Bei Sonnenschutz klaffen Theorie und Praxis weit auseinander. Fast die Hälfte der Befragten einer Doctolib-Umfrage im vergangenen Sommer gaben an, sie würden regelmäßig vergessen sich einzucremen. Ein Drittel hatte in 12 Monaten mindestens einmal einen Sonnenbrand. All das, obwohl einer Befragung im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zufolge 96 Prozent der Menschen wissen, dass UV-Strahlung krebserregend ist. Ein Potenzial an Sonnenschutz-Käufern ist also da. Der Schatz muss nur gehoben werden. Auch im Naturkost-Laden. Laut Biovista ging dort der Umsatz mit Sonnenpflege 2025 im Vergleich zum Vorjahr um knapp sechs Prozent zurück.
Interessante Zielgruppen
Dabei könnten zwei Zielgruppen besonders interessant sein für den Verkauf. „Unsere ganz jungen Kundinnen tragen tagein, tagaus Sonnenpflege mit Lichtschutzfaktor 30, am liebsten Tagescreme mit eingebettetem UV-Schutz,“ berichtet Bettina Forstenaicher, die beim Tagwerk Biomarkt Frisch&Fein in Landshut zu Naturkosmetik berät.
Dazu passt die Beobachtung von Juliane John, die bei I+M für Marketing zuständig ist. Ihr zufolge gibt es „Lifestyle-orientierte Kund*innen, die UV-Schutz als festen Bestandteil ihrer täglichen Hautroutine verstehen und nicht nur als Sommerprodukt“. Als weitere interessante Zielgruppe entpuppen sich die Jüngsten respektive deren Eltern. Sara Honerkamp von Lavera berichtet: „Sonnenschutz für Kinder wird sehr gut nachgefragt – da achten die Eltern besonders darauf“.
Das hat Konsequenzen für die Platzierung der Produkte. Juliane John empfiehlt, zumindest das Daily UV-Fluid bei der Tagespflege unterzubringen. Analog gehört Kinder-Sonnenpflege auch zu den Pflegeprodukten für Babys und Kinder. Hauptstandort ist der spezielle Block für Sonnenpflege.
Eine weitere Zielgruppe sind Menschen mit empfindlicher Haut. „Jemandem, der zu einer Sonnenallergie neigt, empfehle ich Heilerde für die Pflege danach. Mineralische Lichtschutzfilter lassen sich schwer abwaschen,“ sagt Bettina Forstenaicher. „Ein Teelöffel Heilerde in die Hand, dazu ein paar Tropfen Wasser. Das genügt.“
Tipps von der Kollegin
Bettina Forstenaicher: Naturkosmetikberaterin Frisch&Fein, Landshut, 600 qm
Sonnenprodukte belegen bei uns das ganze Jahr über zwei Regalmeter. Sie stehen direkt beieinander, nur die Sonnencreme von Dr. Hauschka ist bei der Marke eingeordnet.
Einmal im Jahr bekommt Sonnenpflege für drei Wochen einen Sonderplatz im Tischdisplay auf einem der drei Stehtische, die wir vor den Kosmetikregalen aufgebaut haben. Das ist meistens im Frühsommer, Mai/Juni.
Produktproben bekommen wir kaum mehr. Aber wir bieten sehr viele Tester an – schließlich müssen die Kundinnen einschätzen können, wie weiß eine Sonnencreme auf ihrer Haut rauskommt. Selbstverständlich steht eine Box mit Papiertüchern in der Nähe und ein kleiner Kosmetikeimer für die benutzten Tücher.
Ich arbeite nur zwei Tage hier im Markt. Daneben habe ich ein eigenes Kosmetikstudio. Die Kolleginnen sind froh, wenn sie die Kundschaft, die mit Fragen zu Naturkosmetik kommt, zu einer Fachfrau weiterschicken können.
Saisonale Aktionsflächen und Zweitplatzierung
Gekauft wird Sonnenschutz das ganze Jahr über, aber den meisten Menschen fällt zwischen März und August ein, dass sie ihre Haut mit Sonnencreme versorgen sollten. Da kann sie der Handel abholen. Juliane John rät zu saisonalen Aktionsflächen rund um Sonnenpflege als Zweitplatzierung. Passende Displays haben einige Hersteller im Programm.
Eubiona etwa stellt ein Thekendisplay zur Verfügung. Gelegentlich bietet der Großhandel Claus, der die Marke Eubiona vertreibt, Sonnenpflege in den Monatsangeboten für den Handel an. Bei Produktproben wägen die Anbieter ab zwischen Nutzen für den Verkauf und Schaden für die Umwelt durch eine Vielzahl kleiner Verpackungen.
Bei I+M gibt es keine Proben, dafür Tester, Eubiona stellt Endverbrauchern ein 3ml-Sachet zur Verfügung. „Für den Laden bieten wir Originalpackungen als Tester an“, berichtet Pressereferentin Andrea Lamm. Bei Boep gibt es Probengrößen und Tester. Außerdem stellt das junge Unternehmen bei der Listung des med Sonnenbalsams einen Balsam ohne UV-Schutz im Mini-Format für unterwegs bereit.
Kundenfragen als Chance
Generell stellt die Kundschaft auch in Naturkostläden nicht mehr besonders viele Fragen. Aber bei Sonnenpflege herrscht Unsicherheit und entsprechend oft wird gefragt. Welchen Lichtschutzfaktor brauche ich, wie ist das mit der Korallenbleiche, steckt da Mikroplastik drin? Fragen eröffnen die Chance, ins Gespräch zu kommen und Vertrauen aufzubauen. Gut, wenn es mindestens einen Menschen im Laden gibt, der auch Antworten kennt. Schulungen bieten etwa Hersteller wie Lavera oder I+M.
Gut geschützt!
Kurz und Knapp
Sonne wärmt, macht glücklich und hilft, Vitamin D zu bilden. Gleichzeitig kann UV-Strahlung Sonnenbrand entstehen lassen, trägt zur Hautalterung bei und vergrößert das Krebsrisiko. Zwischen fünf und vierzig Minuten lang schützt sich die Haut der meisten Mitteleuropäer selbst und wehrt Sonnenbrand ab, nicht aber andere durch UV-Licht verursachte Schäden.
Wer sich länger im Freien aufhält, sollte unbedeckte Stellen mit Sonnenschutz eincremen. Das gilt schon ab einem UV-Index von 3, hierzulande also generell in der Zeit zwischen März und Oktober. Chemische UV-Filter absorbieren die UV-Strahlung und wandeln sie in Wärme um. Mineralische UV-Filter bilden einen Schutzfilm auf der Haut, der mit winzigen Partikeln UV-Strahlung absorbiert, streut und reflektiert. Zertifizierte Naturkosmetik setzt auf mineralische UV-Filter.
Biovorteil
Wenn die Rede von Naturkosmetik-Sonnenschutz ist, müsste eigentlich immer das Wörtchen zertifiziert dabeistehen. Denn der Begriff Naturkosmetik allein ist rechtlich nicht bindend. Verlässlich sind Siegel wie Cosmos oder Natrue. Sie garantieren, dass möglichst wenig verarbeitete pflanzenbasierte Stoffe, bevorzugt in Bio-Qualität verwendet werden. Erdölchemie ist ausgeschlossen. Damit fallen chemische Filter weg und kritische Stoffe wie etwa der Emulgator PEG, der die Haut durchlässig machen kann, oder Parabene, die im Verdacht stehen, wie Hormone zu wirken. Oder umweltschädigendes Mikroplastik.
Zertifizierte Naturkosmetik ergänzt die Schutzwirkung mineralischer UV-Filter durch antioxidative Stoffe wie Rotalgenextrakt oder pflanzliches Vitamin E. Diese binden durch Strahlung entstandene zellschädigende freie Radikale. Feuchtigkeitsspender wie Sheabutter, Zuckerrübenextrakt, Aloe Vera oder Moringaöl schützen die Haut vor Austrocknung.
Was Kunden wissen wollen
Was unternehmen Naturkosmetikhersteller gegen das Weißeln?
: Naturkosmetik-Entwickler haben gelernt, mineralischen Sonnenschutz transparenter erscheinen zu lassen. Sie betten die mineralischen Partikel möglichst gleichmäßig in die Creme-Basis ein, verwenden kleinere Partikel in Nano-Größe oder lassen die Teilchen umhüllen.
Dunklere Farbpigmente in der Creme tönen die Haut und lassen das Weißeln verschwinden. Wie lange hält Sonnencreme?
: Sonnencremes haben zwei Ablaufdaten: Das übliche gilt vor dem ersten Öffnen, das neben dem Tiegel-Symbol gilt für danach. Mineralische UV-Filter behalten ihre Wirksamkeit, können also auch im Folgefrühjahr aufgetragen werden. Vorausgesetzt, sie wurden immer gut verschlossen und nicht in der knalligen Hitze gelagert. Je länger das Öffnen zurückliegt, desto wichtiger wir es, zu kontrollieren, ob Geruch, Konsistenz und Farbe der Creme sich nicht verändert haben.
Muss ich mich nach dem Baden noch einmal eincremen?
: Nicht alle Naturkosmetik-Sonnencremes sind wasserfest. Wasserfest bedeutet, dass nach 40 Minuten noch mindestens 50 Prozent des Lichtschutzfaktors übrigbleibt. Das heißt, nachcremen ist auch hier nötig, also nach dem Baden, nach exzessivem Schwitzen und spätestens nach zwei Stunden im Freien.
Gesundheit/Umwelt
Die mineralischen UV-Filter Titandioxid und Zinkoxid bleiben, im Gegensatz zu chemischen UV-Filtern, auf der Hautoberfläche. Vorteil: Sie wirken sofort, gelten als hautverträglicher und lösen kaum allergische Reaktionen aus. Nachteil: Sie können weißeln. Chemische UV-Filter durchdringen die Hautbarriere und schützen von dort aus. Manche wurden allerdings schon in der Muttermilch nachgewiesen. Einzelne können allergische Reaktionen provozieren, gelten als krebsverdächtig, oder können wie Hormone wirken. Das Bundesinstitut für Risikoforschung schreibt, gesundheitlich Beeinträchtigungen seien bei keinem in der EU zugelassenen Sonnenschutzmittel zu erwarten. Bei manchen chemischen UV-Filtern besteht aber auch der Verdacht, dass sie Wasserlebewesen schädigen.
Sortiment
Hoher Schutz ist Standard: Cremes und Lotionen mit den Lichtschutzfaktoren 30 und 50 machen das Basisrepertoire der naturkosmetischen Sonnenpflege aus. Produkte für Babys und Kinder enthalten oft keine Duftstoffe und sind allergenarm formuliert. Ähnlich zurückhaltend werden Sensitiv-Produkte ausgestattet, manche sind alkoholfrei. Bei Familienpackungen geht es – anders als im konventionellen Sortiment – weniger um preisgünstige Großformate, sondern vielmehr um optimalen Schutz für alle Familienmitglieder, auch die Jüngsten. Balsame und Sticks sind wasserfest und die Pflege soll beim Schwitzen nicht in die Augen fließen. Wichtig für die Alltags-User: Tagescremes mit UV-Schutz und Cremes mit Tönung. Für Surfer und Sportler gibt es farbige Sonnenprodukte in weiß oder blau. Die wollen sich gar nicht verstecken, sondern werden, im Gegenteil, ganz selbstbewusst auf der Haut präsentiert.
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