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Erfolgreich mit Bio handeln.

„Wir waren Opfer unseres eigenen Erfolges“

Biofach-Gründer Hagen Sunder

Hagen Sunder ist Mitgründer der Biofach. Zu seinem 85. Geburtstag blickt er auf die Anfänge der Messe zurück und erzählt, auf welche Widerstände er stieß, wie sich die Biofach entwickelt hat und wo er die Messe in Zukunft sieht. 

Ohne ihn würde die Bio-Branche heute womöglich anders aussehen: Hagen Sunder ist ein Umweltbewegter der ersten Stunde. 1979 gründet er die Grünen in Bayern mit, entwickelt ein Wasserspargerät für WCs und veranstaltet mit Ökologa und Ökowelt Märkte für ökologische Produkte. Sunder wollte mit seiner Arbeit einen Beitrag für ein grundlegendes Umdenken der Menschheit leisten – und Bio war für ihn ein zentraler Baustein für die Sicherung unsere zukünftigen Lebensgrundlagen.

Mit der Biofach, die er im Jahr 1990 gemeinsam mit Hubert Rottner und Jürgen Riest gründete, trug er maßgeblich dazu bei, dass sich die damals noch junge Bio-Branche präsentieren, vernetzen und neue Zielgruppen erreichen konnte. In diesem Jahr feiert Sunder seinen 85. Geburtstag – und blickt zurück auf die Entwicklung der Messe. Dabei äußert er sich auch kritisch zu dem von der Biofach inzwischen wieder zurückgezogenen Vorhaben, auch konventionelle Lebensmittel auf der Messe zuzulassen.

Hagen Sunder: „Es gab ein stürmisches Wachstum.“

BioHandel: Hagen Sunder, wie kam es zur Gründung der Biofach?
Hagen Sunder: Der Markt für Erzeugnisse des ökologischen Landbaus hatte sich bis 1990 bereits weit entwickelt. Es gab damals circa 1.300 Naturkost- und Hofläden, aber auch schon Großhändler wie Schwarzbrot, Rapunzel, Dennree und Biogarten. Es brauchte ein großes Schaufenster und einen Treffpunkt für Schulung und Erfahrungsaustausch. Mit Unterstützung des Bundesverband Naturkost Naturwaren Einzelhandel [heute Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN), d. Red.] kam es dann vom 9. bis 11. März 1990 zur ersten Biofach in der Stadthalle Ludwigshafen.

Die Biofach, die Sie gemeinsam mit Hubert Rottner und Jürgen Ries gründeten, wurde als Fachmesse konzipiert. Warum?
Bevor es uns gab, trafen sich die Ladnerinnen und Ladner auf den Hausmessen der Großhändler oder auf der Gesundheitsmesse Pro Sanita in Stuttgart. Dorthin kamen aber auch die Verbraucherinnen und Verbraucher, die nicht unbedingt die Preislisten für die Wiederverkäufer sehen sollten. Es gab auch ein großes Bedürfnis nach Schulung, Erfahrungsaustausch und Begegnung. All dies bot die Biofach von Anfang an.

Wer durfte bei der Biofach ausstellen? Jeder, der irgendwie „Bio“ machte?
Nein! Nur Anbieter mit Bio-Produkten, die den strengen Kriterien der Bio-Verbände wie Bioland und Naturland sowie die Anforderungen des BNN erfüllten, wurden zugelassen. Die EU-Bio-Verordnung, die EU-weite Standards für Bio setzt, gab es ja noch nicht, sie galt erst ab 1992.

Die Messe umfasste anfangs auch Naturwaren wie Kosmetik, Textilien, Reinigungsmittel, Schuhe und Naturfarben.
Bei den Naturwaren ging es ganz allgemein darum, den Einsatz von Chemie zurückzudrängen und durch Naturmaterialien zu ersetzen. Zunächst wurden all diese Sortimente, zum Beispiel Textilien, Lederwaren und Baubiologie, auch in Naturkostläden angeboten. Dann eröffneten aber immer mehr Spezialgeschäfte, die zum Beispiel nur Textilien oder Lederwaren anboten oder in die Baubiologie Eingang fanden. 1997 spalteten sich die Textilanbieter ab und versuchten es mit einer eigenen Messe.

Das Kernangebot der Biofach waren aber Produkte aus ökologischem Landbau. Wie war da die Entwicklung?
Es gab ein stürmisches Wachstum von in manchen Jahren über 20 Prozent mehr Ausstellern, wobei die meisten aus dem Ausland kamen. Die Bio-Branche musste nun alles nachholen, was im konventionellen Handel schon seit Jahrzehnten vorhanden war. Von Produzenten für Instant-Kaffee und Fertiggerichten bis hin zu Snack- und Softdrink-Anbietern kamen ständig neue Vertreiber dazu.

Die Messe zog mehrmals um, von Ludwigshafen nach Mannheim, von Wiesbaden nach Frankfurt und schließlich nach Nürnberg. Warum war das nötig?
Das lag am stürmischen Wachstum der Branche. Selbst Wiesbaden mit 20.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche wurde schnell zu klein. Die Messe Frankfurt brachte das Thema Bio in den Fokus der breiten Öffentlichkeit. Sogar das ARD-Morgenmagazin berichtete über uns.

Gab es auch Nachteile?
In Frankfurt war das Kuschelige, Heimelige weg. Auch versuchten die Besucherinnen und Besucher wegen der extremen Hotelpreise die Messe an einem Tag zu absolvieren, was natürlich schlecht fürs Networking auf der Messe war. Auch war es nicht möglich, ein ökologisches Catering anzubieten.

Heute sehe ich nicht ohne Stolz, dass die Biofach jedes Jahr nicht nur in Nürnberg, sondern auch weltweit, in Atlanta, São Paulo, Tokio, Bangkok, Shanghai, Neu-Delhi und Riad stattfindet.

Hagen Sunder

Und dann ging die Biofach nach Nürnberg!
Atmosphärisch war Nürnberg sofort ein Gewinn. Die Verweildauer der Besucherinnen und Besucher stieg − und damit die Wahrnehmung von Messe und Programm.

Hat denn die Messe zur Verbreitung von Bio-Produkten beigetragen?
Ja, absolut! Die Messe bot das nötige Schaufenster. Bioläden und schon bald auch die Einkaufsabteilungen der großen Lebensmittelketten konnten sich hier einen guten Überblick über das Angebot an Bio-Produkten verschaffen Auch konventionelle Verarbeiter von Lebensmitteln holten sich dort Anregungen für den Einstieg in eine Bio-Linie. Die Biofach schaffte die Marktöffnung, Bio wurde aus der Müsliecke geholt! Heute sind Bio-Produkte bekanntlich überall erhältlich, selbst in Discountern und an Tankstellen.

Warum haben Sie die Biofach nach elf Jahren verkauft, es lief doch prima?
Wir waren sozusagen Opfer unseres eigenen Erfolges. Die Bio-Bewegung war inzwischen international geworden. Unser wichtigster Förderer, der internationale Bio-Verband IFOAM, drängte uns, die Biofach in Nord- und Südamerika sowie in Asien zu etablieren. Doch das hätte unsere personellen und finanziellen Möglichkeiten gesprengt.

Wie reagierten denn die Aussteller und die Anbauverbände auf Ihre Entscheidung?
Der Entschluss wurde nicht nur von der IFOAM, sondern auch von unserem Ausstellerbeirat als weise Entscheidung begrüßt. Heute sehe ich nicht ohne Stolz, dass die Biofach jedes Jahr nicht nur in Nürnberg, sondern auch weltweit, in Atlanta, São Paulo, Tokio, Bangkok, Shanghai, Neu-Delhi und Riad stattfindet.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft von der hiesigen Biofach?
Ich finde es wichtig, dass die Veranstaltung wieder viel mehr in die breite Öffentlichkeit ausstrahlt und eine Werbewirkung für die Erzeugung und den Verzehr von Bio-Produkten hat. Schließlich geht es bei der Umstellung auf ökologischen Landbau um den dauerhaften Erhalt der Bodenfruchtbarkeit und damit um die Lebensgrundlage der Menschheit.

Vor einiger Zeit gab es Überlegungen seitens der Veranstalter, zukünftig auch konventionelle Lebensmittel zur Biofach zuzulassen, zum Beispiel Fair-Trade-Produkte, die nicht bio-zertifiziert sind. Dies scheint zwar erst einmal vom Tisch. Trotzdem: Wie finden Sie das?
Ich bin entsetzt! Das wäre das Ende der Biofach. Bio lebt von der Glaubwürdigkeit, die durch die strengen gesetzlichen Bio-Vorgaben gewährleistet wird. Würden diese Pläne tatsächlich Form annehmen, wäre dies ein echter Rückschritt und ein kollektiver Boykott der Biofach seitens der gesamten Bio-Branche angebracht! Das Gewerbeaufsichtsamt könnte aber auch die gesamte Messe wegen Verbrauchertäuschung schließen.

Haben Sie eine Botschaft an alle, die sich um eine lebenswerte Zukunft bemühen?
„Wenn die Menschheit sich nicht als ein kosmisches Wesen versteht, das 200 Millionen Jahre alt werden kann, wird sie die nächsten 200 Jahre nicht überleben.“ Dies habe ich 1979 auf einer Veranstaltung gesagt. Und diese Botschaft gilt mehr denn je!

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