Zum Consentmanager springen Biohandel
Erfolgreich mit Bio handeln.

Warum beim Öko-Saatgut die Zeit drängt

Dr. Freya Schäfer

Mit dem FiBL-Roadmaps-Projekt versucht Dr. Freya Schäfer, Bio-Wertschöpfungsketten vom Saatgut an ökologischer zu gestalten. Im Interview erklärt sie, warum hierfür die Zeit davonläuft – und warum auch Verarbeitung und Handel das Thema Saatgut im Blick haben sollten.

Frau Dr. Schäfer, wie bio sind die Wertschöpfungsketten in der Biobranche?

Ziemlich bio – aber oft nicht ganz durchgängig. Unsere Wertschöpfungsketten werden zwar immer ökologischer. Doch beim Saat- und Pflanzgut, dem allerersten Glied dieser Ketten, dominiert im Ökolandbau nach wie vor häufig konventionelles Material.

Zur Person

Dr. Freya Schäfer ist Senior-Wissenschaftlerin am FiBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau) Deutschland. Dort arbeitet sie an der Entwicklung von Roadmaps zur Verbesserung der Versorgung mit ökologisch erzeugtem Saat- und Pflanzgut bis 2036 (Projekt RoadmapsOekoPVM).

Und das ist erlaubt?

Wenn für eine Kultur nicht genug Biosaat- und Pflanzgut zur Verfügung steht, dürfen Landwirt:innen laut EU-Öko-Verordnung noch bis 2037 Ausnahmegenehmigungen beantragen. Werden diese gewährt, dürfen sie konventionelles, ungebeiztes Saatgut verwenden. Dieses System ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits hätte der Bio-Markt ohne diese Regelung in den letzten Jahrzehnten niemals so schnell wachsen können. Andererseits haben sich die Ausnahmen als eine Art Krücke etabliert, ohne die der Markt zusammenbrechen könnte – und die die Integrität von Bio untermauert.

Lesen Sie auch:

Wird Bio jetzt unkomplizierter?

EU-Öko-Verordnung

Im Dezember hat die EU-Kommission Pläne zur Überarbeitung der EU-Öko-Verordnung vorgelegt. Neben viel Zuspruch aus der Branche gibt es jedoch auch Kritik. Unsere Autorin hat die Details geprüft.

Wieviel konventionelles Saatgut steckt demnach in unseren Bio-Produkten?

Das ist von Kultur zu Kultur unterschiedlich. Für Getreide und Soja ist die Versorgungslage recht gut, hier gibt es nur wenige Ausnahmen. Und bei Kichererbsen stammt immerhin mehr als die Hälfte des verwendeten Saatguts aus konventioneller Vermehrung. Für die meisten Gemüsekulturen ist die Versorgungslage hingegen schlecht. Nur jede zehnte Bio-Möhre stammt aus Bio-Saatgut, dasselbe gilt für Lauch und Blumenkohl. Bei den anderen Kohlarten liegt der Bio-Saatgut Anteil bei circa 50 Prozent; bei Erbsen, Bohnen, Brokkoli und Zucchini zwischen 20 und 30 Prozent. Am schwierigsten ist die Versorgungslage im Raps-, Wein- und Obstbau. Hier steht aktuell nur sehr wenig bis gar kein ökologischen Pflanzenvermehrungsmaterial zur Verfügung.

Ab 2037 sollen alle Bio-Produkte aus ökologischem Saat- und Pflanzgut stammen? Ist das realistisch?

Die Zielmarke 2037 ist grundsätzlich erreichbar – aber nur, wenn Politik, Züchtung, Praxis und die nachgelagerte Wertschöpfungskette jetzt deutlich nachsteuern. Die Analysen des Roadmaps-Projekts haben ergeben, dass es für viele Kulturen herausfordernd bleibt, zeitnah genügend ökologisches Saat- und Pflanzgut bereitzustellen. Das hat vor allem mit Marktstrukturen und Kosten zu tun. Züchtung und Saatgut sind – auch im Biobereich – stark von wenigen großen Akteuren geprägt. Und die Vermehrung unter Bio-Bedingungen bringt oft geringere Erträge, mehr Krankheits- und Schädlingsdruck und damit höhere Preise mit sich. Deshalb ist Bio-Saatgut bei einigen Kulturen 50–100 Prozent teurer als konventionelles Material derselben Sorte. 

„Bei Saatgut dominiert im Ökolandbau häufig noch konventionelles Material.“

Und wer trägt die Mehrkosten für Bio-Saatgut?

Fast ausschließlich die Landwirtinnen und Landwirte. Sofern verfügbar, müssen sie ökologisches Saat- und Pflanzgut einsetzen – auch wenn dieses deutlich teurer ist. In der nachgelagerten Wertschöpfungskette werden diese Mehrkosten jedoch kaum gesehen und so gut wie nie bezahlt. Wichtig wäre nun, dass die Anstrengungen für eine bessere Versorgung mit Bio-Saatgut wirklich EU-weit erfolgen. Denn wenn wir jetzt nur auf deutschen Feldern den Bio-Saatgut-Anteil erhöhen, haben deutsche Landwirt:innen durch die höheren Kosten einen Wettbewerbsnachteil. Erst 2037, wenn die Ausnahmen für konventionelles Saatund Pflanzgut EU-weit auslaufen, würden dann wieder gleiche Spielregeln für alle gelten. Damit Betriebe und Unternehmen bis dahin konsequent auf Bio-Saatund Pflanzgut umstellen, braucht es gezielte Anreize und Förderinstrumente.

Müssen bis 2037 alle Bio-Pflanzen auch ökologisch gezüchtet sein?

Nein – und das wäre auch gar nicht zu schaffen. Bei Ackerkulturen wie Weizen wird bereits ein Zehntel der Fläche mit Sorten aus Öko-Züchtung angebaut. Bei Gemüse beträgt der Marktanteil jedoch nur etwa ein Prozent, bei Obst ist es noch weniger. Ökogezüchtete Sorten sind also noch sehr rar und oft nicht für die breite Vermarktung geeignet – und das lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Die EU-Verordnung schreibt derweil nur vor, dass das gesamte Saat- und Pflanzgut für den Ökolandbau ab Januar 2037 aus ökologischer Vermehrung stammen muss. Das bedeutet, dass auch konventionell gezüchtete Pflanzen als Ursprungsmaterial dienen können. Sobald ihr Saatgut eine Generation lang ökologisch vermehrt wird, darf es als Bio-Saatgut zertifiziert und vermarktet werden.

Was passiert, wenn wir das Ziel „100% Bio-Saatgut“ bis 2037 nicht erreichen?

Die Auswirkungen wären dramatisch – und zwar für die gesamte Bio-Branche. Landwirt:innen könnten einige Kulturen nur noch als konventionelle Ware verkaufen und hätten dadurch einen finanziellen Nachteil. In der Folge würden einige von ihnen vermutlich auf konventionelle Landwirtschaft rückumstellen. Manche Produkte wären dann womöglich gar nicht mehr in Bio-Qualität verfügbar, andere würden spürbar teurer. Derweil müssten herstellende Unternehmen gegebenenfalls ihre Rezepturen ändern, um sicherzustellen, dass ihre Produkte weiterhin zu mindestens 95 Prozent aus Öko-Anbau stammen und als bio verkauft werden dürfen.

„Wenn wir jetzt nur auf deutschen Feldern den Bio-Saatgut-Anteil erhöhen, haben deutsche Landwirte einen Wettbewerbsnachteil.“

Das klingt dramatisch. Haben Verarbeitung und Handel das Thema Saatgut denn entsprechend auf dem Schirm?

Bis auf wenige Ausnahmen: nein. Obwohl Saatgut die Grundlage unserer Nahrung ist, wird kaum infrage gestellt, ob es ökologisch oder konventionell vermehrt wurde. Hauptsache, der Ertrag und die Handelsklasse passen. Gleichzeitig fühlen sich viele mit dem Thema überfordert, weil es oft in komplexen Gentechnik-Debatten eskaliert. Im Roadmaps-Projekt versuchen wir, den Blick nach vorne zu richten und zu prüfen, was geschehen muss, damit wir es ausnahmsweise einmal schaffen, eine EU-Regelung in der Biobranche rechtzeitig umzusetzen (lacht).

Wie kann die Branche von den Erkenntnissen des Projekts profitieren?

Wir starten im Projekt gerade eine neue Phase, in der wir Unternehmen darin unterstützen, mehr Transparenz in ihre Lieferketten zu bringen. Dazu müssen sie ihren Zulieferern die richtigen Fragen in Bezug auf Saatgut und Sortenwahl stellen. Das sind wichtige Informationen, die bisher meist auf dem Acker verloren gehen – und die angesichts der Deregulierung der neuen Gentechnik (NGT) künftig immer kostbarer werden.

Was hat denn Bio-Saatgut mit neuer Gentechnik zu tun?

Die Produktion von Bio-Saatgut fällt unter die EU-Bio-Verordnung – und hier ist und bleibt Gentechnik tabu. Konventionelles Saatgut könnte hingegen schon bald aus NGT-Züchtungen stammen – ohne dass dies nachweisbar oder kennzeichnungspflichtig wäre. Die konsequente Verwendung von zertifiziertem Bio-Saatgut ist demnach die verlässlichste Strategie für Landwirte, Verarbeiter und Händler, um trotz der Deregulierungspläne gentechnikfrei zu bleiben.

Lesen Sie auch:

NGT-Lockerungen setzen Bio unter Druck

Gentechnik

Die geplanten Lockerungen der EU-Regeln zur Neuen Gentechnik nehmen die nächste Hürde. Die EU-Mitgliedstaaten stimmten im AStV zu. Nun ist das Europaparlament am Zug. Wie Bio-Verbände reagieren.

Update

Welche Rolle spielt das Lieferkettengesetz in der Saatgut- und Gentechnik-Debatte?

Das deutsche Lieferkettengesetz und die EU-CSDDD enthalten keine Produktoder Produktionsvorschriften. Allerdings verlangen sie von den Unternehmen Präventionsmaßnahmen bei menschenrechtlichen und umweltbezogenen Risiken – und hier wird das Thema Saatgut interessant. Denn ob für ein landwirtschaftliches Produkt ökologisches, konventionelles oder gar gentechnisch verändertes Saatund Pflanzgut eingesetzt wird, hat Auswirkungen auf unsere Biodiversität, auf die Souveränität der Landwirte und auf Integrität und Transparenz unserer Lieferketten. Wenn Unternehmen aus Import, Verarbeitung und Handel die Verwendung von ökologischem Saatgut in ihren Produkten fordern und fördern, können sie Risiken ganz am Anfang der Lieferkette reduzieren, ihre gesetzlichen Sorgfaltspflichten vorausschauend erfüllen – und unsere Bio-Produkte gleichzeitig noch mehr bio machen.

Anmerkung der Redaktion: Das Roadmaps-Projekt wird vom Bundesprogramm Ökologischer Landbau (BÖL) gefördert und in Zusammenarbeit zwischen FiBL Deutschland und der Bioland Praxisforschung umgesetzt.

Kommentare

Registrieren oder anmelden, um zu kommentieren.

Weiterlesen mit BioHandel+

Melden Sie sich jetzt an und lesen Sie die ersten 30 Tage kostenfrei!

  • Ihre Vorteile: exklusive Berichte, aktuelles Marktwissen, gebündeltes Praxiswissen - täglich aktuell!
  • Besonders günstig als Kombi-Abo: ausführlich in PRINT und immer aktuell mit ONLINE Zugang
  • Inklusive BioHandel e-Paper und Online-Archiv aller Printausgaben beim ONLINE Zugang
Jetzt 30 Tage für 0,00 € testen
Sie sind bereits Abonnent von BioHandel+? Dann können Sie sich hier anmelden.

Auch interessant: