Auf der Naturland-Delegiertenversammlung am 20. und 21. Mai in Fürstenfeldbruck haben die Delegierten das Präsidium beauftragt, eine mögliche Zulassung der Geschlechtsbestimmung im Ei zu prüfen. Nach Angaben von Naturland soll das Präsidium nun bis Herbst klären, nach welchen Kriterien die sogenannte In-Ovo-Selektion als weitere Option neben Bruderhahnaufzucht und Zweinutzungshuhn infrage kommen könnte.
Plagge erwidert Besuch von Räder
Zu Gast bei der Versammlung war auch Bioland-Präsident Jan Plagge. Mit seiner Rede vor den Naturland-Delegierten erwiderte er einen entsprechenden Besuch von Naturland-Präsident Eberhard Räder bei Bioland Anfang März. Beide Verbände hatten Ende vergangenen Jahres in der Erklärung „Schulterschluss für mehr Bio“ vereinbart, ihre Arbeit in verschiedenen Bereichen enger abzustimmen. Auch fachlich wollen sich Naturland und Bioland eng abstimmen.
Das gilt auch für die Geflügelhaltung: Die Verbände wollen Lösungen für Aufzucht und Vermarktung von Bruderhähnen, die weitere verbandsübergreifende Förderung von Zweinutzungshühnern und mögliche Voraussetzungen für Früherkennungstechniken gemeinsam beraten.
Biokreis hat In-Ovo-Selektion bereits zugelassen
Bislang ist die In-Ovo-Selektion bei Naturland und Bioland nicht zugelassen. Stattdessen setzen die beiden Verbände auf Bruderhahnaufzucht und Zweinutzungshühner. Letztere fördern sie gemeinsam über das Unternehmen Ökologische Tierzucht, welches Zweinutzungsrassen für den Biolandbau entwickelt.
Biokreis hatte im März 2026 einen anderen Weg eingeschlagen. Der Verband erlaubt seinen Mitgliedern seitdem, Eier aus Brütereien zu beziehen, bei denen eine Geschlechtsbestimmung im Ei erfolgt ist. Damit müssen Biokreis-Betriebe die Bruderhähne nicht mehr zwingend mit aufziehen.
Naturland bedauerte den Alleingang. „Als die Geschlechtsbestimmung im Ei gesetzlich zugelassen wurde, haben die Bio-Verbände sich gemeinsam darauf verständigt, das Verfahren zunächst nicht zuzulassen und stattdessen die Entwicklung von Bruderhahn und Zweinutzungshuhn voranzutreiben“, sagte Naturland-Pressesprecher Markus Fadl damals. Ein „gemeinsames, miteinander abgestimmtes Vorgehen der Bio-Verbände“ wäre aus Naturland-Sicht „für alle besser gewesen“.
Auf der Delegiertenversammlung verwies Naturland-Vizepräsident Moritz Reimer darauf, dass das Bruderhahn-Konzept in Süddeutschland und Österreich ein großer Erfolg sei. Dort sei es gelungen, starke Wertschöpfungsketten für Eier und Fleisch aufzubauen. Im Norden sei dies dagegen nur eingeschränkt gelungen. Zugleich sehe man bei der Geschlechtsbestimmung im Ei kontinuierlich fortschreitende technische Verbesserungen. Der möglichen Neubewertung waren laut Naturland intensive Abstimmungen des Fachausschusses Geflügel mit Fachleuten anderer Verbände vorausgegangen, insbesondere mit Bioland.
Mehr Planungssicherheit für Bio-Betriebe gefordert
Neben dem In-Ovo-Thema stand auf der Delegiertenversammlung die politische und wirtschaftliche Lage der Bio-Betriebe im Mittelpunkt. Naturland und Bioland forderten von der Politik eine klare strategische Perspektive und verlässliche Rahmenbedingungen für die Ökologisierung der Landwirtschaft. Trotz steigender Bio-Nachfrage im Handel stellten derzeit kaum Betriebe um, weil politische und ökonomische Unsicherheiten viele Betriebe bremsten.
EU-Agrarförderung ab 2028 soll Bio-Leistungen honorieren
Naturland-Präsident Eberhard Räder verwies insbesondere auf die anstehenden Regelungen zur Öko-Tierhaltung. Innovative Bio-Betriebe hätten die Tierhaltung in den vergangenen Jahren kontinuierlich weiterentwickelt, etwa durch tierwohlgerechtere Stallsysteme. Mit der Öffnung der EU-Öko-Basisverordnung habe die EU-Kommission nun die Möglichkeit geschaffen, Regeln anzupassen und damit die Zukunft der Öko-Tierhaltung zu sichern. Wichtig seien dabei vor allem Planungssicherheit für Investitionen und praxisnahe Vorgaben für die Umsetzung.
Plagge blickte zudem auf die EU-Agrarpolitik ab 2028. Die künftige Gemeinsame Agrarpolitik der EU, kurz GAP, müsse aus seiner Sicht stärker honorieren, was Bio-Betriebe für Umwelt, Artenvielfalt, Tierwohl und Klima leisten. Enge betriebliche Kreisläufe machten Bio-Höfe widerstandsfähiger gegenüber Krisen. Gerade in unsicheren Zeiten bräuchten sie dafür mehr Verlässlichkeit und Planungssicherheit. „Wer als Betrieb nachhaltig wirtschaftet, muss davon anständig leben können“, sagte Plagge.
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