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„Wir übernehmen Kunden, die eigene Anforderungen ans Bio-Sortiment haben“

Thomas Gutberlet im Interview

Das Bundeskartellamt hat grünes Licht gegeben: Das Bremer Unternehmen Enso E-Commerce übernimmt 36 Tegut-Filialen und macht aus ihnen hybride Tante-Enso-Läden. BioHandel hat Tante-Enso-Geschäftsführer Thomas Gutberlet gefragt, wann die Umstellung beginnt, was die Enso-Kundschaft erwartet und welche Rolle das Bio-Sortiment spielt.  

An einem Juni-Wochenende in der Tegut-Filiale in Poppenhausen in der hessischen Rhön. Die Gemeinde hat rund 3.000 Einwohner. Eine große Rolle spielt hier, am Fuß der Wasserkuppe, Hessens höchstem Berg, auch der Tourismus. Es gibt Campingplätze, ein ehrenamtlich betriebenes Freibad – und bislang diese Tegut-Filiale. An der Kasse hängt ein Info-Blatt mit Dank für die langjährige Treue der Kundschaft und der Ankündigung, dass Veränderungen bevorstehen. Die Kassiererin begrüßt eine Stammkundin und sagt: „Wir werden Tante Enso!“ Es ist einer von 36 Tegut-Märkten, der bald das Tante-Enso-Logo trägt – einem Anbieter hybrider Supermärkte aus Bremen. 

Einen Tag später liegen beim Feuerwehrfest des kleinen Poppenhausener Ortsteils Steinwand Tante-Enso-Flyer aus. Auf ihnen wird das Konzept erklärt und für Genossenschaftsanteile geworben. Die Idee, dort zu werben, stammt von der Gemeindeverwaltung Poppenhausen. Am Würstchenstand und auf den Stehtischen liegen an diesem Tag stapelweise Info-Broschüren aus, die guten Absatz finden. 

Das Bindeglied zwischen Bremen, der Rhön und Tegut ist Thomas Gutberlet. Der Enkel des Tegut-Gründers Theo Gutberlet war Geschäftsführer des Fuldaer Lebensmittelhändlers und hat das Unternehmen Ende 2024 verlassen. Damals hatte der Mutterkonzern Migros Einsparmaßnahmen angekündigt – im März dieses Jahres dann den Verkauf. Seit 2025 ist Gutberlet Geschäftsführer von Enso E-Commerce. 

BioHandel hat mit Thomas Gutberlet darüber gesprochen, wie die Umstellung der Tegut-Läden ablaufen wird, was die Kundschaft erwartet und welche Rolle das Bio-Sortiment spielt.  

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BioHandel: Ist der Markt in Poppenhausen ein typisches Beispiel für die Übernahme einer Tegut-Filiale durch Tante Enso?
Thomas Gutberlet: Der Tegut-Markt in Poppenhausen ist deutlich größer als durchschnittliche Tante-Enso-Märkte, die maximal 400 Quadratmeter groß sind. Insofern ist dieser Markt noch untypisch, aber in Zukunft werden wir mehrere Läden in der Größenordnung haben. Wir glauben, dass Orte ab einer gewissen Größe das Potenzial haben, Nahversorgung auf größeren Flächen zu ermöglichen. Dadurch, dass wir mit Rewe als Lieferantenpartner arbeiten, können wir 5.000 Artikel oder auch mehr zur Verfügung stellen. Wir können die Fläche gut bespielen.

Tante Enso geht gezielt in den ländlichen Raum. Warum? 
Thomas Gutberlet: Tante Enso entstand vor rund zehn Jahren aus der Idee, besondere Produkte im Internet zu verkaufen. Das war der Beginn der Unternehmensgeschichte. Dafür wurden damals deutschlandweit Kundenbefragungen durchgeführt. Die ergaben: Die Befragten wünschten sich nicht, im Internet einzukaufen, sondern in Läden auf dem Land. Daraufhin haben die Gründer 2019 angefangen, den Verkauf im Laden auszuprobieren. Die Corona-Pandemie hat den Start erschwert. Danach ging es richtig los. Inzwischen gibt es 88 Läden. 36 Tegut-Filialen kommen jetzt hinzu. 

Wie gestaltet Tante Enso den Verkauf auf einer so großen Fläche außerhalb der Ladenöffnungszeiten?
Thomas Gutberlet: Entsprechend dem hessischen Ladenschlussgesetz brauchen wir in Hessen eine Absperrung von 120 Quadratmetern für den Verkauf am Sonntag. Wir müssen also schauen, welches Sortiment der Kunde gerne auch am Wochenende kaufen möchte. Das stellen wir in dem abgegrenzten Bereich gesondert zur Verfügung. Das ist auch in anderen Märkten in Hessen und Bayern so. Da gibt es Rollos, die an bestimmten Stellen am Samstagabend runterfahren und am Montagmorgen wieder hochgehen. 

Welche Rolle spielt das Bio-Sortiment bei Tante Enso? 
Thomas Gutberlet: Von Anfang an gibt es bei Tante Enso die „Enso Helden“. Das sind Produkte, die eine Besonderheit haben – oft auch Bio-Produkte oder Naturkosmetik, die im herkömmlichen Sortiment nur eine Nebenrolle spielen oder neu auf dem Markt sind und eine Alternative zu herkömmlichen Marken bieten. 

Ein ganz wesentlicher Bestandteil der Läden ist, dass mindestens 20 Prozent der Produkte aus der Region kommen sollen. In einem Laden in der Nähe von Lüneburg stehen beispielsweise die Bio-Produkte der Bohlsener Mühle auf 3,75 Regalmetern, weil das der gefragte regionale Lieferant ist. Je nach Region ist das Bio-Sortiment stärker oder schwächer ausgeprägt. 

Wir übernehmen jetzt Märkte und ihre Kunden, die eine ganz eigene Anforderung ans Bio-Sortiment haben. Deshalb sind wir auch mit Rewe im Gespräch, um zu klären, was sie uns liefern können. Rewe hat in den vergangenen Jahren das Sortiment, das sie auf Lager haben, massiv erweitert. Damit kann man schon mal wesentlich weiterkommen, als das noch vor Jahren der Fall war. 

Wir schauen aber auch, welche Bio-Lieferanten es gibt, die wir gerne mit aufnehmen und im Sortiment verankern würden. Auch im Kreis Fulda gibt es zahlreiche lokale Bio-Lieferanten, die dafür infrage kommen. Nach Abschluss der Prüfung durch das Kartellamt bekommen wir die Daten von Tegut und können uns anschauen, welche Artikel es bisher in den betroffenen Läden gibt und welches gute Nachfolgeartikel sein könnten. Wir wollen dem Kundenwunsch nach einem erweiterten Sortiment entsprechen. 

Mit der Tante-Enso-Karte können Kundinnen und Kunden auch spät am Abend einkaufen – Touristen auch sonntags nach Anreise. Sie ermöglicht den Zutritt zu allen Filialen bundesweit.

Die Kundschaft aus Poppenhausen muss also keine Abstriche machen, wenn sie bei Tante Enso einkauft?
Thomas Gutberlet: Nein. Es wird bestimmt Artikel geben, die jemandem fehlen, und dafür wird es andere Artikel geben, über die sich jemand anders freut. Der Laden ist kein Klon, es ist etwas ganz Eigenständiges.

Und die Kunden haben den Vorteil, dass sie spätabends noch einkaufen können. Wenn man eine Karte beantragt oder ab Sommer die App nutzt, dann kann man einkaufen, sobald man in der Ferienwohnung oder am Campingplatz angekommen ist. Wenn man samstagabends anreist, dann kann man sich die wichtigen Sachen auch am Sonntagmorgen besorgen. Das ist auch attraktiv für die Gemeinde und den Tourismus dort. Der Ort wirbt damit, dass es eine Versorgung gibt. Insofern sind auch beide Seiten daran interessiert.

Den Angaben auf der Tante-Enso-Website zufolge ist die Beteiligung der Einwohner Bedingung dafür, dass ein Markt entsteht. Ist das in Poppenhausen auch so?
Thomas Gutberlet: Damit der Laden langfristig ein echter Tante Enso wird, der rund um die Uhr geöffnet ist, müssen wir genügend interessierte Kundinnen und Kunden haben. In Poppenhausen möchten wir 600 Teilhaber gewinnen. Ein Anteil hat einen Wert von 100 Euro (siehe Kasten).

Wir möchten eine enge Verknüpfung mit unseren Lieferanten und unseren Kunden vor Ort haben. Deshalb ist es uns wichtig, dass die Kunden auch Mitglied in der Genossenschaft sind. Der Kunde soll nicht nur eine Stimme im Marketing haben. Nächste Woche ist eine Teilhaberversammlung in Bremen, zu der Teilhaber sich auch online zuschalten können. Man weiß wirklich, was im Unternehmen passiert.

Wir haben eine Art Co-Creation-Prozess, in dem wir mit den Kunden besprechen, welche Sortimente sie suchen. Es gibt auch drei, vier Farben zur Auswahl für das Logo und für die Gestaltung des Marktes. Wir fragen die Kundschaft: Was wollt ihr lieber haben? Rot, Grün, Blau? Was passt besser zu eurem Laden? Das alles besprechen wir gemeinsam mit unseren Kunden.

Was tun Sie, um die potenzielle Tante-Enso-Kundschaft in Poppenhausen und den Ortsteilen für die Genossenschaft zu gewinnen?
Thomas Gutberlet: Wir haben uns der Bürgermeisterin und dem Gemeinderat vorgestellt. Bald wird es eine Bürgerversammlung in der Gemeinde geben. Es gibt eine Landingpage für den Laden in Poppenhausen, auf der Bürger immer die neuesten Infos bekommen können. Auch die Mitarbeiter im Markt werden die Kundschaft ansprechen und sagen: „Ihr wollt doch auch, dass wir hier weitermachen. Dann könnt ihr Teilhaber werden.“ So startet das.

Glauben Sie, Tante Enso als hybrider Markt ist das passende Konzept für eine ältere ländliche Zielgruppe?
Thomas Gutberlet: Unsere Erfahrung ist, dass das Alter überhaupt keine Hemmschwelle ist. Jeder Kunde weiß heute, wie er mit einer Karte bezahlen kann, sonst käme er heutzutage auch gar nicht mehr an Bargeld. Was ich oft auch von anderen Händlern höre: Gerade Ältere finden es total entspannt, dass sie in aller Ruhe ihre Ware selbst abkassieren und in ihre Tasche packen können. Das hat ja auch etwas Entschleunigendes.

Aber es gibt immer Zeiten, in denen an der Kasse bedient wird und man auch mit Bargeld bezahlen kann. Wir haben auch Läden, in denen es kein Laufband an der Kasse gibt. In Poppenhausen werden wir weiterhin eine Kasse mit einem Laufband haben. 

Wir übernehmen erst mal die bisherigen Öffnungszeiten des Ladens. Dann werden wir uns mit den Kunden und den Mitarbeitern anschauen, ob diese Zeiten sinnvoll sind. Bewachen wir hier in der Mittagspause nur den Laden, weil die Kundschaft zu anderen Zeiten einkauft? Dann können die Mitarbeiter auch Pause machen, nach Hause gehen, mit den Kindern essen, wenn sie von der Schule kommen, und sie zum Sport bringen.

Zu den bisherigen Tegut-Öffnungszeiten werden also auch Tante-Enso-Mitarbeitende im Markt sein. Das bedeutet einen größeren personellen Aufwand als in anderen Tante-Enso-Märkten, oder?
Thomas Gutberlet: Ja, dieser Markt macht aber auch mehr Umsatz. Er hat höhere Durchschnittsbons als andere Enso-Märkte.

Wurden in der Gemeinde schon Anteile gekauft?
Thomas Gutberlet: Faktisch sehen wir das in den nächsten Wochen, wenn die Kampagne richtig startet, aber ich bin da sehr zuversichtlich. Ich habe immer ein sehr gutes Feedback bekommen. Vermutlich wissen die Bürger noch nicht, dass es jetzt schon für den Markt in Poppenhausen zählt, wenn sie Anteile kaufen. Da gibt es noch eine gewisse Sorge, das haben wir in der Kommunikation gemerkt. Da müssen wir jetzt noch informieren und erklären.

Im Tegut in Poppenhausen gibt es bisher auch eine Post-Servicestelle. Bleibt sie bestehen?
Thomas Gutberlet: Post- und Lotto-Annahme-Stellen integrieren wir immer gerne. In Poppenhausen gibt es noch eine Apotheke, die gibt es andernorts nicht mehr. Wir versuchen, für solche Orte mit Apothekern aus Nachbarorten zusammenzuarbeiten. Da sind wir auch noch in der Entwicklungsphase. Wir testen gerade eine Stele für Gesundheitsleistungen. Dort kann man seine Daten auf der Gesundheitskarte einsehen und Rezepte oder Dokumente für die Krankenkasse einscannen. Wir versorgen mit Lebensmitteln, versuchen aber auch herauszufinden: Was braucht so ein Ort? Poppenhausen ist mit seiner relativ guten Infrastruktur kein passendes Beispiel dafür. In anderen ländlichen Gebieten sieht es ganz anders aus.

Mit einer Tante-Enso-Karte bekomme ich nicht nur Zugang zu einem bestimmten Laden, sondern kann überall einkaufen, richtig?
Thomas Gutberlet: Ja. An einem praktischen Beispiel aus der Rhön erklärt heißt das, dass man auch in Schmalnau einkaufen kann. Der Tegut in diesem Ort gehört auch zu den Märkten, die wir übernehmen. Das ist nicht weit weg von Poppenhausen. Jemand, der zwischen beiden Orten wohnt, kann beide Märkte nutzen.

Gibt es strukturelle Unterschiede zwischen den 36 Läden, die Tante Enso übernimmt?
Thomas Gutberlet: Ja, und das Wort „übernehmen“ ist nicht in jedem Fall richtig. Es gibt auch selbstständige Betreiber von Läden, die selbstständig bleiben. Wir arbeiten mit ihnen zusammen und stellen den Markt gemeinsam um. Das betrifft sechs der 36 Standorte.

Wann werden die Tegut-Märkte zu Tante-Enso-Märkten?
Thomas Gutberlet: Die Übernahmen werden im Herbst stattfinden, Stück für Stück. Das ist noch nicht genau terminiert, denn jetzt müssen erst die Voraussetzungen geschaffen werden. Die bisherigen Tegut-Märkte werden jetzt ausgegliedert in eine eigene Gesellschaft und es muss eine Bilanz erstellt werden. Diese Gesellschaft übernehmen wir dann. So ist es vertraglich geregelt. Auch wir brauchen jetzt noch Vorbereitungszeit. Wir fangen jetzt an, mit den Bürgerinnen und Bürgern zu reden und die ersten Gespräche mit den Mitarbeitenden zu führen.

Anmerkung der Redaktion: Diesen Text haben wir am 18. Juni ergänzt um den Link zur Liste aller Tegut-Standorte, die Tante Enso übernimmt.

Die Tante-Enso-Genossenschaftsanteile

  • Ein Anteil kostet 100 Euro.
  • Es gilt eine Haltefrist von einem Jahr. Danach sind eingezahlte Anteile jederzeit kündbar.
  • Jedes Mitglied der Genossenschaft bekommt pro Jahr ein Einkaufsguthaben von 5 Euro. Das entspricht einer Verzinsung von 5 Prozent.
  • Ab dem ersten Anteil gibt es 2 Prozent (für weitere maximal 4 Prozent) Rückvergütung nach jedem Einkauf.

Zur Person: Thomas Gutberlet

Die osthessische Gemeinde Poppenhausen kennt Thomas Gutberlet gut: Dort hat er nach eigenen Angaben seine Kindergartenzeit und das erste Schuljahr verbracht.

Bis zum November 2024 war Thomas Gutberlet Geschäftsführer des osthessischen Lebensmittelhändlers Tegut mit Sitz in Fulda. 2013 war das Familienunternehmen, das Gutberlets Großvater Theo gegründet hatte, von der Genossenschaft Migros Zürich aufgekauft worden. Als Migros eine Sanierung ankündigte, verließ der Enkel das Unternehmen. Seit Dezember 2025 ist er Geschäftsführer bei der Enso eCommerce GmbH.

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Freigabe: Tante Enso übernimmt 36 Tegut-Filialen

Bundeskartellamt

Das Bundeskartellamt hat den Erwerb von 36 Filialstandorten des osthessischen Lebensmittelhändlers Tegut durch Tante Enso freigegeben.

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