Alle zwei Jahre vereint der Sustainable Economy Summit des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft in Berlin führende Köpfe aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Dabei geht es um die Frage, wie wirtschaftliches Handeln im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit und den planetaren Grenzen gelingen kann. In diesem Jahr zählten Robert Habeck, Prof. Maja Göpel und Eckard von Hirschhausen zu den prominentesten Referenten. Wie der Lebensmittelhandel mit dem Thema Nachhaltigkeit umgehen kann, schilderte Daniela Büchel, Vorstandsmitglied der Rewe Group, am Beispiel des Handelskonzerns.
Robert Habeck: „Klimaschutz erlebt Renaissance“
Aus Sicht von Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck erweisen sich die Energiekrisen als Chance für den Klimaschutz und für die Unabhängigkeit der Staaten von fossilen Energien. Um diese These zu untermauern, führte er die Öl-Krisen der 70er Jahre an. Die hätten im Wesentlichen die Energieeffizienz vorangebracht. So sei der Verbrauch der Kraftfahrzeuge von einst 20 Litern Benzin pro 100 Kilometer nach zehn Jahren auf durchschnittlich 8,5 Liter gesenkt worden.
Die Energiekrisen ab 2022 mit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine hätten zu einem Hochlauf der Erneuerbaren geführt. Und der Irankrieg habe schließlich vor Augen geführt, dass Konflikte zwischen Staaten Lieferketten blockieren und fossile Energien als Waffe benutzt werden. Daraus hätten viele Nationen gelernt und seien auf dem Weg, sich unabhängig von Förderländern zu machen.
Habeck geht davon aus, dass Atomkraft beim Weg in die Unabhängigkeit wegen hoher Kosten und der Abhängigkeit von Uran-Lieferländern eine wesentlich geringere Rolle spielen werde als die erneuerbaren Energien. Dezentrale Energieerzeugung sei auch der sichere Weg, wenn Energie von feindlichen Staaten als Kriegsziel anvisiert werde.
„Eine Ablösungstendenz von fossilen Energien findet statt. Das wird die Märkte dominieren“, prognostizierte Habeck und verwies auf entsprechende Aktivitäten in den USA, die trotz der „fossilen Rhetorik“ der Trump-Regierung stattfänden. Zudem hob er Zugeständnisse von Indien zur CO2-Bepreisung im Rahmen des EU-Freihandelsabkommens hervor. „Klimaschutz erlebt eine Renaissance!“, betonte er und räumte Deutschland bei der wirtschaftlichen Nutzung der Transformation trotz derzeitiger Zögerlichkeit noch Chancen ein. Seine Kritik: „Während China Weltmarktführer bei Wärmepumpen werden will, ebnet Deutschland den Weg zurück zu Gas- und Ölheizungen.“
Maja Göpel: „Ein Wirklichkeitstraum ist wichtig“
Transformationsforscherin Professorin Maja Göpel argumentierte, dass die großen Herausforderungen – Klimawandel, Biodiversitätsverlust, geopolitische Spannungen und soziale Ungleichheit – keine voneinander getrennten Krisen seien, sondern Ausdruck eines Wirtschaftssystems, das seine ökologischen und sozialen Grenzen überschritten habe. Die zentrale Frage sei deshalb nicht, ob sich die Wirtschaft verändert, sondern wie diese Veränderung gestaltet wird.
Göpels zentrale Aussagen:
- Wachstum ist kein Selbstzweck. Wirtschaftswachstum sollte als Mittel zum Erreichen gesellschaftlicher Ziele verstanden werden – nicht als Ziel an sich. Entscheidend seien Lebensqualität, Stabilität und Zukunftsfähigkeit.
- Nachhaltigkeit ist ein Wettbewerbsfaktor. Unternehmen, die Ressourcen effizient nutzen, Kreislaufwirtschaft fördern und klimafreundliche Innovationen entwickeln, verschaffen sich langfristige wirtschaftliche Vorteile.
- Politische Leitplanken sind notwendig. Märkte allein lösen die Transformation nicht. Verlässliche Rahmenbedingungen geben Unternehmen Planungssicherheit und schaffen Anreize für Investitionen in nachhaltige Technologien.
- Transformation ist Gemeinschaftsarbeit. Erfolgreicher Wandel entsteht durch Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Gegeneinander zu arbeiten, verzögere Lösungen.
- Kommunikation und Dialog sind entscheidend. Göpel betonte, dass viele gesellschaftliche Konflikte weniger an fehlendem Wissen als an mangelndem gegenseitigem Verständnis scheiterten. Ein konstruktiver Dialog sei Voraussetzung für tragfähige Veränderungen.
Göpel wirbt demnach für eine Wirtschaft, die ökologische Stabilität, soziale Sicherheit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gleichzeitig verfolgt. Nachhaltigkeit versteht sie nicht als Verzichtsprogramm, sondern als Modernisierungsstrategie, mit der Wohlstand innerhalb der planetaren Grenzen gesichert werden kann.
Basis müssten reale Daten und Fakten sein und keine Agenda der US-Konzerne, die durch Algorithmen verbreitet werde. Bei der Plattform X handele es sich um eine Anti-Woke-KI, die versuche, sozialen und ökologischen Fortschritt zu verhindern. „Ein Wirklichkeitsraum ist wichtig“, so die Wissenschaftlerin. Gegen die Einflussnahme müsse man sich wehren und den Widerstand mit einer Vision verbinden.
Eckart von Hirschhausen: „Erfrieren wird bei uns keiner mehr.“
Eckart von Hirschhausen sieht in der durch den Klimawandel entstehenden Hitze einen wesentlichen Faktor, der auch für die Wirtschaft relevant sei. Bei 42 Grad ende das Leben eines Menschen, weil das Eiweiß gerinne wie bei einem Frühstücksei. Viele Mitarbeitende würden bereits bei geringeren Temperaturen unproduktiv werden. Der Arzt und Komiker fragt sich, warum die Wärmepumpen nicht längst als Kühlpumpen angepriesen werden, wie in Frankreich: „Erfrieren wird bei uns keiner mehr.“
Auch beim klimabedingten Artensterben sieht Hirschhausen Auswirkungen auf die Wirtschaft. So stamme das Schmerzmittel Aspirin aus einem Wirkstoff der Weidenrinde – Nadeln der Eibe hülfen bei Krebserkrankungen. Und der Klettverschluss sei keine Erfindung des Menschen, sondern von der Klette abgeguckt. „Gegner von Windkraftanlagen führen gern ins Feld, dass die Rotoren Vögel töten. Im Vergleich zu Glasscheiben, Hauskatzen und Autos sind die Verluste durch Windkraftrotoren jedoch verschwindend gering“, erläuterte von Hirschhausen anhand einer Grafik.
Daniela Büchel: „Erreichte Fortschritte nicht infrage stellen“
Daniela Büchel, als Vorstandsmitglied der Rewe Group für die Bereiche Human Resources und Nachhaltigkeit verantwortlich, beschrieb, wie sich die Rahmenbedingungen für Nachhaltigkeit seit 2024 verschlechtert hätten. Internationale politische Entwicklungen – insbesondere aus den USA – beeinflussten die Nachhaltigkeitsdebatte stark und führten dazu, dass Unternehmen und Lieferkettenpartner ihre Klimaambitionen teilweise zurückfahren. Sie betonte jedoch, dass Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg kein Widerspruch seien, sondern zusammengehörten.
Zentrale Aussagen:
- Nachhaltigkeit bleibt unverzichtbar: Trotz politischer und wirtschaftlicher Gegenwinde halte Rewe an seinen Klimazielen fest, darunter die Science Based Targets und Net-Zero-Ziele (Reduktion von Treibhausgasen und anschließende Bindung verbleibender Emissionen).
- Gemeinsames Handeln ist nötig: Einzelne Unternehmen können die Herausforderungen nicht allein bewältigen. Es braucht Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.
- Europa hat Chancen: Während die USA in einigen Bereichen an Dynamik verlieren, treiben vornehmlich China und teilweise Europa nachhaltige Innovationen voran. Europa könnte daraus einen Wettbewerbsvorteil entwickeln.
- Nachhaltigkeit rechnet sich wirtschaftlich: Investitionen in erneuerbare Energien, energieeffiziente Gebäude und klimafreundliche Technologien senken langfristig Kosten und stärken die Wettbewerbsfähigkeit.
- Innovation ist entscheidend: Viele Lösungen für Klimaneutralität existieren bisher nicht. Deshalb investiere Rewe gezielt in Food-Tech- und Climate-Tech-Start-ups, etwa in neue Kühlsysteme auf Magnetbasis, die Energie sparen und Emissionen reduzieren.
- Mutige Entscheidungen zahlen sich aus: Die Abschaffung gedruckter Werbeprospekte seit 2023 spare Ressourcen, ohne Umsatzeinbußen zu verursachen.bio
- Bio-Produkte wachsen stark: Trotz hoher Preissensibilität steige die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln zweistellig. Dies sieht Büchel als positives Signal für nachhaltigen Konsum.
- Proteinwende und weniger Fleischkonsum: Um Klimaziele zu erreichen, muss der Konsum tierischer Produkte sinken. Rewe investiere deshalb in pflanzliche Alternativen und baue entsprechende Sortimente aus.
- Jüngere Generationen verändern den Markt: Viele junge Menschen konsumieren weniger Alkohol und Fleisch und interessierten sich stärker für vegane oder vegetarische Angebote.
- Keine Rückschritte zulassen: Daniela Büchel warnt eindringlich davor, bereits erreichte Fortschritte im Bereich Nachhaltigkeit wieder infrage zu stellen: „Nicht jeder muss große Schritte nach vorn machen, aber Rückschritte sind keine Option.“ Nachhaltige Transformation sei nicht nur ökologisch notwendig, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll. Trotz schwieriger Rahmenbedingungen sollten Unternehmen an ihren Nachhaltigkeitszielen festhalten, Innovationen fördern und gemeinsam an einer klimafreundlichen Zukunft arbeiten, empfiehlt Büchel.
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