio-Filialisten, im LEH und bei Drogeriemärkten.
Wo Bio auf neue Zielgruppen trifft
Dass sich der älteste noch existierende Biomarkt Hamburgs ausgerechnet in Harburg befindet, überrascht. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt hier deutlich unter dem Hamburger Durchschnitt. Sidi bezeichnet seinen Stadtteil im Süden der Hafenmetropole als „jung und multikulti“. Knapp die Hälfte der rund 30.000 Stadtteilbewohner hat keinen deutschen Pass. Sidi sagt, diese Kundengruppe spreche er noch zu wenig an. Diejenigen, die zu ihm kommen, würden insbesondere Öle und Honig kaufen. „Die achten dabei sehr auf Qualität und geben dafür auch gerne mehr aus“, sagt Sidi. Aktuell sei der Renner unfiltriertes Schwarzkümmelöl.
70 Stunden Arbeit für geringe Margen
Im Schnitt zählt Sidi rund 70 Kunden am Tag. Vor dem Umzug habe der Bonwert bei rund 24 Euro gelegen. Dafür arbeitet Sidi rund 70 Stunden pro Woche. Montag bis Samstag steht er von 10 bis 19 Uhr im Laden. Sonntags wird geputzt. „Nach Feierabend bist du fix und fertig, dann machst du nur noch das Gröbste hier, weißt du?“ Bislang hat Sidi es noch nicht einmal geschafft, seine neue Webseite biobruderherz.de einzurichten.
Auch sein Familienleben spielt sich zu einem guten Teil im Laden ab. Seine Frau und die drei Kinder kämen öfter vorbei. Auch Kindergeburtstage feiern sie hier.
Sidi macht sich keine Illusionen: „Als reiner Bioladen kann ich nicht mehr überleben. Dafür sind die Kosten viel zu hoch und die Marge auf den Produkten viel zu gering.“ So viel Ware könne er gar nicht verkaufen. Profitabel sei der neue Laden noch nicht, sagt er. Wie er sich über Wasser hält? „Reserven und ziemlich niedrige Lebensansprüche“, antwortet Sidi. Wie er daran etwas ändern könne? „Die Gastronomie muss mich retten“, sagt er mit fester Stimme.
Wie das Café den Ladenverkauf stärkt
Vor einer breiten Fensterfront mit Blick auf die Einkaufsstraße stehen hübsch designte Tische und gepolsterte Stühle. Auf der gegenüberliegenden Seite im Laden befindet sich eine Theke mit Kuchenauslage, dahinter ein Küchenbereich mit einer imposanten italienischen Handhebel-Espressomaschine. „Wir sprechen durch unser Café ganz neue Leute an, die vorher nie bei mir eingekauft haben.“
Eine ortsunkundige Café-Besucherin fragt nach dem Weg zu einem Museum. „Such‘ ich dir gleich raus“, sagt Sidi während er ihr den bestellten Tee auf den Tisch stellt. In der Gastronomie habe er eine viel größere Marge, sagt Sidi. „Ein Café-Bon über 10 Euro ist so viel wert wie 50 Euro, die im Laden ausgegeben werden, gemessen an dem, was für mich hängen bleibt.“ Und er sieht das Potenzial, dass diese Gäste auch Kunden im Laden werden.
Die Linsen-Curry-Kokossuppe ist der Verkaufsschlager im Café von Bio Bruder Herz. Viele der verwendeten Zutaten können Kunden direkt im Laden kaufen.
Verkaufsschlager ist eine Linsen-Curry-Kokossuppe, die Bruder Yasin in seiner Wohnung zwei Stockwerke über seinem Bruder zubereitet. Alle Zutaten in der Suppe gibt es bei Sidi zu kaufen: Linsen von Grell, Gewürzmischung von Sanchon, Kokoscreme von Terrasana. Zu der wirklich köstlichen Suppe stellt Sidi ein Fläschchen „Thai-Küche“-Öl von Bio Planète, das hervorragend dazu passt. „Das ist wie eine Verkostung“, sagt Sidi. Bevor er das Öl dazugestellt hat, habe er ein bis zwei Flaschen davon pro Monat verkauft. Inzwischen sei es eine pro Woche. Und wer die Suppe zuhause nachkochen will, dem verrät Sidi bereitwillig das Rezept. „Selbst, wenn jemand dann die Suppe nicht mehr bei uns isst, kauft er die Zutaten hier im Laden.“
Persönlichkeit als Erfolgsfaktor
Im Café von Bio Bruder Herz übernimmt Sidi Karim Ben Bouazza auch die Kaffeezubereitung selbst. Die Gastronomie soll den Bioladen wirtschaftlich stärken.
Sidi ist ständig in Bewegung: Er berät Kunden, nimmt Bestellungen an, bereitet Tee, Cappuccino und Latte an der Siebträgermaschine zu. Er trägt Tablets mit Suppe und Kuchen von der Küche in den Café-Bereich und von dort benutztes Geschirr zurück. Bruder Yasin unterstützt, wo er kann. Feste Mitarbeiter hat Sidi derzeit keine, weil er das nicht bezahlen kann. Neben Yasin hilft eine Praktikantin aus.
Zeitweise stapeln sich Tassen und Teller auf dem Tresen. Doch Sidi bleibt gelassen. Alles braucht seine Zeit. Die positive Atmosphäre im Laden – sie kommt nicht durch eine anmutige Inneneinrichtung, sondern durch Sidis Persönlichkeit. „Ich bin positiv, ansonsten hätte ich den Laden schon längst aufgegeben“, sagt er. Er glaubt fest daran, dass durch den neuen Standort wieder bessere Zeiten kommen werden.
Soziale Verantwortung gehört zum Ladenkonzept
In guten Tagen hatte die Bio-Insel häufig Auszubildende und Praktikanten, die aufgrund von Behinderungen, Erkrankungen oder sonstiger Umstände Probleme hatten, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Sidi zeigt zum Nachbartisch: „Katharina ist ein wunderschönes Beispiel“, sagt er. „Die haben wir so aufgebaut, dass sie Verantwortung übernehmen kann. Bei uns hat sie geregelte Arbeitsabläufe kennengelernt.“ Heute arbeitet Katharina in der Lebensmittelprüfstelle, also dort, wo auch Produkte gecheckt werden, die Sidi verkauft.
„Wir haben hier einen geschützten Raum. Wir sind zwar ein vollwertiger Laden, aber wir haben nicht diesen Stress wie bei einem Edeka oder Discounter. Wir können uns gemeinsam hinsetzen und fragen, wie geht es dir denn? Alles gut mit dir?“ Sidi zeigt auf seinem iPhone eine Liste mit Kontakten, mit denen er ein Netzwerk bildet. Von dort bekommt er immer wieder Praktikumsanfragen. „Ich habe für jede Entwicklungsstufe etwas. Wenn einer ganz unten ist, dann sage ich ihm, du kannst erstmal ganz einfachen Papierkram machen. Und dann schauen wir, wie wir schrittweise vorankommen.“ Sidi sagt, er sehe das Potenzial in jedem Menschen. Es ist diese Herzlichkeit, die den Bio Bruder zum Bio Bruder Herz macht.
Bio Bruder Herz: Zahlen, Daten, Fakten
Laden: Bio Bruder Herz | Standort: Bremer Str. 6, 21073 Hamburg
Geschäftsführer: Sidi Karim Ben Bouazza
Gründung: 1983 | Umzug: Dezember 2025 | Ladenfläche: 160 qm
Produktanzahl: 1.700 | Öffnungszeiten: Mo-Sa 10-19 Uhr
www.bioinsel.de / www.biobruderherz.de
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