Während meines Studiums habe ich eine Zeit lang bei Bernd Drosihn alias Dr. Tofu in Bonn gewohnt. Wie so oft war Bernd auch bei mir etwas vor seiner Zeit als er mir regelmäßig still und heimlich Care-Pakete mit pflanzlichen Bioprodukten vor die Tür stellte. Das knappe Studi-Budget war vermutlich der Grund, weshalb ich es damals gewagt habe, mich auf das Experiment Tofu einzulassen. Bernd war meine erste Begegnung mit Bio und mit Tofu sowieso. Es sollte fast zehn Jahre dauern, bis ich über die eher politische Entscheidung, mich vegan zu ernähren, wieder zum Tofu kam.
Ein paar Jahre später begegneten wir uns erneut in einem Moment, in dem ich schon länger recht verzweifelt zwischen Studium und Ausflügen in die Kunst nach meinem Weg suchte und der für mich einer der wichtigsten Momente meines Lebens war. Das Gespräch verlief etwas verkürzt folgendermaßen: Hast du einen Nebenjob für mich? Nein, aber unser Vertriebler hat gekündigt, willst du das machen? Ja! Dann musst du aber nach Lüneburg ziehen. Wann? So in zwei Wochen. Na klar. Was ich damit sagen will, ist, so war Bernd. Bernd öffnete Türen und ermöglichte Dinge, die man für unmöglich hält. Und als ich dann einige Wochen später die Türen zur Biofach 2012 öffnete, wusste ich, dass es noch viele mehr von diesen verrückten Visionären gab und ich endlich angekommen war.
Jeder, der Bernd kennen lernen durfte, kennt sicherlich mehrere seiner verrückten Anekdoten. Sei es die, als er einmal wegen Tofu im Knast saß – verhaftet wegen „Torfu“ – oder wie er als Jazz-Musiker direkt nach dem Musikstudium in New York gelebt hat. Vieles kann man nachlesen in seinem Buch „Tofu“ von dem er mit einem Grinsen erzählte, dass ihm die eigentlich viel bessere Urfassung aus dem Auto gestohlen wurde.
Bernd Drosihn (16.12.1959 – 24.07.2025) war ein deutscher Unternehmer und Pionier der pflanzenbasierten Ernährung. Anfang der 1980er Jahre gründete er das Tofu-Kollektiv Soyastern, aus dem sich später der bekannte Bio-Lebensmittelhersteller Tofutown entwickelte. Mit Humor, Ausdauer und Unternehmergeist brachte er Tofu und andere vegane Produkte trotz bürokratischer Hürden in den deutschen Mainstream und prägte damit den Markt maßgeblich. Anfang 2024 zog er sich aus dem operativen Geschäft zurück. Im gleichen Jahr wurde Tofutown an die internationale Vegan Food Group verkauft.
Bernd war ein Revoluzzer, der sich aufgelehnt hat gegen Dinge, die er für falsch gehalten hat. Für eine rechtliche Gleichbehandlung von einer pflanzlichen Ernährung unter anderem mit der deutschen Tofu-Adler-Ente als Pendant zur Deutschen Markenbutter oder mit dem „Ausländer-Würstchen“ gegen den „Deutschländer“ von Meica.
Er zog mit der Tofubutter und dem Veggie-Cheese vor den Europäischen Gerichtshof und legte sich mit der niederländischen Käseindustrie mit seiner Käsealternative „Herr Antje“ an. Falsch wurde für Bernd nicht richtig, nur weil alle es akzeptieren. Mit seinem rheinischen Schmunzeln und einer Packung Tofu in der Jackentasche hat er das Angebot in allen deutschen Supermärkten verändert.
Er sprudelte immer vor neuen Ideen. Brachte den ersten pflanzlichen Camembert auf den deutschen Markt oder entwickelte einen B12-haltigen pflanzlichen Burger. Er förderte aktiv aber immer unaufgeregt die Entstehung einer vegetarischen Ernährungskultur in Deutschland und erschuf regelmäßige Begegnungsstätten wie das Tofu Pop Festival, das er einmal jährlich mit seinem Musiklabel „TofuMusik“ veranstaltete.
Ich kann mich nicht erinnern, dass er je versucht hat, jemandem vorzuschreiben, was er oder sie zu tun hat. Bernd hat immer alternative Angebote geschaffen und wer dabei sein wollte, durfte dabei sein. Das bewundere ich bis heute sehr. Er hat einmal zu mir gesagt: „Das Wichtigste für mich ist selbstbestimmt leben“, das zeichnet sein Leben aus und das war es auch, was er anderen Menschen ermöglichen wollte. Eine Wahl zu haben, selbst bestimmen zu können, was sie essen und wie sie leben möchten.
Vielen Dank für deine Inspiration, deine klare Vision und für deinen tollen Sohn Aaron, mit dem ich heute noch unter einem Dach wohnen darf. Wir werden dich vermissen.
Matthias Beuger ist Geschäftsleiter nationale Netzwerke, Ernährung und Nachhaltigkeit bei der Assoziation ökologischer Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller (AöL). Sie erreichen Ihn unter Matthias.Beuger@aoel.org
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