Ab 2028 plant die Bundesregierung eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke wie Cola und Limonaden. Wie das Modell genau aussehen wird, ist noch unklar. Diskutiert wird eine Staffelung nach Zuckergehalt. Die Maßnahme ist Teil eines Reformpakets für die gesetzliche Krankenversicherung und soll rund 450 Millionen Euro pro Jahr einbringen.
Wie bewertet die Bio-Branche die Pläne der Bundesregierung? Wir haben bei verschiedenen Akteuren nachgefragt: Die Einschätzungen gehen deutlich auseinander.
Neumarkter Lammsbräu: „Ernährungsbildung statt mehr Steuern und Verbote“
Johannes Ehrnsperger, Inhaber und Geschäftsführer von Neumarkter Lammsbräu, verweist auf die Erfahrungen aus dem Ausland. Dort zeige sich grundsätzlich, dass Unternehmen auf eine Zuckersteuer auf zwei Arten reagieren könnten: Entweder sie veränderten die Rezeptur ihrer Getränke oder sie erhöhten die Preise.
Für das eigene Sortiment betont Ehrnsperger die bestehende Ausrichtung des Unternehmens. Die Bio-Limonaden von Neumarkter Lammsbräu seien bereits heute weniger süß. Zugleich setze das Unternehmen als „100 Prozent Bio-Getränkehersteller“ aus Überzeugung vollständig auf natürliche Rohstoffe. Konkret verwende Lammsbräu Bio-Rübenzucker aus einer bäuerlichen Zuckerrübenerzeugergemeinschaft statt chemischer Süßstoffe. Daran solle sich auch künftig nichts ändern.
„Unsere Bio-Limonaden sind schon heute weniger süß."
Auf die Frage, ob eine Zuckerabgabe ein geeignetes Instrument sei, um den Zuckerkonsum zu senken, verweist Ehrnsperger vor allem auf persönliches Bewusstsein, verantwortungsvollen Genuss und Ernährungsbildung von klein auf. Diese sei aus seiner Sicht „eine deutlich bessere Basis als noch mehr Steuern und Verbote“. Bei der Bildung anzusetzen, lohne sich aus seiner Sicht gleich doppelt: „Denn so kann man den Kindern auch vermitteln, wo ihre Lebensmittel herkommen und warum es Sinn macht, ökologisch zu wirtschaften.“
Beutelsbacher: Zuckerabgabe würde Mittelstand „zusätzlich belasten“
Aus Sicht von Beutelsbacher würde eine Zuckerabgabe insbesondere die mittelständisch geprägte Getränkewirtschaft mit vielen regional verwurzelten Familienbetrieben zusätzlich belasten. Die Branche sei bereits mit stark gestiegenen Kosten für Energie, Verpackung, Logistik und Personal konfrontiert.
Hinzu käme laut Beutelsbacher ein erheblicher bürokratischer und administrativer Mehraufwand für Erfassung, Kontrolle und Umsetzung der Abgabe. Zugleich sieht das Unternehmen keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege dafür, dass eine Zuckerabgabe langfristig einen nachhaltigen gesundheitspolitischen Effekt erzielt. Ernährung und Gesundheit seien komplexe gesellschaftliche Themen, die sich „nicht durch die isolierte Verteuerung einzelner Produktkategorien lösen lassen“.
Bei möglichen Anpassungen der Rezepturen verweist Beutelsbacher darauf, dass die Branche bereits Maßnahmen zur Zuckerreduktion umgesetzt habe. Laut offiziellen Erhebungen habe die Branche den Zuckergehalt marktrelevanter Erfrischungsgetränke seit 2018 um rund 15 Prozent reduziert. Auch Beutelsbacher beschäftige sich seit Langem mit ausgewogenen Rezepturen, Produktinnovationen und alternativen Angeboten. Zuckerreduzierte und alternative Rezepturen spielten bereits heute eine wichtige Rolle im Sortiment.
„Ernährung und Gesundheit sind komplexe gesellschaftliche Themen, die sich nicht durch die isolierte Verteuerung einzelner Produktkategorien lösen lassen."
Fruchtsäfte enthielten von Natur aus Fruchtzucker und seien nicht mit Erfrischungsgetränken gleichzusetzen, denen klassisch Zucker zugesetzt werde. Gerade naturbelassene Direktsäfte sowie Bio- und Demeter-Produkte basierten auf dem natürlichen Rohstoffcharakter der Frucht. Eine staatliche Lenkungsabgabe würde aus Sicht von Beutelsbacher jedoch den Druck erhöhen, Rezepturen weniger aus technologischen, sensorischen oder qualitativen Gründen weiterzuentwickeln als aufgrund steuerlicher Rahmenbedingungen. Bei hochwertigen Bio- und Demeter-Produkten müssten Rezepturen aber auch zur Produktphilosophie, zum natürlichen Rohstoffcharakter und zum Geschmack passen.
Bei Preisgestaltung und Nachfrage erwartet Beutelsbacher steigende Verbraucherpreise. Diese Mehrkosten würden insbesondere Haushalte mit geringerem Einkommen treffen. Zudem könne die ohnehin angespannte Konsumstimmung zusätzlich belastet werden. Im Getränkesegment könnte es zu einer Verschiebung der Nachfrage kommen, ohne dass dadurch zwangsläufig ein nachhaltiger gesundheitlicher Effekt erreicht werde. Besonders betroffen wären aus Sicht des Unternehmens mittelständische Hersteller, die im Gegensatz zu internationalen Konzernen nur über begrenzte finanzielle und administrative Ressourcen verfügten.
AöL: Zuckersteuer kann „nur den Anfang einer Transformation darstellen“
Die Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL) verweist in ihrer Stellungnahme auf die gesundheitlichen Folgen übermäßigen Zuckerkonsums. Dieser sei „eine der großen Gesundheitsherausforderungen unserer Zeit“. Übermäßiger Zuckerkonsum schade nicht nur den Menschen direkt, sondern verursache auch hohe Kosten im Gesundheitssystem und damit für die Gesellschaft insgesamt.
Eine Zuckersteuer kann aus Sicht der AöL dazu beitragen, diese gesamtgesellschaftlichen Kosten anders zu verteilen. Der Verband spricht in diesem Zusammenhang von einer „Internalisierung“ solcher Kosten. Sie könne „zu einer gerechteren Umverteilung durch Entlastung der Krankenkassenbeiträge führen“.
Auf die Frage, ob die Abgabe geeignet sei, den Zuckergehalt in Produkten zu senken, verweist auch die AöL auf Studien und Erfahrungen aus anderen Ländern wie Großbritannien. Diese zeigten aus Sicht des Verbands, dass eine Zuckersteuer positive Wirkungen haben könne. Besonders vulnerable Gruppen könnten gesundheitlich davon profitieren. Zugleich könnten Belastungen für das Gesundheitssystem sinken.
„Ob eine Senkung mittelfristig zu einer gesünderen Gesellschaft führt, hängt stark davon ab, ob wir den Hebel nutzen um auch die Ernährungsgewohnheiten anzupassen."
Die AöL betont jedoch, dass eine Senkung des Zuckergehalts allein nicht automatisch zu einer gesünderen Gesellschaft führe. Entscheidend sei, ob die Abgabe genutzt werde, um Ernährungsgewohnheiten zu verändern und „generell weniger stark zu süßen“. Problematisch wäre aus Sicht des Verbands, wenn Zucker lediglich durch Ersatzstoffe wie Süßstoffe ersetzt werde und dadurch neue Probleme entstünden.
Für Hersteller ökologischer Lebensmittel und Getränke hänge die Wirkung der Abgabe deshalb stark davon ab, ob diese Punkte berücksichtigt würden. Nur wenn der Staat die Chance nutze, mittelfristig zu einem anderen Süß-Empfinden beizutragen, könne die Steuer erfolgreich zur gesellschaftlichen Entlastung beitragen. Die AöL beruft sich zudem darauf, dass sie und ihre Mitgliedsunternehmen sich seit mehr als 30 Jahren für eine ganzheitliche, gesunde und nachhaltige Ernährung einsetzten. Aus Sicht des Verbands dürfe daher nicht nur ein einzelner Aspekt adressiert werden. Die Zuckersteuer könne „nur den Anfang einer Transformation darstellen“.
La Marchante GmbH: „Die Zuckerabgabe ist überfällig“
Marco Rühl, Gründer und CEO der La Marchante GmbH, zu der die Marken Teefee und Teefee Zisch gehören, spricht sich deutlich für die geplante Zuckerabgabe aus. Er bezeichnet sie als „überfällig“ und sagt, sie komme „Jahre zu spät“. Sein Unternehmen produziere seit über einem Jahrzehnt zuckerfreie Bio-Getränke für Kinder. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie nennt Rühl „Augenwischerei“: Der Markt korrigiere sich nicht von allein, es habe den Staat gebraucht, weil die Lebensmittelindustrie aus seiner Sicht „ihre Hausaufgaben nicht gemacht“ habe.
Rühl kritisiert zudem, dass Fruchtsäfte in der Debatte oft ausgeklammert würden. Ein Glas Apfelsaft enthalte „genauso viel Fruktose wie ein Glas Cola Zucker“, sagt er. Die Leber unterscheide nicht zwischen „natürlich“ und „zugesetzt“. Wer es mit Kindergesundheit ernst meine, müsse auch hier konsequent sein. Alles andere sei „Etikettenschwindel“.
„Der Markt korrigiert sich nicht von allein."
Auf die eigenen Produkte hätte die Abgabe laut Rühl keine Auswirkungen. Weder Teefee noch Zisch enthielten Zucker, das Unternehmen sei daher nicht betroffen. Anpassungen an Rezepturen seien nicht nötig. Die Reformulierung, über die andere nun nachdenken müssten, habe man „bereits vor zehn Jahren gemacht“.
Auch bei der Preisgestaltung erwartet Rühl für das eigene Unternehmen keine Änderungen. La Marchante arbeite seit Jahren mit hochpreisigen Bio-Rohstoffen und schmalen Margen, um im Regal gegen Produkte mit Industriezucker bestehen zu können. Das sei ein struktureller Wettbewerbsnachteil gewesen: Ein Bio-Hersteller ohne Zucker konkurriere mit Produkten, deren Hauptzutat laut Rühl „die billigste Kalorienquelle der Welt“ sei.
Mit der Abgabe verschiebe sich dieses Ungleichgewicht. Wenn Wettbewerber ihre Steuerlast über höhere Abgabepreise ausgleichen müssten, werde sichtbar, „was zuckerfreie Bio-Qualität wirklich wert ist“. Preiserhöhungen für die eigenen Produkte erwartet Rühl nicht. Im Gegenteil: Er sieht erstmals Spielraum, „in fairen Wettbewerb zu treten, ohne uns selbst auszubeuten“. Für die Nachfrage rechnet er mit einem klaren Schub im zuckerfreien Segment. Die Frage sei aus seiner Sicht nicht mehr, ob sich der Markt drehe, sondern wie schnell.
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