Frau Schritt, Sie befinden sich seit Kurzem mit Naturkost Nord in einem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung und müssen den Großhändler sanieren. Wie kam es dazu?
Katarina Schritt: Kornkraft Naturkost hat vor ungefähr zwei Jahren eine Kooperation mit Naturkost Nord begonnen. Schon zu dieser Zeit stand Naturkost Nord nicht gut da. Diese Situation war auch der Ausgangspunkt der Gespräche, die wir damals geführt haben. Insofern befinden wir uns eigentlich seit zwei Jahren in einer Sanierungsphase, beziehungsweise einer Umgestaltung des Unternehmens, um es zukunftsfähig aufzustellen.
Was hat den Ausschlag gegeben, in ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung zu gehen?
Konkret gibt es einen Punkt, den wir nicht lösen konnten. Naturkost Nord hat in der Corona-Zeit zusätzliche Kapazitäten in der Lagerhalle in Seevetal angemietet, um den Kunden ein größeres Trockensortiment anbieten zu können. Doch diese Strategie ist nicht aufgegangen, weil sich das Unternehmen nicht so entwickelt hat, wie der damalige Geschäftsführer das gehofft hatte. Nach Corona ist die Nachfrage im Bio-Fachhandel eingebrochen und die Kosten sind gestiegen. Die Lagerhalle ist zu groß und zu teuer. Aus den Mietverträgen sind wir nicht herausgekommen und auch im Gespräch mit dem Vermieter konnten wir keine Lösung finden.
Matthias Deppe ist Anfang 2026 aus der Geschäftsführung bei Naturkost Nord ausgeschieden. War das bereits beim Einstieg von Kornkraft so geplant?
Bereits bei den Gesprächen über einen Einstieg von Kornkraft hat Matthias Deppe mit in die Verhandlungen gegeben, dass er gerne zurücktreten und das Unternehmen in kraftvolle Hände geben möchte. Er ist nicht mehr in der Geschäftsleitung, aber fast noch jeden Tag da und fungiert als Berater. Ich glaube, das ist für beide Seiten gut.
„Ich nehme insgesamt wahr, dass viele Großhändler unter Druck stehen.“
Welche Verbesserungen sehen Sie seit dem Einstieg von Kornkraft bei Naturkost Nord?
Bei all den aktuellen Aufgaben rund um die Sanierung vergesse ich manchmal, darauf zu blicken, was wir schon alles geschafft haben. Wir haben Naturkost Nord in das Warenwirtschaftssystem von Kornkraft integriert. In diesem Bereich war das Unternehmen nicht mehr zeitgemäß aufgestellt und konnte eine Modernisierung finanziell nicht mehr allein stemmen. Außerdem können Warenbestellungen bei Naturkost Nord inzwischen in einem gut funktionierenden Onlineshop aufgegeben werden, was bei den Kundinnen und Kunden sehr gut ankommt. Und auch im Lager und in der Logistik haben wir viele Strukturen verändert und neu organisiert. Wir konnten die Lieferqualität verbessern, haben weniger Packfehler und sind zuverlässiger in der Belieferung geworden. Auch das sind wichtige Punkte für die Kunden. Beim Fuhrpark haben wir damit begonnen, einen großen Sanierungsstau anzugehen. Eine wichtige Maßnahme war zudem, dass wir das Trockenlager in Seevetal aufgelöst haben.
Welche weiteren Schritte sind geplant?
Einer der wichtigsten Punkte ist jetzt, in Verhandlungen mit dem Vermieter zu gehen. Parallel sind wir dabei, nach alternativen Lagerstandorten in der Nähe des Firmensitzes in Seevetal zu suchen, um die Kosten in diesem Bereich zu reduzieren. Außerdem prüfen wir, wie wir die Kosten für Logistik, Personal und die Energieversorgung reduzieren können. Ein Problem der zu großen Lagerhalle ist auch, dass es ein sehr altes Gebäude ist und wir dort sehr hohe Energiekosten haben.
Wie lange wird es dauern, bis diese Sanierung abgeschlossen ist?
Ich gehe davon aus, dass wir im nächsten halben Jahr Klarheit über die notwendigen Schritte gewinnen werden. Wann alles abgeschlossen sein wird, kann heute noch niemand beantworten.
Und wie optimistisch sind Sie, dass die Sanierung gelingt?
Wir sind auf einem sehr guten Weg. Ein wichtiger Baustein ist, die Lagerkosten zu reduzieren. Dafür brauchen wir jetzt eben den Rahmen der Insolvenz.
Wie sehr belastet die Insolvenz von Naturkost Nord die Situation bei Kornkraft?
Kornkraft ist der größte Gläubiger von Naturkost Nord. Gleichzeitig ist Kornkraft aber finanziell gut aufgestellt und hat ausreichend Rücklagen, sodass es da keine Gefährdung von Kornkraft gibt.
Mehr zu Katarina Schritt
Katarina Nina Schritt hat Soziologie und VWL studiert. Seit 2017 ist sie Teil der Geschäftsführung des von ihren Eltern Sabine und Joachim gegründeten Bio-Großhändlers Kornkraft Naturkost. 2011 startete sie dort im Personalwesen. Die operative Leitung des Familienbetriebs teilt sich Katarina Schritt mit Bruder Robin. Seit dem Jahr 2024 ist sie zusätzlich auch Geschäftsführerin von Naturkost Nord.
Über Naturkost Nord
Der Bio-Großhändler mit Sitz im niedersächsischen Seevetal wurde 1994 gegründet und beliefert Kunden in einem Radius von etwa 150 Kilometern rund um Hamburg mit Bio-Lebensmitteln. Im Jahr 1999 wurde Matthias Deppe Teil der Geschäftsführung. Eine Messe zum zehnjährigen Bestehen des Unternehmens war der Startschuss für die BioNord und die weiteren Regionalmessen. Wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten nach der Corona-Pandemie stieg 2024 Kornkraft Naturkost als Gesellschafterin bei Naturkost Nord ein. Anfang des Jahres 2026 schied Matthias Deppe aus der Geschäftsführung aus. Naturkost Nord hat knapp 40 Mitarbeitende und erzielte im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von 15 Millionen Euro.
Über Kornkraft Naturkost
Kornkraft Naturkost mit Sitz im niedersächsischen Großenkneten-Huntlosen wurde 1981 von Sabine Moeller-Schritt und Jochen Schritt gegründet. Der Bio-Großhändler beliefert laut eigenen Angaben rund 1.000 Kunden, insbesondere in Nordwestdeutschland, darunter Bioläden, Hofläden, Gastronomiebetriebe, Schulen und Großküchen. Das Unternehmen beschäftigt rund 120 Mitarbeitende und erzielte im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von 30 Millionen Euro. 2025 gewann Kornkraft den Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie Lebensmittel-Großhandel.
Wird am Ende aus Kornkraft und Naturkost Nord ein Großhändler werden?
Ich bin überzeugt davon, dass das gar nicht die entscheidende Frage ist. Kornkraft und Naturkost Nord sind schon heute so eng miteinander verwoben, dass es zum Beispiel für Kunden und Erzeuger keinen Unterschied machen würde, ob es ein oder zwei Großhändler sind. Das Wichtige ist, dass wir das, was Matthias Deppe mit Naturkost Nord in den vergangenen 25 Jahren aufgebaut hat, erhalten.
Woran denken Sie da konkret?
Kornkraft und Naturkost Nord haben viele gemeinsame Werte. Beide Unternehmen passen mit ihren Zielen gut zusammen. Wir wollen im Raum Hamburg und Schleswig-Holstein die Erzeugerstrukturen erhalten. Und da macht es was aus, ob es einen regionalen Großhändler wie Naturkost Nord gibt, mit seinen diversen Kundenstrukturen, mit den großartigen Hofläden. Die Mitarbeiter von Naturkost Nord haben in den vergangenen Jahren ziemlich viel bewegt und es auch in schwierigen Zeiten geschafft, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Auch deshalb ist es uns ein Anliegen, dass es weitergeht.
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Wie blicken Sie auf den Bio-Großhandel insgesamt?
Ich nehme insgesamt wahr, dass viele Großhändler unter Druck stehen, weil insbesondere die Kosten in der Logistik immer weiter steigen, weil Lohnkosten steigen, weil Energiekosten steigen. Gleichzeitig entwickelt sich der Umsatz nicht im gleichen Sinne dynamisch. Diese Entwicklung langfristig zu stemmen, stellt viele Großhändler vor große Herausforderungen.
Gleichzeitig sehe ich heute aber auch ganz andere Möglichkeiten für Kooperationen. Ich nehme eine sehr viel größere Bereitschaft wahr, miteinander zu sprechen und gemeinsam nach Synergieeffekten zu suchen, als das noch bei der Gründergeneration der Fall war. Dort gab es eher Abgrenzungsbedürfnisse. Ich gehe davon aus, dass Kooperationen unter den Großhändlern in Zukunft noch intensiver werden. Der Verbund der Regionalen und auch die Einkaufsgemeinschaft Korbio sind aus meiner Sicht ein Baustein dafür.
Kooperationen wurden Anfang des Jahres auch zwischen dem Einzelhandel und dem Großhandel verkündet. Terra Naturkost und Bio Company haben mit der Bioverbund SE eine Dachgesellschaft gegründet. Naturkost West hat sich von Edeka Rhein-Ruhr übernehmen lassen. Wie beurteilen Sie solche Kooperationen?
Ich würde diese beiden Entwicklungen unterscheiden: Grundsätzlich halte ich es für wichtig, dass es Kooperationen im Biomarkt gibt, und ich glaube, dass die für die Zukunft noch wichtiger werden, um langfristig zukunfts- und leistungsfähig zu bleiben. Im Falle von Terra Naturkost und Bio Company denke ich, dass sich da zwei Unternehmen zusammengetan haben, die ähnliche Werte vertreten und denen regionale Strukturen sehr wichtig sind.
Kritisch sehe ich hingegen den Einstieg von konventionellen Handelsstrukturen in den Biomarkt. Ich kann zwar sehr gut nachvollziehen, warum solche Kooperationen zustande kommen, insbesondere wenn Kostenzwänge da sind. Ich will das gar nicht verurteilen. Trotzdem glaube ich, dass das nicht unbedingt die Partner sind, die uns für die Branche guttun. Wir sollten vielmehr nach Partnern innerhalb der Branche Ausschau halten, die auch die gleichen Werte und Ziele verfolgen.
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