Einmal im Jahr wird Coesfeld zum Treffpunkt des Bio-Fachhandels. Dann strömen aus ganz Deutschland Hersteller und Ladenbetreiber ins Industriegebiet der 30.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Münster zur Hausmesse des Bio-Großhändlers Weiling. Vergangenes Wochenende präsentierten 225 Aussteller an 187 Ständen auf dem Firmengelände des Unternehmens Produkte, die sie über Weiling anbieten. Laut Weiling kamen 1.200 Besucher.
Das Jahr 2026 lief für den Familienbetrieb bislang solide. „Wir liegen umsatzseitig knapp hinter dem Vorjahr“, sagte Peter Meyer, neben Weiling-Gründer Bernd Weiling zweiter Geschäftsführer, im Gespräch mit BioHandel. 2025 konnte der Großhändler seinen Umsatz um 2,1 Prozent auf 272,5 Millionen Euro steigern. Man sei sehr gut aus den Sommerferien gekommen, „mit zwei deutlich grünen Wochen“, in denen die Umsätze im Plus waren. „Somit gehen wir mit Optimismus in die nächsten Monate“, sagte Meyer.
Positiv nach vorn zu schauen, ist fast schon Pflicht für einen Großhändler, der auch in Zeiten, in denen das Geschäft mit Bio insgesamt zwar wieder anzieht, die steigende Nachfrage aber eher an den Bioläden vorbeigeht, sich vollends dem Naturkostfachhandel verschreibt. „Wir bleiben ausschließlich im Fachhandel. Es gibt keine Überlegungen im Haus, daran etwas zu ändern“, sagte Meyer bei der Eröffnung der Messe am vergangenen Samstag. Gleichwohl redet man sich bei Weiling die Situation nicht schön. „Die Lage im Bio-Fachhandel ist anspruchsvoll“, sagte Meyer. Das gelte aber auch für viele andere Branchen, in denen Kaufzurückhaltung herrscht.
Hohe Transportkosten belasten das Geschäft
Mit Blick auf den Großhandel bezeichnete der Geschäftsführer die Logistikkosten als größte Herausforderung in den vergangenen Monaten. Auch Weiling, dessen eigene Flotte durchweg mit Biogas fährt, bekommt die Kostenexplosion durch die Spritpreiserhöhung zu spüren, weil Logistikpartner mit Diesel unterwegs sind. „Diese Kosten könnten letztendlich nur gedeckt werden durch Lieferwerte, die auf dem Lkw sind“, sagte Meyer. Allerdings sind die Spritpreise in diesem Jahr deutlich stärker gestiegen als die Nachfrage der Fachhandelskunden. Eines der wichtigsten Dinge sei es, diese Diskrepanz in den Griff zu bekommen, so Meyer.
Seit dem Ukraine-Krieg hätten sich viele Dinge verändert, seien schwieriger geworden. „Doch unsere Kunden haben durch viel Veränderungsbereitschaft auch viele Dinge gut adaptiert und sich neu aufgestellt“, sagte Meyer, der seit mehr als 20 Jahren zur Geschäftsführung des Großhändlers gehört. Laut Annette Thul, Leiterin Marketing und Kommunikation, trägt dazu auch ein „richtig gutes Rüstzeug“ bei, welches Weiling seinen Kunden zur Verfügung stelle. Neben Online-Schulungen, Workshops und Seminaren in der Weiling-Akademie, der Entwicklung von Ladenkonzepten und fertig ausgearbeiteten Marketingmaßnahmen arbeitet der Großhändler kontinuierlich an der Attraktivität seines Warenangebots, welches rund 12.000 Produkte umfasst.
Gleichzeitig wird das Unternehmen digitaler. Sehr stolz ist man in Coesfeld auf das Weiling-Portal, über das die Kunden ihre Waren beziehen. Dort erfahren sie unter anderem, wann welche Produkte lieferbar sind und welche Alternativen zur Verfügung stehen. Die Kunden sehen über das Portal ebenfalls, welche Artikel sich in den Märkten besonders gut verkaufen. Und sie können Verkaufskampagnen für Produkte bis zu vorbereiteten Posts für Social Media zur Gewinnung von Neukunden abrufen. Die Lieferanten wiederum haben die Möglichkeit, sich selbst auf der Plattform zu präsentieren.
„Wir haben mit dem Portal ein mächtiges Instrumentarium geschaffen, mit dem unsere Kundinnen und Kunden von überall mit unterschiedlichen Endgeräten autark ihre Bestellungen und Belieferung organisieren können“, sagte Meyer. Das Kernteam hinter dem Portal besteht aus fünf Mitarbeitenden, in der IT arbeiten insgesamt über ein Dutzend Menschen. Die Weilinger setzen für den Betrieb ihrer IT-Infrastruktur auf ein eigenes Rechenzentrum anstatt auf eine Cloud-Lösung.
Weiling setzt auf Verbraucher-App „halloBIO“
Seit dieser Woche können Kundinnen und Kunden des Großhändlers auch die Verbraucher-App „halloBIO“ nutzen, die von Bits & Bytes Service und Lernen in Kooperation mit dem Großhändler-Netzwerk „Die Regionalen“ entwickelt wurde. Mit der App lassen sich unter anderem Einkaufslisten erstellen und teilen, Kassenbons papierlos empfangen, Coupons und Vorteile teilnehmender Händler einlösen und es gibt dort Informationen über Neuigkeiten und Aktionen der Märkte. Bislang hatte Weiling keine Kunden-App. Peter Meyer will damit auch die digital-affine Generation Z besser erreichen.
Als bundesweiter Großhändler verschafft sich Weiling mit der App Zugang zu mehr potenziellen Kunden. Denn die Aktionen und Angebote, die dort aus Coesfeld eingespielt werden, können auch von Läden genutzt werden, die sich bislang nicht von Weiling beliefern lassen. Umgekehrt erhalten durch die Kooperation künftig auch die ausschließlich von Weiling belieferten Bioläden Zugang zu den Möglichkeiten der „halloBIO“-Plattform.
Mit dem Einstieg von Weiling und den rund 1.200 Fachgeschäften, die das Unternehmen beliefert, wächst die Reichweite der App deutlich. „Unser gemeinsames Ziel ist es, die Sichtbarkeit, Reichweite und Wettbewerbsfähigkeit der unabhängigen Bio- und Naturkostläden durch moderne digitale Werkzeuge nachhaltig zu stärken“, erklärte Christian Bremermann, Geschäftsführer von Bits & Bytes bei der Bekanntmachung des neuen Partners.
Die Nachfrage nach der App bei den Endverbrauchern ist bislang verhalten. Im Google Play Store kommt die App auf „500+“ Downloads. Der Apple Store weist keine Downloads aus. Bewertet wurde die App dort seit ihrer Einführung Anfang März viermal. Zum Vergleich: Die App von Denns Biomarkt, die zwei Monate zuvor auf den Markt kam, wurde bei Google über 100.000 Mal heruntergeladen und bei Apple rund 900 Mal bewertet.
Neuprodukte und Fokus auf Functional Food
Fragt man danach, was die Fachhändler sonst noch so benötigen, um am Markt bestehen zu können, nennt Gesellschafter Thomas Weiling, Sohn von Bernd Weiling, ein attraktives Obst- und Gemüseangebot sowie Thekenkompetenz. Vor allem aber bräuchten die Läden „einen starken USP“, sagte er dem BioHandel. Die Händlerinnen und Händler müssten ihren Kunden ein Angebot machen, dass diese nur bei ihnen bekämen.
Ein Alleinstellungsmerkmal versucht Weiling seinen Kunden mit der Hausmarke „bioladen“ zu geben. Die wird im nächsten Jahr ein Vierteljahrhundert alt und zählt inzwischen rund 650 verpackte Produkte in verschiedenen Preiskategorien – hauptsächlich im Mittelpreissegment – sowie zusätzlich circa 50 verbandszertifizierte Obst- und Gemüse-Artikel.
Zu den Neuprodukten der Marke, die Weiling auf der Messe vorstellte, zählen unter anderem eine „Sportlermischung“ aus Nüssen und Früchten, proteinreicher Trinkkefir und ballaststoffhaltige Flohsamen. Sie ergänzen das neue „Top-Sortiment“ Functional Food des Großhändlers, das sich aus insgesamt 233 Artikeln zusammensetzen lässt – von Nahrungsergänzungsmitteln, über Proteinriegel und Produkte für die Darmgesundheit bis hin zu Convenience und Comfy Food.
Wie dieses Sortiment im Laden präsentiert werden könnte, zeigte Weiling auf der Messe mit einem Regal, über dem zwei Schilder mit der Aufschrift „Protein & Fitness“ und „Nahrungsergänzung & Komfort“ angebracht waren. Der Großhändler reagiert damit auf aktuelle Wünsche einer steigenden Zahl gesundheitsbewusster Verbraucherinnen und Verbraucher und verspricht seinen Läden mit diesem Angebot „mehr Power, mehr Vielfalt, mehr Umsatz“. Ein Testlauf im unternehmenseigenen Biomarkt auf dem Firmengelände sei sehr gut ausgefallen, sagte Meyer.
Es sind auch Entwicklungen wie diese, die das Familienunternehmen mit seinen 650 Mitarbeitern positiv in die Zukunft blicken lassen. „Niemand kann sagen, was in den in nächsten Monaten kommt“, sagte Meyer bei der Eröffnung der Hausmesse. Aber egal, was passiere, möglich sei immer etwas. Man müsse einfach machen. Die ökologische Lebensmittelwirtschaft sei unverzichtbar für eine zukunftsfähige Ernährung und für nachfolgende Generationen. Darum laute das Credo bei Weiling: „Steuer halten!“ Für die nächsten Wochen kündigte der Großhändler „viele tolle Ideen von uns“ an.
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