Die nachfolgenden Portraits sind in längerer Form zuerst beim Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW) im Rahmen der BNW-Reihe „nachhaltig.stark.weiblich.“ erschienen. Der BNW ist ein branchenübergreifendes Netzwerk, das die Stimmen progressiver Unternehmen direkt ins politische Berlin einbringt.
Kerstin Stromberg
Kerstin Stromberg
Gründerin, Geschäftsführerin
Für Frauenrechte, Frieden und eine intakte Umwelt: Seit ihrer Jugend tritt Kerstin Stromberg entschlossen für ihre Werte ein. In einem WG-Kollektiv in Göttingen fand sie früh Menschen, die ihre progressiven Ansichten teilten. Weil es damals keine ökologischen Reinigungsmittel zu kaufen gab, machte sie zusammen mit ihrem Partner und Chemiker Jürgen Hack einfach selbst welche. Als sich das Kollektiv auflöste, gründeten die beiden Studenten kurzerhand die Sodasan GmbH. 1996 erhielt das Unternehmen als erster Reinigungsmittelhersteller weltweit eine Bio-Zertifizierung, im Jahr 2018 wurde es mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.
Obwohl auf die Gleichberechtigung bei Sodasan seit Kollektiv-Zeiten Wert gelegt wird, weiß Stromberg, wie fragil solche Unternehmenswerte sind: „Vor einiger Zeit beschwerte sich ein – inzwischen ehemaliger – Mitarbeiter bei mir, dass er genauso viel verdiente wie seine Frau. Beide übten bei uns dieselbe Tätigkeit aus. Solche Situationen zeigen: Fairness und Gleichberechtigung sind nicht einfach da und bleiben dann für immer. Man muss sie verschriftlichen, hegen, pflegen und somit am Leben halten.“ Heute sind 61 Prozent der Mitarbeitenden bei Sodasan Frauen. Gerade in leitenden Positionen dürften es jedoch gerne mehr sein, findet Stromberg und möchte dazu ermutigen. „Viele Frauen haben große Ideen und die nötige Power, etwas zu bewegen. Doch viele verlässt leider der Mut vor Übernahme von Verantwortung. Eigentlich überflüssig in einem Unternehmen wie unserem, in dem der Teamgedanke im Vordergrund steht und der Führungsstil kooperativ ist“, sagt sie.
Anke Frenzel
Anke Frenzel
Geschäftsführerin
Als Anke Frenzel noch bei ihren Eltern auf dem Land lebte, kauften diese viele Lebensmittel direkt bei den Bauern in der Region ein. Später boten ihr Bio-Läden die beste Möglichkeit, auch in der Großstadt oder im Ausland mit gutem Gewissen einzukaufen. Nach ihrem Studium in Sozialwirtschaft, Marketing und Wirtschaftspsychologie bewarb sie sich bei der Berliner Firma Ökofrost. Seit Januar 2023 führt sie das Familienunternehmen gemeinsam mit Gründer Florian Gerull. Ökofrost ist nicht nur ein Tiefkühl-Großhandel mit den eigenen Marken BioPolar und BioCoole Bio-Firma, sondern hat auch eine besondere Unternehmenskultur: Holokratie – eine Form der Selbstorganisation. „Statt starrer Hierarchien stimmen wir uns untereinander dynamisch in Kreisen ab. So schaffen wir ein Umfeld, in dem Jeder und Jede vieles selbst entscheidet und Verantwortung trägt. Außerdem haben wir ein transparentes Gehaltsmodell und sind Gemeinwohl-bilanziert“, sagt Frenzel.
Schon seit 2012 experimentiert Ökofrost mit dieser Art der New Work. Frauen kommen damit oft besser zurecht als Männer, so Frenzels Erfahrung. Grundsätzlich denkt sie jedoch nicht gerne in Stereotypen. „Ob Männer oder Frauen – was uns einen sollte, ist die Kompetenz!“, fordert sie. Ein zentraler Hebel für eine Kompetenz- statt Geschlechterdebatte ist für sie Führung in Teilzeit. „Bei Ökofrost stehen wir für einander ein und unterstützen uns gegenseitig. Bei uns gibt es keine Pflichtanwesenheitszeit im Büro, aber einen Kinderzuschuss aufs Gehalt. So schaffen wir Raum für Care-Arbeit – für Frauen und Männer.“
Jule Usadel und Julianna Müller
Jule Usadel und Julianna Müller
Geschäftsführerinnen
Seit 2024 führen Jule Usadel und Julianna Müller die Geschäfte der Moin Bäckerei. Besonders in der Bäckerei-Branche ist weibliche Führung noch immer selten. Julianna Müller sagt: „Ich weiß nicht, wie oft ich schon darauf angesprochen wurde, dass ich eine von den Frauen bin. Und es nervt ehrlich gesagt manchmal, hierauf reduziert zu werden. Ich zum Beispiel leite die Backwarenproduktion, obwohl ich selbst keine Bäckerin bin. Das ist doch viel spannender als mein Geschlecht – oder nicht?“ Die Männerdominanz in der Branche ist mitunter darauf zurückzuführen, dass der Beruf körperlich anstrengend ist. Julianna Müller erklärt: „Ein Sack Mehl wiegt 25 Kilogramm. In den Bäckereien arbeiten Frauen deshalb eher als Verkäuferinnen.“ Daher ist es den Geschäftsführerinnen ein großes Anliegen, in der Produktion für körperliche Entlastung zu sorgen.
„Wir haben einen Sackheber installiert, der die Schwerstarbeit leistet. Und unsere Kernarbeitszeiten liegen zwischen 6 und 18 Uhr. Das ist in der Bäckereibranche sehr ungewöhnlich“, sagt Jule Usadel. Die zwei Frauen waren ursprünglich aus ganz verschiedenen Richtungen in einer Zeit ins Unternehmen gekommen, als Moin sich gerade vergrößerte. „In der Firma herrschte Umbruchstimmung; einige Mitarbeitende gingen, andere kamen neu dazu. Das gab uns die Möglichkeit, in alle Bereiche reinzuschauen. Mit der Zeit haben wir uns dann zunächst als zweite und nun als erste Führungsebene entwickelt“, sagt Usadel und betont: „Wir sind nicht hier, weil wir Frauen sind. Sondern weil wir Bock auf diese Aufgabe hatten.“
Marion Hoffmann
Marion Hoffmann
Kaufmännische Leiterin
Seit 2024 leitet Marion Hoffmann die Geschäftsbereiche Personal, IT, Finanzbuchhaltung und Controlling bei der Bauck GmbH. Vorher hatte sie sechzehn Jahre lang im Obst- und Gemüsegeschäft gearbeitet – zunächst beim Biohof Bursch, danach beim Bio-Großhändler Lehmann Natur. Bei Bauck hat sich für sie nicht nur das Sortiment geändert: „Müslis, Mehle, Backmischungen & Co. haben eine längere Haltbarkeit als frisches Obst und Gemüse; einige Prozesse sind ähnlich, andere völlig anders. Die Überzeugung für Bio und Demeter ist geblieben, wird allerdings durch die Verbrauchermarke stärker wahrgenommen. Wenn ich jetzt im Bioladen vor einem Regal voller Bauck-Produkte stehe, würde ich am liebsten allen ganz stolz erzählen: Ich arbeite da! Dieses Zugehörigkeitsgefühl genieße ich sehr.“
Ihren Wechsel zu Bauck hat Marion Hoffmann nicht bereut – und möchte auch anderen Frauen Mut zur Veränderung machen. „Männer werden meiner Meinung nach oft aufgrund ihrer Position direkt respektiert. Frauen müssen sich diesen Respekt hingegen erarbeiten, beziehungsweise beweisen, dass sie ihn verdient haben“, sagt Hoffmann. Ein Unternehmenswechsel könne helfen, das neu zu kalibrieren. Gleichzeitig ist es ihr wichtig, sich nicht zu verbiegen. „In Verhandlungen habe ich immer wieder beobachtet, dass viele Männer alles andere ausblenden können, um an ihr Ziel kommen. Das wird in unserer Gesellschaft oft als Verhandlungsstärke gefeiert. Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass kooperativ erzielte Ergebnisse langfristig mehr bringen. Eine gewisse weibliche Weichheit lohnt sich also – auch wenn der Erfolg nicht sofort sichtbar ist.“
Judith Faller-Moog
Judith Faller-Moog
Inhaberin, Geschäftsführerin
Als Judith Faller-Moog 1989 den Bio-Hof „Domaine de la Planète“ von ihrem verstorbenen Vater übernahm, war sie gerade einmal 21 Jahre alt. Ihre Familie war fest im Bio-Landbau verwurzelt – eine andere Form der Landwirtschaft war auch für die junge Frau nicht vorstellbar. Kurzerhand strukturierte die Jungunternehmerin den Betrieb um und gründete die erste reine Bio-Ölmühle Europas. 1990 registrierte sie die Marke Bio Planète, die heute Marktführer im französischen und deutschen Fachhandel ist. „Dank langfristiger Beziehungen mit unseren Lieferanten können wir kurze, transparente Lieferketten garantieren. Viele Bio-Handelsmarken stammen von Betrieben, die sowohl bio als auch konventionelle Rohstoffe verarbeiten. Das ist für uns keine Option“, sagt Judith Faller-Moog.
Inzwischen arbeiten für Bio Planète rund 150 Menschen an zwei Standorten. Von der Produktentwicklung übers Pressen bis zum Abfüllen und Etikettieren macht das Unternehmen alles selbst. Judith Faller-Moog ist davon überzeugt, dass Jede und Jeder von uns die Welt zum Positiven verändern kann – durch bewusste Ernährung, verantwortungsvolle Landwirtschaft und ein starkes Miteinander. „Für uns im Betrieb steht Geschlechtergerechtigkeit ebenso außer Frage wie die Notwendigkeit, nachhaltig zu wirtschaften. Es gab in über 40 Jahren Unternehmensgeschichte Zeiten, da waren wir nur Frauen im Betrieb. Flexible Arbeitszeitmodelle sind für uns folglich genauso selbstverständlich wie ein Kita-Zuschuss,“ betont die Unternehmerin.
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