Ihren diesjährigen Händlertag hatte die Bio-Safterei Voelkel als Rahmen für ehrlichen Austausch, Inspiration und neue Ideen ausgerufen. Und so kamen nach Gut Wulksfelde nördlich von Hamburg Mitte Juni nicht nur Groß- und Einzelhändler, sondern auch Vertreter aus allen Bereichen der Branche. Rund 200 Gäste waren eingeladen. Gemeinsam diskutierten sie, wie sich Bio an die rasanten Veränderungen in Politik, Gesellschaft und beim Klima anpassen kann.
Gastgeber und Co-Geschäftsführer Jurek Voelkel beklagte einen fehlenden Stellenwert von gesunder Ernährung in Politik und Wirtschaft. Als Beispiel nannte er das Thema Zuckersteuer. Er könne nicht verstehen, warum es diese nicht schon längst gebe – auch wenn das sein Unternehmen Geld koste. Zumal gesellschaftlicher Konsens darüber vorhanden sei, dass Lebensmittel und Getränke weniger süß sein sollten.
Bei seiner Kritik nahm er die Bio-Branche und das eigene Unternehmen nicht aus. „Der Biohandel ist zuckerverseucht“, sagte er. Auch bei Voelkel arbeite man schon Jahre daran, den Zucker in Säften und Limos zu reduzieren. Er selbst könne seinen Kindern nicht die hauseigene (gesüßte) „Bio Zisch“-Limo verbieten und gleichzeitig gegen die Zuckersteuer sein. Die Zwickmühle für Voelkel: Für jedes Gramm weniger zugesetzter Süße braucht es mehr des eigentlichen Rohstoffes, was bei den steigenden Preisen, etwa für Johannisbeeren, problematisch sei. „Bei einem zu hohen Preis kaufen uns nur noch die Bios; wir wollen aber auch diejenigen erreichen, die noch keine Bios sind“, sagte Voelkel.
Die ganze Kette steht unter Druck
Ein gewichtiger Preistreiber bei Rohstoffen ist das Klima. Wir sehr sich das verändert hat, zeigte Klimaforscher Professor Mojib Latif. Die Zahl der Tage mit mehr als 30 Grad Celsius hat in Deutschland insbesondere seit 1990 deutlich zugenommen. Das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit (1850 - 1900) zu begrenzen, sei nicht mehr erreichbar, sagte Latif. Gleichzeitig zeigt er sich aber zuversichtlich, dass genügend Geld und die erforderlichen Technologien vorhanden seien, um den Klimawandel noch in den Griff zu bekommen.
Auf Bio-Landwirte wie Benedikt Bösel trifft das eher nicht zu. „2018 hatten wir die erste große Dürre“, erzählte er. Und auch der vergangene Winter sei „extrem trocken“ gewesen. Die Folge waren Ausfälle bei der Ernte und sein Eingeständnis: „Wir können als Betrieb nicht viel mehr machen, um uns gegen den Klimawandel zu schützen.“ Beim Getreide sei man „extrem abhängig von Marktpreisen“, die sehr schwanken können. „Wenn die Landwirtschaft wegbricht, bricht alles weg“, warnte Voelkel-Co-Geschäftsführer Boris Voelkel.
Auch Hersteller und Handel stehen unter Druck. „Die Kostenplanung ist eine Herausforderung“, sagte Johannes Ehrnsperger, Geschäftsführer und Inhaber der Neumarkter Lammsbräu mit Blick auf Ernteausfälle. Gemeinsam mit seinen Partnerlandwirten setzt er unter anderem auf 5-Jahresverträge, um die Wertschöpfungskette resilienter zu machen. Reinhard Koth von der Edeka-Zentrale berichtete von Warenausfälle, mit denen der Lebensmittelhändler „extrem zu kämpfen“ habe.
Bösel wünschte sich wieder mehr Wertschätzung für die Landwirtschaft. Dazu gehöre für ihn auch eine bessere Bezahlung – damit auch nachfolgende Generationen gerne Landwirt oder Landwirtin werden und die notwendige Veränderung antreiben können, die sie für sich und ihre Familien wünschten. „Wir müssen Wege finden, wie Veränderung von allen geleistet werden kann“, so Bösel.
Tanker und Schnellboote für die Bio-Branche
„Der Markt allein kann es nicht richten“, sagte die Vorstandsvorsitzende des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Tina Andres, mit Blick auf eine ökologische Ernährungswende. Gleichzeitig sieht sie keinen Rückenwind aus der Politik. Im Gegenteil: Zu Zeiten der Ampelkoalition sei man bei politischen Entscheidungsträgern ein- und ausgegangen, und dennoch sei verhältnismäßig wenig passiert, sagte Andres. Und nun drohe die komplette Kehrtwende in der Landwirtschafts- und Ernährungspolitik. Der gerade bekannt gewordene Entwurf des Bundeshaushalts für 2027 ist der jüngste Beleg für diese Befürchtung: Darin vorgesehen sind laut BÖLW Mittelkürzungen beim Bundesprogramm Ökologischer Landbau (BÖL) in Höhe von über 30 Prozent.
Um mehr Geld für die Weiterentwicklung von Bio zu haben, schlug Jurek Voelkel vor, die Verbandsebene zu verschlanken. Weniger Organisationen, dafür mehr Schlagkraft in der Sache, so die Idee.
Prof. Carsten Leo Demming von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn plädierte für „Schnellboote" unter den Bio-Brands – agile Unternehmen, die mit hoher Geschwindigkeit neue Produkte entwickeln, die den funktionalen Anforderungen moderner Verbraucherinnen und Verbraucher an Food gerecht werden – etwa in den Bereichen Gesundheit, Wohlbefinden oder Leistungsfähigkeit. Im Sinne eines sogenannten „Build-Measure-Learn-Zyklus“ werde ein Lebensmittel „gebaut“, anschließend getestet und mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen optimiert. Für solche Pionierleistungen, so Demmings Vorschlag, sollten diese Vorreiter gezielt Unterstützung aus der Branche erhalten.
Tina Andres griff das Bild direkt auf: Sie wünsche sich einen Bio-Verband, der als großer „Tanker“ den Kurs hält – und gleichzeitig die Schnellboote zu Wasser lässt. Das erfordere echte Kooperation und eine offene Diskussionskultur, sagte sie. Zumindest der Auftakt dazu, wurde auf Gut Wulksfelde gemacht.
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