Ein Verkauf an Externe wäre nur die Ultima Ratio im Notfall, sagte Volker Krause, Gründer und Geschäftsführer der Bohlsener Mühle, vor zehn Jahren zum Thema Nachfolge. Nun ist dieser Notfall wohl eingetreten. Zwei Mit-Geschäftsführer, Manuel Pick und Mathias Kollmann, hat Krause in diesen zehn Jahren bestellt und wegen strategischer Differenzen wieder entlassen. Im Frühjahr 2025 führte er Kooperationsgespräche mit Bauck.
Nach BioHandel-Informationen hätte Bauck die Bohlsener Mühle ganz oder mehrheitlich kaufen wollen. Die Gespräche scheiterten und sieben Wochen später meldete die Bohlsener Mühle eine „strategische Partnerschaft“ mit der MDS Holding. Diese übernimmt mehrheitlich die Geschäftsanteile an der Bohlsener Mühle; Volker Krause und die Volker-Krause-Stiftung bleiben Gesellschafter.
Die Bohlsener Mühle machte laut ihren veröffentlichten Jahresabschlüssen seit drei Jahren Verluste: 2022 waren es 740.000 Euro, 2023 3,1 Millionen Euro und 2024 nochmal 2,6 Millionen Miese. Gleichzeitig verringerte sich der Umsatz im Vergleich zu 2020 von 58,0 auf 49,7 Millionen Euro, die Bankkredite wuchsen von 20 auf 25 Millionen Euro, bei nur noch zehn Prozent Eigenkapitalquote. Im Abschluss für 2024 schreiben die Wirtschaftsprüfer, dass der Bestand des Unternehmens gefährdet sei und vom Erfolg der eingeleiteten Sanierung abhänge.
Ein erfahrener Bio-Hersteller passt ins Portfolio
Für die MDS Holding macht die Übernahme Sinn. Das Unternehmen ist ein Familienbetrieb, der Aldi, Lidl und andere LEH-Ketten mit Lebensmittel, Kosmetik und Wellnessprodukten beliefert. Laut dem letzten veröffentlichten Jahresabschluss von 2023 erwirtschaftete die Holding mit ihren 11 Töchtern einen Umsatz von 198 Millionen Euro und einen Gewinn von 2,1 Millionen Euro, der zum größten Teil an die Gesellschafter ging. Die beiden mit Lebensmitteln befassten MDS-Töchter HMF Food und Motido machten 20,9 und 14,6 Prozent ihres Umsatzes (der nicht angegeben wurde) mit Bio-Produkten. Da passt ein erfahrener Bio-Hersteller gut dazu, wenn auch eher für Handelsmarken.
„Bio als Asset“ – Teil einer größeren Struktur
Die Bohlsener Mühle ist nicht der einzige Bio-Pionier, der in den vergangenen Jahren aufgekauft wurde. Die Liste von Allos bis Zwergenwiese ist lang. Dabei wählten die Unternehmerinnen und Unternehmer, die ihren Bio-Betrieb in neue Hände gaben, verschiedene Modelle. Die Bohlsener-Übernahme fällt in die Kategorie „Bio als Asset“. Da wird ein eigenständiges Bio-Unternehmen Teil einer größeren Struktur, die bisher keine oder wenig Erfahrung mit Bio hatte, vom Herzblut mal ganz abgesehen.
Das gilt auch für Ulrich Walters Verkauf der Pure Taste GmbH mit ihrer Marke Lebensbaum an Adiuva. Die Firma investiert Vermögen der Hamburger Verlegerfamilie Bauer in mittelständische Unternehmen. In Schweden investiert die Reederfamilie Ollson (Stena AB) ebenfalls in Bio. Ihr gehören über eine Beteiligungsfirma fast 50 Prozent der Midsona-Gruppe, die 2018 den deutschen Bio-Pionier Davert kaufte und ein Jahr davor die dänische Naturkosmetikmarke Urtekram.
Die französische Beteiligungsgesellschaft PAI Partners übernahm 2020 das niederländische Handelsunternehmen Wessanen mit Bio-Marken wie Allos, Tartex oder Little Lunch. Der belgische Familienkonzern Pauwels Engineering kaufte 2022 den niederländischen Bio-Schokohersteller Lovechock und verleibte ihn seiner überwiegend konventionellen The Belgian Chocolate Group ein. Produziert wird nun in Kroatien statt wie bisher in Amsterdam.
Die hessische Bio-Bäckerei Bio Breadness gehört seit 2024 zu der auf Bäckerei, Konditorei und Catering spezialisierten Gruppe Le Duff aus Frankreich, jährlicher Umsatz drei Milliarden Euro. Knäckebrotspezialist Dr. Karg ging 2024 an die italienische Bäckerei-Gruppe Colussi mit 428 Millionen Euro Umsatz.
Bio bei konventionellen Konzernen ist schwierig
Ob Konzerne, die konventionelle Produkte herstellen, eine gute Heimat für Bio-Firmen sind, darf bezweifelt werden. Der Schweizer Molkereiriese Emmi stieß die 2012 erworbene Gläserne Molkerei 2023 wieder ab als die Zahlen nicht mehr stimmten. Übernommen wurde sie von der Münchner Beteiligungsgesellschaft Mutares, die auf das Aufmöbeln und Weiterverkaufen abgelegter Konzerntöchter spezialisiert ist.
In diesem Geschäftsfeld aktiv ist auch der US-Investor CoBe Capital, der 2023 die Naturkosmetikmarke Logocos von L‘Oreal übernahm. Der Kosmetikkonzern hatte Logocos 2018 übernommen, nachdem der Gründer das Unternehmen 2013 an einen befreundeten Geschäftsmann verkauft hatte, der sich später als Strohmann kasachischer Oligarchen entpuppte. Wenig Erfolg im Konzern hat auch die Bio-Molkerei Söbbeke, die von ihrem Gründer an den französischen Käseriesen Savencia (früher Bongrain) verkauft wurde. Die Molkerei ist überschuldet und überlebt laut der Bilanz von 2022 nur durch eine Patronatserklärung ihrer Konzernmutter.
Bio-Betriebe können zum Spielball werden
Die Beispiele zeigen, dass mittelständische Bio-Unternehmen sich in größeren und wenig bio-affinen Strukturen schwertun und leicht ihr Gesicht verlieren können. Schlägt sich das in schlechten Zahlen nieder oder passt das Produkt nicht mehr in die Konzernstrategie, können die Bio-Töchter schnell zum Spielball werden. So gab Unilever den 2017 übernommenen Bio-Tee-Hersteller Pukka 2021 zusammen mit der ganzen Teesparte 2021 an den Finanzinvestor CVC Capital Partners ab.
„Bio am Haken der Konzerne?“
BioHandel-Ausgabe 03/2013
Mit dieser Überschrift thematisierte BioHandel vor rund 12 Jahren erstmals die Gefahr, dass Lebensmittelkonzerne den damals anstehenden Generationenwechsel nutzen könnten, um Bio-Unternehmen einzukaufen und damit ihre meist geringe Kompetenz in diesem Bereich zu erhöhen (BioHandel 03/2013). Für Deutschland haben sich die Befürchtungen kaum bestätigt. Dennoch gab und gibt es Konzentrationsprozesse und Verkäufe in Strukturen mit wenig Bioaffinität – neben zahlreichen Beispielen für gelungene Nachfolgen.
Kleines Bio zu großem Bio
Bio-Pioniere können ihr Unternehmen aber auch bewusst in der Branche weitergeben. Zwergenwiese-Gründerin Susanne Schöning hat das gemacht als sie ihren Aufstrichhersteller 2017 an Rapunzel verkaufte. Der Krunchy-Spezialist Barnhouse ging 2019 an die Familie des Babykostherstellers Hipp. Ende 2020 verkaufte Orhan Yilmaz nach 40 Jahren im Bio-Markt seine Firma Egesun, Spezialist für Trockenfrüchte und Nüsse, an den Großhändler Dennree. 2022 übergab Gründer Friedrich Lehmann seinen Großhändler Lehmann Natur an das Bio-Logistikunternehmen Bivano.
Joachim Banzhaf verkaufte den von ihm gegründeten Naturkosmetikzertifizierer Eco Control 2022 an den Öko-Zertifizerer Abcert, der damit sein Portfolio erweiterte. Das Unternehmen Tofutown des kürzlich verstorbenen Bio-Pioniers Bernd Drosihn ging 2024 an die britische Vegan Food Group, die einen der beiden Firmenstandorte und den Großteil der Marken an die österreichische New Originals Company weiterreichte.
Mehrere Übernahmen gab es im Bio-Fachhandel. So gaben Niko Tsiris und Meinrad Bauer nach 30 Jahren acht ihrer elf Naturgut-Märkte in und um Stuttgart an Dennree ab, drei Standorte übernahmen Mitarbeitende. Auch das Naturwarenzentrum in Dreieich von Peter Kossytorz ging an Dennree, nachdem eine Übergabe in der Familie nicht zustande kam.
Bio bleibt in der Familie
Bei zahlreichen Bio-Unternehmen gelang es dagegen, die nachfolgende Generation einzubinden. In einigen Fällen wurde das operative Geschäft auch schon komplett übergeben. Bekannte Beispiele sind der Münchner Filialist Vollcorner, Hersteller wie Alb Gold, Huober Brezel, Byodo, Neumarkter Lammsbräu und Rapunzel, Großhändler wie Rinklin, Kornkraft und Dennree.
Auffällig ist, dass bei diesen intrafamiliären Übergaben die Führung oft lange zweigleisig läuft und die Elterngeneration das Ruder eher langsam aus der Hand gibt. Ein Blick ins Unternehmensregister zeigt, dass das Gesellschaftsvermögen in den meisten überprüften Fällen noch ganz oder mehrheitlich in Besitz der Gründer ist.
Das Unternehmen unverkäuflich machen
Bei mehreren Erben oder solchen, die mit Bio und Unternehmertum nicht so viel am Hut haben, besteht die Gefahr, dass ein Unternehmen mit dem Tod des Gründers auf dem Markt meistbietend verkauft wird. Aus diesem Grund haben sich in den vergangenen zehn Jahren einige Firmen unverkäuflich gemacht. Den Anfang machte Wolfgang Heck, der den von ihm gegründeten Freiburger Tofuhersteller Taifun in eine Stiftung überführte.
Die Eigentümerfamilie des Bio-Saftherstellers Voelkel brachte das Unternehmen 2020 in eine Konstruktion aus mehreren Stiftungen ein. In der Geschäftsführung der Naturkostsafterei sind drei der vier Kinder vertreten. 2021 folgten der Naturkosmetikhersteller Laverana sowie die Bio-Bäckerei Märkisches Landbrot. Anfang 2021 stellte Götz Rehn vor, wem das von ihm aufgebaute Bio-Handelshaus Alnatura in Zukunft gehören soll. 99 Prozent der Unternehmensanteile wird mit seinem Tod die gemeinnützige Alnatura-Stiftung bekommen. 99 Prozent der Stimmrechte hält schon jetzt die Götz Rehn Familienstiftung.
Stiftungslösungen umzusetzen ist kompliziert und aufwändig, weshalb diese Lösung in der kleinteilig aufgestellten Bio-Branche nicht so verbreitet ist. Neben den genannten Beispielen gibt es wenige altgediente Stiftungsunternehmen, etwa den Ökoreinigungsmittelhersteller Sonett, das Arzneimittelunternehmen Wala mit seiner Naturkosmetikmarke Dr. Hauschka oder den regionalen Bio-Großhändler Grell Naturkost.
Verantwortungseigentum: Eigentümer als Treuhänder
Eine weitere Möglichkeit, Unternehmen unverkäuflich zu machen, nennt sich Verantwortungseigentum. Hier zielt unternehmerisches Handeln nicht darauf ab, Gewinne für die Anteilseigner zu erwirtschaften. Stattdessen werden die Eigentümer als Treuhänder des Unternehmens gesehen, die es intrinsisch motiviert gemäß den Unternehmenswerten leiten.
Eine Möglichkeit, das umzusetzen ist das Veto Share Modell der Purpose-Stiftung. Dabei liegen 99 Prozent der Stimmrechte beim Eigentümer, der sich verpflichtet, keine Gewinne aus dem Unternehmen zu ziehen, sondern sie zu reinvestieren oder zu spenden. Die Purpose-Stiftung hält einen einprozentigen Veto-Anteil und stellt damit sicher, dass das Unternehmen wirklich sich selbst gehört.
Scheiden die Unternehmer aus, gehen die von ihnen treuhänderisch gehaltenen Anteile an Nachfolger über, die beide Gesellschafter gemeinsam bestimmen. Zu diesen Purpose-Unternehmen zählen der Bio-Hersteller Arche Naturkost, oder der Kondomhersteller Einhorn. Auch einige Start-ups haben sich mithilfe von Purpose unverkäuflich gemacht, etwa Gute Kulturen mit ihrem fermentierten Bio-Gemüse der Marke Suur oder Pack & Satt mit Bio-Fertiggerichten.
Das Purpose-Modell ist eine Hilfskonstruktion, weil es im deutschen Gesellschaftsrecht keine Gestaltungsmöglichkeit gibt, um Verantwortungseigentum familienunabhängig einfach und rechtssicher aufzustellen. Deshalb setzt sich die von 35 Unternehmen gegründete Stiftung Verantwortungseigentum für eine neue Rechtsform ein. Nach der Ampelkoalition hat auch die neue Bundesregierung das Vorhaben in ihrem Koalitionsvertrag stehen. Das Interesse vonseiten der Wirtschaft ist groß.
Rund 1.000 Unternehmen haben sich auf die von der Stiftung Verantwortungseigentum initiierte Warteliste für die neue Rechtsform eingetragen. Auf diese warten auch Hans Paul und Brigitta Sui Dschen Mattke, die Besitzer von Moin Bio Backwaren. Sie wollen ihren Betrieb im Verantwortungseigentum an drei Mitarbeiterinnen übergeben, die bereits jetzt die Geschäfte führen.
In eigener Sache
Der Bioverlag, der BioHandel und Schrot&Korn herausgibt, gehört seit 2011 den Mitarbeitenden. Mitgesellschafterin ist eine Stiftung mit Veto-Recht bei bestimmten Entscheidungen. Sie gilt damit als Hüterin der Werte des Unternehmens.
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