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Branchentag: Wie kann Naturkosmetik in Zukunft relevant bleiben?

Natural Cosmetics Industry Forum

Beim ersten Natural Cosmetics Industry Forum in Berlin berieten Branchenakteure über die aktuelle Situation der Naturkosmetik. Fazit: Die Konkurrenz aus dem konventionellen Bereich ist groß. Das eigene Potenzial aber auch.

In Vorbereitung auf das 20-jährige Jubiläum des internationalen Natrue-Standards für Natur- und Biokosmetik hat der Verband zum ersten Branchentag eingeladen. Unter den Teilnehmenden waren Rohstofflieferanten, Pressevertreter, Rechtsanwälte, die zum Thema Regulatory informierten, Mitarbeitende aus Reserach & Development, Branchenexperten sowie Hersteller Natrue-zertifizierter Produkte wie Weleda und Laverana.

Sie alle gingen miteinander im Gespräch, um sich über Markt- und Produktentwicklungen auszutauschen. Die Themen der Keynotes und Panel-Diskussionen zeigte, welche Fragen die Branche umtreiben: Wie kann Naturkosmetik im Markt der Zukunft relevant bleiben und mit konventionellen Herstellern konkurrieren? Welche neuen, attraktiven Inhaltsstoffe bieten Produzenten? 

Wir haben die Kernaussagen für Sie zusammengefasst.

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Wo steht die Naturkosmetik? 

Kommt darauf an, auf welchen Point of Sale man schaut. Obwohl das Interesse der Kundschaft groß ist und der Absatz steigt, profitiert der Bio-Fachhandel kaum von der positiven Entwicklung. Naturkosmetik ist Mainstream und längst nicht mehr exklusiv im Fachhandel zu finden. Zudem nutzen konventionelle Hersteller den Trend gezielt und deklarieren ihre Produkte als „natural inspired“. Um den Unterschied zur zertifizierten Naturkosmetik zu vermitteln, sei Beratung nach wie vor wichtig. Elfriede Dambacher, langjährige Marktforscherin für Naturkosmetik, forderte deshalb: „Der Verkauf darf nicht vergessen werden!“ Mitarbeitende zu schulen sei eine wichtige Aufgabe. 

Zudem bewerten Konsumenten die Naturkosmetik nach denselben Standards wie konventionelle Produkte. „Natürlichkeit allein ist nicht mehr genug!“, hieß es in Berlin. Nachhaltigkeit werde als Standard vorausgesetzt und sei kein Alleinstellungsmerkmal mehr. 

Wegweisende Themen für die Naturkosmetik seien derzeit Longevity, „Skintellect“ sowie das „Mainstreaming of Natural und Clean Beauty“. 84 Prozent der Deutschen geben an, gesund auszusehen sei wichtig für sie. 53 Prozent sagen, jung auszusehen sei das Wichtigste. Fazit: Longevity bleibt im Trend. Sabine Sassine, Head of Global Brand Management Natural Cosmetics bei Weleda, sieht darin eine globale, interkulturelle Entwicklung.

Wie kann Naturkosmetik sich gegen konventionelle Marken behaupten?

Silke Lambers vom Marktforschungsunternehmen Mintel betonte: „Naturkosmetik ist raus aus der Nische.“ Inzwischen gebe es eine Vielzahl an Produkten auch in Drogerien. „Das ist gut, aber daraus ergibt sich neuer Druck: Man muss sich behaupten.“ 

Dr. Jule Lexa Völzke vom Chemischen Laboratorium Dr. Kurt Richter sieht großes Potenzial in der Naturkosmetik und ihren Inhaltsstoffen: „Die Natur ist viel smarter als wir es sind“, sagte sie beim Panel zu aktiven Wirkstoffen und prophezeite: „Es wird immer neue Superlative geben.”

Dass natürliche Inhaltsstoffe gegenüber synthetischen viele Vorteile bieten, betonte Dr. Henrike Neuhoff, Chief Science Officer bei Laverana. In der Wirkweise gebe es „keine großen Unterschiede zu Konventionellen“. „Die Werkzeuge liegen in unserer Hand“, sagte Neuhoff. Die Frage sei nicht, ob biotechnologische Verfahren eingesetzt werden, sondern wofür. Das Ziel von Laverana sei es, exzellente aktive Inhaltsstoffe in hochwirksamen Formulierungen anzubieten.

Sabine Sassine von Weleda bestätigte: Hightech-Tools und relevante Stoffe wie der Booster NAD+ seien verfügbar und würden von Weleda bereits gezielt eingesetzt.

Sind Zertifizierungen noch gefragt? 

Im Austausch: Teilnehmerinnen beim Natural Cosmetics Industry Forum.

Ja. 60 Prozent der Deutschen vertrauen in Eco-Claims auf der Verpackung und unabhängige Zertifizierungen, so das Ergebnis einer Mintel-Studie. Insbesondere bei Kundinnen und Kunden aus der Gen Z genieße zertifizierte Kosmetik ein noch größeres Vertrauen als bei der älteren Kundschaft. 

Zwar verfügen Konsumenten und Konsumentinnen ohnehin über fundiertes Wissen – schließlich ist es so einfach wie noch nie, sich zu informieren. Gleichzeitig mache es ein Überangebot an Labels schwer, sich zurechtzufinden. 

Wie überzeugt man Kunden?

Laut Weleda hat die Kundschaft drei Erwartungen an die Naturkosmetik: 
1.    Effizienz der Produkte/Wirksamkeit
2.    Positive Erfahrung bei der Anwendung
3.    Authentizität und Integrität der Marke

Es gelte, den Kunden zu zeigen, dass sie mit den starken, wirksamen und effektiven Produkten ihr „besseres Selbst“ kreieren können.

Die Erwartungen haben sich laut den Branchenvertretern verändert: Nachhaltigkeit sei kein Zusatz mehr, sondern eine Erwartung, die die Kundschaft an Produkte stellt. Acht von zehn Deutschen leben nach eigener Einschätzung umweltfreundlich und nachhaltig. 

Hybride Käuferinnen und Käufer, die zertifizierte wie auch konventionelle Kosmetik kaufen, machen den größten Teil aus – und „Mixed-Shopping“-Verhalten sei die Norm. „Konsumenten brauchen Zeit und die Hersteller einen langen Atem“, hieß es beim Branchentreff. Und: Kommunikation zwischen beiden sei der Schlüssel für den Erfolg. 

Im Interview: Natrue-Präsident Florian Stintzing

Natrue-Präsident Prof. Dr. Florian Stintzing: „Die Naturkosmetik-Branche ist hoch innovativ.“

BioHandel: Wie kam es zur Entscheidung, ein Branchenforum zu initiieren?
Florian Stintzing: Wir möchten in dieser digitalen Zeit bewusst Raum geben für eine persönliche Zusammenkunft unterschiedlicher Disziplinen. Die Idee, das Branchenforum zu initiieren, entstand aus dem wachsenden Bedarf nach einem B2B-Format zum Austausch innerhalb der Natur- und Bio-Kosmetikbranche.
Unter den Teilnehmenden befinden sich Hersteller von Naturkosmetik und Rohstoffen, Akteure aus der Presse, juristische Fachkräfte aus dem Bereich Regulatory sowie Mitarbeitende aus Research & Development. Wir wollen uns über aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, Markt- und Produktentwicklungen austauschen und auch über regulatorische Rahmenbedingungen, um gemeinsam Perspektiven für die Weiterentwicklung der Naturkosmetikbranche zu erarbeiten.
Und, nicht zu vergessen: Wenn Menschen zusammenkommen, entstehen neue Energien für neue Ideen.

Diese Veranstaltung findet zum ersten Mal statt – warum gerade jetzt?
Mit der Veranstaltung möchten wir einen Raum schaffen, in dem sich die Branche austauschen, vernetzen und gemeinsam neue Impulse setzen kann. Uns ist wichtig, die Weiterentwicklung und Modernisierung der Naturkosmetik aktiv mitzugestalten – etwa durch neue Perspektiven auf innovative Rohstoffe oder aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse.
Wir möchten Dinge in Bewegung bringen. Auch, weil wir schon in der Warm-up-Phase vor dem 20-jährigen Natrue-Jubiläum sind. Wir kommen nicht weiter, wenn wir nur in alten Schemata denken. Wir wollen zeigen: Wir haben wissenschaftliche Grundlagen, wir haben viel Know-how und Kompetenz im Regulatory-Bereich und wir haben unglaubliches Innovationspotenzial bei den Naturstoffen.
Allerdings merken wir, dass die akademische Basis für Naturstoffe in Deutschland erodiert. Lehrstühle, die zu Naturstoffen geforscht haben, hören damit auf. Es gibt weniger Bücher darüber, das Wissen schwindet, die Wissensaktualisierung bleibt aus. Diese Aufgaben haben sich von der Akademie in die Industrie verschoben.

Woran liegt das?
Das nachlassende politische Interesse und damit auch das schwindende akademische Engagement in diesem Bereich führen nicht nur zu sinkenden Fördermitteln der Naturstoffforschung, sondern auch zu strukturellen Veränderungen in der Wissenschaft. Jetzt sind die Hersteller gefragt, dieses Wissen als Fundament der Naturkosmetik selbst zu erarbeiten. Das kann keine Firma allein machen, sondern wir müssen uns zusammenschließen.

Kooperation ist also auch ein großes Thema für Natrue?
Im Einzelkämpfertum kommen wir nicht weiter. Wir müssen neue Wege gehen. Letztendlich geht es darum, ein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein für den Planeten zu stärken und der Naturkosmetik eine kraftvolle, gemeinsame Stimme zu verleihen.
Es gilt, die schnellen Marktentwicklungen zu bewerten: Was bedeutet es, was da passiert? Es stellen sich Fragen zu Innovationen und zu regulatorischen Anforderungen.
Die Naturkosmetik-Branche ist hoch innovativ – gerade weil sie Trends nicht kurzfristig adaptiert, sondern wissenschaftlich fundiert und wertebasiert weiterentwickelt. Naturkosmetik ist Ausdruck einer konsequenten Haltung.
Immer wichtiger wird dabei die enge Zusammenarbeit mit Wissenschaft, Medizin und Forschung. Nur gemeinsam lassen sich neue Perspektiven entwickeln und komplexe Fragen lösen. Genau dieses langfristige und verantwortungsvolle Denken macht die Naturkosmetikbranche innovationsstark und zukunftsfähig.

Anm. d. Red.: Das Gespräch mit Florian Stintzing führte BioHandel beim Natural Cosmetics Industry Forum in Berlin.

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