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Erfolgreich mit Bio handeln.

So fair ist Bio

Soziale Standards

Bio-Unternehmen haben nicht nur den Anspruch, ökologisch zu wirtschaften, sondern auch fair. Doch nicht überall, wo 100 Prozent Bio draufsteht, müssen zwangsläufig vollumfänglich soziale Standards berücksichtigt sein, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt.

Bio-Unternehmen und ihre Produkte stehen für ökologische Verantwortung, Ressourcenschutz und hohe Standards in der landwirtschaftlichen Erzeugung. Grundlage dafür bilden die EU-Öko-Verordnung und Zertifikate der Bio-Anbauverbände. Doch wie sieht es mit Fairness entlang der Wertschöpfungskette aus? Gemeint ist dabei nicht allein der klassische faire Handel mit Rohstoffen aus dem globalen Süden. Es geht um die gesamte wirtschaftliche Praxis von Bio-Händlern, -Herstellern und Anbauverbänden – vom Umgang mit Lieferanten über Preisgestaltung bis hin zu Transparenz und Verantwortung entlang der Wertschöpfungskette. Bio-Siegel sind hier oft weniger aussagkräftig, weil sie ihren Schwerpunkt auf Ökologie ausrichten. Gleichwohl ist der Anspruch, nicht nur ökologisch, sondern auch fair zu wirtschaften, in der Bio-Branche sehr ausgeprägt. Der Bio-Dachverband IFOAM Organics International zählt „Fair“ zu seinen vier Grundprinzipien, neben Gesundheit, Ökologie und Fürsorge.

Gesetzliche Fair-Regeln unter Druck

Das bekannteste Fair-Logo: Viele Fairtrade-Produkte sind in Bio-Qualität.

Anders als „bio“ ist „faires Wirtschaften“ kein rechtlich geschützter Begriff. Gleichwohl gibt es Regulierungen wie beispielsweise die EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD). Außerdem sollen das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und das europäische Lieferkettengesetz (CSDDD) durch Transparenzrichtlinien dafür sorgen, dass Unternehmen neben Umweltschutzstandards auch Menschenrechte einhalten. Allerdings wurden die Regeln für mehr nachhaltiges und faires Wirtschaften zuletzt aufgeweicht, unter anderem mit der Begründung, dass diese zusätzlichen Auflagen zu Wettbewerbsnachteilen für die betroffenen Betriebe auf dem globalen Markt führen könnten.

Faires Wirtschaften hat viele Dimensionen

In Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Praxis haben sich verschiedene Kriterien herausgebildet, anhand derer faires Wirtschaften eingeordnet werden kann. Zentral ist dabei der Blick auf die Beziehungen entlang der Wertschöpfungskette. Ein wesentliches Kriterium ist die Preis- und Vertragsgestaltung. Faire Preise sollen Produktionskosten abdecken, Investitionen ermöglichen und existenzsichernd wirken – insbesondere für landwirtschaftliche Betriebe. Dabei geht es um eine faire Verteilung von Wertschöpfung und Risiken zwischen Handel, Verarbeitung und Erzeugung. In diesem Bereich besteht eine große Unwucht. In einem aktuellen Gutachten stellt die Monopolkommission fest, dass sich die Gewinnmargen insbesondere zu den Lebensmittelherstellern und -einzelhändlern verschieben. Die Landwirtschaft profitiere demnach immer weniger von steigenden Lebensmittelpreisen. 

Ein weiteres Kriterium sind langfristige Lieferbeziehungen und verlässliche Abnahmemengen, was für Bio-Unternehmen eher Regel als Ausnahme ist. Ein weiterer Aspekt sind soziale Kriterien. Dazu zählen Arbeitsbedingungen, Löhne, Mitbestimmung und Arbeitsschutz – sowohl im eigenen Unternehmen als auch bei Zulieferern. Nicht minder wichtig sind Transparenz bei den Nachhaltigkeitsbemühungen und unabhängige Überprüfungen, ob die Standards auch tatsächlich eingehalten werden.

Umsatzanteil einzelner Produkte am Fairen Handel 2024

Stellenwert von fairem Handel in Deutschland

Fairness in der Lebensmittelproduktion ist für viele Verbraucherinnen und Verbraucher ein wichtiges Anliegen, zeigen Befragungen. Das spiegelt sich auch in der Nachfrage nach solchen Produkten wider. Abgesehen von einem kleinen Rücksetzer zwischen den Jahren 2019 und 2020 ist der Umsatz mit Fairtrade-gelabelten Produkten in Deutschland seit 2014 kontinuierlich gestiegen. Für 2024 meldete Fairtrade Deutschland eine Umsatzsteigerung um 13 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr – ein neuer Rekord. Der Absatz legte um knapp 5 Prozent zu. Zwei von fünf Fairtrade-Lebensmitteln trugen 2024 auch das Bio-Logo. 

Neben Fairtrade gibt es weltweit hunderte weiterer Siegel, die den Produkten, auf deren Verpackungen sie aufgedruckt sind, eine Herstellung unter fairen Bedingunen attestieren. Die Güte der Siegel unterscheidet sich allerdings stark. Laut der Christlichen Initiative Romero (CIR) treten auf Plantagen mit Fairtrade-Zertifizierung deutlich seltener Arbeitsrechtsverletzungen auf als bei weniger anspruchsvollen Siegeln wie beispielsweise RSPO oder Rainforest Alliance. Ein weiterer Schwachpunkt: Oftmals nehmen die Siegel nur Teile der Wertschöpfungskette in den Blick. 

Einen ganzheitlicheren Ansatz verfolgt der „We Care“- Standard, der vom FiBL entwickelt wurde. Er bestätigt zertifizierten Unternehmen, dass sie vom Anbau in den Ursprungsländern bis zum heimischen Unternehmensstandort gemeinsam mit ihren Partnerinnen und Partnern umfassende ökologische und soziale Kriterien einhalten. Zu den zertifizierten Unternehmen gehören ausschließlich Bio-Unternehmen, darunter Alnatura, Barnhouse, Lebensbaum, Minderleinsmühle und Riegel Bioweine. Zahlreiche Bio-Unternehmen veröffentlichen außerdem in einer Gemeinwohl-Bilanz, wie fair sie mit Menschen, Umwelt und Gesellschaft umgehen. Dafür erhalten sie das Label „ECOnGood“.

Bio-Anteil bei Fairtrade-Produkten

Bio-Anteil bei Fairtrade-Produkten in Deutschland im Jahr 2024 nach Sortimenten (in Prozent von der Absatzmenge)

Bio-Siegel schneiden bei Fairness mit am besten ab

„We Care“: FiBLStandard mit ganzheitlichem Ansatz

Wie also steht es um die Fairness von Bio-Marken und -Labels? Die CIR überprüft in regelmäßigen Abständen die Nachhaltigkeitsversprechen von Unternehmen und Siegeln und veröffentlicht ihre Ergebnisse im „Wegweiser durch das Label-Labyrinth“. Dafür sichtet die CIR unter anderem öffentlich zugängliche Informationen, befragt Experten und bittet die bewerteten Organisationen um Stellungnahmen. Anfang 2026 ist die dritte Auflage erschienen. Darin werden erstmals auch Handelsunternehmen bewertet, darunter die Bio-Supermärkte Alnatura, Denns BioMarkt und Bio Company

Ein Ergebnis: Nicht alle schneiden bei sozialen Standards gut ab. Auf der anderen Seite gehören Siegel wie Naturland Fair, Fair Bio und Rapunzel Hand in Hand zu den Testsiegern – weil sie „ihre Lieferketten offenlegen, Preismechanismen transparent machen, existenzsichernde Löhne anstreben und lokale Akteur*innen sowie Gewerkschaften einbeziehen“, so die Autorinnen und Autoren. Für ihren Check im Bereich Soziales prüfte CIR unter anderem, ob die Standards der Unternehmen und Labels die ILO-Kernarbeitsnormen berücksichtigen (siehe Kasten), die Vereinigungsfreiheit und das Recht auf Kollektivverhandlungen fördern und verantwortungsvolle Einkaufspraktiken einfordern.

Gleichzeitig stellten die Autorinnen und Autoren auch die Frage nach der Glaubwürdigkeit. Dabei schauten sie unter anderem darauf, ob es messbare Indikatoren zur Wirkungskontrolle der Maßnahmen gibt und ob Audits durch unabhängige Stellen erfolgen und die Ergebnisse öffentlich gemacht werden. BioHandel stellt die CIR-Bewertungen für ausgewählte Betriebe und Siegel in gekürzter Form vor.

ILO-Kernarbeitsnormen

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ist eine Teilorganisation der Vereinten Nationen (UNO). Die ILO-Kernarbeitsnormen legen fest, welche grundlegenden Arbeitsrechte weltweit gelten müssen, egal wo ein Produkt hergestellt wird. Sie verbieten Kinder- und Zwangsarbeit und verlangen Gleichbehandlung, Schutz vor Diskriminierung, Vereinigungsfreiheit und das Recht auf Kollektivverhandlungen. Die ILO-Normen gelten unabhängig vom Entwicklungsstand eines Landes.

Alnatura

Alnatura fordert die Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen und setzt auf bestehende Zertifizierungen wie Amfori BSCI oder Fairtrade. Existenzsichernde Einkommen beziehungsweise Löhne werden nicht verlangt. Das Unternehmen arbeitet mit langfristigen Lieferbeziehungen und teilweise festen Abnahmepreisen. Gleichwohl gibt es keine ausgewiesenen Entschädigungszahlungen wegen Klimafolgen an betroffene Beschäftigte in der Lieferkette. Alnatura erfüllt das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, legt Prozesse zur Risikoanalyse offen und verlangt Sozialstandards für Rohwaren aus Risikoländern. Alle Produkte sind weitgehend rückverfolgbar. Lebensmittelüberschüsse werden gespendet oder vergünstigt abgegeben.

Bio Company

Bio Company fordert die Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen, verlangt jedoch keine existenzsichernden Einkommen/Löhne, Maßnahmen zur Gleichstellung in der Lieferkette fehlen. Es bestehen Kooperationen mit regionalen und Fairtrade-Anbietern, aber keine transparente Preisstrategie. Entschädigungen im Zusammenhang mit Klimafolgen gibt es nicht. Das Unternehmen erfüllt die Anforderungen des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes, ein Risikoanalyseprozess ist im Aufbau. Zentrale Struktur- und Geschäftskennzahlen veröffentlicht das Unternehmen nicht. Positiv erwähnt wird der verantwortungsvolle Umgang mit überschüssiger Ware. Transparenz zu tieferen Lieferkettenstufen und geprüften Betrieben fehlt weitgehend.

Denns BioMarkt

Denns fordert die Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen, jedoch keine existenzsichernden Einkommen/Löhne. Vereinigungsfreiheit wird nur implizit erwartet. Das Unternehmen setzt auf langfristige Partnerschaften, garantiert aber keine festen Abnahmepreise. Angaben zu sozialer Absicherung oder Klimarisiken fehlen. Denns erfüllt das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und verfügt über ein umfassendes System zur Vermeidung von Lebensmittelüberschüssen. Zentrale Geschäftskennzahlen werden nicht offengelegt. Die Rückverfolgbarkeit ist über Bio-Zertifizierungen gegeben, für Verbraucher jedoch nur teilweise einsehbar.

Demeter

Der Demeter-Standard basiert auf den ILO-Kernarbeitsnormen, fordert jedoch keine existenzsichernden Einkommen. Systematische Maßnahmen zur Umsetzung sozialer Rechte fehlen. Schulungen und Beteiligung von Beschäftigten werden gefördert. Positiv bewerten die Autorinnen und Autoren differenzierte Preisprämien, Marktzugang und kurze Lieferketten. Der Standard sieht unabhängige Audits, Beteiligungsverfahren und einen Beschwerdemechanismus vor, allerdings sind unterstützende Maßnahmen der Untersuchung zufolge begrenzt. Die Rückverfolgbarkeit auf Erzeugungsebene ist hoch, Informationen zur gesamten Lieferkette sind eingeschränkt.

Biokreis

Biokreis fordert die ILO-Kernarbeitsnormen und erhebt den Anteil tarifgebundener Beschäftigter. Mit dem Zusatzstandard „regional & fair“ fokussiert der Anbauverband auf soziale Standards. Unternehmen wählen hier Maßnahmen flexibel aus, um die notwendige Punktzahl für eine Zertifizierung zu erhalten. Verantwortungsvolle Einkaufspraktiken und faire Preise werden verlangt, ebenso einzelne Maßnahmen zur Vorfinanzierung und Stärkung lokaler Lieferketten. Der Standard empfiehlt die Partizipation aller Beteiligter bei der Entiwcklung und Neugestaltung der Richtlinien, er sieht aber keine verbindliche Prüfung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten in den Lieferketten vor. Externe Audits sind vorgeschrieben, die Ergebnisse werden jedoch nicht vollständig veröffentlicht.

Bioland

Bioland fordert die ILO-Kernarbeitsnormen und empfiehlt existenzsichernde Einkommen/Löhne, jedoch ohne verbindliche Vorgaben oder Berechnungsmethode. Konkrete Anforderungen an Einkaufspraktiken wie Preisgarantien fehlen. Der Standard empfiehlt regionale Partnerschaften. Dezidierte Vorgaben zur Vorfinanzierung und Lieferketten gibt es jedoch nicht. In der Praxis fördert Bioland vielfältigen, lokal verankerten Anbau. Der Verband schreibt außerdem vebindliche Verfahren für die Beteiligung an der Weiterentwicklung des Standards vor. Anforderungen an Risikoanalyse und Sorgfaltspflichten bleiben vage. Unabhängige Audits sind vorgeschrieben, deren Ergebnisse werden aber nicht veröffentlicht. Positiv sind Beratungs- und Weiterbildungsangebote sowie eine grundsätzlich gute Rückverfolgbarkeit, die jedoch nicht durchgängig verbraucherfreundlich aufbereitet ist.

Naturland Fair

Naturland Fair basiert auf den ILO-Kernarbeitsnormen und fordert existenzsichernde Einkommen/Löhne mit definierter Berechnungsmethode. Verantwortungsvolle Einkaufspraktiken, Schulungen zu Arbeitsrechten und klimabezogener Transformation sowie die aktive Beteiligung von Beschäftigten sind verpflichtend. Der Standard fördert Marktzugang und kurze Lieferketten. Eine umfassende menschenrechtliche Sorgfaltsprüfung entlang der gesamten Lieferkette ist vorgeschrieben. Unabhängige Audits, Interviews und Konsultationen werden durchgeführt, Ergebnisse veröffentlicht. Die Rückverfolgbarkeit ist hoch; bei Mehrzutatenprodukten ist der Anteil fair gehandelter Inhaltsstoffe klar gekennzeichnet.

FairBio

FairBio fordert die ILO-Kernarbeitsnormen sowie existenzsichernde Einkommen/Löhne mit Berechnungsmethode, Kontrollmechanismen und Umsetzungspflichten. Verantwortungsvolle Einkaufspraktiken sind verbindlich. Der Standard fördert die Verbesserung des Marktzugangs für Kleinbäuerinen und-bauern. Die zertifizierten Unternehmen begrenzen Lohnunterschiede zwischen Beschäftigten und Geschäftsführung. Eine umfassende menschenrechtliche Sorgfaltsprüfung ist vorgeschrieben. Darüber hinaus schreibt der Standard verbindliche Verfahren vor, mit denen alle Beteiligten in die Entwicklung und Überarbeitung der Richtlinien eingebunden werden. Unabhängige Audits mit Interviews werden durchgeführt und Ergebnisse veröffentlicht. Auch die Förderung sozialverträglicher Übergänge im Sinne einer Just Transition sind vorgesehen. Transition bezeichnet den Ansatz, den Übergang zu einer klimafreundlichen und nachhaltigen Wirtschaft so zu gestalten, dass er sozial gerecht ist, also Beschäftigte, Regionen und benachteiligte Gruppen mitnimmt statt zurücklässt.

Rapunzel Hand-in-Hand

Das Hand-in-Hand-Programm (HIH) des Bio-Herstellers Rapunzel basiert unter anderem auf den ILO-Kernarbeitsnormen, fordert existenzsichernde Einkommen/Löhne und garantiert existenzsichernde Mindestpreise. Der Standard verpflichtet zu einer umfassenden Überprüfung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten entlang der gesamten Lieferkette. Zudem fordert und fördert HIH eine aktive Beteiligung von Beschäftigten an der Umstellung auf eine nachhaltige Produktion. Verantwortungsvolle Einkaufspraktiken werden durch Prämien und langfristige Beziehungen gefördert. Beschäftigte werden aktiv in Transformationsprozesse einbezogen. Unabhängige Audits, Interviews und Beschwerdemechanismen sind verbindlich geregelt. Rapunzel übernimmt die Kosten für Inspektion und Zertifizierung.

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