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Nach „mangelhaft“ für Followfood – Ökotest zieht Fischstäbchen-Bewertung zurück

Kabeljau-Fischstäbchen von Followfood hatten bei Ökotest schlecht abgeschnitten. Wie sich nun herausstellt, zu unrecht. Ökotest hatte seiner Bewertung einen falschen Fischbestand zugrunde gelegt.

Dieser Artikel ist erstmals am 25. August 2023 erschienen. Aktualisiert wurde er zuletzt am 05.10.2023 mit der Information, dass Ökotest den falschen Fischbestand bewertet hatte und den Testbericht zu Followfood Kabeljau Fischstäbchen zurückziehen musste.

Für seine Septemberausgabe hat das Verbrauchermagazin Ökotest 19 Fischstäbchen-Produkte im Labor untersuchen lassen. Geprüft wurden sie unter anderem auf gesundheitsschädliche Rückstände wie Fettschadstoffe, Schwermetalle und Mineralölbestandteile.

Zunächst die guten Nachrichten: Bei Geschmack, Geruch, Aussehen und Konsistenz schnitten alle Fischstäbchen „sehr gut“ ab. Drei Viertel der Produkte bestanden aus Alaska-Seelachs, der Ökotest zufolge zu den wenigen Arten gehöre, deren Bestände noch als gesund gelten.

Lobend erwähnten die Tester die Fischstäbchen der Marke Wild Ocean von Demeter Felderzeugnisse. Sie stammten aus „sehr gesunden Beständen Islands“ und wurden mit Haken und Langleinen gefangen.

Kritik an der Fangmethode

Insgesamt vergab Ökotest sechsmal das Urteil „gut“, neben dem Wild Ocean Seelachs auch für die bei Denns Biomarkt eingekauften Landur-Fischstäbchen des Herstellers Femeg. Achtmal gab es die Bewertung „befriedigend“, einmal „ausreichend“ und dreimal „mangelhaft“. Mit „ungenügend“ bewertete Ökotest die Fischstäbchen des Direktvertrieblers Eismann.

Abzüge gab es in zehn Fällen wegen des Fettschadstoffes 3-MCPD in der Panade. Die Internationale Agentur für Krebsforschung stuft 3-MCPD als „mögliches Humankarzinogen“ ein. Karzinogene sind Stoffe, die Krebs erzeugen können. „Mangelhaft“ waren in den Augen der Tester zwei Produkte, die es auch im Bio-Fachhandel zu kaufen gibt. Allerdings nicht, weil bei ihnen Fettschadstoffe gefunden wurden.

Bei den Kabeljau-Fischstäbchen von Followfood kritisierte Ökotest, dass der dafür verwendete Fisch aus überfischten Beständen in der Norwegischen See und der Barentsee komme. Zudem bemängelte das Magazin, dass die Tiere mit Grundscherbrettnetzen gefangen wurden, ohne dass es Followood explizit auf seiner Verpackung kenntlich gemacht hätte. Der als „nachhaltig“ beworbene Fisch bekam von den Ökotestern darum nur „mangelhaft“.

Followfood reagierte auf BioHandel-Anfrage zunächst mit einer Stellungnahme auf die Vorwürfe, den Fisch für seine Fischstäbchen aus überfischten Beständen zu beziehen und bei der Fangmethode intransparent zu sein (Link zum Dokument am Ende des Artikels). Gleichzeitig kündigte das Unternehmen an, rechtliche Schritte gegen das Ökotest-Urteil zu prüfen. Mit Konsequenzen.

Schleppnetze

Schleppnetze sind kegel- beziehungsweise trichterförmig. Die horizontale Netzöffnung wird während des Schleppvorgangs durch einen Ausleger, Scherbretter oder die Distanz zwischen zwei schleppenden Schiffen offengehalten. Je nachdem, ob die Schleppnetze über den Grund gezogen werden oder darüber „schweben“, unterscheidet das man zwei Arten: Grundschleppnetze und pelagische Schleppnetze.

Followfood: „Dem Testurteil von Ökotest widersprechen wir inhaltlich klar“

Am 4.10.2023 teilte Followfood in einer weiteren Stellungnahme (Link zum Dokument am Ende des Artikels) mit: „Nach detaillierter Aufarbeitung durch Followfood wurde klar, dass Ökotest den falschen Fischbestand bewertet hat und der Followfood Kabeljau-Bestand nicht überfischt ist.“ Statt des gesunden Nordostarktischen Kabeljau-Bestands, der in den Followfood-Produkten enthalten sei, sei der überfischte norwegische Küstenkabeljau zur Bewertung herangezogen worden. „Nachdem Followfood einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung beim Landgericht Hamburg gestellt hatte, unterzeichnet Ökotest eine Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung hinsichtlich aller im Testbericht getätigten Angaben und Bewertungen, die auf dem Argument der Überfischung und Bestandsgröße beruhen oder sich auf diese beziehen“, teilte Followfood mit. Zudem sorge Ökotest dafür, dass der September-Bericht zu den Followfood-Fischstäbchen in dieser Form nicht mehr veröffentlicht werde.

Auf Anfrage von BioHandel bestätigte Ökotest das Vorgehen: Man habe sich mit Followfood auf eine Unterlassungserklärung geeinigt, teilte das Verbrauchermagazin mit. Den Fischbestand habe man anders interpretiert als es angemessen gewesen wäre. „Da Transparenz und Glaubwürdigkeit für Ökotest an erster Stelle stehen, ist für uns wichtig einzuräumen, dass wir unserer Bewertung in diesem Fall eine falsche Prämisse zugrunde gelegt haben.“

Zum Vorwurf der Intransparenz bei der Fangmethode stellte Followfood bereits in der Stellungnahme aus dem August klar: „Unterkategorien, wie Grundschleppnetze, sind freiwillige Angaben, die wir im Sinne der maximalen Transparenz auch gerne kommunizieren.“ Dies erfolge aus technischen Gründen jedoch nicht auf der Verpackung, sondern über den dort angegebenen Trackingcode.

Grundschleppnetze

Grundschleppnetze sind Schleppnetze, die für den Einsatz am Boden oder in Bodennähe konzipiert sind. Sie können dem Thünen-Institut zufolge Bodenlebensgemeinschaften schädigen und so einen Einfluss auf das Ökosystem haben. Dieser Einfluss kann aber je nach Einsatzort und Bodenbeschaffenheit unterschiedlich sein.

Kommen mehrere Fangmethoden zum Einsatz, würden diese alle genannt werden, so Followfood weiter. „Da der Kabeljau, der für die getesteten Fischstäbchen eingesetzt wird, aus unterschiedlichen Fischereien kommen kann, die mit mehreren Fanggeräten fischen, werden für das getestete Produkt über den Trackingcode mehrere Unterkategorien der Fangmethode ,Schleppnetze‘ genannt, darunter auch ,Grundschleppnetze‘.

Mit einer ähnlichen Begründung (Überfischungsgefahr und Einsatz von semipelagischen Grundschleppnetzen) gab es auch für die aus der Nordsee stammenden Seelachsfilets von Alnatura die Note „mangelhaft“. Zusätzlich dazu fanden die Tester eine erhöhte Menge an Mineralölbestandteilen. In einer Stellungnahme äußerte sich der Öko-Verband Naturland, der den Fang des Wildfisches für Alnatura zertifiziert.

Naturland kritisiert „pauschale Verurteilung des Grundschleppnetzes“

Auf den Vorwurf, das Produkt stamme aus nicht nachhaltig bewirtschafteten Beständen, teilte der Verband mit: „Das ist nachweislich falsch!“. Naturland verweist dabei auf den ICES, den Internationalen Rat für Meeresforschung. Dessen aktuelle Beurteilung für das Fanggebiet Nordsee, wo der Naturland zertifizierte Seelachs gefangen wird, sei eindeutig: „Nordsee-Seelachs liegt nach diesjähriger Wahrnehmung bereits das zweite Jahr vollständig im grünen Bereich.“ (Link am Ende des Artikels). Das bedeute, es wird dem Meer nicht mehr Fisch entnommen als nachwachsen kann, so der Verband weiter.

Darüber hinaus kritisiert Naturland eine „pauschale Verurteilung des Grundschleppnetzes“. Das sei wissenschaftlich nicht haltbar, denn Grundschleppnetz sei nicht gleich Grundschleppnetz. Zudem müsse jedes Fanggerät immer in Bezug zur marinen Umwelt bewertet werden.

„Die Naturland Seelachs-Fischer verwenden so genannte ,semipelagische Schleppnetze‘ mit nur geringer Grundberührung“, schreibt der Verband in seiner Stellungnahme (Link zum Dokument am Ende des Artikels). „Diese sehr viel leichteren Netze setzen nur in größeren Abständen auf dem Meeresboden auf. Dabei findet die Fischerei in genau definierten Korridoren statt – außerhalb sensibler Lebensräume.“

Pelagische und semipelagische Schleppnetze

Pelagische Schleppnetze sind in der Regel größer als Grundschleppnetze und für den Einsatz im freien Wasserkörper (pelagisch) oder an der Wasseroberfläche konzipiert. Sie haben dem Thünen-Institut zufolge keinen Einfluss auf den Meeresboden, weil sie ihn in der Regel nicht berühren. Semipelagische Scherbrettschleppnetze berühren den Grund gelegentlich.

Die spezifischen Bewirtschaftungsauflagen für die Zertifizierung sind Naturland zufolge in Zusammenarbeit mit dem Thünen-Institut, der staatlichen Fischereiaufsicht und verschiedenen Umweltschutzorganisationen erarbeitet und begleitet worden. Regelmäßige Fangproben des Thünen-Instituts zeigten außerdem keine Auffälligkeiten bezüglich des Beifanges von Bodenorganismen, was die geringe Bodenberührung bestätige. 16 der 19 getesteten Fischstäbchen-Produkte wurden Ökotest zufolge mit pelagischen Scherbrettnetzen gefangen.

Gleiche Kritik von Ökotest gab es bereits vor drei Jahren

Zum „erhöhten“ Mineralölbestand, den Ökotest bemängelt, teilte Alnatura in einer Stellungnahme (Link zum Dokument am Ende des Artikels) am Montag mit: „Diese liegen im Rahmen der für Fisch- und Fischereierzeugnisse definierten Orientierungswerte. Aufgrund der umweltbedingten Grundbelastung lassen sich diese leider nicht vollständig ausschließen.“

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Naturland gegen die Vorwürfe von Ökotest zur Wehr setzt. Die gleiche Kritik an dem Alnatura-Produkt äußerte das Testmagazin bereits vor drei Jahren.

Preislich liegen die getesteten Fischstäbchen mitunter weit auseinander. Das günstigste Produkt bieten die Discounter an. Bei Lidl kostet der mit „gut“ bewertete Ocean Sea 15er-Pack 2,79 Euro. Aldi-Süd verkauft die gleiche Anzahl seiner Golden Sea Food Fischstäbchen („mangelhaft“) für denselben Preis, allerdings inklusive Verunreinigungen mit 3-MCPD und Glycidol, das die Europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) als erbgutschädigend und möglicherweise krebserregend einstuft.

Teuerstes Produkt im Test waren die von Ökotest gelobten Wild Ocean Fischstäbchen von Demeter-Felderzeugnisse. Zehn Stück kosten 13,49 Euro.

Stellungnahmen und Quellen zum Thema

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