Das BNN Come Together am ersten Abend der Biofach bringt traditionell rund 600 Menschen der Branche zusammen. Wer diesen Abend eröffnet, spricht in der Regel gegen ein stetig anschwellendes Stimmengewirr an. In diesem Jahr war es anders. Mitten in meiner Rede wurde der Saal still. Ich hatte gesagt: „Die Welt, in der Bio groß geworden ist, kommt nicht zurück.“
Wir sprechen in unserer Branche gern von Transformation, von Übergängen, von Strukturwandel. Das klingt, als würde es bewusst ablaufen, als wäre es kontrollierbar. Wir erleben aber keinen sanften Übergang. Wir sind mitten in einem Bruch. Und wir wissen das. Politische Gewissheiten zerfallen. Geopolitische Konflikte machen Märkte unsicherer. Klimabedingte Ernteausfälle treiben Preise. Waren werden knapper.
Der kanadische Premierminister Mark Carney hat es in Davos so beschrieben: Systeme geraten nicht in die Krise, weil plötzlich alles falsch läuft, sondern weil sie zu lange auf Annahmen beruhen, die nicht mehr stimmen. Genau an diesem Punkt stehen wir als Bio-Branche, als Bio-Mittelstand und als Bio-Fachhandel.
„Es gibt politische Kräfte, die eine ökologische Lebensmittelwirtschaft offen zurückdrängen wollen.“
Deshalb müssen wir die Erzählungen, die uns lange getragen haben, gerade jetzt hinterfragen: Gilt das noch, dass Bio sich von selbst durchsetzt, wenn es nur lange genug das Richtige tut? Dass die Verbrauchenden allein den Markt genug verändern werden? Dass wir nebeneinander arbeiten können, ohne einander dabei zu schwächen?
Ich denke, diese Erzählungen tragen nicht mehr. Denn es gibt inzwischen politische Kräfte, die eine ökologische Lebensmittelwirtschaft nicht nur nicht fördern, sondern offen zurückdrängen wollen. Und Bio ist inzwischen Teil eines Marktes, der sich wenig für Ideale interessiert. Wir müssen deshalb jetzt beginnen, aus der Realität heraus zu handeln, in der wir heute stehen.
Die größte Gefahr für Bio liegt derzeit nicht im Wettbewerb. Sie liegt in der Vorstellung, wir müssten nur warten, dann wird irgendwann alles wieder gut.
Nein. Abwarten kann man in einem Übergang. In einem Bruch nicht. Ich bin überzeugt: Allein kommt hier niemand durch – nicht die Verbände, nicht die Hersteller, nicht die Großhändler und nicht der Fachhandel. Wer wirtschaftliches Wachstum von der Notwendigkeit der Zusammenarbeit trennt, wird scheitern. Wer die Ausstattung und Vermittlung der politischen Arbeit anderen überlässt, um sich auf sich selbst zu konzentrieren, schwächt am Ende alle.
„Wenn wir den Bio-Mittelstand erhalten und weiterentwickeln wollen, müssen wir uns konsequenter und besser organisieren.“
In einem Bruch steigt die Komplexität. Wer glaubt, er könne politische Verschiebungen und neue Vorgaben allein bewältigen, unterschätzt die Dynamik. Wenn wir den Bio-Mittelstand erhalten und weiterentwickeln wollen, müssen wir uns konsequenter und besser organisieren. Und wir müssen politisch sehr viel deutlicher werden.
Für den BNN heißt das: Wir handeln als politische Stimme des Bio-Mittelstands und des Bio-Fachhandels. Wir bündeln Interessen, übersetzen Komplexität und sorgen dafür, dass Bio-Mittelstand und Bio-Fachhandel politisch und wirtschaftlich handlungsfähig bleiben.
Bio bleibt richtig. Aber richtig zu sein, reicht nicht mehr. Organisation ist die Voraussetzung für unsere Zukunft. Wir haben es in der Hand, diesen Bruch zu einem Wendepunkt zu machen.
Kommentare
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Die Vermischung von Politik ("Es gibt politische Kräfte,die eine ökologische Lebensmittelwirtschaft (!) offen zurückdrängen wollen.") und Marktsituation ("Warum soll ein Kunde, eine Kundin noch im Bio-Fachhandel einkaufen?") leuchtet mir nicht ein.
Das klingt fast so, als hätten böse politische Kräfte dafür gesorgt, dass der große Bio-Erfolg im konventionellen Handel zu Lasten des strukturell unterlegenen und innovationsbehäbigen Bio-Fachhandels geht.
Entsprechend blumig-nichtssagend sind die letzten beiden Absätze, auch wenn sie markig klingen.
Ob der Bio-Fachhandel Zukunft hat und mit ihm eine mittelständische ökologische Lebensmittelwirtschaft, das wird der Kunde/die Kundin entscheiden. Jeden Tag.