Mit dem Projekt „Mehr Ökolandbau durch Selbstverpflichtung des Handels“ will das Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen (KÖN) den Absatz der vier volumenstärksten deutschen Bio-Frischesegmente steigern: Kartoffeln, Äpfel, Möhren und Zwiebeln.
Dafür veranstaltet das KÖN produktspezifische Innovation-Labs unter dem Titel „Mehr Deutsche Bio-Frische“. Eingeladen sind Category- und Buying-Manager aus dem Lebensmitteleinzelhandel. Gemeinsam mit Lieferanten und Erzeugerorganisationen sollen sie über Ideen diskutieren, wie sich die Nachfrage nach heimischer Bio-Frische steigern lässt. Gefördert wird das Projekt, das zunächst auf ein Jahr angelegt ist, durch das Land Niedersachsen.
Longevity als Chance für Bio-Frische
Einen Ansatzpunkt sieht das KÖN im Lifestyletrend Longevity. Dieser könne als Wachstumstreiber für den Bio-Absatz im Handel dienen, sagt Henning Niemann, Verarbeiter- und Händlerberater beim KÖN (siehe Interview). In einer alternden, gleichzeitig aber vitalitäts- und fitnessbewussten Gesellschaft könnten Händler sich über Bio-Frischesortimente mit ihrem Gesundheits- und Nachhaltigkeitsimage profilieren.
Die Herausforderung für den Handel bestehe unter anderem darin, dass die Kundschaft zwar nach Bio-Produkten frage, gleichwohl aber sehr preisbewusst einkaufe. Bio müsse deshalb mehr leisten, als lediglich das Bedürfnis nach ökologisch erzeugten Lebensmitteln zu bedienen. Die Produkte müssten zusätzliche Nachfrage schaffen und sich wirtschaftlich tragfähig in bestehende Trends und Sortimente integrieren lassen.
Das Kompetenzzentrum sieht insbesondere bei den zahlreichen Bio-Gelegenheitskäufern Wachstumspotenzial. Rund 80 Prozent der Kunden kaufen laut der Verbraucherbefragung Ökobarometer 2025 Bio-Produkte, viele davon jedoch nur ab und zu.
Bio-Frische könne eine wichtige Rolle dabei spielen, aus aufgeschlossenen Verbrauchern regelmäßige Bio-Käufer mit einem höheren Bio-Umsatz zu machen. Deutsche Bio-Frische aus verbandsgebundenem Anbau könne „zum alltagstauglichen Bio-Markt- und Gesundheitsprofil-Booster werden“, so Niemann.
Nutzen für den LEH
Die Teilnehmer an den „Innovation-Labs“ sollen gemeinsam konkrete Ideen für Sortiment und Marketing entwickeln. Unter anderem soll besprochen werden, welche Hürden weiteres Wachstum der deutschen Bio-Frische bislang verhindern, welche Food-Trends die Produkte bedienen können und mit welchen neuen Artikeln sich bestehende Sortimente ergänzen lassen. Dazu gehöre auch die Frage, wie sich deutsche Herkunft, ökologische Erzeugung und weitere Produktmerkmale glaubwürdig kommunizieren lassen.
Für Category- und Buying-Manager verspricht das KÖN Einblicke in aktuelle Verbraucher- und Markttrends rund um Longevity sowie Praxisbeispiele für innovative Sortimentsentwicklung. Die geladenen Referenten skizzieren dazu erfolgreiche Beispiele aus dem benachbarten Ausland und geben konkrete Hinweise für die Umsetzung. Gemeinsam mit den anderen Teilnehmern sollen neue Impulse für Nachfrage, Profilierung und Wertschöpfung entwickelt und deren Potenziale bewertet werden, so die Veranstalter.
Ein weiterer Nutzen soll im direkten Austausch entlang der Lieferkette liegen: Handel, Lieferanten, also Packer, Bündler, Hersteller und Erzeugerorganisationen kommen in den Labs zusammen. Handelsentscheider erhalten damit die Möglichkeit, Anforderungen und Hemmnisse aus ihrer Perspektive einzubringen und eine branchenübergreifende Wachstumsstrategie für deutsche Bio-Frische frühzeitig mitzugestalten.
Weitere Infos zu den „Innovation-Labs“ siehe Kasten.
Interview mit Henning Niemann
Henning Niemann arbeitet beim Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen als Berater für Verarbeiter und Händler.
Henning Niemann ist Berater beim Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen (KÖN) und Bioland-Ackerbauer im Nebenerwerb. Er leitet das zunächst auf ein Jahr befristete Projekt „Mehr Ökolandbau durch Selbstverpflichtung des Handels“. Niemann kennt die Situation der Bio-Landwirte und die Bedürfnisse des Handels sehr genau. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, welches Wachstumspotenzial er beim Bio-Gemüse sieht und warum aus seiner Sicht kein Vertreter namhafter Lebensmitteleinzelhändler die „Innovation-Labs“ verpassen sollte.
Herr Niemann, wie ist aus Ihrer Sicht die aktuelle Situation der Bio-Erzeuger?
Der Bio-Markt steckt in einer Depression. Erzeuger bekommen schlechte Preise für ihre Produkte und es gab aus der Ernte 2025 Übermengen, also Waren, die wetterbedingt über ursprünglich geplante und benötigte Mengen hinaus vorhanden waren. Sie mussten zum Teil weggeworfen werden. Und Naturkost Nord ist insolvent – das zeigt den großen Druck, der aktuell auch im Handel herrscht. Dabei gibt es ein riesiges Potenzial. Der Absatz von Bio wächst derzeit vorrangig über Importe. Die gute Nachricht ist: Der heimische Ökolandbau kann gerade bei diesen Frische-Produkten schnell auf steigende Nachfrage reagieren.
Seit wann beobachten Sie die Entwicklung?
Von den Jahren 2014/2015 bis zum Ende der Corona-Zeit gab es eine stabile Öko-Wachstumsphase. Der Markt hat zugelegt, es gab gute Preise und Öko-Landwirtschaftsbetriebe haben mehr Geld verdient als konventionelle Berufskollegen. Davon haben viele profitiert. Mit Kriegsbeginn in der Ukraine ist das gekippt. Der Ökolandbau befindet sich seither in einer Seitwärtsbewegung. Die Importe wachsen. Die Kosten für Maschinen, Energie und weitere Produktionsmittel sind um bis zu 60 Prozent gestiegen. Das ist ein Dilemma und führte auch zu Rückumstellungen auf konventionellen Anbau. Aber auch dort sind die Perspektiven nicht rosig. Verarbeiter und Händler haben ebenso mit Kostensteigerungen zu hart kämpfen.
Sie bewerben das Ziel „Mehr Deutsche Bio-Frische" beim LEH mit dem Schlagwort „Longevity“. Wie kamen Sie auf die Idee?
Den Bio-Anteil im Anbau zu steigern, entspricht genau dem, was wir gesellschaftlich und politisch erreichen wollen. Der größte Hebel in einer alternden und vitalitätshungrigen Gesellschaft ist die Gesundheit. Für Longevity ist neben Bewegung vorrangig die Ernährung bedeutsam. Mit mehr Bio – insbesondere bei Obst und Gemüse – kann der Handel sich in diesem Segment profilieren. Der LEH hat längst mit seinen jeweiligen „Planetary-Health-Diet-Strategien“ auf die sich wandelnden Konsumtrends reagiert. Er wird damit zum Gewinner, denn: mehr Umsatz bedeutet mehr Marge. Es ist die Aufgabe der Branche, neue Kaufimpulse auszulösen, dieses Potenzial zu heben und Geld zu verdienen. Kein Handelshaus kann es sich leisten, nicht dabei zu sein.
Sie bringen auch die Packer und Bündler mit an den Tisch. Welche Rolle spielen sie?
Die Bündler und Packbetriebe sind wichtige Akteure mit einer Schlüsselfunktion: Sie sind die Lieferanten für den LEH. Sie übernehmen häufig die Produktentwicklung und technische Leistungen. Sie schlagen im Kontext von Cross-Selling zum Beispiel vor, eine Schale kleine Kartoffeln, so genannte „Drillinge“ in der Pappschale mit Plastiküberzug speziell für den Airfryer anzubieten. Zum Beispiel bei Penny in diesem Frühjahr vor der Ladentür.
Was soll mit den „Innovation Labs“ erreicht werden?
Es gibt drei Termine (siehe unten), dort sind jeweils maximal 20 Teilnehmer im Raum. Die Idee ist, dass wir alle zu Wort kommen und gemeinsam die Branche voranbringen. Aldi Süd hat beispielsweise 2018 ausschließlich Bio-Möhren verkauft und auf konventionelle verzichtet. Wenn ein großer Akteur eine wichtige Entscheidung trifft, bringt das Mengen in Bewegung. Der große Hebel ist der LEH. Der Naturkost-Großhandel und die Belieferer der Außer-Haus-Verpflegung sind selbstverständlich ebenso eingeladen.
Ziel des Projektes ist es, die Marktmacht an den Tisch zu bringen und der Lebensmittelbranche unerschlossene Potenziale aufzuzeigen. Wir wollen mehr Schwung draufbringen und mutig sein.
Das Projekt ist auf ein Jahr befristet. Geht es danach weiter?
In 12 Monaten werden wir nicht die ganze Welt retten. Ich wünsche mir ein Anschlussprojekt dazu, bei dem auch weitere Produkte in den Fokus genommen werden können. Die Tatsache, dass Longevity in immer mehr Köpfen präsent ist, ist ein gutes Zeichen.
Infos zu den „Innovation-Labs“
Möhren: 30. September, 9.45 bis 14 Uhr, Frankfurt
- ,,Bio macht Sinn – Herkunft macht den Unterschied",
Dr. Wolfram Dienel, ÖkoStrategieWissen&Beratung, Leipzig - ,,Gesund, nachhaltig, stylish: Bio-Gemüse im Zeitalter des bewussten Konsums",
Prof. Dr. Katrin Zander, Universität Kassel – Fachgebietsleiterin Agrar- u. Lebensmittelmarketing - Diskussion zu Exploration und Bewertung von Wachstumspotenzialen
Adresse: K1 Business Club, Friedrich-Ebert-Anlage 35-37, Frankfurt
Anmeldung bis 10. September per Mail an h.niemann@oeko-komp.de
Äpfel: 6. Oktober, 9.45 bis 14 Uhr, Jork (Altes Land)
- „Bio-Äpfel aus Deutschland – vom Aschenputtel zum Star der Party!“,
Gunnar Brune, Strategie-, Marketing- , Ki-Beratung und Storytelling für Food und Frische, Tricolore Strategy Hamburg. - Diskussion zu Exploration und Bewertung von Wachstumspotenzialen
Adresse: Herzapfelhof Lühs, Osterjork 102, Jork
Anmeldung bis 25. September per Mail an h.niemann@oeko-komp.de
Kartoffeln/Zwiebeln: Di, 13. Okt., 9.45-14.00 Uhr, Essen
- „Exklusiver Blick in die aktuelle Erntemengenerhebung beider Produkte“,
Josephine Hardt, Geschäftsführerin Bio Kartoffel Erzeuger Verein, Güstritz - „Bio-Kartoffeln auf die 1 – Raus aus der Commodity, rein in den Einkaufskorb“
Janina Bembenek, Leitung Marketing, Obst vom Bodensee Vertriebsgesellschaft, Friedrichshafen - Diskussion zu Exploration und Bewertung von Wachstumspotenzialen
Adresse: Four Points Flex by Sheraton, Hachestraße 63, Essen
Anmeldung bis 1. Oktober per Mail an h.niemann@oeko-komp.de
Anmeldung zu den „Innovation-Labs“:
- Im Tandem zum Erfolg: Verarbeiter und Erzeuger-Organisationen nehmen gemeinsam mit einem Category- oder Buying-Manager des Handels teil. - Die Teilnahme ist kostenlos – die Veranstaltungen werden aus Mitteln des Landes Niedersachsen gefördert. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt – bitte melden Sie pro Unternehmen eine Person an
- Die Teilnahme ist kostenlos. Die Veranstaltungen werden aus Mitteln des Landes Niedersachsen gefördert. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt – bitte melden Sie pro Unternehmen eine Person an.
- Moderation: Henning Niemann
- Veranstalter: Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen GmbH (KÖN), Projekt-Homepage: Mehr Ökolandbau durch Selbstverpflichtung des Handels
- Kontakt und Anmeldung: Henning Niemann, Verarbeiter- und Händlerberater beim KÖN, h.niemann@oeko-komp.de
Weitere Termine:
Strategie-Gipfel „Mehr Deutsche Bio-Frische": 30. November/1. Dezember, Visselhövede
Mit den Teilnehmenden der Innovation-Labs. Der Handel ist durch die Leitung von Vertrieb und Marketing vertreten. Auf der Grundlage der erarbeiteten Ergebnisse werden die vielversprechendsten Ansätze zu einer branchenübergreifenden Wachstumsagenda weiterentwickelt. Weiterhin sollen mögliche Zielvereinbarungen und Verantwortlichkeiten als Grundlage für eine Kampagne festgelegt werden. Am folgenden Tag werden die Entwicklungschancen beim öffentlichen „10. Bio-Fachforum Gemüse und Kartoffeln" im selben Tagungshaus zur Diskussion gestellt.
Biofach-Kongress: Pressekonferenz: 16. Februar 2027, Nürnberg
Präsentation gemeinsamer Strategien und Zielvereinbarungen in der Wertschöpfungskette sowie begleitende Öffentlichkeitsarbeit.
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