Frau Braun, warum braucht es neue Gründungen in der Bio-Verarbeitung?
Mit ihrer Kreativität und dem starken Wunsch nach Wandel bringen junge Gründer:innen neue Impulse in die Bio-Branche. Nur so kann sich der Ökolandbau kontinuierlich weiter entwickeln. Denn bei ihren Produktideen greifen die Gründer:innen häufig aktuelle Ernährungstrends und Entwicklungen auf. Sie bringen aber nicht nur frische Ideen oder neue Herstellungsprozesse mit, sondern oft auch eine andere Art der Arbeitsorganisation. Viele wollen nachhaltiger wirtschaften und setzen beispielsweise auf faire Lieferbeziehungen.
Was treibt Menschen an, gerade in diesem Bereich unternehmerisch aktiv zu werden?
Wenn sich Menschen entscheiden zu gründen, ist die Motivation dahinter oft ganz unterschiedlich: Manche haben eine tolle Produktidee oder neue Herstellungsverfahren entwickelt, die sie in den Markt bringen wollen. Oder sie haben festgestellt, dass es eine Lücke im Verkaufsregal gibt, die sie schließen wollen. Einige haben einfach den Wunsch, unternehmerisch tätig zu sein und ein eigenes Unternehmen zu gründen und zu führen. Andere wollen das bestehende Ernährungs- und Agrarsystem nachhaltig verändern und mit ihrem Unternehmen dazu beitragen. Ein wichtiger Punkt ist für einige aber auch der regionale Bezug, sie wollen vor Ort etwas anstoßen und bewirken. Das knüpft auch an die innere Überzeugung an, mit Bio-Rohstoffen arbeiten zu wollen.
Welchen beruflichen Hintergrund haben die Gründerinnen und Gründer?
Wir erleben oft, dass es Menschen sind, die direkt von der Hochschule kommen und dort eine Gründungsidee entwickelt haben. Einige haben Ernährungswissenschaften, Lebensmitteltechnologie oder ein verwandtes Fach studiert. Andere interessieren sich für die Lebensmittelverarbeitung, aber kommen eher aus der Betriebswirtschaft oder dem Marketing. Es kommt aber auch vor, dass sich Menschen mit einem ganz anderen beruflichen Hintergrund komplett neu orientieren und mit einer innovativen Idee in die Bio-Branche einsteigen.
Zur Person
Charis Braun beschäftigt sich seit vielen Jahren mit regionalen Ernährungssystemen und begleitet deren Entwicklung in der Praxis. Als Co-Gründer der Beratung Zwischenfeld bietet Braun Meet-ups und regionale Branchenexpeditionen für Gründerinnen und Gründer in der Lebensmittelwirtschaft an. Im Rahmen des BÖL-Programms „Bio verarbeiten“ hat Zwischenfeld 2025 ein bundesweites Vernetzungstreffen für Menschen und Unternehmen organisiert, die in die Bio-Verarbeitung einsteigen oder sie weiterdenken wollen.
Welche Trends sehen Sie aktuell unter den Start-ups in der Bio-Branche?
Die Produktinnovationen, die wir beobachten, werden zum Beispiel durch die nachhaltige Entwicklung in der Landwirtschaft angestoßen. Wenn es etwa darum geht, mehr Leguminosen auf die Äcker zu bringen, dann braucht es für die Hülsenfrüchte natürlich auch neue Absatzwege und Verwertungsmöglichkeiten. Und dann entstehen aus den angebauten Kichererbsen, Linsen oder Lupinen auch neue Produkte. Häufig sind Produktneuheiten auch mit aktuellen Ernährungstrends verknüpft. Im Moment setzt man ja verstärkt auf eine pflanzenbasierte Ernährung. Dazu gehören Fleischalternativen oder Milchersatzprodukte. Auch fermentierte Lebensmittel wie Kimchi und Kombucha sind Produkte, die aktuell vermehrt auftauchen.
Welche Arten von Gründungen gibt es in diesem Bereich?
Da sind zum einen die typischen Start-ups mit neuen Produktideen oder innovativen Herstellungsverfahren. Daneben gibt es sogenannte System-Entrepreneurs, die gezielt Lücken im Ernährungssystem schließen. Das können zum Beispiel Mühlen sein oder Betriebe, die Gemüse für die Außer-Haus-Verpflegung vorverarbeiten. Diese Ansätze sind innovativ, weil sie ein konkretes Versorgungsproblem vor Ort lösen, auch wenn die Produkte vielleicht nicht besonders „fancy“ wirken. Was wir auch sehen, ist, dass altes Handwerk neu interpretiert wird und sich im Handwerksbereich neue Bäckereien oder Käsereien gründen. Diese Belebung des Lebensmittelhandwerks bringt häufig nicht nur neue Produkte hervor, sondern auch neuartige Arbeits- und Geschäftsmodelle.
Was sind nach Ihrer Erfahrung die größten Hürden für eine Unternehmensgründung?
Gründen ist nie einfach und stets mit vielen Hürden verbunden. Auf dem Weg dahin sind unzählige Fragen zu klären: Wie schreibt man einen Businessplan? Wie baue ich ein Gründungsnetzwerk auf? Wie führe ich ein Unternehmen mit Mitarbeitenden? Passt die Unternehmerrolle überhaupt zu meiner Persönlichkeit und gründe ich alleine oder gemeinsam mit anderen? Dann geht es darum, marktfähige Produkte zu entwickeln. Dabei müssen sie sich auch mit dem komplexen Lebensmittelrecht und den Anforderungen der Bio-Zertifizierung beschäftigen. Nicht zuletzt geht es darum, Finanzierungsmöglichkeiten aufzutun, damit man in Maschinen investieren kann und passende Räume mieten kann.
Welche Unterstützungsangebote gibt es für Gründerinnen und Gründer in der Bio-Verarbeitung?
Wenn jemand in der Bio-Verarbeitung gründen will, findet er unterschiedliche Unterstützungsangebote: Das Förderprogramm Exist des Bundeswirtschaftsministeriums und Gründungsprogramme an Hochschulen adressieren beispielsweise junge Akademiker:innen, die eine innovative Gründungsidee mit guten kommerziellen Erfolgsaussichten entwickeln. Unterstützung für Neugründer:innen speziell im Foodbereich bieten auch Inkubatoren und Start-up-Labs, die es inzwischen in verschiedenen Regionen gibt. Sie helfen Unternehmen, durch den Zugang zu professionellen Küchen und technischer Ausstattung Innovationen zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Auch Fachmessen wie die BioFach oder die Anuga bieten Gründer:innen die Möglichkeit, sich dem Fachpublikum zu präsentieren und potenzielle Marktpartner:innen kennenzulernen.
Sie sind mit Ihrem Beratungsbüro an der Veranstaltungsreihe „Bio verarbeiten“ beteiligt. Wie unterstützen die Veranstaltungen die Akteure in der Lebensmittelverarbeitung?
Mit seiner Veranstaltungsreihe „Bio verarbeiten“ unterstützt das Bundesprogramm Ökologischer Landbau alle, die ökologische Lebensmittel verarbeiten oder sich dafür interessieren. Jährlich finden rund 50 Workshops und Seminare in Präsenz und online statt. Die Themen sind vielfältig und praxisbezogen: vom Einstieg in die Bio-Milchverarbeitung über das Backen mit natürlichen Zutaten bis hin zur Rohstoffbeschaffung in der Bio-Lebensmittelwirtschaft. Zielgruppe sind neben Personen des Bäcker-, Metzger -, und Milchhandwerks auch Unternehmen der Gastronomie und Ernährungswirtschaft und eben auch Start-ups.
Veranstaltungsreihe „Bio verarbeiten“
Die praxisorientierte Veranstaltungsreihe „Bio verarbeiten“ wird finanziert vom Bundesprogramm Ökologischer Landbau (BÖL) mit Mitteln des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH). Ob in Seminaren, Praxis-Workshops oder Online-Meet-Ups – „Bio verarbeiten“ vernetzt, vermittelt aktuelles Fachwissen aus erster Hand und bietet einen Raum für gemeinsames Lernen und Ausprobieren.
Mit welchen Formaten arbeiten Sie ganz konkret?
Wir bieten einen Lern- und Entwicklungsraum für Gründer:innen an, mit zwei Formaten. Das sind zum einen Meet-ups, die wir online durchführen, und als zweites Format die regionalen Branchenexpeditionen. Außerdem haben wir dieses Jahr ein bundesweites Vernetzungstreffen für Gründer:innen und Branchenvertreter:innen organisiert.
Bei den Meet-ups geht es u.a. um Unternehmenswerte oder auch darum, ob Bio überhaupt zu den Gründer:innen passt. Oder um so Fragen wie: Wie kann ich den Einstieg in den Markt gestalten? Wie kann ich Bio als Unternehmensstrategie verankern? Oder wie gelingen kooperative Gründungen? Hierzu können sich die Teilnehmenden unserer Veranstaltungen mit erfolgreichen Bio-Start-ups austauschen. Bei den Branchenexpeditionen sind wir in verschiedenen Regionen unterwegs. Dieses Jahr waren wir in Freiburg und Berlin. Dort haben wir uns vor Ort verschiedene Bio-Start-ups angeschaut, darunter eine Freiburger Kombucha-Manufaktur und eine neugegründete Bäckerei in Berlin.
Worum geht es Ihnen bei Ihrem Programm?
Mit unserem Programm wollen wir einen positiven Gründungsgeist in den Bio-Verarbeitungsbereich bringen. Denn damit Gründer:innen den Schritt in die berufliche Selbständigkeit in der Bio-Verarbeitung tatsächlich wagen, braucht es eine Gründungsumgebung und Netzwerke, die sie auf diesem Weg begleiten und unterstützen. Da gibt es zwar schon einige positive Beispiele in der Bio-Branche, dennoch ist es aus meiner Sicht wichtig, die Synergien noch besser zu nutzen – und auch die Angebote sichtbarer zu machen.
Beim ersten bundesweiten Vernetzungstreffen Anfang Oktober kamen viele Gründer und verschiedene Branchen-Vertreter zusammen. Wie war der Ablauf?
Das Vernetzungstreffen bestand aus einer Podiumsdiskussion und verschiedenen Workshops und bot einen guten Rahmen, um sich auszutauschen, zu vernetzen und Gründungserfahrungen zu teilen. Dabei ging es unter anderem um den Eintritt in den Bio-Markt oder um das Potenzial von Gründungen in Bio-Wertschöpfungsketten. Des Weiteren haben wir über Herausforderungen und Rückschläge diskutiert. Ein zentrales Thema war die Gestaltung eines zukünftigen, lebendigen Gründungsökosystems für die Bio-Verarbeitung, das auch die regionale Versorgung mit Produkten des täglichen Bedarfs einbezieht.
Was haben die Teilnehmenden aus dieser Veranstaltung mitgenommen?
Für mich war unter den Teilnehmenden ganz viel Energie und Motivation spürbar. Wir haben viel positives Feedback bekommen: Die Teilnehmer:innen konnten ganz viel Inspiration aus dem gegenseitigen Austausch mitnehmen. Viele praktische Beispiele wurden für sie sichtbar. Nach meinem Eindruck sind auch zahlreiche neue Kontakte entstanden.
Und wie geht es mit Ihrem Programm weiter?
Wir wollen auch 2026 wieder Gründer:innen zusammenbringen und dazu beitragen, Gründung in der Bio-Verarbeitung ins Gespräch zu bringen. Im nächsten Jahr wird es wieder ein spannendes Programm geben mit Online-Meet-ups und Branchenexpeditionen in verschiedenen Regionen.
Wenn Sie in die Zukunft blicken: Was braucht es, damit Gründungen in der Bio-Verarbeitung dauerhaft Wirkung entfalten und Strukturen verändern können?
Zum einen braucht es Finanzierungskonzepte und politische Maßnahmen, die speziell auf kleine Unternehmen zugeschnitten sind, aber auch gezielt regionale Ernährungsstrukturen stärken. Doch vor allem fehlt es bei uns an einer starken Gründungskultur, verglichen mit anderen Ländern ist in Deutschland noch Potenzial.
Mit Blick auf die Bio-Branche ist entscheidend, das Gründungsgeschehen nicht nur aus einzelbetrieblicher Perspektive zu betrachten, sondern auch als Beitrag zur Stärkung der regionalen Versorgung mit Lebensmitteln zu verstehen. Es gilt anzuerkennen, dass die Lebensmittelverarbeitung eine gesellschaftliche Wirkung entfaltet und die Ernährungsumgebung positiv beeinflussen kann. Jede neue Mühle und auch jedes neue Produkt kann ein Baustein sein in einem zukunftsfähigen, resilienten Ernährungssystem.
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